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Trautmann – Der gute Deutsche

29 Jan

Trautmann

Von Andreas Eckenfels

Sportdrama // Wie keine andere Sportart schafft es der Fußball, Menschen verschiedener Schichten, Gesinnung und Hautfarbe zu vereinen. Ein Spieler, der durch seine außergewöhnlichen Leistungen auf dem Feld sogar maßgeblich zu einer Völkerverständigung beitrug, war Bernhard „Bert“ Trautmann (1923–2013). Der deutsche Torhüter absolvierte zwischen 1949 und 1964 insgesamt 545 Spiele für Manchester City. 1956 wurde er zu Englands Fußballer des Jahres gekürt. Die Fans der „Citizens“ wählten Trautmann sogar hinter Colin Bell zum zweitbesten Manchester-City-Spieler aller Zeiten. Eine außergewöhnliche Ehrung für den Deutschen, die knapp 70 Jahre zuvor wohl niemand für möglich gehalten hätte: Als bekannt wurde, dass der Torhüter zu dem englischen Erstliga-Verein wechseln würde, demonstrierten mehr als 20.000 Menschen gegen die Verpflichtung des „Nazis“, der während des Zweiten Weltkriegs mehrere Auszeichnungen erhalten hatte, darunter das Eiserne Kreuz Erster Klasse.

Trautmann in seinem Element

Eine solche Wandlung vom Feind zum Helden ist natürlich klassischer Kinostoff. Marcus H. Rosenmüller („Wer früher stirbt, ist länger tot“) verfilmte Trautmanns Lebensgeschichte mit David Kross („Die Akte General“, „Der Vorleser“) in der Titelrolle.

Vom Gefangenenlager in die Erste Liga

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs gerät der deutsche Soldat Bernhard Trautmann (David Kross) mit einigen Kameraden in Gefangenschaft. Im britischen Lager müssen sich die Inhaftierten mit den Demütigungen des Kommandanten Sergeant Smythe (Harry Melling) auseinandersetzen, aber Trautmann bestreitet vehement die Anschuldigungen, ein Kriegsverbrecher zu sein. Die Zeit vertreiben sich die Männer mit Fußballspielen. Jack Friar (John Henshaw), der Trainer des lokalen Vereins St. Helens Town AFC, ist zufällig vor Ort, als Trautmann zwischen den Pfosten steht und sein Talent demonstriert. Der Coach nimmt den Deutschen in sein Team auf. Mit seinen Glanzparaden erhält er schnell den nötigen Respekt seiner Mitspieler und erobert mit seiner besonnenen Art nicht nur die Herzen der Fans, sondern auch das von Friars Tochter Margaret (Freya Mavor).

Das Vertrauen von Coach Friar hat sich ausgezahlt

Trautmann wechselt 1949 zu Manchester City, wo er erneut mit Missgunst empfangen wird. „Traut the Kraut“ und „Off with the German“ brüllen die erbosten City-Fans, die auch eine große Anzahl an Juden in ihren Reihen haben. Doch schließlich feiert der Keeper beim FA-Cup-Finale am 5. Mai 1956 seinen größten Triumph. Beim 3:1-Sieg gegen Birmingham City im Londoner Wembley-Stadion absolvierte er nach einem Zusammenprall mit einem Gegenspieler die letzten 15 Spielminuten mit einem Genickbruch – und wurde zur Torhüterlegende.

Wahrheit und Fiktion

Keine Sorge: Auch wer mit Fußball nichts am Hut hat, kommt bei „Trautmann“ auf seine Kosten. Es gibt einige wenige nachgestellte Spielszenen, aber der Ball rollt insgesamt nur selten. Regisseur Marcus H. Rosenmüller, bekannt für seine bayerischen Provinzpossen, verknüpft Sportdrama, Zeitgeschichte und Romanze zu einem warmherzigen und kraftvollen Porträt, in dem David Kross eine überzeugende Leistung abliefert. Einen ähnlichen Mix inszenierte Rosenmüller bereits mit „Schwere Jungs“ (2006) mit Sebastian Bezzel, nur war die Geschichte um ein deutsches Bobteam bei den Olympischen Spielen 1952 in Oslo weitaus komödiantischer angelegt.

Margaret hat ein Auge auf den Deutschen geworfen

Rosenmüller tut gut daran, Trautmanns Leben nicht stichpunktartig zu rekapitulieren, sondern er konzentriert sich größtenteils auf den erwähnten Zeitraum von etwa 1945 bis Ende der 1950er-Jahre. So wirkt hier nichts gehetzt und es müssen nicht immer wieder in aller Kürze neue Wegbegleiter eingeführt oder mehr oder weniger wichtige Ereignisse abgehakt werden. Auch von Trautmanns Kindheit in Bremen und wie er die Liebe zum Fußball entdeckte bekommt man nur kurze Einblicke. Die Geschichte ist auf das Nötigste reduziert. „Trautmann“ erhält, wenn auch recht spät, noch abseits des Genickbruchs einige dramatische Züge, die einerseits in der Biografie des Torhüters begründet liegen, andererseits frei hinzugedichtet sind. Die Vermischung von Wahrheit und Fiktion ist im Rahmen eines Unterhaltungsfilms völlig legitim, könnte aber einige Zeitgenossen verärgern.

Kein Kratzer am Mythos

Überhaupt werden einige Kapitel ausgespart, die für den Film weichen oder geglättet werden mussten, um eine möglichst breite Zuschauerschaft zu erreichen. Ganz eindeutig hatten die Produzenten sowohl das britische als auch das deutsche Publikum im Sinn – gedreht wurde unter anderem im nordirischen Lurgan, in München und Augsburg –, weshalb hier keine Figur wirklich negativ oder böswillig gezeichnet ist. So erhält Sergeant Smythe, gespielt von Harry Melling, der „Harry Potter“-Fans als Dudley Dursley bekannt sein dürfte, gegen Ende eine Wiedergutmachungsszene, die sein strenges Regiment im Gefangenenlager zu Filmbeginn legitimieren soll.

Unter der Liebe darf das Training nicht leiden

Auch David Kross bleibt als Trautmann stets gelassen, fährt nie aus der Haut, zeigt sich als gutherziger Mensch. Ein echter Sportsmann, der sich immer unter Kontrolle hat und seinen Mitmenschen in der Not zur Seite steht. Wenn man sich allerdings nachträglich Trautmanns Erinnerungen an sein erstes Spiel für Manchester City gegen Fulham FC anhört, das seinetwegen ein enormes Medieninteresse hervorrief, klingt es so, als ob er wirklich so ein feiner Kerl gewesen ist – und die Zuschauer dies auch gleich anerkannten: Ich wollte den Leuten zeigen, dass ich ein guter Torwart und ein guter Deutscher war, und die Dinge liefen gut für mich an diesem Tag. Aber dass die Spieler beider Teams mir nach Ende des Spiels applaudierten und die Fulham-Fans mich mit Standing Ovation feierten, ist etwas, das ich nie vergessen werde.

Beste Zeit in bester Gegend: Trautmann und Sohn John genießen entspannte Strandtage

Dennoch: Über seine Nazivergangenheit – Trautmann wurde sicherlich nicht ohne Grund bis zum Feldwebel befördert – wird im Film größtenteils der Mantel des Schweigens gehüllt, ebenso die Tatsache, dass er vor Margaret Friar mit der 19-jährigen Engländerin Marion Greenhall verlobt war und mit ihr eine Tochter hatte. Nein, mit „Trautmann“ will man niemanden verärgern und man will auch keine Grauzonen oder unschöne Momente zeigen, die am Mythos kratzen könnten. Wer also eine kritische und facettenreiche Biografie erwartet, wird enttäuscht werden. Rosenmüller feiert hingegen recht emotional, aber ohne großen Kitsch den Menschen Trautmann als Sinnbild dafür, wie Hass verdrängt werden kann und dass Vergebung und Versöhnung selbst nach dunkelsten Zeiten möglich sind. Und diese positive Botschaft lohnt sich doch durchaus über alle Grenzen hinweg zu verbreiten.

Veröffentlichung: 20. September 2019 als 2-Disc Limited Collector’s Edition im Mediabook (Blu-ray & DVD), Blu-ray und DVD

Länge: 120 Min. (Blu-ray), 116 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Audiodeskription für Sehbeeinträchtigte
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Trautmann
Englischer Titel: The Keeper
GB/D 2018
Regie: Marcus H. Rosenmüller
Drehbuch: Marcus H. Rosenmüller, Nicholas J. Schofield
Besetzung: David Kross, Freya Mavor, John Henshaw, Harry Melling, Michael Socha, Chloe Harris, Barbara Young, Julian Sands
Zusatzmaterial: Making-of, VFX-Showreel, Kinotrailer, Filmtipps, nur Mediabook: 24-seitiges Booklet
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2020 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos, Packshot & Trailer: © 2019 capelight pictures

 

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