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The Lodge – Wenn die Tante mit dem Neffen …

05 Feb

The Lodge

Kinostart: 6. Februar 2020

Von Andreas Eckenfels

Horrordrama // Severin Fiala und Veronika Franz sind wohl eines der ungewöhnlichsten Regieduos der Filmgeschichte: Fiala ist der Neffe des österreichischen Regisseurs Ulrich Seidl („Paradies: Liebe“), der wiederum mit Franz verheiratet ist. Als Teenager hütete Fiala häufig die Kinder des Paars. Wenn die Kleinen im Bett waren, schaute er sich mit seiner Tante Filme auf VHS an. Vom Arthousedrama mit John Cassavetes’ „Gesichter“ (1968) bis hin zum Horrorslasher mit „Freitag, der 13. VIII – Todesfalle Manhattan“ (1989) seien an den gemeinsamen Filmnächten alle möglichen Genres vertreten gewesen, erinnern sich die Regisseure im Interview.

Eisige Stimmung beim Abendessen

Einige Jahre später inszenierten die beiden zunächst den Dokumentarfilm „Kern“ (2012) über den kontroversen Regisseur und Schauspieler Peter Kern (1949–2015) und schließlich ihren ersten gemeinsamen Spielfilm: „Ich seh, ich seh“ (2014) erntete nicht nur großes Kritikerlob, sondern wurde auch international ein kleiner Hit. In den USA spielte das Horrordrama während seiner knapp 60-tägigen Kinoauswertung mit 1,1 Millionen US-Dollar sogar etwas mehr Geld ein, als im Rest der Welt insgesamt – inklusive der deutschsprachigen Länder. So ist es nicht verwunderlich, dass das zweite Filmprojekt von Severin Fiala und Veronika Franz von zwei internationalen Studios, dem US-amerikanischen FilmNation Entertainment und den legendären britischen Hammer Films, in englischer Sprache produziert wurde. „The Lodge“ feierte seine Weltpremiere auf dem Sundance Film Festival 2019 und wurde ebenfalls als Eröffnungsfilm für das Fantasy Filmfest 2019 ausgewählt.

Eisige Stimmung

Sechs Monate sind vergangen, seit die Mutter (Alicia Silverstone) von Aidan (Jaeden Lieberher) und Mia (Lia McHugh) Selbstmord beging. Schon damals lebten ihre Eltern seit geraumer Zeit getrennt. Die Kinder machen die neue Frau im Leben ihres Vaters Richard (Richard Armitage) mitverantwortlich für den Tod ihrer Mutter. Zu ihrem Entsetzen will Richard die wesentlich jüngere Grace (Riley Keough) bald heiraten. Damit sie seine Verlobte und ihre baldige Stiefmutter endlich besser kennenlernen können, fahren alle gemeinsam über Weihnachten in ein abgeschieden gelegenes Ferienhaus in den Schnee. Da Richard kurzfristig zu einem wichtigen Arbeitstermin gerufen wird, lässt er Aidan und Mia mit Grace für einige Tage dort allein. Grace bemüht sich redlich, eine Bindung zu den Kindern aufzubauen, doch weder Mia noch ihr älterer Bruder machen es ihr einfach. Als nach einem Schneesturm der Strom im Haus ausfällt und auf mysteriöse Weise Gegenstände und Lebensmittel verschwinden, eskaliert die eisige Stimmung im Haus.

Kammerspiel und Glaubenskampf

Einige thematische Parallelen von „Ich seh, ich seh“ lassen sich auch in „The Lodge“ finden, unter anderem der „Verlust“ der Mutter, das zerrüttete Verhältnis der Kinder zu ihrer „neuen“ Mutter, sowie der isolierte Schauplatz und die geringe Figurenanzahl – somit haben wir es auch erneut mit einem Kammerspiel zu tun.
Doch während im Debütfilm des Duos das zunächst naive und zunehmende grimmige Spiel der Zwillinge im Vordergrund steht, wird hier mehr der Fokus auf Grace gelegt. Wie wir schon früh in Form eines Videoclips erfahren, haben Aidan und Mia nicht nur aufgrund des Suizids ihrer Mutter allen Grund dazu, gegen die Freundin ihres Vaters Argwohn zu hegen. Journalist Richard lernte die junge Frau bei Recherchen über eine Sekte kennen, in der sie aufwuchs. Alle Mitglieder begingen Selbstmord – nur Grace blieb am Leben. Ihr noch immer allgegenwärtiges Trauma versucht sie mit Medikamenten zu betäuben; da wir uns in einem Horrorfilm befinden, ist klar, dass ihre finstere Vergangenheit sie auch bald wieder einholen wird. Somit spielt auch der Glaube eine unterschwellige Rolle. Zwar wird der Name nicht genannt, dennoch könnten sich die Macher von der „Heaven’s Gate“-Bewegung inspiriert haben lassen.

Richard bringt Grace das Schießen bei

Schon zu Beginn ist Mia untröstlich, dass ihre Mutter aufgrund des Selbstmords „nicht in den Himmel“ kommen wird. Auch in der titelgebenden „Lodge“ befindet sich ein Marienbild, welches Grace anzustarren scheint, sodass sie es bald mit der Rückseite nach vorn aufhängt. Der religiöse Choral „Näher, mein Gott zu Dir“ „spukt“ ebenso immer wieder durch das Haus wie die sinistren Reden des Sektenführers aus dem Video, welche Grace immer mehr in den Wahnsinn treiben. Wer das Videospiel „Far Cry 5“ gespielt hat, kann sich bestimmt auch noch an den Priester Joseph Seed erinnern, dessen fragwürdige Botschaften überall zu hören waren. Ähnlich furchteinflößend ist dies auch hier inszeniert.

Dunkle Vorahnungen

Mit der Sektenthematik im Hinterkopf bleibt „The Lodge“ auch spannend genug, um weniger geduldige Zuschauer und Zuschauerinnen in der äußerst ruhigen Inszenierung bei der Stange zu halten. Die bedrohliche Atmosphäre schreitet ganz schleichend voran, wird zunehmend erdrückender und gipfelt in einigen wenigen Schockmomenten. Die Kamera von Thimios Bakatakis („The Killing of a Sacred Deer“), Stammkameramann von Regisseur Yorgos Lanthimos, die fast wie in Trance durch die engen Flure des Hauses schwebt, verstärkt dabei noch die klaustrophobische Grundstimmung. Wie in „Hereditary – Das Vermächtnis“ gibt es auch Aufnahmen, die erst beim zweiten Hinsehen als Blick in ein Puppenhaus erkennbar sind und dunkle Vorahnungen auf die weitere Handlung aufkommen lassen.

Mia liebt ihr kleines Püppchen

Severin Fiala und Veronika Franz können sich auf ihren hervorragenden, kleinen Cast verlassen – auch, wenn der „Hobbit“-Star Richard Armitage etwas wenig zu tun bekommt – im Gegensatz zu Riley Keough („Under the Silver Lake“) – Enkelin von Elvis Presley –, die hier eine breite Bandbreite ihres Könnens zeigen darf. Aber auch mit Jaeden Lieberher und Lia McHugh wurden wie schon in „Ich seh, ich seh“ wieder zwei talentierte Jungdarsteller gefunden.

Der Strom im Haus fällt aus

Was ich in diesem Zusammenhang noch nicht wusste: Der 2003-geborene Jaeden Lieberher nahm 2018 den Nachnamen seiner Mutter an und heißt nun Jaeden Martell. Dadurch kommt es zu dem Kuriosum, dass er im ersten Teil der Stephen-King-Neuverfilmung „Es“ noch mit Lieberher im Abspann stand, bei „Es –Kapitel 2“ aber als Martell gelistet wurde.

Das Finale schwächelt

Dass das Horrordrama zwar eine ähnliche verstörende Wirkung verbreitet, aber am Ende dennoch nicht an den psychologisch ausgefeilteren „Ich seh, ich seh“ heranreicht, liegt für mich am recht vorhersehbaren und unbefriedigenden Finale. Die aufgebauschte Atmosphäre klingt dabei nach Genrekonventionen ohne große Überraschungen recht unspektakulär aus. Dennoch entfaltet der zweite Film von Severin Fiala und Veronika Franz besonders zur späten Stunde seine schauerliche Wirkung – wenn es draußen dann auch noch stürmt und schneit, umso besser. Man darf gespannt sein, was Tante und Neffe als Nächstes abliefern werden.

Grace wird die Geister der Vergangenheit nicht los

Länge: 108 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Lodge
GB/KAN/USA 2019
Regie: Severin Fiala, Veronika Franz
Drehbuch: Severin Fiala, Veronika Franz, Sergio Casci
Besetzung: Riley Keough, Richard Armitage, Alicia Silverstone, Jaeden Martell (als Jaeden Lieberher), Lia McHugh, Katelyn Wells
Verleih: SquareOne Entertainment GmbH

Copyright 2020 by Andreas Eckenfels
Filmplakat & Szenenfotos: © 2020 SquareOne Entertainment GmbH

 

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