RSS

Aniara – Planlos durchs Weltall

09 Feb

Aniara

Von Volker Schönenberger

Science-Fiction // Ein Science-Fiction-Film erhält beim nationalen Filmpreis Schwedens – dem Guldbagge – die Trophäen für die beste Regie, die beste weibliche Haupt- und Nebenrolle sowie die besten visuellen Effekte. Das sollte uns mal in Deutschland passieren, wo Genrefilme nicht gerade im Scheinwerferlicht auf dem roten Teppich hofiert werden.

Ein Shuttle bringt die Menschen …

„Aniara“ lautet der Name des gigantischen Raumschiffs, welches per Shuttle Tausende von Menschen aufnimmt, die die Erde in Richtung Mars verlassen. Die Menschheit hat ihren Heimatplaneten heruntergewirtschaftet und sich selbst dezimiert, die kümmerlichen Reste haben auf dem Roten Planeten eine Kolonie gegründet. In drei Wochen soll die „Aniara“ den Mars erreichen, doch es kommt anders: Weltraumschrott macht eine Kursänderung notwendig, der Aufprall einer Schraube richtet beträchtlichen Schaden an, sodass Kapitän Chefone (Arvin Kananian) zur Sicherheit den gesamten Treibstoff ablassen muss. Folge: Es ist ihm unmöglich, die „Aniara“ wieder auf Kurs zu bringen. Vielleicht gelingt das, indem man die Schwerkraft eines Himmelskörpers ausnutzt, aber wann das geschieht, steht buchstäblich in den Sternen. Oder wollte Kapitän Chefone (Arvin Kananian) die Passagiere mit der Behauptung nur in Sicherheit wiegen?

Auf der Speisekarte nur noch Algen

Fortan geht das Leben auf der „Aniara“ seinen Gang. Für Lustbarkeiten ist gesorgt, auf die Annehmlichkeiten der Konsumgesellschaft muss man an Bord nicht verzichten. Wellness-Einrichtungen, Restaurants, Clubs, Videospiele – ist das für die Menschen auf der „Aniara“ für den Rest ihres Daseins der Sinn des Lebens? Der Speiseplan schrumpft nach einiger Zeit auf Algen zusammen.

… auf die „Aniara“

Wer ein bildgewaltiges Weltraum-Epos mit funkelnden interstellaren Motiven erwartet, wird womöglich enttäuscht. „Aniara“ beschränkt sich weitgehend auf das Geschehen im Innern des titelgebenden Raumschiffs, den Kabinen, Gängen, Räumen und Sälen. Manches ähnelt einer Einkaufspassage. Die Passagierin Mimaroben (Emelie Jonsson) hat die Aufgabe übernommen, Menschen in den Räumen der künstlichen Intelligenz „Mima“ zu betreuen, denen dort eine Form virtueller Realität oder Illusion präsentiert wird. Aber „Mima“ verändert sich, wird offenbar bockig, scheint eine Art Trauma erlitten zu haben.

Die künstliche Intelligenz „Mima“ …

Die Jahre ziehen dahin, die Gesellschaft an Bord verändert sich, nicht zuletzt dank der Ziellosigkeit, mit der das Raumschiff durchs Weltall treibt. Eine Weile keimt Hoffnung auf, aber worauf? In bedächtigem Tempo zeigt „Aniara“, wie sich peu à peu die Strukturen des menschlichen Miteinanders wandeln. Fragmentarisch eingestreute Ereignisse unterbrechen den Trott – die Inszenierung passt gut zur Story, die Form schmiegt sich an den Inhalt.

Nach einem Vers-Epos von Literatur-Nobelpreisträger Harry Martinson

„Aniara“ beruht auf dem aus 103 Gesängen bestehenden Gedicht-Epos „Aniara – Eine Revue vom Menschen in Zeit und Raum“, das der schwedische Schriftsteller Harry Martinson (1909–1978) 1956 veröffentlicht hat. In Deutschland erschien es fünf Jahre später. Eine auf dem Werk basierende Oper feierte 1959 in Schweden Premiere, ein Jahr wurde im Fernsehen des Landes die erste Verfilmung des Stoffs ausgestrahlt. 1974 erhielt Martinson den Literaturnobelpreis, was Aufruhr verursachte, da er dem Auswahl-Komitee selbst angehörte. Dem Vernehmen nach kam er mit den Vorwürfen der Kungelei nicht klar, woraus letztlich seine zwei Selbstmordversuche resultierten – dem zweiten erlag er vier Jahre nach Erhalt des Nobelpreises.

… lenkt die Passagiere ab

Pella Kågerman und Hugo Lilja inszenierten mit „Aniara“ ihr Langfilm-Regiedebüt. Das Werk bildet mit spröder Ästhetik einen willkommenen europäischen Gegenpol zu Hollywoods „Passengers“ (2016) mit Jennifer Lawrence und Chris Pratt. Kurz kam mir auch die Ballard-Verfilmung „High-Rise“ mit Tom Hiddleston und Luke Evans in den Sinn, die aber viel exzessiver ausgefallen ist. Wohin schlingert die Menschheit? Ein Ziel ist nicht zu erkennen, eine Antwort werden wir wohl nicht erhalten – oder erst dann, wenn es zu spät ist. Etliches bleibt rätselhaft, aber das sollte uns nicht daran hindern, „Aniara“ als einen intelligenten Beitrag zur Science-Fiction zu würdigen – einem Genre, das uns immer noch etwas zu sagen hat. Welche dystopischen europäischen Science-Fiction-Filme könnt Ihr empfehlen?

Auch für Mimaroben führt die Reise ins Nichts

Veröffentlichung: 13. Februar 2020 als Blu-ray und DVD

Länge: 110 Min. (Blu-ray), 106 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Schwedisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Aniara
SWE/DK 2018
Regie: Pella Kågerman, Hugo Lilja
Drehbuch: Pella Kågerman, Hugo Lilja, nach einem Gedicht von Harry Martinson
Besetzung: Emelie Garbers (als Emelie Jonsson), Bianca Cruzeiro, Arvin Kananian, Anneli Martini, Jennie Silfverhjelm, Emma Broomé, Jamil Drissi, David Nzinga, Dakota Trancher Williams
Zusatzmaterial: Wendecover
Label/Vertrieb: EuroVideo Medien GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos, Packshot & Trailer: © 2020 EuroVideo Medien GmbH

 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , ,

20 Antworten zu “Aniara – Planlos durchs Weltall

  1. Samara

    2020/03/22 at 11:19

    Also ich schließ mich den anderen an mit 28 Days Later & 28 Weeks Later sowie dem Film Cargo…

     
  2. Kerstin R.

    2020/03/21 at 15:52

    The Machine fällt mir dazu ein…. sehr interessanter Film, der nachdenklich stimmt.

     
  3. Birgit

    2020/03/18 at 09:49

    Mich hat der britische Film „Alles, was wir geben mussten“ (2010) sehr beeindruckt. Desweiteren fällt mir noch die französisch-deutsche Produktion „Malevil“ von 1981 ein.

     
  4. Jan Möller

    2020/03/16 at 11:38

    Pandorum

     
  5. Michael Friedrich

    2020/03/16 at 10:00

    Pandorum und Cargo waren klasse, obwohl bei ersterem kein so dystopischer Hintergrund für mich feststellbar war. Aus aktuellem Anlass fällt mir aber auf jeden Fall „Die Hamburger Krankheit“ von 1979 ein.

     
  6. Rainer Pampuch

    2020/03/15 at 22:06

    Ich nenne den schmählich unterbewerteten „Cargo“.

     
  7. Klaus

    2020/03/14 at 17:11

    Da fallen mir am ehesten die beiden Filme mit den rasenden Untoten „28 Days Later“ von 2002 aus Großbritannien und die Fortsetzung „28 Weeks Later“ von 2007 aus GB und Spanien ein. Dazu kommt noch der deutsch-schweizerische Endzeitfilm „Hell“ von 2011.

     
  8. Andreas H.

    2020/03/14 at 16:36

    Fahrenheit 451, Brazil und Metropolis fallen mir da ein.

     
  9. Michael Behr

    2020/03/14 at 14:59

    Wenn „Metropolis“ zählt, dann steht dieser auch meiner Meinung nach über allen anderen. Vor allem, da er, abgesehen von aller (film-)historischen Relevanz auch heute noch ansehbar und unterhaltsam ist.

     
    • V. Beautifulmountain

      2020/03/14 at 15:33

      Warum sollte METROPOLIS nicht zählen?

       
      • Michael Behr

        2020/03/14 at 21:48

        „Metropolis“ steht für mich irgendwo zwischen Dystopie und Sozialdrama. Die beiden Subgenres vermischen sich allerdings gerne miteinander, das stimmt.

         
  10. Jens

    2020/03/14 at 14:31

    Zählt GB noch dazu? 😀 Dann Farenheit 451, sonst Zardoz, der ist zumindest teils irisch. Und Pandorum war natürlich echt klasse 🙂

     
  11. Björn Kramer

    2020/03/13 at 17:56

    CHILDREN OF MEN!

     
  12. Rico Lemberger

    2020/03/13 at 14:18

    Mir fällt da nur PANDORUM ein.

     
  13. pygospa

    2020/03/13 at 12:47

    Dystopien fallen mir einige ein, aber welche davon waren Europäisch? Neben den schon genannten fallen mir zwei Halbe Filme ein, die man da noch erwähnen könnte.

    Der erste halbe Film ist dabei „Snowpiercer“, der ein sehr international produzierter Film ist. Die Vorlage liefert ein Comic aus Frankreich, der Produzent und Schauspieler sind größtenteils aus den US, der Regisseur wiederum aus Südkorea, und gedreht wurde in Tschechien und Österreich. Damit ist der Film in Europa entstanden von der auch die Skriptidee stammt, ist dann aber von einem Asiaten für Amerika produziert. Daher nur so halb.

    Der zweite halbe Film ist „High-Rise“ und der ist nur deshalb ein halber, weil man eventuell ein wenig drüber streiten könnte, wie stark er dem Sci-Fi-Genre zuzuordnen ist. Dieser Film ist im – damals – europäischen UK entstanden und erzählt die Geschichte eines Hochhauses, das völlig autark und autonom ist, so dass man dieses nie mehr verlassen müsste. Primär aber ist es eben eine Gesellschaftskritik und damit weniger Sci-Fi.

     
  14. transfairleistung

    2020/03/13 at 09:05

    Metropolis – Ein Meisterwerk

     
  15. jojonumerouno

    2020/03/13 at 07:41

    Na, da gibts ja einige. So spontan als allererstes: „Metropolis“!
    Dann noch „Malevil“, „Brazil“ und „Welt am Draht“

     
  16. Frank Warnking

    2020/03/13 at 07:35

    da kenne ich leider keinen 😦

     
    • Frank Hillemann

      2020/03/17 at 16:46

      „Sunshine“ oder “ Brazil“. Eine tolle SciFi Serie in den 70ern war “ Das blaue Palais “ von Rainer Erler.

       

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: