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Tatort: Angriff auf Wache 08 – John Carpenter hätte seine helle Freude

10 Feb

Tödliche Spritztour

Tatort: Angriff auf Wache 08

Erstausstrahlung: Sonntag, 20. Oktober 2019, 20:15 Uhr, Das Erste (bis 20. April 2020 in der Mediathek verfügbar)

Von Volker Schönenberger

Krimi // Eine schwer bewaffnete Sondereinheit der Polizei stürmt ein Gebäude. Mit Maschinenpistolen im Anschlag treffen die Einsatzkräfte auf drei Typen, die gerade gepflegt eine Runde pokern. Einer der drei Spieler blickt auf seine Pistole, die auf dem Tisch liegt, doch er ist klug genug, nicht danach zu greifen. Allein, das Stillhalten nützt ihm nichts: Als ein Hund zu bellen beginnt, schrecken die Polizisten auf und eröffnen das Feuer. Im Kugelhagel sterben die drei Männer am Tisch.

Was ist Jenny zugestoßen?

Die Razzia galt Waffenhändlern, doch Beweise finden sich am Ort des Geschehens keine. Vier Gangster finden sich zusammen, stoßen mit Schnaps an und zerdrücken die Gläser in ihren Pranken, schließen mit dem Blut ihrer Wunden offenkundig einen Pakt. Der führt das schweigsame Quartett über ein paar Umwege zu einer ehemaligen Revierwache am Rande Offenbachs, fernab von besiedelten Gebieten, die zum Polizeimuseum umfunktioniert worden ist.

Dort besucht Hauptkommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) vom Landeskriminalamt in Wiesbaden gerade seinen alten Kollegen Walter Brenner (Peter Kurth), der das Museum mit der Polizeibeamtin Cynthia Roth (Christina Große) betreut. Zu ihnen gesellt sich die Fahrer und Insassen eines Gefangenentransports, deren Fahrzeug in der Nähe einen Platten erlitten hat. Auch die verstörte Teenagerin Jenny Sibelius (Paula Hartmann) verschlägt es in die ausrangierte Revierwache. Aus heiterem Himmel eröffnen die Gangster das Feuer auf das Gebäude. Am Tag einer totalen Sonnenfinsternis beginnt eine Belagerung, die auf beiden Seiten viele Todesopfer fordern wird.

Hommage an „Assault – Anschlag bei Nacht“

Kommt euch der Plot bekannt vor? Klingelt beim Titel etwas? Bei „Tatort: Angriff auf Wache 08“ handelt es sich um eine lupenreine Hommage an John Carpenters frühen Spannungsklassiker „Assault – Anschlag bei Nacht“ (1976), im Original „Assault on Precint 13“ betitelt. Ohne Übertreibung kann man es sogar als Remake bezeichnen. Ich habe keine Ahnung, was für Drogen man beim Hessischen Rundfunk eingeworfen hat, um sich so weit aus dem „Tatort“-Fenster zu lehnen und die bisweilen doch recht ausgetretenen Pfade der Krimireihe derart kaltschnäuzig zu verlassen. Aber das scheint in den bislang acht Fällen mit Ulrich Tukur als Hauptkommissar Murot Programm zu sein – ich habe zugegeben nicht alle davon gesehen. Immerhin griff schon der Vorgänger-„Tatort: Murot und das Murmeltier“ das Motiv des sich ständig wiederholenden Tages aus Harold Ramis’ Hollywood-Komödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ (1993) mit Bill Murray und Andie MacDowell auf.

Hauptkommissar Murot sondiert die Lage

Hauptkommissar Murots Fälle sind jedenfalls angetan, den Zuschauer Otto Normalverbraucher, der sich jeden Sonntagabend nach der Tagesschau gemütlich zurücklehnt, um den nächsten „Tatort“ oder „Polizeiruf 110“ zu konsumieren, nachhaltig zu verstören und zu verschrecken. Dafür locken sie womöglich ein Publikum zu der langlebigen Reihe, das mit herkömmlicher Krimikost nicht viel anfangen kann. So oder so ist Mut zu originellen Drehbüchern erst einmal lobenswert, und wenn eine solch großartige Ehrerbietung eines US-Klassikers dabei herauskommt, hat er sich auch ausgezahlt.

Hoher Wiedererkennungswert

Der mit dem Carpenter-Vorbild identische Plot der Belagerung einer stillgelegten Revierwache ist das eine, darüber hinaus hat Regisseur Thomas Stuber immer wieder direkte Verweise und Zitate in seinen zweiten „Tatort: Angriff auf Wache 08“ eingebaut. Das beginnt mit dem stimmigen Elektro-Score, der zwar nicht die Intensität des von Regisseur John Carpenter persönlich komponierten und eingespielten Soundtracks des Originals erreicht, gleichwohl zu überzeugen weiß. Wer „Assault – Anschlag bei Nacht“ kennt, wird zudem etliche Szenen wiedererkennen.

Die Situation ist mehr als brenzlig

Eine Einstellung nach der anderen erinnert im Detail an das große Vorbild, sei es der aus dem Seitenfenster des Autos ragende Gewehrlauf mit Schalldämpfer, seien es Jalousien, die von Einschüssen beschädigt werden, oder sei es ein Gewehr, das durch den Raum geworfen wird und mit dem ein paar Eindringlinge in einem schmalen Gang abgeknallt werden. Sogar der Eiswagen kommt zu seinem Recht, und der Schwerverbrecher Napoleon Wilson aus dem US-Film erhält mit dem „Kannibalen von Peine“ Rüdiger Kermann (Thomas Schmauser) ein Pendant, das „Angriff auf Wache 08“ gut zu Gesicht steht.

„Rio Bravo“ in Hessen

Natürlich ist der „Tatort: Angriff auf Wache 08“ auch ein Western, stellt „Assault – Anschlag bei Nacht“ doch seinerseits John Carpenters Hommage an Howard Hawks’ „Rio Bravo“ (1959) mit John Wayne und Dean Martin dar. Allein schon die Schießereien atmen Western-Atmosphäre aus jeder Bleikugel, die irgendwo einschlägt – ob in einem Körper oder einer Wand. Für „Tatort“-Verhältnisse sind die Gewaltsequenzen beeindruckend konsequent umgesetzt, immerhin lief der Krimi in der Erstausstrahlung am Sonntagabend zur besten Sendezeit. Die beklemmende Atmosphäre der von einer geradezu amorphen Masse Unbekannter belagerten Polizisten erinnert zudem an George A. Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ (1968). Zwar handelt es sich bei Romeros Schocker allesamt um Zombies, die ins Haus eindringen wollen, während wir es hier mit ganz verschiedenen Personen wie Bandenverbrecher, Nazis und Islamisten zu tun haben, dennoch bleiben sie als Einheit undefiniert. Wie es einer Gang – womöglich einem Clan – von Waffenhändlern gelungen ist, innerhalb kürzester Zeit derart unterschiedliche Komplizen zu rekrutieren, bleibt ungeklärt, und diese Auflösung hätte auch keinen Sinn ergeben, da es in diesem „Tatort“ keineswegs darum geht, einen oder mehrere Täter dingfest zu machen. Murot, Brenner und die anderen kämpfen schlicht ums Überleben.

Buddys aus alten Zeiten: Brenner (l.) und Murot halten zusammen

Außer den offenkundigen Anspielungen auf die genannten amerikanischen Klassiker sind für den Hollywood-affinen Filmfan diverse weitere Anspielungen auf andere bekannte US-Produktionen zu entdecken, aber die findet ihr am besten selbst. Schauspielerisch ist all das über jeden Zweifel erhaben. Ulrich Tukur gehört ohnehin zu den besten deutschen Darstellern, mit Peter Kurth hat er einen ebenbürtigen Partner an seiner Seite. Da wollten die weiteren vor der Kamera Mitwirkenden natürlich nicht zurückstecken, sodass letztlich insgesamt eine überzeugende Ensembleleistung zu Buche steht.

Vom Regisseur von „In den Gängen“

Auf Regisseur Thomas Stuber bin ich erstmals 2018 aufmerksam geworden: Sein in einem Großmarkt in der ostdeutschen Provinz angesiedeltes Drama „In den Gängen“ mit Franz Rogowski und Peter Kurth hatte es mir sehr angetan – und nicht nur mir, wie diverse Auszeichnungen belegen, darunter zwei Preise bei der Berlinale. Bei „Angriff auf Wache 08“ handelt es sich um seinen zweiten „Tatort“ nach „Verbrannt“ (2015) mit Wotan Wilke Möhring. Wie schon bei „In den Gängen“ schrieb Stuber das Drehbuch zusammen mit dem Schriftsteller Clemens Meyer, der in „Angriff auf Wache 08“ auch eine Nebenrolle erhielt: Er spielt den Radiomoderator Ecki, der ab und zu das Tagesgeschehen kommentiert.

Hoffnung für den deutschen Genrefilm

Der 1981 in Leipzig geborene Thomas Stuber bringt frischen Wind in die deutsche Fernseh- und Kinolandschaft. Mit „Tatort: Angriff auf Wache 08“ empfiehlt sich der Regisseur für weitere Aufgaben im Bereich der Genrefilme. Daran mangelt es in Deutschland ja durchaus ein wenig – vielleicht nicht an Talenten mit Genre-Affinität, wohl aber an deren Förderung.

Auch Cynthia Roth wird angeschossen

Ich habe ab der Jahrtausendwende berufsbedingt als Filmredakteur einer Fernsehzeitschrift jahrelang jeden „Tatort“ und jeden „Polizeiruf 110“ gesehen und das ebenso noch eine Weile nach Beendigung meiner Tätigkeit getan. Mittlerweile bin ich davon etwas abgekommen, weshalb der „Tatort: Angriff auf Wache 08“ bei der Erstausstrahlung im Oktober 2019 an mir vorbeigegangen ist. Als ich aber erfuhr, es handle sich um eine Hommage an „Assault – Anschlag bei Nacht“, kannte ich kein Halten mehr, da ich John Carpenter im Allgemeinen und diesen Thriller aus seiner Frühzeit als Regisseur im Besonderen sehr schätze. Die nachträgliche Sichtung hat sich gelohnt, für mich gehört die Folge zu den Höhepunkten der Reihe. Und weil sie bis 20. April 2020 in der Mediathek des Ersten geschaut werden kann, lag es nah, die Episode den Leserinnen und Lesern von „Die Nacht der lebenden Texte“ nachdrücklich ans Herz zu legen.

Wie lange halten die Eingeschlossenen durch?

Länge: 90 Min.
Altersfreigabe: FSK
Originaltitel: Tatort: Angriff auf Wache 08
D 2019
Regie: Thomas Stuber
Drehbuch: Clemens Mayer, Thomas Stuber
Besetzung: Ulrich Tukur, Barbara Philipp, Christina Große, Peter Kurth, Thomas Schmauser, Paula Hartmann, Sascha Nathan, Clemens Meyer
Produktion: Hessischer Rundfunk

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2019 HR / Bettina Müller

 

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