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The First King – Romulus & Remus: Schlammcatchen All’Italiana

13 Feb

Il primo re

Von Lars Johansen

Historien-Abenteuer // Erstaunlicherweise wurde der Gründungsmythos der Ewigen Stadt Rom gar nicht so häufig verfilmt. Über die doch recht bekannte Sage der Zwillinge Romulus und Remus, die von einer Wölfin gesäugt wurden, gibt es nur zwei Filme – beide sind 1961 in Italien entstanden: zum einen „Romulus und Remus“ („Romolo e Remo“) von Sergio Corbucci mit Steve Reeves und Gordon Scott, die sich um Virna Lisi balgen. Zum anderen haben wir den jungen Roger Moore im kurzen Rock in „Der Raub der Sabinerinnen“ („Il Ratto delle Sabine“) von Richard Pottier, wo Mylène Demongeot mit ihren Gespielinnen entführt wird. Hier taucht Remus gar nicht mehr auf, weil er schon tot ist. Und das war es dann tatsächlich schon mit den beiden Figuren. Vielleicht waren sie den Römern auch einfach zu heilig, um sie in den eher ironischen Peplum-Filmen, welche nach den Schuhen der Protagonisten benannt wurden, der 60er einfach so zu verwursten.

„Schon wieder Schlammcatchen?“

Das italienische Kino feierte in den 50er- und 60er-Jahren große Erfolge mit den hierzulande Sandalenfilmen genannten Streifen. Zuerst hatten die Amerikaner Italien als preisgünstigen Drehort für ihre Historienschinken entdeckt, deren Kulissen ja tatsächlich schon Tausende von Jahren in der Gegend herumstanden und daher ausgesprochen authentisch aussehen konnten. Bald übernahmen die Italiener selbst, und, nachdem der erste Herkules-Film, „Die unglaublichen Abenteuer des Herkules“ („Le Fatiche di Ercole“, 1958) in den USA ein gigantischer Erfolg geworden war, stellten sie diese Filme jetzt am Fließband her. Einige Jahre später wurden die Peplums durch Italowestern ersetzt und irgendwann in den späten 80ern erlosch das weltweite Interesse am italienischen Genrekino. Umso besser, dass wir jetzt wieder die Möglichkeit bekommen, einen italienischen Genrefilm zu sehen.

Kein Schirm, aber zwei Beile

Romulus (Allessandro Borghi) und Remus (Alessio Lapice) arbeiten als Schafhirten und werden von einer großen Flutwelle erfasst, vor deren Auswirkungen sie sich nur durch gegenseitige Unterstützung retten können. Sie überleben die Katastrophe knapp und werden nach Alba Longa verschleppt, wo sie gezwungen werden, gegeneinander zu kämpfen. Dabei zetteln sie einen Aufstand an, mit einer Handvoll Männer gelingt ihnen die Flucht. Als Geisel nehmen sie die Priesterin mit sich, eine Vestalin (Tania Garribba). Romulus wird schwer verletzt, Remus gebärdet sich immer diktatorischer. Sie erreichen ein Dorf, dessen Männer anscheinend alle getötet wurden.

Er hat das mit der Herzensangelegenheit völlig missverstanden

Auf der deutschen Blu-ray läuft vor dem Start von „The First King – Romulus & Remus“ ein Trailer von Mel Gibsons „Die Passion Christi“ („The Passion of the Christ“, 2004), in dem ausschließlich hebräisch, aramäisch und lateinisch gesprochen wird, was die Geschichte authentischer wirken lassen soll. Das nahmen sich die Macher von „The First King“ offenbar als Vorbild. Denn auch hier wird nur lateinisch gesprochen. Es handelt sich dabei nicht um das an unseren Schulen unterrichtete Schriftlatein der Hochsprache, sondern dem Vernehmen nach um einen Dialekt jener Zeit, der so von den Menschen gesprochen wurde. Dadurch wirkt das Gezeigte noch archaischer, als es das ohnehin tut.

„Alles voller Borkenkäfer da oben!“

Wir sehen keine Hochglanzbilder, wie wir sie aus vielen, vor allem älteren Historienfilmen kennen, sondern dreckige Gegenwärtigkeit mit heruntergekommenen Gestalten, die in den Kämpfen nur das nackte Leben retten können. Da wird nicht ästhetisch gekämpft, sondern gehauen und gestochen bis der Gegner kampfunfähig ist. Eine schwere Verletzung bedeutet in so einer Umgebung normalerweise den Tod. Und so ist es Luxus, wenn Remus seinen schwerverletzten Bruder nicht zurücklässt, sondern ihn auf der Flucht mitnimmt. Mehr als einmal wollen die übrigen Männer den Hilflosen töten. Das baut natürlich eine Dramatik auf, die den Schlusskampf in einem ganz anderen Licht dastehen lässt.

„Wollmütze hatte ich gesagt, aber sie hört ja nie zu.“

Die Wälder sind dunkel und es regnet viel. Die Männer (und später auch die Frauen) laufen ungepflegt und zerlumpt weite Strecken. Die Bilder erinnern an Wikingerserien der vergangenen Jahre und greifen eine aktuelle Ästhetik historischer Filme auf, die Authentizität herstellen möchte. Dabei kann sie aber eigentlich nicht auf die Realität jener Zeit zurückgreifen, da die Überlieferungen und künstlerischen Darstellungen von damals eigentlich nur Imaginationen sind, die zusammen mit Ausgrabungsergebnissen nur eine mögliche Annäherung an eine solche, weit entfernte Epoche sein können. Man kann bestenfalls etwas behaupten und hoffen, dass es dem, was wirklich war, nahe kommt.

„Wo ist denn hier die Hüttengaudi?“

Aber da Romulus und Remus sowieso mythische Gestalten sind, wird das eigentlich unmöglich und der Versuch einer Annäherung an das, was wirklich war, ist zum Scheitern verurteilt. Dass die Vestalin tatsächlich weissagen kann und die Zukunft zu kennen scheint, macht aus dem Anspruch des Authentischen einen eher magischen Realismus, der schon an Fantasy grenzt. Das große Alba Longa besteht nur aus ein paar einfachen Strohhütten und die Gefangenen müssen vor einer Ruinenmauer aus Steinen kämpfen. Unter dem Gesichtspunkt des Realismus ist das natürlich barer Unsinn.

„Salatkopf? Sehen wir wie Veganer aus?“

Aber man kann „The First King“ auch anders interpretieren. Denn der Film greift die Tradition des italienischen Historienkinos auf. Auch dort wurde gern in den vorhandenen Ruinen gedreht, weil die Zuschauer diese mit ihrer Vorstellung der Vergangenheit abgleichen konnten, da die Menschen die Bauwerke der Antike nur als Ruinen kannten. So war das scheinbar Falsche für den Betrachter eben doch richtig. Wenn man „The First King – Romulus & Remus“ also als Auseinandersetzung mit den Filmen der 50er und 60er sieht, macht er eigentlich alles richtig. Und die Ästhetik anderer Filme aufzugreifen, also quasi zu okkupieren und in etwas spezifisch Italienisches umzuwandeln, hat auch eine gute Tradition. Gutes italienisches Genrekino war immer beides, Tradition und deren Verwandlung in etwas Eigenes, Neues und dadurch Originäres.

„Da fackel ich nicht lange.“

Das gleiche Team (Regie und Drehbuch) hatte sich übrigens 2016 mit „Veloce come il vento – Giulias großes Rennen“ („Veloce come il vento“) schon mal an großem Genrekino versucht. Der Rennfahrerfilm wirkt im großen Todesrennen ab und an wie ein gelungenes kleines Rip-off von „The Fast and the Furious“ (2001). Roveres „Drifters“ von 2011 mit Asia Argento in der Hauptrolle würde ich gern einmal sehen. Das limitierte Steelbook von capelight pictures ist eine runde Sache geworden. Die Bild- und Tonqualität der Blu-ray sind exzellent, die Extras nicht üppig, aber ausreichend. Wer sich für aktuelles Historienkino interessiert, sollte einen Blick riskieren. Und auf jeden Fall die lateinische Tonspur mit deutschen Untertiteln nutzen, denn so ist der Film gemeint.

„Wie, Wernigerode? Ich dachte alle Wege führen nach Rom.“

Veröffentlichung: 8. November 2019 als Blu-ray im Steelbook und DVD

Länge: 127 Min. (Blu-ray), 122 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Latein
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Il primo re
IT/BEL 2018
Regie: Matteo Rovere
Drehbuch: Matteo Rovere, Francesca Manieri, Filippo Gravino
Besetzung: Allessandro Borghi, Alessio Lapice, Tania Garribba, Massimiliano Rossi, Fabrizio Rongione, Michael Schermi, Max Malatesta Vincenzu Pirrotta
Zusatzmaterial: Trailer, Making-of, Featurettes (Die Kämpfe; Die Ausstattung)
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2020 by Lars Johansen

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2019 capelight pictures

 

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