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Alfred Hitchcock (XIV) / James Stewart (VI): Das Fenster zum Hof – Die Lust am Gaffen

17 Feb

Rear Window

Von Lucas Gröning

Thriller // Alfred Hitchcock ist ein Meisterregisseur und einer der größten Filmemacher, die das Kino jemals gesehen hat. Es gibt mit Sicherheit gewagtere Thesen, die ein Filmkritiker aufstellen kann. „Cocktail für eine Leiche“ (1948), „Der Fremde im Zug“ (1951), „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ (1958), „Psycho“ (1960), „Die Vögel“ (1963) (um nur einige zu nennen) – nur wenige Regisseure können auf eine derart hohe Zahl an Meisterwerken zurückblicken. Nur bei wenigen Filmemachern verbindet sich kommerzieller Erfolg mit intelligentem und handwerklich exzellent gemachtem Kino, wie beim „Master of Suspense“. Einen weiteren Film, welchen man zweifellos in die oben aufgezählte Reihe einordnen kann, lieferte Hitchcock 1954 unter dem Titel „Das Fenster zum Hof“ ab, welcher den Beginn seiner „Paramount-Ära“ einläutete – die kommerziell erfolgreichste Zeit des Regisseurs. In diesem grandiosen Werk geht es um einen Fotografen, der aufgrund eines verletzten und in Gips eingehüllten Beines vorrübergehend im Rollstuhl sitzt und dem daher lediglich der Blick aus seiner Wohnung heraus in den Innenhof einer Appartementanlage in Greenwich Village (Manhattan) bleibt. Der Fotograf, genannt Jefferies, wird von Hollywood-Legende James Stewart verkörpert, für den es nach „Cocktail für eine Leiche“ die zweite Zusammenarbeit mit Hitchcock war. Zwei weitere gemeinsame Filme sollten mit „Der Mann, der zu viel wusste“ (1956) und „Vertigo“ noch folgen. Vor der Zusammenarbeit mit dem britischen Meisterregisseur gewann Stewart 1941 bereits einen Oscar als bester Hauptdarsteller für seine Rolle in „Die Nacht vor der Hochzeit“, er war also bereits ein etablierter Darsteller. Darüber hinaus wurde er fünf weitere Male für den Academy Award nominiert. Neben James Stewart wirkte unter anderem auch Oscar-Preisträgerin Grace Kelly („Ein Mädchen vom Lande“, 1955) in „Das Fenster zum Hof“ mit. Kelly war außerdem in den Hitchcock-Filmen „Bei Anruf Mord“ (1954) und „Über den Dächern von Nizza“ (1955) zu sehen.

Eine ganz normale Nachbarschaft

Wie erwähnt bleibt Jefferies in seinem Appartement lediglich der Blick in den von allerlei verschiedenen Persönlichkeiten bevölkerten Innenhof. Er vertreibt sich aus Langeweile die Zeit damit, das Treiben zu beobachten und durch die verschiedenen Fenster sogar Einblicke in die Wohnungen der Nachbarn zu erhaschen. Da gibt es eine Künstlerin, die die Tage meist im Freien verbringt und an verschiedenen abstrakt gehaltenen Skulpturen arbeitet. Es gibt eine attraktive Balletttänzerin, die ihre Zeit vor allem mit dem Üben von Tanzschritten verbringt. Es gibt einen Klavierspieler, der Tag für Tag dasselbe Stück zu perfektionieren versucht. Es gibt ein junges, verliebtes, frisch vermähltes Paar, welches sein Fenster tagsüber größtenteils geschlossen hält, und es gibt eine ältere Dame, die ihr einsames Dasein mit Mahlzeiten in Gesellschaft imaginärer Männerbesuche fristet.

Darüber hinaus, exakt gegenüber von Jefferies Wohnung, findet sich ein Appartement mit einem weiteren Paar. Der Mann, sein Name lautet Lars Thorwald (Raymond Burr), ist beruflich als Schmuckhändler tätig, während er nebenbei seine bettlägrige kranke Frau pflegen muss. So verfolgt Jefferies das Treiben in der Nachbarschaft, mal amüsiert, mal verwundert, aber mit einem fortwährend steigendem Interesse am Handlungsverlauf der einzelnen Individuen, sowohl tagsüber als auch in der Nacht, wenn er keinen Schlaf finden kann. Unterbrochen wird das Beobachten lediglich durch Besuche, die Jefferies immer mal wieder bekommt, am häufigsten durch seine Pflegerin Stella (Thelma Ritter) und seine Freundin Lisa (Grace Kelly). Beide verurteilen Jefferies Verhalten. So beschimpft ihn seine Pflegerin beispielsweise als „Spanner“ und rät ihm, den Fokus mehr auf sein eigenes Leben zu legen. Lisa wiederum missbilligt sein Interesse für die anderen Bewohner hauptsächlich aus einer Form von Konkurrenzdenken. Sie möchte, dass Jefferies den Fokus auf sich selbst und auf die gemeinsame Zukunft des Paares legt. Stattdessen muss sie um jeden Funken Aufmerksamkeit kämpfen, wenn sie bei ihm ist.

Plötzlich ein Mord?

So entwickelt sich der Film eine Weile fort. Plötzlich passiert jedoch etwas, was man beim Zustand des Protagonisten schon als ein Ereignis bezeichnen kann: Die sonst immer durch ein separates Fenster sichtbare Frau des Schmuckhändlers ist plötzlich nicht mehr im Sichtfeld des Fotografen. Mit einmal ist diese separate Fenster geschlossen, während sich ihr Ehemann durch die anderen Fenster der Wohnung weiterhin gut beobachten lässt. Was mag das bedeuten? Ist irgendetwas passiert? Ist die Frau vielleicht verreist, aber falls ja, warum ohne ihren Mann? Erlag sie vielleicht ihrer bereits lang andauernden Krankheit? Aber falls ja, warum registriert Jefferies dann keine Anzeichen von Trauer bei Lars Thorwald? Als er diesen dann dabei beobachtet, wie er zwei riesige Messer in einer schwarzen Tüte einpackt, kommt dem Fotografen plötzlich ein finsterer Gedanke: Der Mann muss seine Frau ermordet haben. Jefferies zieht seinen alten Freund Detective Lieutenant Tom Doyle (Wendell Corey) zu Rate und setzt ihn auf den Fall an. Ist Jefferies zu Beginn noch der Einzige, der wirklich an einen Mord glaubt, gelingt es ihm nach und nach auch seine Pflegerin und Lisa davon überzeugen. Gemeinsam entdecken sie weitere Indizien, welche auf die Tat hindeuten, und beschließen, der Sache auf den Grund zu gehen und den Nachbarn zu überführen.

Eins mit dem Protagonisten

So steigern sich die Figuren nach und nach immer weiter in die Geschichte hinein, während dem Zuschauer bis zum Ende verborgen bleibt, ob die von Jefferies konstruierte Geschichte überhaupt der Wahrheit entspricht. Auffällig hierbei: Der Film ist komplett subjektiv gehalten und bleibt über die komplette Lauflänge, mit Ausnahme der Eröffnungs -und der Schlussszene, bei seinem Protagonisten. Wie Jefferies beobachten auch wir Zuschauer die ganze Zeit die Geschehnisse im Hof der Appartementanlage. Unser Blick verschmilzt dabei immer wieder mit dem Blick des Protagonisten und somit auch mit dem Blick der Kamera. Schweift der Blick des Fotografen über den Hof, schweift auch die Kamera. Schaut Jefferies auf ein bestimmtes Fenster, schaut auch die Kamera dorthin. Schläft Jefferies dann einmal und bekommt von den Geschehnissen der Zwischenzeit nichts mit, pausiert auch die Kamera und verschweigt so dem Zuschauer das Geschehen. Hier findet eine Verschmelzung von Zuschauer, Protagonist und Kamera, also Filmemacher, statt. Doch die Paralellen gehen weiter: Zum Teil wird der Zuschauer sogar dazu gezwungen, die gleichen Gedanken zu entwickeln wie der Fotograf. Das hat mehrere Gründe: Zum einen sind die Indizien, die auf einen Mord hinweisen, derart klar und simpel gehalten, dass sie ohne Weiteres in die Theorie des Protagonisten hineinpassen. Zwar werden hier auch Gegenargumente präsentiert, hauptsächlich von Seiten des Polizistenkumpels Tom, doch finden sich auch jeweils Erklärungen, die zu Jefferies’ Theorie passen und sich teilweise als wahr herausstellen. Zum anderen wissen wir Zuschauer ebenso wenig über die Nachbarn wie Jefferies selbst. Die Nachbarschaft wirkt zwar wie eine harmonisierende Gemeinschaft, wird jedoch auch von Anonymität geprägt. Das wird vor allem deutlich, wenn Jefferies seine Nachbarn zu bezeichnen versucht. Statt sie bei ihren Realnamen zu nennen, sucht er Zuschreibungen, die auf dem beruhen, was er von ihnen gesehen hat. So bezeichnet er die attraktive Balletttänzerin als „Miss Torso“, die einsame ältere Frau als „Miss Lonelyhearts“, und den Klavierspieler als, nun ja, „Klavierspieler“. Sein Mangel zur Fähigkeit der Subjektifizierung der einzelnen Charaktere führt also zu einer Objektifizierung.

Der voyeuristische Blick

Diese Form der Objektifizierung, verbunden mit einer Lust am Schauen, bezeichnete Siegmund Freud als Skopophilie. Er meinte damit eine erotische Schaulust als Trieb, der dem Menschen inhärent und Teil seiner natürlichen Sexualität ist. Mit diesem Trieb gehe die Objektifizierung des Beobachteten einher. Darüber hinaus ist dieses Bedürfnis voyeuristisch geprägt. Das bedeutet, dass die Lust noch viel intensiver empfunden wird, wenn das Beobachtete als privat oder verboten empfunden wird, weswegen die Beobachtung in diesen Fällen aus einem abgetrennten Raum zum Objekt geschieht. Skopophilie und Voyeurismus finden sich eben auch in „Das Fenster zum Hof“. Stets aus seinem dunklen Zimmer heraus beobachtet Jefferies das Geschehen auf dem Hof, sich jederzeit vergewissernd, dass er selbst wiederum von den anderen Nachbarn nicht beobachtet werden kann. Dieses Lustempfinden durch Beobachten, verbunden mit einer Angst vor dem „Erwischtwerden“, jedoch eine gleichzeitige Gewissheit des „Unsichtbarseins“ stellt für den Protagonisten sogar einen größeren Reiz dar als die Gesellschaft seiner Freundin Lisa. Doch müssen wir uns hinterfragen, ob es nur Jefferies und andere Figuren der fiktiven Welt aus „Das Fenster zum Hof“ sind, die diese Form der Schaulust während der Rezeption des Werkes kennzeichnet. Verhalten wir Zuschauer uns nicht auf dieselbe Weise, wenn wir uns einen Film im Kino oder vor dem Bildschirm ansehen? Blicken wir nicht ebenfalls in die Lebenswelten von uns fremden Menschen, in der ständigen Gewissheit, dass unsere voyeuristischen Motive durch die Trennung von Zuschauerraum und Leinwand nie entlarvt werden? Ist nicht der Kinobesuch selbst stets von diesem skopophilistischen Trieb geprägt? Diese Theorie geht zumindest auf Laura Mulvey zurück, eine feministische Filmtheoretikerin, die Siegmund Freuds Psychoanalyse in ihrem Essay „Visuelle Lust und Narratives Kino“ 1975 auf das Medium Film übertrug.

Ein Meisterwerk

Diese Brillanz, zum einen das Verhalten des Protagonisten zu verurteilen und hinterfragen zu lassen und uns zugleich den Spiegel vorzuhalten, ist es, was Alfred Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ derart großartig macht. Wie Jefferies über den gesamten Film hinweg in verschiedenste Fenster schaut, Theorien entwirft und die Grenzen von Privatheit aufgrund eines Triebes immer wieder aufbricht, so gehen auch wir ins Kino und beobachten sowohl Jefferies als auch die anderen fiktiven Personen. Der Film wird somit nicht nur zu einem überaus unterhaltsamen Thriller, sondern auch zu einer Auseinandersetzung mit dem Medium und den Motivationen der Rezipienten selbst. Dies und die handwerklich herausragende Inszenierung, machen „Das Fenster zum Hof“ zu einem absoluten Meisterstück des britischen Regie-Genies und zu einem Werk, welches selbst aus der überaus beeindruckenden Filmografie des „Master of Suspense“ herausragt. In Deutschland ist es auf Blu-ray und DVD in diversen Einzel- und kombinierten Editionen veröffentlicht worden und gut verfügbar.

1998 entstand ein modernisiertes Remake mit Christopher „Superman“ Reeve (1952–2004) in der Hauptrolle. Der Protagonist sitzt darin allerdings nicht aufgrund eines Beinbruchs im Rollstuhl, sondern aufgrund einer bei einem Verkehrsunfall erlittenen Querschnittlähmung, ein Schicksal, das Reeve drei Jahre zuvor bei einem Reitunfall tatsächlich ereilt hatte. Die fürs US-Fernsehen produzierte Neuverfilmung kann als solide bezeichnet werden, erreicht aber natürlich zu keinem Zeitpunkt die Intensität des Originals.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Alfred Hitchcock haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit James Stewart unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 10. Oktober 2019 als Blu-ray im Steelbook, 3. Juli 2014 als DVD als Bestandteil der „Alfred Hitchcock Collection“ (14 DVDs mit 14 Filmen), 14. November 2013 als Blu-ray als Bestandteil der „Hitchcock Collection“ (16 Blu-rays mit 16 Filmen), 16. Mai 2013 als Blu-ray, 5. Juni 2008 als 2-Disc Edition DVD „Hitchcock Collection“ (mit „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“), 31. Mai 2012 und 9. November 2006 als DVD

Länge: 112 Min. (Blu-ray), 109 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Rear Window
USA 1954
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: John Michael Hayes
Besetzung: James Stewart, Grace Kelly, Wendell Corey, Thelma Ritter, Raymond Burr, Judith Evelyn, Ross Bagdasarian, Georgine Darcy, Sara Berner
Label/Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2020 by Lucas Gröning
Packshots: © Universal Pictures Germany GmbH

 

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