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Der Unsichtbare – Ist das der Atem des Stalkers?

25 Feb

The Invisible Man

Kinostart: 27. Februar 2020

Von Philipp Ludwig

Horrorthriller // Adrian Griffin (Oliver Jackson-Cohen, „The Haunting of Hill House“) hat im Prinzip alles, was ihn zu einem begehrenswerten Lebenspartner macht. Der geniale Physiker ist jung, sieht bestens aus und scheint ein echter Charmeur zu sein. Darüber hinaus ist er als Wissenschaftler eine wahre Koryphäe auf dem Feld der Optik (Forschungsschwerpunkt: Unsichtbarkeit), was ihn zu einem beachtlichen Vermögen samt schnieker Hightech-Villa am Strand verhalf. Es könnte also schlimmere Optionen bei der Partnerwahl geben. Sollte man meinen.

Cecilia flieht vor ihrem tyrannischen Lebenspartner

Seine Freundin Cecilia Kass (Elisabeth Moss) kennt das wahre Gesicht hinter der schönen Fassade. Adrian ist in Wahrheit nicht nur ein narzisstischer Soziopath und Kontrollfreak, nach ihren Erzählungen scheint er auch vor häuslicher Gewalt nicht zurückzuschrecken. So beginnt „Der Unsichtbare“ auch mit der minutiös geplanten, nervenaufreibenden nächtlichen Flucht Cecilias aus ihrem „goldenen Käfig“. Nachdem sie anschließend bei ihrem besten Freund, dem Polizisten James (Aldis Hodge, „Straight Outta Compton“) und dessen Tochter Sydney (Storm Reid, „When They See Us“), untergetaucht ist, erhält sie nach zwei Wochen die erlösende Nachricht: Adrian hat sich, vermeintlich aus Liebeskummer, umgebracht. Seine Drohung, sie könne ihn niemals verlassen, scheint er somit nicht mehr einlösen zu können. Doch das Gefühl der Befreiung währt für Cecilia nur kurz. Schon bald beginnen ihr mysteriöse Ereignisse das Gefühl zu geben, dass Adrian immer noch da ist. Konnte er seine Forschungen zur Verwirklichung von Unsichtbarkeit etwa doch zu Ende bringen? Zunehmend sieht sie sich und ihre Lieben in Gefahr. Doch ist diese Gefahr real? Und falls ja, wer wird ihr glauben?

Alter Stoff in neuem Gewand

Der Australier Leigh Whannell ist bislang vor allem als Drehbuchautor bekannter Horrorfilme wie der „Insidious“-Reihe und den ersten drei „Saw“-Teilen in Erscheinung getreten, in denen er mitunter auch als Schauspieler mitwirkte. Für die Blumhouse-Produktion „Der Unsichtbare“ nahm er zusätzlich zum Drehbuchschreiben zum dritten Mal nach „Insidious – Chapter 3: Jede Geschichte hat einen Anfang“ und „Upgrade“ auch auf dem Regiestuhl Platz. Whannell bedient sich dabei mit dem Roman „The Invisible Man“ von H. G. Wells aus dem 19. Jahrhundert bei einer populären Vorlage und einem echten Klassiker der Literaturgeschichte. Ebenso beruft er sich auf die bereits 1933 durch James Whale erfolgte Verfilmung mit dem gleichen Titel. Der australische Experte für Horror- und Thrillerstoffe transportiert die klassische Handlung nicht nur in unsere Zeit – er erlaubt sich zudem einige Freiheiten in seiner ganz eigenen Interpretation der Vorlage, indem er etwa den ominösen Unsichtbaren zu einem bedrohlichen Stalker der Protagonistin umfunktioniert.

Sie fühlt sich verfolgt und bedroht

Leigh Whannell bedient sich zudem gleich bei einer ganzen Reihe an klassischen Inszenierungsstrategien des Thrillergenres. Trotz der offiziellen Deklarierung als Horrorfilm und der Anlehnungen an den bedrohlichen und spannungsreichen Erzählstil des Psychohorrors hat „Der Unsichtbare“ für mich persönlich somit viel mehr den Charakter eines Thrillers inne. Dies wird umso offensichtlicher, da es sich der Regisseur und Drehbuchautor in Personalunion erlaubt, diverse Genreklassiker zu zitieren. Hervorzuheben seien hier beispielsweise wiederholte Anspielungen auf großartige Werke des Altmeisters Alfred Hitchcock wie „Psycho“ (1960) oder „Das Fenster zum Hof“ (1954). Ebenso lassen sich Ähnlichkeiten zu anderen „Unsichtbarkeits“-Thrillern wie „Hollow Man“ (2000) natürlich kaum vermeiden. Auch scheint das Stalker-Thema derzeit eine Art Hochkultur in Film und Fernsehen zu erleben, betrachtet man neuere Werke wie den Thriller „Greta“ (2018) oder die populäre Netflix-Serie „You“ (seit 2018).

Filmtechnisch top

Trotz der zahlreichen Anspielungen auf bekannte wie beliebte Genreklassiker zeigt Regisseur Whannell in seiner Neuinterpretation der popkulturellen Vorlagen durchaus auch innovative Ansätze. Insbesondere auf technischer Ebene weiß „Der Unsichtbare“ zu überzeugen; visuell etwa durch eine einfallsreiche und spannungsfördernde Kameraarbeit, mit der mittels langsamer Schwenks immer wieder dunkle Ecken und Winkel abgefahren werden, in denen die Protagonistin Cecilia ihren vermeintlich verstorbenen Ex vermutet. Zudem funktioniert in den stilleren Momenten das Sounddesign sehr gut – jedes Knarzen von Treppenstufen oder Quietschen von Türangeln fungiert als wirksames Werkzeug des Suspense. Ähnlich wie bei anderen „Stille“-Horrorthrillern wie „A Quiet Place“ (2018) erwischt man sich als Kinozuschauer dabei, wie durch diese gelungene Inszenierung „angespannter Stille“ auch jedes Geräusch im Kinosaal wie das bei anderen Gästen erfolgte Zurechtrücken im Kinosessel, deren Schniefen oder Räuspern die eigene Anspannung steigert. Man guckt zumindest zweimal auf den eventuell leeren Platz neben sich oder zum Notausgang neben der Leinwand, in der Vermutung, auch dort könnte eventuell eine unsichtbare Bedrohung lauern.

Cecilia gerät in Bedrängnis

Auch die häufig vorkommenden lauten Momente von „Der Unsichtbare“ funktionieren durchweg gut. In erster Linie ebenfalls dank technischer Aspekte wie die innovativen visuellen Effekte, die die Auseinandersetzungen zwischen Cecilia und ihrem unsichtbaren Stalker atemberaubend in Szene setzen und allgemein die Möglichkeit einer menschlichen Unsichtbarkeit glaubhaft vermitteln. Getoppt wird das Ganze noch durch den tollen Sundtrack von Benjamin Wallfisch. Der Komponist wirkte bereits an innovativen Hans-Zimmer-Soundtracks wie „Blade Runner 2049“ oder „Dunkirk“ (beide 2017) mit und bewies schon mit seinen Scores zu den beiden Stephen-King-Neuverfilmungen „Es“ (2017) und „Es – Kapitel 2“ (2019), dass ihm das spannungs- und schockgeladene Kino liegt. In „Der Unsichtbare“ vermag er es nun mit seiner stets passenden musikalischen Untermalung durch zarte Pianoklänge, melancholische Streicher und bedrohliche Synthesizer, der wechselhaften Spannung zwischen der traurigen Geschichte um die traumatisierte Cecilia mit der Konfrontation einer unsichtbaren und mitunter akuten Bedrohung eine ganz eigene Qualität zu verleihen.

Wird sie jemals ihrer Vergangenheit entkommen?

Als Glücksfall stellt sich darüber hinaus die Besetzung der Hauptfigur Cecilia mit Elisabeth Moss heraus. Der Fernsehserienstar („Mad Men“, „The Handmaid’s Tale“) fährt hier die volle Bandbreite einer weiblichen Thrillerdarstellerin auf – von der anfänglichen Damsel in Distress, die sich schüchtern in ihr Schneckenhaus zurückzieht, über die verzweifelte, missverstandene Verfolgte bis hin zur taffen Widersacherin gegen ihren Peiniger – Moss füllt jede dieser Rollen mit großer schauspielerischer Verve aus. Ihre Interpretation der emotionalen Tour de Force einer mehr und mehr alleingelassenen Protagonistin trägt den gesamten Film von Anfang bis Ende.

Grundsolide Thrillerkost

Aufgrund der fast schon sklavischen Orientierung an etablierten Erzählstrategien und Zitation bekannter Werke des Thrillergenres kann Leigh Whannell mit seinem neuesten Werk dagegen nur selten mal für wirklich überraschende Momente sorgen. Gerade für genreerprobte Zuschauer dürften die meisten Wendungen und Jumpscares nur wenig Potenzial für Überraschungen bieten. Ebenso bleibt in seinem Drehbuch mitunter leider auch die Logik auf der Strecke. Ohne nun zum Abschluss zu viel verraten zu wollen – die Tatsache, dass beispielsweise auch engste Vertraute Cecilias wie ihr Freund James, als gewissenhafter Polizist, so überhaupt keinen Gedanken daran verschwenden, dass Adrian Griffin als der weltweit führende Wissenschaftler auf seinem Gebiet tatsächlich sein Ziel der Unsichtbarkeit erreicht haben könnte, hat mich, ebenso wie Cecilia, beinahe wahnsinnig gemacht. Nichtsdestotrotz bietet „Der Unsichtbare“ durch seine ansprechende Inszenierung, den guten Cast um Hauptdarstellerin Moss sowie den rasanten Anstieg im Erzähltempo insbesondere in der zweiten Hälfte ein durchweg befriedigendes Kinoerlebnis. Gerade Genrefans dürften also, trotz der mitunter herrschenden Überraschungsarmut, auf ihre Kosten kommen. Begeisterungsstürme wird Leigh Wannell mit seinem neuesten Werk jedoch kaum auslösen.

Länge: 124 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Invisible Man
AUS/USA 2020
Regie: Leigh Whannell
Drehbuch: Leigh Whannell, nach einem Roman von H. G. Wells
Musik: Benjamin Wallfisch
Besetzung: Elisabeth Moss, Oliver Jackson-Cohen, Aldis Hodge, Michael Dorman, Storm Reid, Harriet Dyer, Amali Golden, Zara Michales, Nash Edgerton, Sam Smith
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2020 by Philipp Ludwig

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2020 Universal Pictures Germany GmbH

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2020/02/25 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Eine Antwort zu “Der Unsichtbare – Ist das der Atem des Stalkers?

  1. pygospa

    2020/03/06 at 07:50

    Dem muss ich ehrlich gesagt leider ein wenig wiedersprechen: Ich war doch sehr begeistert als ich aus dem Kino kam. Natürlich ist die Story von Anfang an klar, und natürlich erfindet dieser Film das Genre auf keinen Fall neu. Wo ich aber in den letzten Jahren bei vielen Horrorfilmen sagen musste: „Boah war das alles billig“ kann ich hier nun doch sagen, dass er mich vollkommen unterhalten hat. Er war toll atmosphärisch, es gab viele Situationen wo ich fest damit gerechnet hatte, dass es einen Jumpscare gibt, und am Ende kommt der Film aber mit 2 oder 3 komplett aus, wovon mich einer auch tatsächlich gekriegt hat. Nicht zu vergleichen mit Filmen, wo ein Jumpscare den nächsten jagt und sich alle sowieso schon über die Musik sowie das Setup 10 Minuten vorher ankündigen.

    Dazu die vielen tollen Aufnahmen, lange Einstellungen, und absolut großartiges Schauspiel. Die spärliche musikalische Untermalung ist auch grandios. Und ich fand, dass der Film eigentlich Logiklückenlos ist: Würde mir heute eine offensichtlich durch ihre Erfahrung psychisch labile Person (die sich nicht einmal mehr traut die Post zu holen) plötzlich erzählen, ihr toter Ehemann sei als unsichtbarer zurückgekehrt – ich würde das auch nicht glauben können! Im Reallife geht man ja nicht davon aus, dass eine Todesurkunde, sowie ein Testament über mehrere Millionen einfach Fake ist, und die Person als genialer Wissenschaftler nur im Keller und im komplett geheimen die Unsichtbarkeit entwickelt hat. Insbesondere nicht, wenn diese Person dann auch noch ausfallend (Stichwort: Email) und Gewalttätig (Stichwort: Tochter) wird. Da würde glaube ich niemand von uns denken „vielleicht hat der Mann seinen Tod gefaked und etwas erfunden das direkt aus dem Sci-Fi-Genre zu kommen scheint.“ – nein – das naheliegenste ist es doch den Geisteszustand zu hinterfragen.

    Für mich war das alles schlüssig und stimmig, auf die Qualitäten des Films und das grandiose Schauspiel gehst Du ja auch ein, und daher muss ich doch sagen: Ich *bin* begeistert! Denn das überwiegend meiste in diesem Genre ist ja leider doch eher mau.

     

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