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Der Preis – Wenn man über Nacht ein anderer Mensch wird

27 Feb

The Prize

Von Ansgar Skulme

Spionagethriller // Jedes Jahr werden in Stockholm die Nobelpreise vergeben. Unter den klugen Köpfen, die diesmal ausgezeichnet werden sollen, ist auch Dr. Max Stratman (Edward G. Robinson); den in Deutschland geborenen US-Bürger erwartet eine Ehrung für seine Verdienste auf dem Gebiet der Physik. Im Vertrauen trifft er einen alten Freund, doch ahnt nicht, warum dieser ihm wirklich nach Skandinavien gefolgt ist. Wenig später fallen dem designierten Literatur-Nobelpreisträger Andrew Craig (Paul Newman), der es gewohnt ist sehr genau zu beobachten, merkwürdige Veränderungen an Stratmans Verhalten auf. Der trinkfeste Schürzenjäger beginnt Nachforschungen anzustellen, doch keiner will seine Beobachtungen für bare Münze nehmen. Die mit seiner Betreuung während des Aufenthaltes beauftragte Inger Lisa Andersson (Elke Sommer) hat jedoch wohl oder übel die Pflicht, ihn zu unterstützen. Während die Puzzle-Teile langsam zusammenzupassen beginnen, wird die Zeit bis zur Preisverleihung immer knapper.

Dass das Drehbuch zu diesem Film von Ernest Lehman geschrieben wurde, der zuvor bereits das Skript für Alfred Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“ (1959) verfasst hatte, überrascht angesichts etlicher Parallelen in der Erzählung und einer ähnlich schrägen Hauptfigur wenig. Dennoch ist „Der Preis“ weit davon entfernt, so etwas wie ein langweiliger Abklatsch zu sein. Paul Newman gab zuweilen an, er habe bei diesen Dreharbeiten mehr Spaß als bei allen anderen gehabt. Manchmal bewegt sich die Inszenierung recht nah am Sektor der Thrillerkomödie und die Story geht sparsamer als „Der unsichtbare Dritte“ mit Schockmomenten sowie Drahtseilakt-ähnlicher Spannung um, doch genau das gibt dem Film mitsamt dauerbetrunkenem Helden, der sich nach beinahe jeder Frau umzudrehen scheint, am Ende auch seine eigene Note.

Treffen der Generationen

Für die 1940 in Berlin geborene Elke Sommer, die sich bereits ab Beginn ihrer Filmkarriere Ende der 50er-Jahre in Produktionen verschiedener Länder versucht hatte, nachdem sie in Italien bei einer „Miss“-Wahl entdeckt worden war, wurde „Der Preis“ so etwas wie der große Durchbruch, der ihr die Tür nach Hollywood öffnete. Bei den Golden Globes 1964 zeichnete man sie für ihre Arbeit an diesem Film als vielversprechendste Newcomerin aus – gleichzeitig mit Tippi Hedren (für ihre Rolle in „Die Vögel“) und Ursula Andress (für ihre Rolle im ersten 007-Film „James Bond jagt Dr. No“). Diane Baker in der Rolle von Doktor Stratmans Nichte wurde ebenfalls für den Golden Globe nominiert, als beste Nebendarstellerin, konnte die Trophäe allerdings nicht gewinnen. Schade eigentlich, denn ihre Rolle ist eine der konturenreichsten, die der Film zu bieten hat und gemeinsam mit dem Wettstreit, den sich Kevin McCarthy und Sergio Fantoni um den Medizin-Nobelpreis liefern, so etwas wie das heimliche schauspielerische Highlight der Geschichte. Baker verlor in der „Nebendarstellerinnen“-Kategorie gegen eine gestandene Größe, die fast 50 Jahre ältere, vor allem als „Miss Marple“ populäre Margaret Rutherford, die für ihre Rolle in „Hotel International“ prämiert wurde und für ihre Leistung einen Monat später auch den Oscar gewann.

Rutherford war etwa im selben Alter wie Edward G. Robinson; dieser bog mit Filmen wie „Der Preis“ gewissermaßen auf die Zielgerade seiner Karriere ein. Er zählt zu den Schauspielern, die im Alter von rund 70 Jahren noch einmal ein neues Image für sich zu erschließen vermochten. Hatte Robinson von den 30ern bis in die 50er häufig Gangster, Schufte oder Polizisten verkörpert, hinterließ er in den 60ern und frühen 70ern schließlich auch noch einige Filme, aus denen er als großväterlicher Mann von Welt – nun mit Vollbart – in Erinnerung bleibt. Manche dieser Rollen überraschen dabei als recht sensibel, im Gegensatz zu den taffen Typen, auf die er zu seinen erfolgreichsten Zeiten spezialisiert gewesen war. Er zeigte dem Publikum gerade in seinen letzten Jahren des Öfteren sein freundlichstes Gesicht. Sinnbildlich dafür kann sein finaler Kinofilm, der futuristische „Jahr 2022 … die überleben wollen“ (Originaltitel: „Soylent Green“), der sich als zunehmend visionär herausstellt, stehen, in dem er den väterlichen Freund von Charlton Heston spielte und mit einer sehr berührenden, mit Musik von Beethoven untermalten Schlussszene die Leinwand verließ. Der Film kam erst ein Vierteljahr nach Robinsons Tod in die US-Kinos. Noch als „Soylent Green“ 2017 im Rahmen der Retrospektive auf der Berlinale gezeigt wurde, gab es Sonderapplaus, als Edward G. Robinsons Name im Abspann erschien.

Hitchcock ist ein schweres Erbe

Es sind letztlich wohl drei zentrale Aspekte, die „Der Preis“ für mich zu einem wunderbaren Kinoerlebnis machen, auch wenn die Ähnlichkeiten zu Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“ ihm bei vielen Rezensenten Minuspunkte eingehandelt haben. Da ist zum einen der sehr sympathische Umgang mit den Charakterdarstellern und deren Stärken; angefangen bei der liebenswerten Eröffnungsszene mit Hitchcock-Dauerbrenner Leo G. Carroll als Organisator der Preisverleihung sowie wenig später Karl Swenson und John Qualen als lustige Hotel-Pagen. Veredelt wird dieser angenehme Eindruck vom Schauspieler-Team durch die internationale Zusammensetzung des Ensembles, auch über die Charakterdarsteller hinaus, das neben Elke Sommer und Sergio Fantoni beispielsweise auch Gérard Oury, Sacha Pitoëff und Micheline Presle aus dem Hut zaubert, statt sich im Wesentlichen mit amerikanischen und britischen Schauspielern zu begnügen.

Dann ist da eben diese denkwürdig-versoffene Darbietung von Paul Newman, der dem von ihm gespielten Autor letztlich auch eine angenehm selbstironische Note verleiht. Immer wieder enttäuscht dieser Held des Films die Erwartungen der High Society, innerhalb derer er sich bewegt, und demontiert das glorifizierende Bild, das die Leute von ihm haben und aufrecht zu erhalten versuchen, gewissermaßen kontinuierlich absichtlich. In diesem Andrew Craig stecken ein Hauch Cary Grant zwischen „Der unsichtbare Dritte“ und „Arsen und Spitzenhäubchen“, ein Hauch Philip Marlowe, ein Hauch Inspektor Columbo, ein Hauch James Bond und ein Hauch ganz normaler Mensch von nebenan. Er meistert seine Actionszenen glaubhaft, zeigt Ängste und körperliche Schwächen. Die Etikette der Gesellschaft, die ihn feiert, ist ihm ziemlich schnuppe – ein Funken vom „Dude“ aus „The Big Lebowski“ scheint ihn ebenfalls schon zu umtreiben.

Und nicht zuletzt empfand ich insbesondere die letztendliche Auflösung und Demaskierung in gewisser Weise als besondere Errungenschaft im Sinne eines inszenatorischen Kniffs. Hier wurde sehr geschickt damit gespielt, dass so eine frühzeitig als solche deutlich werdende Doppelrolle auf den ersten Blick natürlich sehr unglaubwürdig wirken kann und deswegen für den Zuschauer vielleicht sogar enttäuschend sein mag. Doch wie des Öfteren einmal, wenn man klassische Filme vorschnell in die „Altbacken“-Schublade zu stopfen versucht, kommt es auch hier anders als man denkt, obwohl zunächst eigentlich alles recht klar gestrickt zu sein scheint. In dem Moment, als man am wenigsten damit rechnet, und eigentlich nur noch einen finalen Showdown und ein wenig Action erwartet, vollzieht der Film einen cleveren Twist, mit gut ausgewählten Gesichtern, der die Geschichte für ein paar Figuren emotional noch einmal auf den Kopf stellt.

Besonderheiten der deutschen Synchronfassung

Die deutsche Version von „Der Preis“ beinhaltet einen der letzten großen Auftritte von Walther Suessenguth, dem damaligen Stammsprecher von Spencer Tracy und Maurice Chevalier, der hier als Stimme von Edward G. Robinson zu hören ist. Suessenguth starb Ende April 1964, kaum mehr als einen Monat nach der Deutschlandpremiere des Films. Robinson wurde von Mitte der 50er bis Mitte der 60er überwiegend von Alfred Balthoff gesprochen, MGM jedoch verfügte über ein eigenes Synchronisationsatelier in Berlin und ist dafür bekannt, dass man damals häufig mit den Besetzungskontinuitäten aus Filmen anderer Studios brach und stattdessen eigene Varianten etablierte. Suessenguth hatte Robinson zuvor auch schon in „Zwei Wochen in einer anderen Stadt“ (1962) gesprochen – ebenso ein MGM-Film. Nach Suessenguths Tod setzte MGM zunächst gleichfalls auf Balthoff, der sich jedoch wenige Jahre später vom Synchronisieren zurückzog.

Eine typische MGM-Besetzung war zudem der Einsatz von Wolfgang Kieling für Paul Newman. Bei sonstigen Studios wurde Newman schon damals meist von Gert Günther Hoffmann synchronisiert, MGM jedoch übertrug diese Aufgabe bis „Der Preis“ an Kieling (z. B. auch in „Die Katze auf dem heißen Blechdach“). Wolfgang Kieling hatte seinen ersten Auftritt für Newman in den 50ern allem Anschein nach allerdings etwas früher als Hoffmann, der zudem gerade in den 60ern Stammsprecher diverser anderer Stars war, weshalb ein wenig Abwechslung, wie hier, prinzipiell nicht zu verachten ist. Bei MGM wurde Kieling auffallend häufiger als bei anderen Studios als Stammsprecher von Stars etabliert, so zum Beispiel ebenfalls für Kirk Douglas und Glenn Ford. Mitte der 60er machte sich Kieling im Synchronstudio etwas rarer und scheint sich vermehrt auf eigene Arbeiten vor der Kamera konzentriert zu haben, was wiederum zu etlichen Synchronarbeiten für seine eigenen Rollen in internationalen Produktionen führte. Dies war vermutlich einer der Gründe, warum er Kirk Douglas und Paul Newman ab diesem Zeitraum nie mehr synchronisierte. Das Brechen von MGM mit sonst üblichen Stammbesetzungen befördert natürlich das etwas verwirrende Phänomen, dass man teilweise die sonst gewohnten Sprecher in anderen Rollen oder gar im Dialog mit ihren angestammten Stars hört – so kommt es beispielsweise auch in „Der Preis“ zu einem Dialog zwischen Paul Newman mit der Stimme von Wolfgang Kieling und Gert Günther Hoffmann in einer kuriosen Rolle als Redner eines Nudisten-Kongresses. Besonders irritierend, wenn eine der Figuren in so einer Situation mit dem Rücken zur Kamera steht oder aus dem Off spricht, während man die gewohnte Stimme hört, bewusst oder unterbewusst erkennt und sie dann spontan richtig zuordnen muss. Wolfgang Kieling und Paul Newman trafen sich nach „Der Preis“ in einer sehr berühmten Szene wieder – bedenkt man die vielen Hitchcock-Anleihen in „Der Preis“, dem letzten Film in dem Kieling also die Stimme von Paul Newman war, umso amüsanter, dass dieses Wiedertreffen ausgerechnet in einem Hitchcock-Film stattfand. Gemeint ist selbstverständlich „Der zerrissene Vorhang“ (1966), mit seiner legendären, vielzitierten Todeskampf-Szene zwischen Kieling und Newman.

Elke Sommer sprach sich in „Der Preis“ selbst – ausnahmsweise einmal, könnte man beinahe sagen. Wie es scheint, versuchte sie sich hier auch zum ersten Mal daran; ein vorher datierender Einsatz ist mir nicht bekannt. Man merkt ihrer Betonung allerdings an, dass sie damit wenig Übung hatte. Sie wurde häufig von anderen Sprecherinnen synchronisiert. Es gab sie, die Schauspieler, denen das Synchronisieren einfach nicht lag oder keinen Spaß machte. Zudem konnte es bei Vielreisenden auch zum Terminproblem werden. Heute werden Synchronschauspieler im Normalfall getrennt voneinander aufgenommen und somit ist auch das Aufzeichnen einzelner Rollen in anderen Städten oder Ländern letztlich kein großes Problem, aber damals stand man beim Synchronisieren gemeinsam im Studio. Dass ein deutscher Star über den eigenen Kopf hinweg bis hin zu Synchronarbeiten an deutschen Produktionen mit internationaler Besetzung unfreiwillig der eigenen Stimme beraubt wurde, dürfte hingegen als eher unwahrscheinlich zu bewerten sein.

In den USA läuft der Vertrieb der Blu-ray und DVD des Films über die Warner Brothers. Bleibt nun die Frage, wer sich dieser Aufgabe in Deutschland annehmen wird.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Mark Robson haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung (USA): 15. Januar 2019 als Blu-ray, 1. August 2011 als DVD

Länge: 134 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: The Prize
Deutscher Alternativtitel: Kein Lorbeer für den Mörder
USA 1963
Regie: Mark Robson
Drehbuch: Ernest Lehman, nach einem Roman von Irving Wallace
Besetzung: Paul Newman, Elke Sommer, Edward G. Robinson, Diane Baker, Micheline Presle, Gérard Oury, Sergio Fantoni, Kevin McCarthy, Leo G. Carroll, John Wengraf
Verleih: Metro-Goldwyn-Mayer / Warner Bros.

Copyright 2020 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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