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Weißer Terror – Die Saat des Bösen

05 Mrz

The Intruder

Von Volker Schönenberger

Rassismus-Drama // Per Bus trifft Adam Cramer (William Shatner) aus Los Angeles in der Kleinstadt Caxton ein. Er nimmt sich ein Zimmer und macht sich unauffällig ein Bild von der Lage. An der örtlichen Highschool ist per Gerichtsentscheidung die Rassentrennung aufgehoben worden. Zehn dunkelhäutige Schülerinnen und Schüler sollen aufgenommen werden – in den Südstaaten Ende der 1950er-Jahre eine Ungeheuerlichkeit.

Die hässliche Fratze zeigt sich

Bei einem Treffen mit dem einflussreichen Verne Shipman (Robert Emhardt) lässt Cramer die Maske fallen: Er beabsichtigt, gegen die Aufnahme der Schwarzen an der Schule zu agitieren. Nach einer Brandrede vor einem Haufen rassistischer Weißer gelingt es Cramer, die Situation eskalieren zu lassen. In Tom McDaniel (Frank Maxwell), Chefredakteur der Lokalzeitung von Caxton, findet er ebenso einen besonnenen Kontrahenten wie in seinem Zimmernachbarn Sam Griffin (Leo Gordon), dessen Ehefrau Vi (Jeanne Cooper) er verführt hat.

Von Adam Cramer zu Björn Höcke

Die Aufhebung der Rassentrennung – nur ein historisches Ereignis? Mitnichten, wie wir auch heute überall in Europa beobachten müssen. Offenbar war es eine naive Hoffnung, dass wir das rassistische Gedankengut seit den 1960er-Jahren überwinden würden. „Weißer Terror“ behandelt dabei nicht nur den Rassismus an sich, sondern demonstriert auch die Manipulierbarkeit der Menschen durch Aufwiegler. „The Intruder“ – zu deutsch: Der Eindringling – lautet dann auch der Originaltitel des Films wie auch der Romanvorlage. Adam Cramer ist dabei gar nicht so weit entfernt von einem Bernd (hihi) alias Björn Höcke und ähnlichen Hetzern unserer Zeit.

William „Captain Kirk“ Shatner beweist mit dieser frühen Kinorolle, dass er viel mehr drauf hat als die üblichen Kerle, die er gern verkörpert hat. Zwar gibt er auch hier den Schürzenjäger und Verführer, doch wird er ertappt, entlarvt sich die ganze Erbärmlichkeit seines Daseins. Das funktioniert umso besser, da Adam Cramer in den ersten Minuten des Films noch als charmante Person auftritt und beim Publikum somit anfangs als Sympathieträger wahrgenommen wird, bevor er bald darauf sein wahres Gesicht zeigt. Ein famoser Bruch mit Shatners Image, der zudem nicht aufgesetzt wirkt, sondern sehr gut zur Person des stets in einen eleganten weißen Anzug gekleideten Adam Cramer passt. Wenn man es wirklich will, kann man eben sehr gut hinter die Maske der Aufwiegler schauen und erkennen, wes Geistes Kind sie sind. Wer Adam Cramer wirklich ist, bleibt dabei vage. Er erwähnt zwar die Patrick-Henry-Gesellschaft, der er angehöre, doch der Daseinszweck dieser Organisation wird nicht weiter thematisiert, auch nicht die Frage, ob Cramer tatsächlich in ihrem Auftrag handelt. Er ist letztlich ein Rattenfänger ohne Bindung an die Orte, die er mit seinem bösen Wirken heimsucht.

Inspiriert von den „Little Rock Nine“

Jemals von den „Little Rock Nine“ gehört? Diese sechs Schülerinnen und drei Schüler inspirierten Roger Corman dazu, den Roman von Charles Beaumont zu verfilmen. Sie waren die ersten Afroamerikaner/innen, die drei Jahre nach der gerichtlichen Aufhebung der Rassentrennung an amerikanischen Schulen die Highschool von Little Rock, der Hauptstadt des US-Bundesstaats Arkansas, besuchten. Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten hatte dazu am 17. Mai 1954 ein Grundsatzurteil gesprochen. Der knapp 20-minütige Dokumentarfilm „Nine from Little Rock“ (1964) von Charles Guggenheim thematisiert die dramatischen Ereignisse um die Aufnahme der Schwarzen an der Schule. Er wurde 1965 mit dem Oscar als beste Kurzfilm-Doku ausgezeichnet und kann auf dem YouTube-Kanal der „National Archives“ kostenlos geschaut werden.

„The Intruder“ enthält zwar einige für das Sujet stereotype Motive – etwa das brennende Kreuz, die Beschuldigung eines Schwarzen, ein weißes Mädchen vergewaltigt zu haben, der weiße Lynchmob –, das zieht die deutliche Botschaft des Films aber keinesfalls ins Ausbeuterische. Und so klar der Antirassismus auch zum Vorschein kommt, ist der Regisseur doch klug genug, auch Figuren Raum zu geben, die mit ambivalenter Haltung Anlass zum Nachdenken liefern.

Erster Misserfolg für Roger Corman

Corman stand für „Weißer Terror“ wie so oft in seiner Laufbahn kein großes Budget zur Verfügung, weshalb auch keine Stars in der Besetzung auftauchten – Hauptdarsteller William Shatner war damals noch weitgehend unbekannt, übernahm vornehmlich Nebenrollen in TV-Serien. Gedreht wurde in Schwarz-Weiß in einigen Orten im Südosten des US-Bundesstaats Missouri; ohne Drehgenehmigung, wohlgemerkt, was heute als Guerilla-Filmemachen bezeichnet würde. Das Thema des Films gefiel den Menschen an den Drehorten nicht immer, weshalb die Crew bisweilen von der Polizei zum Verschwinden genötigt wurde. Trotz der bescheidenen Produktionskosten gilt „Weißer Terror“ als erster Roger-Corman-Film, der sein Budget nicht wieder einspielte. Die Brisanz des Themas Rassentrennung hielt womöglich viele Menschen vom Kinobesuch ab – oder manche Kinobetreiber davon ab, den Film zu zeigen. Auch mag Roger Cormans Ruf als Exploitationfilmer dazu beigetragen haben, dass man ihm nicht zutraute, ein ernsthaftes und seriöses Drama inszeniert zu haben. „Weißer Terror“ mag ein Dasein im Schatten von Robert Mulligans „Wer die Nachtigall stört“ mit Gregory Peck aus dem selben Jahr fristen, steht dem Justizdrama in puncto humanistischer Botschaft aber in nichts nach.

Der Schriftsteller Charles Beaumont (1929–1967) verarbeitete seinen gleichnamigen Roman selbst zum Drehbuch für „The Intruder“ und tritt in einer Nebenrolle als Schulleiter in Erscheinung. Beaumont lieferte als Autor auch die Vorlagen zu 22 Episoden der Mystery-Serie „The Twilight Zone – Unwahrscheinliche Geschichten“ (ab 1959) und schrieb an den Drehbüchern zu den Horrorfilmen „Lebendig begraben“ (1962), „Die Folterkammer des Hexenjägers“ (1963) und „Die Maske des Roten Todes“ (1964) aus Roger Cormans Edgar-Allan-Poe-Zyklus mit.

Auf DVD von Subkultur

„Weißer Terror“ ist 2012 und 2014 auf DVD von Subkultur Entertainment erschienen, die Erstauflage als Teil der Reihe „Drive-in Classics“ auch als Doppel-DVD mit anständigem Bonusmaterial. Arte hat das Rassismus-Drama im Februar ausgestrahlt, es ist noch bis zum 16. Mai 2020 in der Arte-Mediathek zu finden. Roger Corman hat mit „The Intruder“ ein beklemmendes und brandaktuelles Werk geschaffen, das Sichtung und Verbreitung verdient hat.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Roger Corman haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit William Shatner unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 4. April 2014 und 20. Dezember 2012 als DVD

Länge: 80 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Intruder
USA 1962
Regie: Roger Corman
Drehbuch: Charles Beaumont, nach seinem eigenen Roman
Besetzung: William Shatner, Frank Maxwell, Beverly Lunsford, Robert Emhardt, Leo Gordon, Charles Barnes, Charles Beaumont, Katherine Smith, George Clayton Johnson, William F. Nolan, Jeanne Cooper
Zusatzmaterial 2012: Audiokommentar von Marcus Stiglegger & Ivo Ritzer, Dokumentation „Heritage of Hate“, Rembering „The Intruder“ (Featurette mit William Shatner und Roger Corman), Bildergalerie, Originaltrailer, Wendecover
Label: Subkultur Entertainment
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Packshots: © 2012/2014 Subkultur Entertainment

 
 

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5 Antworten zu “Weißer Terror – Die Saat des Bösen

  1. pygospa

    2020/03/12 at 21:01

    Schade, dass es hierfür noch kein Blu-ray-Release gibt. Den Film kenne ich noch nicht, aber die Lektüre hier macht auf jeden Fall sehr neugierig. Ich kenne Shattner (theoretisch) nur aus dem Star Trek Universum, und habe als einzigen Film bewusst mit ihm nur noch „Mörderspinnen“ gesehen, den ich doch ziemlich grandios fand. Shattner in weiteren anderen Rollen zu sehen, würde mich daher sehr freuen. Mal gucken ob ich noch auf ein Blu-ray release hoffe und warte oder doch mal zur DVD greife.

    Fun fact: Bei Mörderspinnen hatte ich lange gewartet, dann die DVD gekauft, und kurze Zeit später kam dann doch noch die Blu-ray heraus. Hab ich mich geärgert…

     
    • V. Beautifulmountain

      2020/03/13 at 07:12

      Schau ihn doch erst mal in der Arte-Mediathek!

       
      • pygospa

        2020/03/13 at 11:20

        So „smart“ ist mein Fernsehequippment leider nicht. Das kann ich dann nur über den PC, was halt nicht die schönste Art ist, einen Film zu genießen. Aber wahrscheinlich wird’s doch darauf hinauslaufen…

         
      • V. Beautifulmountain

        2020/03/13 at 11:43

        Keine Möglichkeit, den PC an den Fernseher anzuschließen? Über USB- oder sogar HDMI-Anschlüsse funktioniert das bestens.

         
      • pygospa

        2020/03/13 at 12:27

        Wäre möglich, aber dann müsste ich den Tower unterm schreibtisch komplett entkabeln und im Wohnzimmer wieder anschließen. Da bin ich dann doch zu faul für und guck den lieber am Rechner 😀

         

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