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Der Fluch – Der Berg ruft

09 Mrz

Der Fluch

Von Lars Johansen

Horror // Wenn man genau hinschaut, dann kann man Dominick Raacke zu Beginn von Umberto Lenzis „Die Rache der Kannibalen („Cannibal Ferox“, 1981) kurz durch New York City laufen sehen. Das war seine erste Begegnung mit einem Horrorfilm. Aber es sollte nicht die einzige bleiben. Ein halbes Dutzend Jahre später musste er einen Berg erklimmen, um von einem Fluch getroffen zu werden. Und ein paar Jahre danach würde es für ihn und Regisseur Ralf Huettner sogar teuflisch werden, bevor sie das Horrorgenre gemeinsam gegen Komödien tauschen sollten.

Der Aufstieg

Ralf Huettner ist trotz seiner umfangreichen Filmografie seltsamerweise unbekannter als viele seiner Filme. Wenn man „Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem“ (1993) oder „Voll Normaaal“ (1994) hört, dann fallen einem sofort Helge Schneider und Tom Gerhardt ein, nicht jedoch der Regisseur Huettner. Und auch die drei Filme um „Die Musterknaben“ (1997–2003), die zusammen mit Dominick Raacke als Drehbuchautor entstanden sind, würde man ihm nicht sofort zuordnen. Das gilt ebenso, um ein paar unterschiedliche Beispiele zu nennen, für „Mondscheintarif“ (2001), „Vincent will Meer“ (2010) und „Burg Schreckenstein“ (2016), die man gleichermaßen kennt, aber nicht unbedingt mit Huettner verbindet. Woran mag es liegen? Ist er jemand, den man als guten Handwerker bezeichnen würde, aber dem es nicht gelingt, eine eigene, unverwechselbare Handschrift zu entwickeln? So disparat seine Arbeiten zu sein scheinen, so haben sie alle eine wichtige Gemeinsamkeit: Sie sind deutsch. Sie spielen in der unmittelbaren deutschen Gegenwart, wobei „Texas“ eine Ausnahme darzustellen scheint, aber wenn man genauer hinsieht, dann ist der Western eher Kulisse, denn „Der wilde, wilde Westen fängt gleich hinter Hamburg an“ wussten schon Truck Stop. Huettner weiß genau, was er tut, wenn er im SPIEGEL 1996 sagt: „Ich kenne mich einfach besser aus in meiner Stadt. Das ist der Stoff, aus dem ich meine Geschichten machen muss. Und das ist die einzige Chance, die ein Thriller wie ,Der kalte Finger‘ hat: dass er ganz anders ist als die Thriller aus Hollywood.“

Populäre Genrefilme

Das verbindet seine Filme. Sie sind Momentaufnahmen deutscher Befindlichkeiten. Am deutlichsten wird das vielleicht bei der ebenfalls mit Raacke als Darsteller (und Ko-Drehbuchautor) entstandenen Fernseh-Serie „Um die dreißig“ (7 Folgen, 1995), für die es zu Recht den deutschen Fernsehpreis für das Drehbuch gab. Publikumspreise für die „Musterknaben“, 2008 ein Grimme-Preis für die Regie bei der Fernsehserie „Dr. Psycho – Die Bösen, die Bullen, meine Frau und ich“ (2007) und 2011 der Deutsche Filmpreis für „Vincent will Meer“ schlossen sich an. Seine Filmarbeiten gerieren sich nicht als intellektuelle Diskurse, sondern sind populäres (und tatsächlich erfolgreiches) Genrekino.

Der Anblick

„Der Fluch“ (1988) stellt dafür so etwas wie eine Fingerübung dar, die hervorragend funktioniert, weil sie eine Geschichte erzählt, die mit wenig Personal auskommt und mit vielen Versatzstücken des Horrorgenres arbeitet. Mit sehr guten Schauspielern, einer agilen Kamera, einer tatsächlich unheimlichen Landschaft und einem klugen Drehbuch gelingt es Huettner, eine bedrohliche Atmosphäre aufzubauen, die nie einen Zweifel daran lässt, dass Übernatürliches im Spiel ist. Es beginnt damit, dass sich eine Schar Kinder Horrorfilme im Fernsehen ansieht, was am Ende wieder aufgenommen wird, wenn der reale Horror Teil der Fernsehnachrichten wird. Die achtjährige Melanie, welche beeindruckend von Romina Nowack gespielt wird, fährt nach dem Fernsehabend mit dem Fahrrad nachts allein zurück zu ihren Eltern. Dabei fährt sie zuerst durch eine geisterhafte Erscheinung und stößt dann mit einer älteren Dame (Ortrud Beginnen) zusammen, die verwirrt zu sein scheint und das Kind als „kalt“ bezeichnet.

Kinderleiche im Gletscher

Mit ihren Eltern (Barbara May und Dominick Raacke) fährt die Kleine am nächsten Tag in die Berge, vermutlich die Alpen, um dort zu wandern. Sie verändert sich allmählich, hört Kindergesänge in einer alten, einsamen Kapelle, verstellt Wegweiser und wirft die Wanderkarte des Vaters heimlich in einen Mülleimer. Die Eltern scheinen damals an der Kapelle das Kind gezeugt zu haben, sodass es eine Verbindung zu diesem Ort gibt. Das Mädchen läuft weg, es ist mittlerweile Nacht geworden, und entdeckt im Eis des Gletschers, zu dem sie die Eltern geführt hat, die Leiche eines Kindes, das ihr extrem ähnlich sieht. Sie informieren die Bergwacht (u. a. Tobias Moretti), die Mutter fährt mit dem Kind schon im Zug zurück, der Vater bleibt noch da, um den Bergrettern den Fundort der Leiche zu zeigen und dann mit dem Auto nach Hause zu fahren. Melanie stellt ihrer Mutter merkwürdige Fragen und verschwindet im Anschluss heimlich aus der Wohnung. Der Vater findet sie in der Kapelle, lädt sie in sein Auto und fährt mit ihr und der zurückgekehrten Mutter zurück. Aber da ist noch der Autotunnel unter dem Berg …

Der Blick

Relativ schnell wird klar, dass wir es mit der Geschichte einer Reinkarnation zu tun haben, die mit einem alten Fluch aus dem 19. Jahrhundert zusammenhängt, der die Wiederkehr von vier Mädchen und ein darauf folgendes großes Ereignis prophezeit, das mit den alten Silberbergwerken zusammenzuhängen scheint. Das waren die letzten Worte einer Frau, die wohl im 19. Jahrhundert als Hexe verbrannt wurde. Die Einwohner (unter ihnen Barbara Valentin als Barfrau) verhalten sich merkwürdig verschlossen und sind wenig hilfsbereit, obwohl auch drei andere Mädchen gerade verschwunden sind. Man erfährt nicht genau, was damals mit den Kindern geschehen ist, aber sie scheinen eine Art Opfer für den Reichtum aus den Silberminen gewesen zu sein. So schwitzt im Museum eine Silberglocke aus jener Zeit ganz langsam flüssiges Silber heraus. Das erinnert tatsächlich ein wenig an John Carpenters „The Fog – Nebel des Grauens“ (The Fog, USA 1980), wo der Reichtum des Ortes ja auch nicht ganz rechtmäßig erworben wurde und das kalte Meerwasser auf einmal aus eigentlich trockenem alten Treibholz austritt. Huettner schafft es, das mit einfachen Mitteln sehr atmosphärisch aussehen zu lassen. Ganz langsam baut sich eine Atmosphäre des Unwirklichen auf, die nie ins Lächerliche abgleitet, sondern das Sujet stets ernst nimmt.

DVD ohne Extras

Die DVD von Pidax enthält leider keine Extras, aber den Film, der bisher noch nicht für das Heimkino erhältlich war, in leidlicher Qualität. Eine kleine verborgenen Perle, deutsches Genrekino aus den 80ern, welches definitiv eine Wieder- oder Neu-Entdeckung lohnt. Dazu passt der 1991 entstandene „Babylon – Im Bett mit dem Teufel“, den Huettner ebenfalls mit Raacke inszeniert hat und in dem es um Frauen geht, die vom Teufel (?) geschwängert werden.

Der Abstieg

Veröffentlichung: 16. August 2019 als DVD

Länge: 88 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Keine
Originaltitel: Der Fluch
A/BRD 1988
Regie: Ralf Huettner
Drehbuch: Ralf Huettner, Andy Hoetzel
Besetzung: Dominic Raacke, Barbara May, Romina Nowack, Barbara Valentin, Tobias Moretti, Gerd Lohmeyer, Ruth Gassmann
Zusatzmaterial: Trailershow, Wendecover
Label: Pidax Film
Vertrieb: Studio Hamburg Enterprises

Copyright 2020 by Lars Johansen

Szenenfotos & Packshot: © 2019 Pidax Film

 
 

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Eine Antwort zu “Der Fluch – Der Berg ruft

  1. Frank Hilkemann

    2020/03/17 at 16:22

    Gibt es auch auf Prime für 3,99€. Soll wohl reichen. Danke für den Tipp.

     

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