RSS

Gesetz der Rache – Von Recht und Unrecht

26 Mrz

Law Abiding Citizen

Von Lucas Gröning

Thriller // „So funktioniert unser Rechtssystem nun mal.“ „Gegen das Schicksal bist du machtlos.“ „Es reicht nicht, es zu wissen, sie müssen es vor Gericht beweisen.“ Es sind Sätze, die in F. Gary Grays Thriller „Gesetz der Rache“ mehrmals erklingen, und immer wieder gleichen sie einer Ohrfeige ins Gesicht derjenigen Person, an welche die Worte adressiert sind. Ganz besonders davon betroffen ist der von Gerard Butler verkörperte Ingenieur Clyde Shelton, der zu Beginn der Handlung Frau und Tochter bei einem Raubüberfall auf sein Haus in Philadelphia verloren hat. Die Mörder, zwei an der Zahl, wurden zwar gestellt, das Strafmaß sorgt jedoch für alles andere als einen gerechten Ausgang des Falls. Während der sadistische Hauptverantwortliche der beiden Einbrecher, Clarence Darby (Christian Stolte), bereits nach drei Jahren aus dem Gefängnis freikommt, wird sein eher passiv wirkender Mittäter Rupert Ames (Josh Stuart) zum Tode verurteilt. Eingefädelt hat diesen Deal der Staatsanwalt Nick Rice (Jamie Foxx), welcher Shelton nun erklären muss, dass die Abmachung das Beste für alle Parteien darstellt, da in einem anderen Szenario beide Täter eventuell straffrei davongekommen wären – so funktioniere das Rechtssystem nun mal. Zurück bleibt ein verbitteter Witwer, der zehn Jahre später einen eigenen Rachefeldzug der Gerechtigkeit unternimmt, mit dem Ziel, alle Beteiligten des sich damals ereignenden Prozesses, vom freigelassenen Darby bis hin zur zuständigen Richterin, ihren aus seiner Sicht gerechten Schicksalen zuzuführen. Nun liegt es vor allem an Nick Rice, dem außer Kontrolle geratenen Shelton den Kampf anzusagen und neben seinen engen Vertrauten, Kollegen und seiner Familie ein ganzes System zu verteidigen.

Duell zweier Stars

Wie bereits erwähnt setzte sich F. Gary Gray für die Inszenierung des Rachethrillers auf den Regiestuhl. Der Amerikaner zeichnete vor „Gesetz der Rache“ unter anderem für „The Italian Job“ (2003) und „Be Cool“ (2005) verantwortlich und etablierte sich im Anschluss mit „Straight Outta Compton“ (2015), „Fast and Furious 8“ (2017) und „Men in Black – International“ (2019) im Mainstream. In den 1990er-Jahren war er außerdem als Regisseur verschiedener Musikvideos, vor allem im Hip-Hop-Bereich, tätig und drehte unter anderem für Dr. Dre, Ice Cube und Cypress Hill. Für „Gesetz der Rache“ holte sich der Filmemacher eine ganze Reihe hochkarätiger Darsteller ins Haus, von denen Jamie Foxx und Gerard Butler sicherlich herausstechen. Foxx sollte den meisten Filmliebhabern durch seine Engagements in einer ganzen Vielzahl von erfolgreichen Filmen bereits ein Begriff sein. Erwähnt seien an dieser Stellen seine Rollen in „Collateral“ (2004), „Ray“ (2004) „Django Unchained“ (2012) und „Baby Driver“ (2017). Für die Darstellung von Soulegende Ray Charles in „Ray“ erhielt er 2005 den Oscar als bester Hauptdarsteller. Bei der gleichen Verleihung war er außerdem als bester Nebendarsteller für seine Rolle in „Collateral“ nominiert. Selbiges ereignete sich bei den Golden Globe Awards 2005 – Trophäe für „Ray“, Nominierung für „Collateral“. Der zweite Superstar im Film ist Foxx’ Gegenspieler Gerard Butler. Der Brite verfügt ebenfalls bereits über eine recht umfangreiche Filmografie, an dieser Stelle herausgehoben seien seine Darstellungen in „300“ (2006), „Rock N Rolla“ (2008) und der „Has Fallen“-Reihe (2013–2019). Er etablierte sich in seiner Karriere vor allem als Schauspieler in Actionfilmen und leichten Komödien, sodass er bis dato nicht in Reichweite eines etablierten Darstellerpreises kam.

Nick Rice (r.) ist ein renommierter Staatsanwalt

„Gesetz der Rache“ dürfte bereits in die Kategorie der anspruchsvolleren Filme fallen, an denen Butler mitgewirkt hat, aber selbst F. Gary Grays Werk stellt sich insgesamt als relativ simpel heraus und lässt die notwendige Komplexität vermissen, die für die Bearbeitung der angesprochenen Themen angemessen wäre. Natürlich stellt der Film durchaus wichtige Fragen rund um die Rechtssysteme demokratischer, westlicher Gesellschaften und um den Begriff der Gerechtigkeit. Was ist überhaupt Gerechtigkeit? Sind westliche Rechtssysteme in dieser Form prädestiniert für das Schaffen von Gerechtigkeit? Ist für das Schaffen von Gerechtigkeit manchmal ein außerjuristisches Handeln von Individuen notwendig? Stellt das Aussetzen von Bürgerrechten in Ausnahmefällen einen legitimen Weg zum Erreichen von Gerechtigkeit dar? Allesamt durchaus komplizierte Fragen, doch die Bearbeitung beziehungsweise Beantwortung dieser stellt sich als relativ einfach heraus: Ist Clyde Shelton in den Anfangszenen ein furchtbares Unrecht widerfahren? Ja! Ist Clarence Darby ein widerlicher Mensch, dessen Strafmaß im Vergleich zu dem seines Komplizen ein schlechter Witz ist? Ja, natürlich! Rechtfertigt diese Tatsache die Taten, die Shelton im Verlaufe des Films vollführen wird? Auf keinen Fall! Ist das Rechtssystem der Vereinigten Staaten perfekt? Nein! All dies sind klare Antworten, die kaum ein Zuschauender des Films weiter hinterfragen wird. Die großen Fragen allerdings, beispielsweise danach, wie ein gerechteres Rechtssystem tatsächlich aussehen könnte, lässt der Film unberührt und bleibt somit relativ gemütlich und abwaschbar. Viel mehr verliert er sich darin, seine Zuseher mit den raffinierten Tricks und der scheinbaren intellektuellen Überlegenheit seines Antagonisten beeindrucken zu wollen, was das ein oder andere mal in unnötigen Logiglöchern gipfelt, jedoch im Großen und Ganzen durchaus unterhaltsam ist.

Einfältig und gefährlich

Gerade in diesem Streben nach Unterhaltsamkeit gibt der Film dann jedoch die einzig wirklich relevante Antwort, mit welcher er die Grenzen seiner diegetischen Welt verlässt: Als Nick Rice bereits kurz davor steht, die Grenzen des juristisch Vertretbaren zu überschreiten, um Shelton zu überführen, fragt ihn ein Polizist völlig zu Recht: „Aber was ist mit seinen Bürgerrechten?“. Der Anwalt entgegnet ihm ein trockenes „Scheiß auf seine Bürgerrechte“, was der Polizist lediglich mit einem Lachen beantwortet. Fröhlich schreiten beide im Anschluss zur Tat. Hinterfragt wird diese Aktion auch im späteren Verlaufe des Films an keiner Stelle. Das ist fatal, liefert F. Gary Gray doch hier auf Kosten eines billigen Witzes einen Präzedenzfall für das Eingreifen des Staates in die verfassungsmäßig legitimierten Grundrechte eines jeden Bürgers. Von einem national bedeutenden Notfall (beispielsweise in Form von Kriegszuständen), bei dem man diesen Eingriff zumindest erwägen könnte, kann hier zudem in keiner Weise die Rede sein. Hier nimmt der Film einen moralisch fragwürdigen Standpunkt ein und lässt diesen im Nachhinein leider unkommentiert. Die Leichtigkeit, mit der Gray und sein Team diese Entscheidung darstellen, erinnerte mich dabei an jene, mit denen Menschen im Jahr 2020 noch immer die Todesstrafe für bestimmte Verbrechen fordern, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, warum dieser Form der Sanktion in weiten Teilen der westlichen Welt ihre Legitimation entzogen wurde. Somit bleibt die einzig ernsthafte Antwort auf eine relevante Frage des Filmes eine äußerst einfältige und gefährliche.

Eine folgenschwere Entscheidung bringt den Familienvater …

Seine trotz allem unterhaltsame Geschichte erzählt der Film auf eine Art und Weise, die von Licht und Schatten geprägt ist. Licht gibt es vor allem auf Seiten der visuellen Erzählung. Die Bilder des Films sind in weiten Teilen sehr stark und sie sind vor allem stark genug, um für sich zu stehen. Wenn Shelton zu Beginn des Films aus der Entfernung beobachtet, wie Rice dem Verbrecher Darby vor laufenden Kameras die Hand gibt, so spürt man förmlich den Schlag in die Magengrube, den der Witwer dadurch kassiert. An vielen Stellen jedoch wird dieser tollen visuellen Erzählung ein Dialog hinzugefügt, der das, was eigentlich klar sein sollte, noch einmal kommentiert und erklärt, sodass es auch wirklich jeder verstanden hat. Diese Erklärung wirkt in weiten Teilen unnötig, weil die Bilder eigentlich so gut sind, dass sich eine weitere Erklärung erübrigt. Hier traut Regisseur Gray seinem Publikum leider nicht genug zu. Exemplarisch sei hier eine der eigentlich besten Szenen des Films genannt, nur dass die Erklärung hier nicht durch einen Dialog transportiert wird, sondern durch den Ton. Gemeint ist eine Paralellmontage in welcher man zum einen die Hinrichtung eines Schuldigen sieht und zugleich ein Cellokonzert der Tochter von Nick Rice. Spielt zu Beginn der Montage noch durchgehend die Musik des Cellokonzerts, während die Szenerie hin und her wechselt, löst sich die Cellomusik gerade dann auf, wenn der unerträgliche Todeskampf des Hinzurichtenden beginnt. Die schöne innerdiegetische, also tatsächlich in der fiktiven Welt gespielte, Musik des Konzertes, welche einen wunderbaren Kontrast zu den schockierenden Bildern hätte geben können, weicht einer bewusst spannungserzeugenden, außerdiegetischen, also für die Figuren nicht wahrnehmbaren musikalischen Untermalung, die auch dem letzten Zuschauenden die Dramatik der zu sehenden Bilder ins Auge drücken sollte.

Steelbook im Director’s Cut

Alles in allem bleibt ein durchaus unterhaltsamer Film, von dem man sich jedoch keine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Rechtssystem der Vereinigten Staaten versprechen sollte. Auf relevante Fragen rund um dieses komplexe Thema gibt der Film mit einer einzigen Ausnahme keine Antwort und diese Ausnahme ist in seiner hingeschluderten Leichtigkeit noch dazu recht einfältig und in letzter Konsequenz brandgefährlich. Die technische und vor allem visuelle Erzählung des Films gelingt zum Großteil, man traut ihr jedoch leider zu selten zu, für sich allein zu stehen, liefert zur Sicherheit lieber nochmal eine Erklärung zu viel und verkauft den Zuschauer dadurch leider oftmals für dumm. Für einen anspruchslosen, unterhaltsamen Nachmittag genügt der Film aber allemal – am besten im Unrated Director’s Cut, welcher am 21. Februar 2020 im Steelbook erschienen ist. Im Gegensatz zur Kinofassung wurden hier viele Szenen noch einmal umgeschnitten, wobei in den meisten Fällen eine längere Laufzeit herausspringt, teilweise behalten die Szenen aber auch ihre ursprüngliche Länge bei, nur die Kameraperspektiven sind andere. Insgesamt springt eine zusätzliche Laufzeit von knapp 11 Minuten dabei heraus, wichtige inhaltliche Veränderungen sind hierbei jedoch nicht zu erwarten, da sich die Unterschiede eher auf Details beschränken. Im Gegensatz zur Kinoversion ist der Director’s Cut außerdem ab 18 Jahren freigegeben, was sich vor allem in expliziteren Gewaltdarstellungen ausdrückt. Vordergründig betrifft dies die längere Folterszene von Clarence Darby in Verbindung mit einer expliziteren Darstellung des „Ergebnisses“ dieser Folter. Ansonsten sind die Unterschiede recht marginal, was aber auch daran liegt, dass der Film insgesamt über nicht allzu viele kürzenswerte Szenen verfügt. Die exakten Unterschiede beider Fassungen können im Schnittbericht nachgelesen werden.

… und andere in große Gefahr

Das Steelbook verfügt über einige sehenswerte Extras. Man findet hier das Feature „Das Rechtssystem“, in welchem einige der Schlüsselaspekte der Rechtsgrundlage der USA erklärt werden, die für den Film wichtig waren. Des Weiteren ist ein kleines Making-of mit dem Titel „Law in Black and White“ zu sehen, sowie ein Featurette zur Entwicklung der visuelen Effekte. Zu guter Letzt findet man neben einer Trailerschau noch einen Blick hinter die Kulissen, sowie Interviews mit einigen Darstellern und Regisseur F. Gary Gray.

Clyde Shelton hat nichts mehr zu verlieren

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Gerard Butler und Jamie Foxx haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 7. Mai 2020 als Blu-ray (Director’s Cut), 21. Februar 2020 als Blu-ray im Steelbook (Director‘s Cut), 31. Dezember 2019 als Limited 2-Disc Edition Mediabook (2 Blu-rays mit Kinofassung und Director’s Cut, drei Covervarianten à 777, 666 und 555 Exemplare), 15. November 2019 als Tape Edition Blu-ray (Director’s Cut), 20. Mai 2010 als Blu-ray im Steelbook (Kinofassung), Blu-ray (Kinofassung) und DVD (Kinofassung)

Länge: 119 Min. (Blu-ray, Director’s Cut), 108 Min. (Blu-ray, Kinofassung), 105 Min. (DVD, Kinofassung)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Law Abiding Citizen
USA 2009
Regie: F. Gary Gray
Drehbuch: Kurt Wimmer
Besetzung: Gerard Butler, Jamie Foxx, Colm Meaney, Bruce McGill, Leslie Bibb, Michael Irby, Gregory Itzin, Regina Hall, Emerald-Angel Young, Christian Stolte, Annie Corley, Richard Portnow, Viola Davis
Zusatzmaterial: Featurette zur Erklärung der rechtlichen Hintergründe einiger Aspekte des Films („Das Rechtssystem“), Making-of „Law in Black and White“, Die Entwicklung der visuellen Effekte, Blick hinter die Kulissen, Interviews mit den Darstellern Jamie Foxx, Gerard Butler, Leslie Bibb und Viola Davis sowie mit Regisseur F. Gary Gray, Trailershow, nur Mediabook: 36-seitiges Booklet mit einem Text von Markus Haage
Label/Vertrieb: Constantin Film

Copyright 2020 by Lucas Gröning

Szenenfotos & Packshots: © Constantin Film

 

Schlagwörter: , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: