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Alice – Im Wunderland der bösen Träume: Wenn sich die letzte Fuge nicht zusammenfügt

01 Apr

Alice ou la dernière fugue

Von Tonio Klein

Fantasy-Drama // Claude Chabrols „Alice ou la dernière fugue“ (wörtlich „Alice oder die letzte Fuge“) aus dem Jahr 1977 fand Anfang 2020 endlich eine deutsche DVD-Veröffentlichung – wenn auch mit dem etwas ungelenken Titel „Alice – Im Wunderland der bösen Träume“ versehen. Der etwas sperrige Ausflug des Meisters ins Fantastische wird wohl kaum je als Hauptwerk Chabrols genannt, kann aber durchaus faszinieren. Etwas Sitzfleisch ist aber selbst für Personen vonnöten, denen längst bekannt ist, dass Chabrol-Bosheiten immer eher gemächlich daherkommen. In 89 Minuten Laufzeit (hier hat sich das Cover mit 106 Minuten einen Fehler geleistet) passiert scheinbar wenig. Eine junge Frau mit dem doch recht einfallslos ersonnenen Namen Alice Carroll (Sylvia Kristel) verlässt von jetzt auf gleich ihren Ehemann (Bernard Rousselet), um – wie, erfahren wir nicht – bei nächtlichem Regen die Windschutzscheibe ihres Autos zu beschädigen und Hilfe in einem nahegelegenen Herrenhaus, eher schon einem Schloss, zu suchen. Wenn Diener (Jean Carmet) und Hausherr (Charles Vanel) sie überaus zuvorkommend aufnehmen, wissen wir auch bei diesem Genre-Bastard, dass wir uns in einem Film von Chabrol und niemandem sonst befinden: Oder kennen Sie einen Film des Regisseurs, in dem nicht die hohe Kunst des Zelebrierens von Mahlzeiten in gehobenem Ambiente ausgiebig gezeigt wird? Übrigens etwas, das Chabrol auch diesseits der Leinwand sehr schätzte.

Alice allein nicht zu Haus

Dann aber folgt eine Passage, in der Alice geschlagene zwanzig Minuten allein und textlos bestreitet, das ist schon ungewöhnlich und erfordert Aufmerksamkeit (belohnt sie aber auch). Sie bettet sich dort, hört nachts unheimliche Geräusche und eine vorher stillstehende Uhr geht wieder. Am nächsten Morgen ist sie allein im Haus, der Dampfkessel pfeift sie aber zum Kaffeekochen heran und das Frühstück steht ebenfalls bereit. Der Wagen ist repariert, aber Alice kann Schloss und Wald genauso wenig entfliehen wie Sam Neill einem Ort in John Carpenters „Die Mächte des Wahnsinns“ (1994). An einer unüberwindbar scheinenden Mauer trifft sie auf einen jungen Mann (André Dussolier), der seltsam passiv Hinweise auf die Ausweglosigkeit der Situation gibt; auch antwortet er konsequent nicht auf Fragen Alices. Selbiges wird sie bei ihrer Odyssee, die im Wesentlichen eine Solonummer bleiben wird, noch mit einem Jungen (eher ein Erwachsener im Körper eines Jungen; gespielt von Thomas Chabrol) und einem mittelalten Mann erleben. Schließlich macht sie an einer Tankstelle und in einem Café ähnliche Erfahrungen, ist also nur scheinbar entkommen. Der Schlussakt hat Déjà-vu-Charakter, bietet andererseits aber auch eine Erklärung an. Glücklicherweise ist das kein aufgesetztes Toterklären, worunter rätselhafte Psychothriller gelegentlich leiden – nicht unbedingt „Psycho“ (USA 1960), die (pardon the pun!) Mutter des Genres, aber zum Beispiel der wie „Alice …“ ziemlich surreale „Vier Fliegen auf grauem Samt“ (1971) von Dario Argento.

Geheimnis hinter der Tür

Argento und Chabrol sind bei allen Unterschieden in Stil, Themen und Drastik beide von Alfred Hitchcock beeinflusst – und, was bei Chabrol etwas weniger offensichtlich ist, von Fritz Lang. In Chabrols „Süßes Gift“ (2000) gibt die von Isabelle Huppert gespielte, gestörte Hauptfigur ihrem Film-Sohn einmal zwei Videokassetten, eine davon enthält Langs Psychothriller „Geheimnis hinter der Tür“ (1948). „Alice – Im Land der bösen Träume“ ist sogar Fritz Lang gewidmet. Und um ein Geheimnis hinter einer Tür geht es auch hier. Aber natürlich auch um die Welt hinter den Spiegeln, wie das in Lewis Carrolls Roman „Alice hinter den Spiegeln“ hieß. Nur, dass wir es hier nicht mit einem Kind und der Welt der Fantasie oder von mir aus auch der nahenden Pubertät zu tun haben, sondern mit einer jungen Frau und einer Welt des Todes. Chabrols Alice-Version hat keinen Humor, sondern von Anfang an unterschwellige Bosheit. Man sollte den Film unbedingt zweimal sehen, lässt sich so doch etwas besser verstehen, dass Alice in einem Reich zwischen den Spiegeln gefangen ist, wohl zwischen Leben und Tod. Und das ist noch lange nicht der ganze Inhalt des Filmes. Man könnte sich zwar fragen, ob der Unfall die Strafe dafür ist, dass eine Frau mal eben ihren Mann verlässt, der zwar etwas betriebsblind an ihr vorbei zu reden und zu leben, aber keinesfalls böse zu sein scheint. Andererseits zeigt Chabrol seine Alice im Zwischenreich auch als starke Frau, was im Dialog (wenn es denn mal welchen gibt, ist er wichtig!) sogar explizit erwähnt wird. Sie lässt sich bald auf das Spiel des Dialogs ohne Fragen ein und schafft es, nicht durchzudrehen.

Emmanuelle kann spielen!

Dabei unterschlägt der Film nicht, wie schwierig das ist, und es ist ein Besetzungscoup, für Alice ausgerechnet Sylvia Kristel zu verpflichten, eine hauptsächlich für Erotikfilme bekannte Darstellerin. Alice wird von Kerlen jeglichen Alters umsorgt, aber von deren Big-Brother-artiger Omnipräsenz auch verunsichert. Einmal bestätigt und konterkariert Chabrol das Image seiner Hauptdarstellerin im selben Moment: Ja, Sylvia „Emmanuelle“ Kristel zieht blank, voll frontal, Brüste und Scham, aber Alice schämt und fürchtet sich, statt das zu zelebrieren. In ihrer auch allegorischen Nacktheit schutzlos statt in ihrem Element.

Stilistische Finessen

Der Film setzt Stilmittel virtuos ein, sodass es trotz oder wegen des gemächlichen Tempos einiges zu entdecken gibt. Manchmal sagt bereits ein überirdisch weichzeichnendes, gleißendes Licht, dass wir nicht so ganz in dieser Welt sind. Die Farben von Alices mehrmals wechselnden, stets einfarbigen Kleidern wären für Exegeten wie beispielsweise Susanne Marschall eine rechte Freude – die Filmwissenschaftlerin hat sich mit der Arbeit „Farbe im Kino“ habilitiert. Das Weiß des Himmels, das Schwarz des Todes, das Rot der Hölle und noch einiges mehr, passend auch zu der Déjà-vu-Schleife gegen Ende sich wiederholend. Und das ist lange nicht alles. Metaphorisch werden Vögel eingesetzt (ob Chabrol da wieder der Hitchcock-Fan und -Buchautor ist?), die Gefahr und Chaos in eine Ordnung bringen. Hier ist einmal ein Vogel anscheinend tot, ein anderes Mal setzt der erwähnte Junge Vögel aus dem Käfig in die Freiheit – aber, so heißt es und wird es auch gezeigt, der Vogel sei zu dumm, das zu erkennen: Ist er im Freien, schafft er es, ist er im Schloss, kommt er nicht hinaus und landet schließlich am Boden. Auch Alice wird lernen müssen, zu erkennen, wann ihr ein Weg in die Freiheit gegeben wird und wie sie ihn nutzen kann.

Weitere Auffälligkeiten: Auf einer Türschwelle steht Alice während der Credits, durch Dunkelheit von ihrem Mann getrennt. Auf einer Schwelle wird sie faktisch fast den ganzen Film stehen, der Weite des ländlichen (aber hier „ortlosen“) Frankreich ungeachtet. Die Windschutzscheibe geht nicht einfach kaputt, sondern sie splittert so, dass noch nichts herausgebrochen, aber die Durchsicht völlig unmöglich ist. Auch Alices Leben löst sich dergestalt in seine Bestandteile auf, dass sie eine Barriere erstmal wird durchbrechen müssen, um „hinter das Glas“ zu sehen oder auch ein “Geheimnis hinter der Tür“ zu lüften. Sogar bei Chabrols geliebtem Essen eine Allegorie: Bei einem Omelette werden Eigelb und Eiweiß „auf die alte Art, nämlich getrennt“ zubereitet, weil sich doch zwei so unterschiedliche Elemente nicht in die gleiche Garzeit fügten. Auch Leben und Tod gehen in diesem Zwischenreich, in das Alice geraten ist, nicht Hand in Hand, obwohl man ja sonst immer sagt, das eine gehöre zum anderen dazu. Im Niemandsland stehen sie aber auf der jeweils anderen Seite der Ein- und der Ausgangstür. Noch fügt sich nichts, da ist der französische, auf die musikalische Form der Fuge anspielende Titel tatsächlich besser.

Erklärungen?

Wir merken schließlich, dass Alice offenbar tatsächlich eine Art von Wahl hat, was sie aus ihrem Leben (?) macht. Sie muss es nur wollen, und da ist der Film durchaus auch religiös. Vielleicht ist der junge Mann (ganz in Weiß), den Alice (ganz in Schwarz) an der anscheinend unüberwindbaren Mauer trifft, ein Engel. Rückschauend (am Ende gibt der Hausherr eine Erklärung, wo der Ausgang zum Leben gewesen wäre) ergäbe das Sinn, obwohl diese Figur Hilfe verweigert. Aber schließlich sagte schon Martin Luther: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Vielleicht will sie aber nicht nur hinaus, sondern vor allem Erkenntnis gewinnen. Einmal beißt sie in Großaufnahme in einen Apfel. Wir wissen, dass das damals bös ausging (wobei die Bibel nie erwähnt, dass es grad ein Apfel gewesen ist, sich das aber in der Folklore durchgesetzt hat). Aber wie gesagt, der Film ist viel komplexer als eine reine Sündensühne, und am Ende wird Alice ihren Weg (ich sage nicht, welchen) gehen. Was sie dort erwartet, sehen wir nicht mehr. Aber dieser Ort ist, darauf hatte eine Erklärung des Hausherrn vorher hingewiesen, lange nicht so, wie man sich ihn vorstellt. Was moralisch einigermaßen beunruhigend und dennoch von gewisser Verlockung ist – und da sind wir dann wieder ganz bei Chabrol.

Fazit und Technisches

Chabrol hat der Ausflug ins Surreale durchaus gutgetan und er schafft es, ihn so zu präsentieren, dass es auch uns faszinieren kann. Dazu muss man sich aber auf das gemächliche Mäandern einlassen. Sicherlich nicht jedermanns Sache und auch für mich immer noch ein ganz klein wenig zu zäh. Da geht es mir aber zugegebenermaßen wie Antonio Salieri in „Amadeus“ (1984): Mozart verwende zu viele Noten, da könnten doch einige raus. Als Mozart fragt, welche denn, muss Salieri verstummen. Und das müsste ich, gefragt nach dem Ansetzen der Schere, ebenfalls. Also kann ich nur jedem empfehlen, den das Fantasy-Drama einfach selbst zu sehen. Die DVD bietet deutschen und französischen Ton und ein altersangemessen gutes, manchmal etwas verwaschenes Bild. Genau richtig für alle, die – wie ich – meinen, dass ein ultrascharfes Aufpolieren wider den Geist des Originals sein kann.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Claude Chabrol haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 31. Januar 2020 als DVD

Länge: 89 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Alice ou la dernière fugue
F 1977
Regie und Drehbuch: Claude Chabrol
Besetzung: Sylvia Kristel, Charles Vanel, Jean Carmet, Fernand Ledoux, François Perrot, Thomas Chabrol, André Dussolier, Bernard Rousselet
Zusatzmaterial: Wendecover
Label: MT Films
Vertrieb: Cargo Records

Copyright 2020 by Tonio Klein

Unterer Packshot: © 2020 MT Films

 

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