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Funny Man – Irre Konkurrenz für Chucky und den Leprechaun

02 Apr

Funny Man

Von Andreas Eckenfels

Horrorkomödie // „Haben Sie auch Staub gewischt?“, fragt der arrogante Musikproduzent Max Taylor (Benny Young) süffisant, nachdem er von Mitspieler Callum Chance (Christopher Lee) dessen alte Familienvilla in England beim Pokerspiel gewonnen hat. „Sie sind ein witziger Bursche, Mr. Taylor“, antwortet Chance, „aber ich kenne noch witzigere. Sie werden schon sehen …“

Mr. Chance verspielt seine Familienvilla

Während Max mit Gattin Tina (Ingrid Lacey) und den zwei Kindern zum Anwesen vorausfährt, macht sich sein Bruder Johnny (Matthew Devitt) in einem Lieferwagen mit ein paar Umzugskisten auf den Weg. Auf seiner Reise gabelt er ein paar seltsame Anhalter auf. Was die Gruppe bei ihrer Ankunft nicht ahnt: Max und Familie haben bereits unwissentlich einen mörderischen Harlekin (Tim Jones) im Haus zum Leben erweckt, der seine fröhlich-fiesen Spielchen mit den Neuankömmlingen treibt.

Dort treibt der Funny Man sein Unwesen

Eigentlich wollte der englische Regisseur Simon Sprackling mit ein paar Freunden Anfang der 1990er-Jahre für eine Handvoll britischer Pfund einen ernstzunehmenden Horrorfilm drehen, doch Tim Jones ging in seiner Rolle als Funny Man dermaßen irrsinnig ungezügelt auf, dass das ursprüngliche Konzept geändert wurde. Aus dem geplanten Schocker „Hand of Fate“ wurde die Horrorkomödie „Funny Man“. Dass während des Drehs, bei dem passenderweise unter anderem ein ehemaliges Irrenhaus als Kulisse diente, recht schnell auch das komplette Skript über Bord geworfen wurde, lag wohl auch am gesteigerten Alkohol- und Drogenkonsum aller Beteiligten. Weil auch immer wieder Crewmitglieder aus unterschiedlichen Gründen nur kurzfristig bei dem Projekt dabei sein konnten oder komplett absagten, war somit von den Filmemachern besonders eine Fähigkeit gefragt: großes Improvisationstalent!

Tina lernt gleich ihren neuen Mitbewohner kennen

Das fehlende Drehbuch merkt man „Funny Man“ jederzeit an. Viele Szenen wirken den Umständen entsprechend wild aneinandergereiht. Ein Großteil der Schauspielerleistungen ist nicht der Rede wert. Sprackling beweist auch bei Weitem nicht das inszenatorische Talent eines frühen Peter Jackson, dennoch schlägt sein Regiedebüt in seiner Machart in eine ähnliche Kerbe wie etwa „Bad Taste“ (1987): Die handgemachten Splattereffekte überzeugen im Rahmen des geringen Budgets und es gibt eine ordentliche Prise absurden Humors. Dazu zaubert Sprackling mit dem schon erwähnten Tim Jones, der die gelungene Maske voller Stolz trägt, ein urkomisches Ass aus dem Ärmel.

Irrer Harlekin in Action

Als Funny Man kennt Jones kein britisches Understatement und darf herrlich verrückt die Sau rauslassen: Der irre Harlekin spielt mit einem abgeschlagenen Kopf Fußball, lässt Max’ Tochter in Flammen aufgehen und ballert der Anhalterin Thelma (Rhona Cameron), die mit voller Absicht so wie Velma aus der „Scooby-Doo“-Zeichentrickserie kostümiert wurde, im wahrsten Sinne des Wortes das Hirn aus dem Schädel. Somit muss sich der Funny Man mit seinem blutigen Treiben nicht vor ähnlichen Killern wie dem Kobold Leprechaun oder der Mörderpuppe Chucky verstecken. Wenn Funny Man dann auch noch verschiedene Outfits trägt – ja, auch übergroße Gummibrüste sind dabei – und seine Opfer wie Freddy Krueger in surreale Traumwelten entführt, erkennt man, zu welch ungeahnten Kreativschüben Sprackling und Kollegen fähig waren, wenn sie zuvor nur ausreichend Flüssig- und Rauchwaren zu sich genommen hatten. Wie hätte die Horrorkomödie nur ausgesehen, wenn alle nüchtern ihren Job verrichtet hätten?

Christopher Lee kehrt zurück

Als „zielstrebig, enthusiastisch und professionell“ bezeichnet der große Christopher Lee auf jeden Fall die jungen Filmemacher in einem Interview, welches im Bonusmaterial zu finden ist. Simon Sprackling gelang es tatsächlich, Lee aus dem Horrorruhestand zurückzuholen. 22 Jahre habe er keinen Horrorfilm mehr gedreht, erzählt der „Dracula“-Star. Ob sich Lee hier vielleicht ein wenig verrechnet hat – man denke nur etwa an „Die Braut des Satans“ (1976) oder „Das Haus der langen Schatten“ (1983) – lassen wir mal dahingestellt. Das Skript zu „Funny Man“ sei überaus originell gewesen, außerdem wolle er junge Talente aus seinem Heimatland gern unterstützen, nennt er als Gründe für seine Zusage. Lees Gastauftritt wurde innerhalb eines Tages abgedreht. Viel zu tun hat er als Callum Chance nicht, aber alleine seine Präsenz adelt natürlich jeden Film – gerade auch Low-Budget-Produktionen und Erstlingswerke.

Deutschland-Premiere im Mediabook

Wie das erste Treffen zwischen Sprackling und Lee verlaufen ist, erfahrt ihr im Booklet des Mediabooks von Wicked-Vision Media. Bei dem mit einem großen Augenzwinkern geschriebenen Text handelt es sich diesmal um das persönliche Produktionstagebuch des Regisseurs, in dem er auch über etliche Eskapaden während des Drehs berichtet. Im Vereinigten Königreich genießt „Funny Man“ einen gewissen Kultstatus, was auch an der derben Sprache und den One-Linern des Harlekins begründet ist. Hierzu findet sich im Booklet ein kleines Wörterbuch mit Begriffserklärungen. Überhaupt ist die Deutschland-Premiere von „Funny Man“, der bislang hierzulande nur ab und an im TV zu sehen war, äußerst liebevoll gestaltet.

Der Harlekin liebt Verkleidungen …

Sogar den Copyright-Hinweis nach Einlegen der Blu-ray hat sich der lustige Kerl einverleibt. Und wer vom Titelsong und den restlichen Liedern nicht genug bekommen kann, für den liegt sogar der komplette Soundtrack mit 19 Tracks auf CD bei. Der Wicked Vision Distribution GmbH ist hier mit dem Segen von Regisseur Simon Sprackling wirklich die ultimative Edition von „Funny Man“ gelungen, bei der keine Wünsche offenbleiben. Wer Splatterkomödien mit einem Hang zu abseitigem Humor mag, sollte bei diesem limitierten 4-Disc-Mediabook zugreifen. Vielleicht habt ihr noch Glück und erhaltet im Online-Shop von Wicked Vision ein vom Regisseur signiertes Exemplar.

… und hochhackige Schuhe

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Christopher Lee haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 28. Februar 2020 als 4-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray, DVD, Bonus-DVD & Soundtrack-CD) in drei Covervarianten (A: 444 Exemplare, B & C: je 333 Exemplare)

Länge: 94 Min. (Blu-ray), 90 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Funny Man
GB 1994
Regie: Simon Sprackling
Drehbuch: Simon Sprackling
Besetzung: Tim James, Christopher Lee, Benny Young, Ingrid Lacey, Pauline Black, Matthew Devitt, Chris Walker, Rhona Cameron
Zusatzmaterial: 24-seitiges Booklet mit Produktionsnotizen von Regisseur Simon Sprackling, Audiokommentar mit Regisseur Simon Sprackling und Darsteller Tim James, Vorwort von Regisseur Simon Sprackling, Making-of: „Sorting Funny Man“, Featurette: „Who the Fuck Is Tim Jones?“, Interview mit Simon Sprackling, Interview mit Christopher Lee, Outtakes, Deleted Scenes, „Hand of Fate” aka „The Funny Man“: Der Kurzfilm, Kurzfilm „Piss Artist”, Social Media Promo, Pop Promo, Originaltrailer, Trailer zu „Hand of Fate”, Artwork-Galerie, Bildergalerie, Soundtrack-CD mit dem Original Motion Picture Soundtrack zum Film (19 Tracks)
Label/Vertrieb: Wicked Vision Distribution GmbH

Copyright 2020 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos & untere 3 Packshots: © 2020 Wicked Vision Distribution GmbH

 
 

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Eine Antwort zu “Funny Man – Irre Konkurrenz für Chucky und den Leprechaun

  1. Christoph Wolf

    2020/04/02 at 06:14

    Klingt nach einem Film für mich 🙂

     

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