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Für das Leben eines Freundes – Was würdest du tun?

11 Apr

Return to Paradise

Von Philipp Ludwig

Drama // Als Jahrgang 1985 bin ich ein waschechtes Kind der 1990er-Jahre. Glücklicherweise hat mich jedoch weniger die Musik dieses durchaus kuriosen Jahrzehnts geprägt – es war in erster Linie das Medium Film, mit dessen Hilfe ich mich kulturell sozialisiert habe. Bereits als Fünfjähriger konnte ich mit „Kevin allein zu Haus“ und „Arielle, die Meerjungfrau“ meine ersten, äußerst prägenden Kinoerfahrungen sammeln. Von dort an gab es für mich quasi kein Zurück mehr auf dem Weg zum Filmnerd aus Leidenschaft. Was man filmisch konsumieren konnte – sei es zu Hause oder im Kino –, wurde verschlungen. Die örtliche Videothek wurde beim beschwerlichen Prozess des Heranwachsens mein persönlicher Wallfahrtsort und die Tätigkeit des Videothekars ein ernstgemeinter Berufswunsch (tragikomische Soundgeräusche bitte jetzt einblenden).

Ode an ein tolles Kino-Jahrzehnt

Und was waren die 1990er filmisch bitte für eine tolle Zeit? Es schien, als sei alles möglich. So gab es einerseits technisch innovative Meisterwerke wie „Jurrassic Park“, aber auch verstörende Dramen wie „Schindlers Liste“. Toll inszenierte, aber historisch hanebüchene Schlachtenepen wie „Braveheart“ im Wechsel mit irrwitzigen Actionkomödien wie „Last Action Hero“ oder gelungenen Fortsetzungen der „Lethal Weapon“- und der „Stirb Langsam“-Reihe. Eine Wiederbelebung des Horrorgenres durch moderne Schocker wie „Scream“ oder düstere Thriller wie „Sieben“, die durch den Klamauk zahlreicher Jim Carrey-Filme wieder aufgelockert wurden. Nicht zu vergessen knallbunte Sci-Fi-Orgien wie „Das Fünfte Element“ oder spektakuläre Alieninvasionen a la „Independence Day“. Zum Ende des Jahrzehnts kam für mich persönlich nicht nur der Schrecken der Pubertät in vollen Zügen angerauscht, sondern zum Glück auch ein wahrer Höhepunkt der filmischen Entwicklungen. Nicht umsonst bezeichnet der amerikanische Filmjournalist Brian Raftery in seinem Buch das Jahr 1999 als „Best. Movie. Year. Ever.“ „Matrix“, „American Beauty“, „Fight Club“ und so weiter – was für ein Jahr. Das neue Millennium stand samt befürchtetem digitalen Weltuntergang vor der Tür, mit der Neuentwicklung der DVD wurde das heimische Filmeerlebnis in ganz neue Sphären gehoben und ich machte als pickliger Teenie weiterhin das, was ich am liebsten machte: Allein (oder mit Freunden) auf die Couch und vor die Glotze. Ach, du schöne Nostalgie.

In Malaysia zum Tode verurteilt: Das Leben von Lewis steht auf dem Spiel

Auch das Drama „Für das Leben eines Freundes“ fällt in diese Zeit. Ich kann mich noch gut daran erinnern, den Film damals zwar gesehen zu haben, aber im Vergleich zu anderen Werken seiner Zeit blieb dann doch erstaunlich wenig hängen. Einzig die verstörenden Szenen eines inhaftierten jungen Mannes im malaysischen Gefängnis waren in meinem Gedächtnis noch aktiv, als ich nun das Rezensionsexemplar des kürzlich hierzulande erstmals auf Blu-ray erschienenen Werkes erhielt. Obwohl im Großen und Ganzen ansprechend inszeniert und gerade aus heutiger Sicht beeindruckend besetzt (dazu später mehr) – irgendwie blieb es der filmischen Moralstudie von Regisseur Joseph Ruben („The Stepfather“, 1987) verwehrt, in den illustren Kreis der ganz großen 1990er-Jahre-Klassiker aufgenommen zu werden. Doch woran kann dies gelegen haben?

Wird Anwältin Beth Sheriff zur Mithilfe bewegen können?

Darum geht es: Die Freunde John „Sheriff“ Volgecherev (Vince Vaughn) und Tony Croft (David Conrad) verbringen einen fünfwöchigen Urlaub in Malaysia. Dort lernen sie ihren Landsmann Lewis McBride (Joaquin Phoenix) kennen, der als Sohn reicher Eltern und idealistischer „Baumfreund“ (Zitat Sheriff) einen Zwischenstopp auf seinem Weg nach Borneo einlegt, wo er in einer Aufzuchtfarm für Orang-Utans auszuhelfen plant. Die drei jungen Männer werden zu einer unzertrennlichen Gemeinschaft und erleben vor einer fernöstlichen Traumkulisse Wochen voller Partys, Alkohol, Marihuana, Frauenbekanntschaften sowie einheimischer Gepflogenheiten. Zeitsprung, zwei Jahre später: Sheriff und Tony sind längst wieder in ihr New Yorker Alltagsleben zurückgekehrt. Sheriff in seinen Job als Fahrer einer Luxuslimousine, Tony als frisch verlobter und beruflich aufstrebender Architekt. Eines Tages steht bei den beiden Freunden, die mittlerweile den Kontakt zueinander verloren haben, die junge Anwältin Beth (Anne Heche) auf der Matte. Diese vertritt den alten Reisegefährten Lewis, der unmittelbar nach der Abreise von Sheriff und Tony vor zwei Jahren von der malaysischen Polizei festgenommen wurde. Da die Freunde ihm den gemeinsamen Haschischvorrat dagelassen hatten, droht ihm aufgrund der großen Menge in dem strengen Land nun die Todesstrafe. Letzter Ausweg: Sheriff und Tony kehren nach Malaysia zurück und bekennen sich mitschuldig. Sie müssten in dem Fall dort zwar für drei Jahre ebenfalls ins Gefängnis, aber Lewis’ Leben wäre gerettet. Doch die Zeit drängt, denn dessen geplante Hinrichtung soll bereits in einer Woche vonstattengehen. Wie weit sind die jungen Männer bereit, für das Leben ihres Freundes zu gehen?

Ein Leben vor dem Joker?

Betrachtet man den Film unter dem Eindruck gegenwärtiger Entwicklungen, so kommt man wohl nicht umhin, in erster Linie die Präsenz von Joaquin Phoenix wahrzunehmen. Seit dessen letztjähriger Jahrhundertperformance als „Joker“, samt wohlverdienter Oscarwürden, ist der so streitbare wie idealistische Charakterdarsteller zu Recht in aller Munde. Dass er nun nicht erst seit „Joker“ seine Duftmarke in der Kinowelt hinterlassen hat, dürfte den meisten Filmkennern natürlich keine besonders neue Erkenntnis sein. Bereits für beeindruckende Darstellungen wie beispielsweise die des Johnny Cash oder gar Jesus Christus, aber auch in Filmen wie „Her“ hätte er schon weit vorher mal einen Goldjungen verdient gehabt. In „Für das Leben eines Freundes“ kann man nun einen Blick auf die frühen Jahre des Schaffens eines der besten Darsteller unserer Zeit werfen. Der damals 24-jährige Phoenix war dank vorheriger Rollen schon kein Unbekannter und zeigt auch hier bereits sein beeindruckendes Talent. Der Wandel seiner Figur Lewis vom idealistischen und feinfühligen Naturfreund zum gebrochenen Häftling und aufgrund von Todesangst verstörten jungen Mann geht einem wahrlich bis ins Mark.

Beth (r.) muss sich zudem mit der Journalistin M. J. Major arrangieren

Doch abseits seiner auch damals schon herausragenden Leistung und des gegenwärtigen Trubels um seine Person – Joaquin Phoenix nimmt in „Für das Leben eines Freundes“ eher eine Nebenrolle ein. Im Vordergrund stehen dessen Kumpel Sheriff und die unermüdliche Anwältin Beth. Es zeigt sich auch hier, dass der Film bis heute dank seiner tollen Darstellerinnen und Darsteller punkten kann. Insbesondere der damals 28-jährige Vince Vaughn entpuppt sich als Volltreffer. Durch seine physisch ansprechende Erscheinung vermag er es, gepaart mit seinem darstellerischen Talent für oberflächlich emotional kühl wirkende Figuren, Sheriff zwischen einem latenten Hang zum Großmaul, sensibler Verletzlichkeit sowie vor allem Zerissenheit durch seine bestehende Loyalität zu Lewis passend und gekonnt zu verkörpern. Gerade die Widersprüchlichkeit zwischen seiner mitunter großen Klappe und dem vermeintlich fehlenden Mut vor den Konsequenzen für das eigene Handeln wirken glaubwürdig. Ebenso überzeugt Anne Heche als Anwältin Beth, die mit allen Tricks versucht, ihrem Mandanten zu helfen. Die Amerikanerin, die sich zum Jahrtausendwechsel auf ihrem Karrierehöhepunkt befand, vermag auch Beths inneres Ringen zwischen einer ungebrochenen Loyalität zu Lewis und aufkommenden Gefühlen zu Sheriff einfühlsam darzustellen.

Eine Frage der Moral

Besonders überzeugen kann der damals in erster Linie als Thriller-Experte bekannte Regisseur Ruben allerdings durch die geschickte Inszenierung eines tiefgründigen moralischen Dilemmas: Ist man tatsächlich dazu bereit, einem alten Kumpel, den man vor zwei Jahren mal für fünf Wochen kannte, aus der Patsche zu helfen und dafür ein paar Jahre des eigenen Lebens zu opfern? Und hat man überhaupt eine Wahl, wenn man bedenkt, ihn selbst mit in diese Situation gebracht zu haben? Gerade Sheriff hat daher besonders zu kämpfen mit seinen tiefen Schuldgefühlen gegenüber Lewis – war er es doch, der durch eine Unachtsamkeit für den verheerenden Polizeibesuch nach der eigenen Abreise sorgte. Auch wenn die ganze Geschichte selbstverständlich ein wenig überspitzt wirkt und wohl kaum jemand von uns in einer gleichen Lage war, begleitet einen dennoch der innere Kampf des Hauptprotagonisten sowie dessen ehemaligen Kumpels Tony und führt uns ständig mit der Frage konfrontiert: Was würde ich an ihrer Stelle tun? Denn nur allzu leicht vermag man über die beiden jungen Männer zu urteilen und deren Egoismus oder fehlenden Mut anzuprangern. Doch ist es ihnen wirklich zu verübeln? Bei der Aussicht auf drei Jahre Gefängnis in einem strengen Land mit einem wenig komfortablen Justiz- und Vollzugsystem? Und kann man der schwer einzuschätzenden Beth überhaupt trauen, dass der versprochene Deal nicht gar schlimmer ausfallen wird, als von ihr versprochen?

Jospeh Ruben bedient sich mit „Für das Leben eines Freundes“ bei der französischen Vorlage „Der Preis der Freiheit“ (1989) von Pierre Jolivet. Der Regisseur macht dabei einiges richtig. Neben der zuvor genannten, die Zuschauer moralisch fordernden Grundfragestellung und den tollen Darstellerführungen betrifft dies insbesondere seinen visuellen und narrativen Inszenierungsstil. Die malerischen malaysischen Strände (die in Wirklichkeit in Thailand liegen) wirken wahrhaft paradiesisch. Der Originaltitel passt dann auch gut: „Return to Paradise“ – doch bei der „Rückkehr ins Paradies“ Malaysia wartet mit drei Jahren Knast eben gerade alles andere als ein Paradies. Die Großstadt Pangnam (die wiederum Hongkong ist) wirkt wuselig und voller Leben. Umso verstörender wirken diese Bilder von „Gottes eigener Badewanne“ (erneutes Zitat Sheriff) später im Kontrast zum äußerst kargen Gefängnisleben von Lewis oder den kühlen und hektischen, meist bei Nacht gefilmten Szenen in New York City. Doch warum wird „Für das Leben eines Freundes“ denn nun wirklich trotz all dieser Voraussetzungen gegenwärtig nur selten in einem Atemzug mit anderen Klassikern seiner Zeit genannt?

Die Berufungsverhandlung am Tag vor der geplanten Hinrichtung ist Lewis’ letzte Chance

Dies dürfte in erster Linie daran liegen, dass dann doch einige Dinge nicht wirklich rund sind. So hätte eine längere Exposition durchaus Sinn ergeben oder zumindest weitere vereinzelte Rückblicke auf den gemeinsamen Urlaub, um die freundschaftlichen Bande zwischen den drei Männern noch etwas mehr herauszustellen und der Dramatik zusätzliche Kraft zu verleihen. Und so toll die jeweiligen Darstellerinnen und Darsteller den inneren Kampf ihrer Figuren um eine persönliche Entscheidungsfindung präsentieren – mitunter verläuft sich dieser für das Drama so zentrale Prozess ein wenig. Auf Zuschauerseite kann es somit schwerfallen, stets alle getroffenen Entscheidungen der jeweiligen Protagonisten auch wirklich nachzuvollziehen oder immer zu wissen, wer nun gerade bereit ist, nach Malaysia zurückzukehren oder eben nicht. Und vor allem, unter welchen Beweggründen. Obendrein wirkt das Ende nach dem mühevoll vollzogenen narrativen Aufbau leider ein wenig gehetzt und darüber hinaus in Teilen zu sehr auf ein Happy End für manche Beteiligte ausgelegt.

Frischer Look für einen vergessenen Filmklassiker

Es lohnt sich dennoch, sich dieses tolle Stück Filmgeschichte in neuem Glanz erneut anzuschauen. Oder zum ersten Mal eine Chance zu geben, je nachdem. Zudem ist es natürlich spannend, hier einen Blick auf das frühe Schaffen gleich mehrerer bis heute allgegenwärtiger Vertreter des Schauspielgewerbes zu werfen. Hier sei neben den bereits Genannten abschließend auch auf Jada Pinkett Smith und Vera Farmiga (in ihrer ersten Kinorolle) verwiesen, die in weiteren Nebenrollen zu sehen sind. Die technische Umsetzung von „Für das Leben eines Freundes“ als Erstveröffentlichung auf Blu-ray ist jedenfalls sehr gelungen und wertet das alte Werk visuell und auditiv in allen Belangen auf. Man sollte sich aber nicht vom Hauptmenü abschrecken lassen, denn die darin kurz gezeigten Filmausschnitte ließen aufgrund ihrer mitunter mangelhaften Qualität doch um eine arge Verschlimmbesserung fürchten. Zum Glück bestätigen sich diese Befürchtungen nicht.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Joaquin Phoenix und Vince Vaughn haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Wird Sheriff (r.) seinem alten Freund helfen?

Veröffentlichung: 21. Februar 2020 als Blu-ray und DVD, 27. Juni 2013 als DVD

Länge: 112 Min. (Blu-ray), 107 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Return to Paradise
USA 1998
Regie: Joseph Ruben
Drehbuch: Wesley Strick und Bruce Robinson, nach einer Vorlage von Pierre Jolivet und Olivier Schatzky („Der Preis der Freiheit“, 1989)
Besetzung: Vince Vaughn, Anne Heche, Joaquin Phoenix, David Conrad, Jada Pinkett Smith, Vera Farmiga
Label/Vertrieb 2020: justbridge entertainment GmbH
Label/Vertrieb 2013: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2020 by Philipp Ludwig

Szenenfotos & untere Packshots: © 2020 justbridge entertainment GmbH

 

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