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Mordanklage gegen einen Studenten – Alle sind gleich, aber manche sind gleicher

24 Apr

Imputazione di omicidio per uno studente

Von Ansgar Skulme

Politdrama // Bei einer studentischen Demonstration kommt es zu einem Zusammenstoß mit der Polizei, der Todesopfer auf beiden Seiten fordert. Der Student Trotti (Luigi Diberti) wird daraufhin des Mordes beschuldigt, obwohl es keine Beweise gibt. Während die Polizei wütend über das Opfer in den eigenen Reihen ist und ein schnelles Exempel zu statuieren versucht, will der wirkliche Täter Fabio Sola (Massimo Ranieri), dessen Vater (Martin Balsam) den Fall als zuständiger Richter bearbeitet, verhindern, dass sein Freund für ihn die Strafe antreten muss. Er kann sich jedoch nicht sofort stellen, wenn er gleichzeitig bewirken will, dass der Mörder des getöteten Studenten mit gleichem Maß bewertet und mit gleichem Aufwand unter den Polizisten ermittelt wird, ehe der Fall einseitig abgehandelt zu den Akten gelegt werden kann.

Das politische Kino der 70er-Jahre schaffte es in Europa vor allem in Italien und Frankreich auf ein besonders hohes und über Jahre konstantes Niveau, mit vielen guten Beiträgen. „Mordanklage gegen einen Studenten“ ist ein filmischer Höhepunkt dieser Epoche. Im Allgemeinen bisher eher wenig bekannt, selbst im Herkunftsland Italien offenbar noch nicht mit einer DVD gewürdigt worden, dafür aber in Frankreich und Spanien. Bezeichnend, dass man so gerade auf diese drei westeuropäischen Länder zu sprechen kommt, denn grundsätzlich ist zu wünschen, dass auch aktuelle Filme aus Spanien, Italien und Frankreich im deutschen Raum, vor allem im Kino, öfter gezeigt werden würden – insbesondere das Spannungs-, Thriller- und Action-Kino aus diesen Nationen ist derzeit leider stark unterschätzt, Italien und Spanien dabei noch mehr als Frankreich. Zum Zeitpunkt des Drehs von „Mordanklage gegen einen Studenten“ hatte das italienische Kino über alle Genregrenzen hinweg ein recht großes Gewicht innerhalb Europas und der Welt. Der Film hat mittlerweile allerdings schon fast 50 Jahre auf dem Buckel, was man seinen zeitlosen Themen und der zeitlosen Machart absolut nicht anmerkt.

Kinder, die wie ihre Eltern werden sollen, aber eine andere Gesellschaft wollen

Die große Stärke von „Mordanklage gegen einen Studenten“ ist, wie er es schafft, das politische Drama auf eine ungewohnt persönlich enge Ebene zu befördern und dabei ein letztlich allgegenwärtiges Thema der Menschheit – den Generationenkonflikt – mit einem großen Bemühen um faire Abwägung von Argumenten zu beleuchten. Der Film macht eindringlich den engen Zusammenhang von politischem Geschehen und sozialem, sogar familiärem Alltag transparent. Die Konstellation, dass der Täter und der Richter aus demselben Haushalt kommen, mag man zwar als drastische Überspitzung werten, sie ist aber eine solide Grundlage, um die Entfremdung innerhalb vieler Familien, die politisch bedingt sein kann oder aber zumindest politische Relevanz zu bekommen vermag, zu unterstreichen. So kommt ein argumentativer Diskurs im Film zustande, der konstant auf einer Ebene geführt werden kann, die sowohl das Privatleben als auch die Öffentlichkeit betrifft.

Man kann diesen Film daher als eine Art indirekt entstandenen Gegenentwurf zum ebenfalls in den Siebzigern zur Blüte gelangten Paranoia-Kino sehen, das im Endeffekt davon dominiert wird, dass die politischen Geschehnisse nun einmal oft undurchschaubar sind und damit einher eine gewisse Hoffnungs- und Machtlosigkeit vermittelt. „Mordanklage gegen einen Studenten“ zeigt stattdessen auf, dass der politische Alltag letztlich eben doch im Dialog der Generationen und somit meist schon am heimischen Abendbrottisch beginnt – was eine völlige Macht- und Hoffnungslosigkeit folglich keineswegs nahelegt. Zwar spielt der Film vor dem Hintergrund einer relativ starken Rechts-Links-Polarisierung im damaligen Italien, aber seine Denkansätze verweisen auf eine Ebene, die letztlich die politischen Konflikte in allen Nationen betrifft und zudem auch in der Zukunft aktuell bleiben wird.

Der Farbkasten des Polizei-Apparats

Eine kleine Schwachstelle dieses ungemein wichtigen Beitrages zum politischen Kino ist, dass die Polizisten sicherlich etwas differenzierter hätten dargestellt werden können. Allerdings ist dieser Schwachpunkt so groß nun auch wieder nicht, dass er den Film negativ aus irgendeinem Rahmen fallen lassen würde. Man wünscht sich dennoch ein wenig, die beiden ständig sogar untereinander im politischen Streit feststeckenden Ermittler aus Fernando Di Leos Gangsterthriller „Milano Kaliber 9“ (1972), in dem unter anderem Mario Adorf mitwirkte, würden auch hier auftreten. In Italien starteten beide Filme im Februar 1972; es hätte schon verdammt gut gepasst. Berühmt ist die Anekdote, dass Di Leo den Dialogen zwischen dem konservativen und dem linken Polizisten in „Milano Kaliber 9“ in der finalen Schnittfassung mehr Räume zugestand als es, aus seiner Sicht, für die Haupthandlung notwendig war, da ihm die schauspielerischen Darbietungen von Frank Wolff und Luigi Pistilli und die dabei aufgegriffenen politisch-gesellschaftlichen Streitthemen so gut gefielen. Eine derartige Gestaltung der Polizistenfiguren hätte „Mordanklage gegen einen Studenten“ um ein weiteres Level nach oben katapultiert. Frank Wolff kann man unter Mauro Bologninis Regie zumindest in „Metello“ (1970) sehen; die Hauptrolle in dieser Produktion spielte ebenfalls Massimo Ranieri – wie in „Mordanklage gegen einen Studenten“. Der 1951 geborene, damals blutjunge Ranieri war Anfang der Siebziger in insgesamt drei von Bolognini inszenierten Filmen als Protagonist zu sehen, unter denen „Metello“ gleichzeitig auch sein Filmdebüt gewesen ist.

Martin Balsam zeigt in „Mordanklage gegen einen Studenten“ einmal mehr, warum er eine Bereicherung für das italienische Kino darstellte und dort auch, wie im vorliegenden Film, mit zentralen Rollen betraut wurde, während er in Hollywood stets ein gefragter Charakterdarsteller, aber klassischer Nebendarsteller war, woran auch sein Oscar-Gewinn 1966 bedauerlicherweise nichts Elementares änderte. Balsam beherrschte es wunderbar, Rollenbildern, die ein relativ kaltherziges oder negatives Image haben, eine ungewöhnliche Menge an menschlicher Glaubhaftigkeit abzugewinnen – ohne deswegen gleich auf derartige Figuren abonniert gewesen zu sein. Das zeigt sich sowohl in „Mordanklage gegen einen Studenten“, wo er einen Repräsentanten des juristischen Systems Italiens spielt, als auch in „Im Dutzend zur Hölle“ (1973), mit seiner Verkörperung eines in die Jahre gekommenen Mafia-Paten.

Einen Vorzug des damaligen italienischen Kinos, der sich auch in „Mordanklage gegen einen Studenten“ zeigt, bilden ferner die des Öfteren sowohl narrativ als auch visuell und akustisch verschwimmenden Grenzen. Man bewegt sich in etlichen Filmen zwischen semi-dokumentarischen, politisch interessierten, gesellschafts-/sozialkritischen Aspekten, die geschickt und spannend als fesselnde Unterhaltung verpackt sind, somit zwischen Drama und gegebenenfalls Kriminal- oder Thriller-Handlung wandeln. Oft gehen auch Politik und Action erstaunlich gut im selben Film zusammen, wobei Action in „Mordanklage gegen einen Studenten“ kaum eine Rolle spielt. Ein Kino also, das vieles zu ergründen, zu durchleuchten und zu erklären versucht, aber trotzdem nicht unnötig hochtrabend philosophisch und belehrend daherkommt, vielmehr jedoch das sehr schlaue Potenzial birgt, sogar denjenigen Zuschauern hinterfragende, kritische Denkanstöße zu geben, die gar nicht allein deswegen ins Kino gehen würden.

Selten lag das Arthaus-Kino, mit manchmal sogar experimentellen visuellen und akustischen Ideen, so dicht mit dem Mainstream-Spannungskino und dem Genrekino beieinander wie im italienischen Film der 70er. Es kam unter Umständen sogar zum Zusammentreffen von Facetten, die man sicherlich „Kunstfilm-Aspekte“ nennen könnte, und typischen erzählerischen Gedankengängen des Mainstream-Kinos innerhalb der Handlung ein- und desselben Films – und das häufig mit brisanten Themen des aktuellen Zeitgeschehens kombiniert.

Der Vater von MacGyver

Erfreulicherweise wurde „Mordanklage gegen einen Studenten“ innerhalb der vergangenen Jahre noch gelegentlich in guter Bildqualität im deutschen Fernsehen gezeigt, dabei recht gut versteckt im Nachtprogramm des Ersten Deutschen Fernsehens. Wie man nun den Umstand werten will, dass ein Film dieser politischen Schlagkraft in der Bundesrepublik nie deutsch synchronisiert wurde, sondern nur in der DDR – dort aber auch schon recht bald nach dem italienischen Kinostart und nicht erst wesentlich später –, mag jeder für sich selbst einschätzen. Es war bei italienischen Filmen aus dieser Epoche – und nicht nur bei diesen – durchaus keine Seltenheit, dass sowohl in der BRD als auch von der DEFA jeweils eine eigene deutsche Synchronfassung angefertigt wurde. Irgendwelche Gründe dafür, dass der vorliegende Film demgegenüber in der Bundesrepublik geraume Zeit vergessen, missachtet oder unterschlagen wurde, muss es also gegeben haben. Das Vorhandensein einer DDR-Synchronfassung erklärt die Abwesenheit einer BRD-Synchro nicht automatisch, nur weil dieselbe Sprache gesprochen wird. Man darf das nicht insofern missverstehen, dass eine für die damalige Epoche zeitgenössische Synchronfassung aus der Bundesrepublik dahingehend wünschenswert oder nötig wäre, weil sie qualitativ oder schauspielerisch mutmaßlich eine Steigerung bedeuten würde. Handwerklich ist die DDR-Synchronfassung hervorragend und eine weitere Fassung so gesehen nicht nötig. Aber das Fehlen einer BRD-Synchronfassung weist bedauerlicherweise nach, dass der Film dem westdeutschen Publikum geraume Zeit nicht vorgeführt wurde. Erst 1986 kam es zu einer BRD-Videopremiere unter dem irreführend reißerischen Titel „Italian Streetfighters“, die kurioserweise aber auch die DEFA-Tonfassung beinhaltet. Martin Balsam hat in der deutschen Fassung die Stimme von Norbert Christian – Vater des späteren „MacGyver“-Sprechers Michael Christian –, der so ausgezeichnet passt, dass ich ihn sogar auf Augenhöhe mit meinem bisher favorisierten Balsam-Sprecher Gerhard Geisler („Psycho“, „Im Dutzend zur Hölle“) ansiedeln würde. Man muss allerdings fairerweise anmerken, dass sich für Martin Balsam verhältnismäßig viele durchaus gut funktionierende deutschsprachige Varianten finden.

Es bleibt zu hoffen, dass „Mordanklage gegen einen Studenten“ bald auf DVD oder Blu-ray einem breitgefächerten deutschen Publikum zugänglich gemacht werden wird. Ein kluger Film, den man unbedingt gesehen haben sollte. Das notwendige Ausgangsmaterial hinsichtlich Bild und Ton ist augenscheinlich bereits vorhanden und sogar für das deutsche Fernsehen schon wiederentdeckt worden – obwohl dieses das italienische Zeitgeschehen der 70er beleuchtende Drama- und Thriller-Kino im deutschen Fernsehen im Allgemeinen leider recht wenig präsent ist (teils vermutlich durch FSK-18-Freigaben bedingt). Man muss also eigentlich nur noch zugreifen – und das sei jedem Label und Zuschauer wärmstens ans Herz gelegt. Die Tatsache, dass „Betrachten wir die Angelegenheit als abgeschlossen“ (1973) den Sprung aus dem ARD-Blickfeld auf Blu-ray und DVD beim Label Camera Obscura bereits geschafft hat, als ein ebenfalls im Nachtprogramm des „Ersten“ vor Jahren mit DDR-Synchro ausgestrahlter italienischer Film aus demselben Zeitfenster und mit vergleichbarem politik-, sozial- und gesellschaftskritischem Anstrich, macht immerhin Mut.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Martin Balsam haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung (Frankreich): 5. September 2018 und 1. Juli 2009 als DVD

Länge: 99 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Imputazione di omicidio per uno studente
Deutscher Alternativtitel: Italian Streetfighters
Internationaler Titel: Chronicle of a Homicide
IT 1972
Regie: Mauro Bolognini
Drehbuch: Ugo Pirro, Ugo Liberatore
Besetzung: Massimo Ranieri, Martin Balsam, Valentina Cortese, Turi Ferro, Pino Colizzi, Salvo Randone, Luigi Diberti, Petra Pauly, Mariano Rigillo, Carlo Valli
Verleih: Documento Film / Compass Film

Copyright 2020 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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