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Archiv für den Monat Mai 2020

Fear Comes Home – Wer bleibt am Leben? Die Letzten von uns

The Mansion

Von Lucas Gröning

SF-Horror // Im Jahr 2013 brachte Videospielentwickler Naughty Dog das bis heute gefeierte Action-Adventure und Survival-Horror-Spiel “The Last of Us” heraus. Nach Durchschnittswertungen diverser Magazine und Online-Angebote zu schließen, gilt das Spiel qualitativ mindestens als eines der besten des vergangenen Jahrzehnts. Es war auch in puncto Verkaufszahlen ein Hit. Thematisch befasst sich das Action-Adventure mit einer in nicht allzu fern liegenden Dystopie, in welcher ein Virus den Großteil der Menschheit infizierte und sie zu Zombie-ähnlichen Kreaturen – sogenannte Clicker – mutieren ließ. Im Zentrum der Handlung steht der vom Spieler gesteuerte Erwachsene Joel, der den Auftrag bekommt, die junge Ellie aus Boston (oder besser gesagt dem, was von Boston übrig geblieben ist) nach draußen in ein Camp der Fireflys zu bringen, einer Widerstandsgruppe gegen das sich inzwischen an der Macht befindende Militär. Warum Ellie so wichtig ist, erfährt Joel zunächst nicht. In der Folge ziehen die beiden durch ein postapokalyptisches und vor Gefahren strotzendes Amerika.

Doku über Obama-Wahlkampf in den Südstaaten

Ebenfalls 2013 erschien ein Film, der in einigen Punkten erstaunliche Paralellen zu „The Last of Us“ aufweist und welchen nun, wenige Monate vor dem Release der Fortsetzung zu Naughty Dogs Erfolgsspiel, Tiberius Film fürs Heimkino veröffentlicht. Die Rede ist von „Fear Comes Home – Wer bleibt am Leben?“, inszeniert von Andrew Robertson. Es handelt sich um seine zweite Regiearbeit, zuvor hatte er 2009 „The Battle for Georgia“ inszeniert – die Dokumentation zeigt die Anstrengungen einer Schar Wahlkampf-Freiwilliger für Barack Obama in den letzten Wochen der US-Präsidentschaftswahl 2008 in der Südstaaten-Provinz von Georgia. Als Regisseur arbeitete Robertson seit 2013 bislang nur ein weiteres Mal: für eine Episode der Fernsehdokumentation „The Food Flirts“ (2018).

Zufluchtsort und Gefängnis zugleich: Das Haus von Jacks Familie

Die Geschichte des Films ist schnell erzählt: Vor einigen Jahren hat ein Virus einen Großteil der Menschheit ausgerottet, die Überlebenden kämpfen seitdem um die knappen Ressourcen. Im Zentrum der Handlung steht eine Familie, bestehend aus Vater Jack (Carter Roy), Mutter Nell (Amy Rutberg) und Tochter Birdie (Eva Grace Kellner), die sich in einem von dichtem Gehölz und einem Metallzaun umringten Haus befinden und versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Außer den dreien befindet sich außerdem der ältere Kyle (Chris Kies) in der Behausung, welchen die Familie vor einiger Zeit aufgenommen hat. Derweil streift die Bande des brutalen Rez (Travis Grant) rücksichtslos durchs Land, plündert die Ressourcen anderer Menschen und tötet diese mit äußerster Brutalität. Einer Brutalität und Rücksichtslosigkeit, die zu viel für das Gemüt des Gangmitglieds Russell (Sebastian Beacon) ist, der flieht und fortan von seinen ehemaligen Kumpanen gejagt wird. Als Russell vor der Tür der eingangs erwähnten Familie auftaucht, scheint eine Konfrontation mit der Bande von Rez unausweichlich.

Eine Referenz jagt die nächste

Die Paralellen zu „The Last of Us“ sind schon auf der Handlungsebene zu erkennen: ein alles zerstörender Virus, ein Vater und eine Tochter sowie böse Gangs, die durch die postapokalyptische Welt ziehen. Das allein reicht für einen Vergleich natürlich nicht aus, ähnliche Endzeit-Plots gibt es ja zuhauf. Die Paralellen gehen jedoch noch weiter. So ähnelt beispielsweise Jack frappierend dem „The Last of Us“-Protagonisten Joel. Das gilt nicht nur für Frisur und Bart, sondern auch für die Kleidung der beiden. Hinzu kommt, dass im Film zum Beispiel auch gezeigt wird, wie Jack eine Gasmaske aufsetzt, um sich in unbekanntem Gebiet nicht mit dem Virus zu infizieren, und Schränke und Schubfächer in leeren Häusern nach Ressourcen oder Medikamenten durchsucht – ein essenzieller Bestandteil des Spielprinzips von „The Last of Us“. Da beide Produkte im Jahr 2013 erschienen sind, ist es natürlich schwer nachweisbar, dass sich eines der Werke beim jeweils anderen bedient hat. Die Tatsache, dass Naughty Dog 2013 allerdings bereits ein etabliertes Entwicklerstudio war – man denke an die Reihen „Crash Bandicoot“ (seit 1996) und „Uncharted“ (2007–2017) – sowie der Punkt, dass es bereits im Vorfeld Spielszenen aus „The Last of Us“ gab, legen einen Vergleich jedoch nahe.

Russell (l.) spielt mit dem Gedanken, die Bande von Rez (r.) zu verlassen

Auch bei anderen Werken bediente sich „Fear Comes Home – Wer bleibt am Leben?“ fleißig. Die Musik erinnert sehr stark an jene aus John Carpenters „Das Ding aus einer anderen Welt“ (1982) und das vom Metallzaun eingeschlossene Fort verweist teilweise auf die Festung in der dritten Staffel der Fernsehserie „The Walking Dead“ (2013), genauso wie einige Establishing Shots, die direkt aus dem Intro der AMC-Serie stammen könnten. Der Film referenziert also jede Menge anderer Werke und zieht sich dabei durchaus interessante Aspekte heraus. Erreichen tut er dabei keines der angesprochenen Vorbilder, was jedoch nicht heißen soll, dass es sich bei „Fear Comes Home – Wer bleibt am Leben?“ um einen katastrophalen Film handelt.

Licht und Schatten

Gerade die erste Hälfte des Films ist durchaus sehenswert. Hier wird uns eine sehr enge, verlassene Welt präsentiert, in der sich die Figuren der Familie nur äußerst selten aus der Sicherheit der Hütte und des Zaunes trauen. Zu groß ist die Angst vor dem, was sich hinter den dichten Bäumen verbergen könnte. Im Gegensatz zu beispielsweise „The Last of Us“ und „The Walking Dead“ ist es also nicht das Sichtbare, in Form von Zombies oder Clickern, welches das Unheil in der Welt repräsentiert. Vielmehr sind es das Unbekannte und die Ungewissheit über jene Schrecken, die sich außerhalb der Komfortzone befinden. Und obwohl uns bereits der überaus enge Raum gezeigt wird, in dem sich die Famiie bewegt, erscheint der Wald aufgrund der omnipräsenten Angst vor einer Gefahr noch wesentlich enger, was auch durch die Kamera unterstützt wird, die sich meist sehr nah an den Figuren befindet. Hier zeigt sich den Zuschauenden ein klarer Kontrast zur von Nostalgie und familiärem Zusammensein geprägten Idylle, die uns in den vier Wänden des Hauses gezeigt wird, denn obwohl es von dort kein Entkommen zu geben scheint, präsentiert uns der Film damit auch eine romantische Vorstellung, die mit dem Zusammenbrechen von etwas Etablierten und dem Beginn von etwas Neuem einhergehen kann.

Die zweite Hälfte flacht ab

Die zweite Hälfte der Erzählung schafft es leider nicht, an die atmosphärisch ansprechende erste anzuknüpfen. Dass die Protagonisten das Hauses verlassen müssen, zwingt den Regisseur Robertson dazu, uns auch über die bekannten Bilder hinaus eine stimmige Welt zu präsentieren, woran er scheitert. Es zeigen sich uns sehr generisch anmutende Wälder, Straßen, Fabrikgebäude und andere Orte, die lieblos gestaltet und aufgenommen wurden. Als größten Kritikpunkt möchte ich hier die Ereignislosigkeit nennen. War diese in den ersten knapp 45 Minuten noch ein Prinzip des Films, sodass man sich voll und ganz auf die Gestaltung der kleinen, aber durchaus charmanten Welt konzentrieren konnte, wird sie in der zweiten Hälfte zum Problem. Wir sehen die Personen lediglich durch das Land streifen, einige wenige Konflikte lösen sich ohne weitere Probleme schnell auf. Die gefährliche Bedrohung, die man zu Beginn hinter den Bäumen nur erahnen konnte, erfüllt so leider nicht die aufgebauten Erwartungen, sodass hier viel Potenzial verschwendet wurde. Auch die sich in der ersten Hälfte andeutenden Spannungen zwischen den Menschen verlaufen leider im Sand. Es wirkt ein wenig, als habe man nur für den ersten Teil des Films ein Drehbuch geschrieben und musste sich dann irgendwie überlegen, wie man die Geschichte einigermaßen schnell und sinnig zu Ende bringt. Ein spannend erzählter und intelligenter Film kommt daher leider nicht heraus. Somit bleibt ein durchaus unterhaltsames, ansprechend gestaltetes B-Movie, das mit Verlauf der Handlung jedoch deutlich abbaut.

Bald kommt es zu Konfrontationen

Veröffentlichung: 7. Mai 2020 als Blu-ray und DVD

Länge: 80 Min. (Blu-ray), 77 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Mansion
Alternativtitel: Refuge
USA 2013
Regie: Andrew Robertson
Drehbuch: Lilly Kanso, Andrew Robertson
Besetzung: Carter Roy, Amy Rutberg, Eva Grace Kellner, Chris Kies, Sebastian Beacon, Travis Grant, Reed Pendergrass, Sam Smith, Vincent Gandolfi
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sony Pictures Entertainment

Copyright 2020 by Lucas Gröning
Szenenfotos & Packshot: © 2020 Tiberius Film

 

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Die Falschspielerin – Frauen regieren die Welt

The Lady Eve

Von Tonio Klein

Liebeskomödie // Eigentlich sind Screwball-Komödien gar nicht so mein Ding. Zu laut, zu lärmend, zu hektisch, gelegentlich auch zu böse. Das ist hier nun ganz anders. Wenngleich auch diese natürlich ein Stück weit böse ist – aber eben nicht nur. Vor allem ist „Die Falschspielerin“ gut geschrieben, gut gespielt und von ein paar Durchhängern im Mittelteil einmal abgesehen tatsächlich lustig statt nervtötend.

Henry Fonda als Naivling

Die Liebeskomödie handelt davon, wie sich die gerissene Betrügerin Jean den reichen und etwas weltfremden Softie Charles angelt (Trottel wäre ein bißchen hart gesagt, aber nicht ganz ohne Berechtigung). Henry Fonda spielt ihn, und Hellmuth Karasek hat in seinem Buch „Mein Kino“ sehr schön beschrieben, wie gut er das kann – dass Fonda mit etwas steifem Understatement auch dann noch eine gute Figur macht, wenn er diverse Male hintereineinander wörtlich wie im übertragenen Sinne auf die Schnauze fällt. Er braucht gar nicht so dick aufzutragen wie etwa ein Cary Grant 1938 in „Leoparden küsst man nicht“, er erreicht mit weniger mehr. Schade, dass er ansonsten nur wenige solcher Rollen hatte.

Barbara Stanwyck toppt Katharine Hepburn

Die Frau ist Barbara Stanwyck, und dies ist ein echter Glücksgriff. Die Frau kann einfach alles, und sie schafft eine glaubwürdige Darstellung, ohne gewisse Züge ihres bevorzugten Rollentypus völlig zu verleugnen. Das heißt hier: Stanwyck ist ein Stück weit verrucht, hat auch diese herrlich tiefe, sehr coole Stimme, mit der sie im Übrigen ein frivoles Spiel treibt, wenn sie sie in der zweiten Hälfte des Films bewusst ablegt. Damit schlägt auch die weibliche Hauptrolle diejenige in der Ur-Screwball-Comedy „Leoparden küsst man nicht“ um Längen: Während Katharine Hepburn immer eine Spur zu durchgeknallt ist, sieht man bei Stanwyck immer beides, die kühl Kalkulierende hinter der Leidenschaftlichen, Aufgeregten, und so ist das eben: Entweder stehen diese beiden Persönlichkeitsteile miteinander im Widerstreit, dann geht’s ihr schlecht, oder sie ergänzen sich, dann kann sie alles, ohne das eine oder das andere aufgeben zu müssen. Soviel darf also verraten werden: Wer meint, dass hier irgendwann die Widerspenstige noch gezähmt zu werden hat, wird gnadenlos enttäuscht werden.

Aus dieser Figurenkonstellation wird nun eine herrliche Farce gesponnen. Allein, wie sich die Stanwyck den Fonda zum ersten Mal angelt, ihm ein Bein stellt, sich den hohen Absatz abbricht und ihn dazu bekommt, mit ihr in die Schiffskabine zu gehen, sich aus einem ganzen Koffer voller Schuhe einen auszusuchen und ihr den anziehen zu dürfen … und dann gleich so heftig zu flirten und ihm auf die Pelle zu rücken, dass Karasek dies wohl zu Recht als „am Rande der Zensur“ bezeichnet. Wie betrügerischer Vater und betrügerische Tochter die Pokerkarten mehrere Male hin- und hermanipulieren, weil die eine sich tatsächlich verliebt, der andere aber nach wie vor die Knete will. Wie dann Jean verkleidet als „Lady Eve“ aus England einen giggelnden Auftritt hinlegt, bei dem sie mit fein veränderter Stimme und Aussprache wie ein neugierig-kokettes Kind über ihre ersten Eindrücke von Amerika plaudert und sogar die eine oder andere englisch-amerikanische Kommunikationsschwierigkeit gezielt in ihre Mimikry einbaut. Wie dann schließlich Charles diese Jean alias Eve heiratet und sie ihm im Zug gesteht, dass sie schon mit diversen Männern etwas hatte. Überhaupt diese Zugszene, zu einer drohenden Musik aus Wagners „Ring“, der Zug pfeift wie verrückt und fährt in Tunnels wie verrückt, und statt dass Charles auch mal (pardon) in den Tunnel kann, man hat ja Flitterwochen, muss er sich Männergeschichten anhören … Das ist göttlich, eine herrlich absurde Steigerung, wie da immer neue Männernamen aus dem Hute gezaubert werden. Da kommt einem schon der Gedanke, der gute alte Hitch habe sich womöglich davon zu der symbolischen Tunneleinfahrt am Ende von „Der unsichtbare Dritte“ (1959) inspirieren lassen.

Wenn Frauen mit Männergeschichten prahlen

Und ob Billy Wilder dies tat, der ja quasi ein Studiokollege vom „Die Falschspielerin“-Regisseur Preston Sturges und mit ihm bekannt war, und mit dessen Esprit der Film ein bisschen vergleichbar ist? Bei ihm gibt es auch einmal eine Szene, in der absurde Steigerungen erfundener Männergeschichten einen Kerl so richtig kirre machen („Ariane – Liebe am Nachmittag“, 1957). Nun denn: Alle Genannten können es …

Schließlich wird’s doch noch romantisch und beinahe etwas konservativ. Charles muss erkennen, dass ihm die verruchte Jean, um deren Verruchtheit er weiß, natürlich lieber ist als die edle Eve, in deren Vorleben abgründige Geheimnisse schlummern. Wie man das hinbiegen kann, ohne dass es kitschig wird, verrate ich nicht – nur soviel: Die Stanwyck ist hier Gewinnerin auf ganzer Linie, und wie sie dem Fonda das klar macht, hat Klasse, Chuzpe, Charme, Esprit, und es zeigt: Frauen regieren die Welt. Wenn das so gemacht wird, bitte gern!

Referenz-Edition von Criterion

Die einzige mir bekannte deutsche Heimkino-Veröffentlichung – als DVD in der SZ Cinemathek – ist mittlerweile im Handel nicht mehr erhältlich und auf dem Sammlermarkt nicht mehr ganz preiswert. Das für sorgfältig gemasterte und fein aufgemachte Editionen bekannte US-Label „The Criterion Collection“ hat „Die Falschspielerin“ für den Juli als Blu-ray und DVD angekündigt. Wer auf deutsche Synchronisation verzichten kann und über einen Codefree-Player verfügt, macht damit sicher nichts falsch. Allen anderen bleibt die Hoffnung, dass ein deutsches Label an Criterion andockt und die Liebeskomödie für unseren Markt lizenziert.

Die Stanwyck als Covergirl

Als Redaktionsmitglied der Zeitschrift „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ erlaube ich mir abschließend einen Hinweis für Fans von Barbara Stanwyck: Die jüngst erschienene Ausgabe Nr. 37 widmet sich der Schauspielerin mit einer umfangreichen Titelstory, an der auch ich mitgewirkt habe. So habe ich einen Beitrag über Barbara Stanwyck im klassischen Melodram verfasst und mich auf einer Seite über ihre Rolle als Teil des Ensembles von „Die Intriganten“ (1954) von Robert Wise ausgelassen.

Lars Johansen, geschätzter Kollege bei „Die Nacht der lebenden Texte“ und „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ gleichermaßen, hat die Stanwyck als Komödiantin gewürdigt und dabei beispielhaft „Die Falschspielerin“ und „Wirbelwind der Liebe“ (1941) analysiert. Letztgenannte Komödie lief in Westdeutschland auch unter dem Titel „Die merkwürdige Zähmung der Gangsterbraut Sugarpuss“ im Fernsehen. Weitere Autoren widmen sich beispielsweise Stanwyck im Film noir, ihren Auftritten in Western sowie ihrer letzten Kinorolle in William Castles Horrorthriller „Er kam nur nachts“ (1964) mit Robert Taylor. Nach diesem Film war Barbara Stanwyck nur noch fürs US-Fernsehen tätig, das aber immerhin noch zwei Jahrzehnte lang. Die Ausgabe Nr. 37 der Zeitschrift kann hier bestellt werden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Barbara Stanwyck haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Henry Fonda unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 21. Juli 2007 als DVD der SZ Cinemathek

Länge: 80 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Lady Eve
USA 1941
Regie: Preston Sturges
Drehbuch: Preston Sturges, nach einer Story von Monckton Hoffe
Besetzung: Barbara Stanwyck, Henry Fonda, Charles Coburn, Eugene Pallette, William Demarest, Eric Blore, Melville Cooper, Martha O’Driscoll, Janet Beecher, Robert Greig, Dora Clement, Luis Alberni
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb: Süddeutsche Zeitung GmbH

Copyright 2020 by Tonio Klein

Packshot: © 2007 Süddeutsche Zeitung GmbH,
Zeitschriften-Cover: © 2020 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin,
Filmplakat: Fair Use

 

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Der goldene Salamander – Dem Bösen entgegentreten

Golden Salamander

Von Tonio Klein

Krimi // Man erfährt am Ende, dass „Der goldene Salamander“ tatsächlich in dem Land gedreht wurde, in dem er spielt: Tunesien. Zu Beginn mag man es aber kaum glauben. Eine verregnete, hügelige Landschaft bei nächtlichem Gewitter und eine schummrige Bar, in welcher der Archäologe David (Trevor Howard) schließlich ankommt, wirken wie pure Allegorie. Gerade das Etablissement mit seinem Personal (junge Schönheit, abgeklärter Pianist, finstere Gesellen) könnte, obwohl es sich um eine Romanverfilmung handelt, auf ein Vorbild aus den USA schließen lassen: „Casablanca“ (1942). Everybody comes to … nicht Rick’s, aber egal. Man nehme hinzu, dass der örtliche Polizeichef ein Opportunist ist und die Hauptfigur, eben David, eher zufällig etwas von verbrecherischen Missständen mitbekommt und sich erst heraushalten will, aber später seine Meinung und sein Handeln ändert. Woran natürlich die Liebe einen Anteil hat, die aufkeimende Liebe zu Anna (Anouk Aimée, hier nur „Anouk“), die mit ihrem Bruder Max die Bar mit angeschlossenem Hotel betreibt.

In die Augen, in den Sinn – die Botschaft des Salamanders

Von Pidax als „Mischung aus Krimi und Abenteuer“ angepriesen, ist dieser Film vornehmlich das Erste. Hier muss nicht etwa ein Archäologe nach einem sagenumwobenen goldenen Salamander suchen, sondern ihn und andere Schätze von Tunesien nach London bringen; des Salamanders Inschrift wird für ihn Mitauslöser einer Wandlung: „Das Böse kann nicht überwunden werden, indem man ihm aus dem Wege geht. Man muss ihm entgegentreten.“ Das Böse ist hier der Waffenschmuggel, betrieben vom klassischen Personal wie dem guten Getriebenen, dem Bösen mit Rest-Anstand, dem harten Mann fürs Grobe (Herbert Lom) und dem eleganten Mastermind mit der Maske aus Amt und Würden (Walter Rilla). Gerade die letzten beiden lassen David natürlich nicht so mir nichts, dir nichts die Botschaft des Salamanders befolgen.

Gute Inszenierung …

Ronald Neames Krimi leidet – wenn auch nicht besonders stark – darunter, dass die Inszenierung immer ein Stück besser ist als die Geschichte. Da ist der starke Beginn mit der Undurchsichtigkeit in Nacht und Regen, in der nur Blitze unheimliche Schlaglichter auf ein noch nicht ganz erfassbares Geschehen werfen und David nicht nur als Autofahrer kaum seinen Weg erkennen kann. Da gibt es eine grandiose Szene, in der romantische Badefreuden von Anna und David von einem Schrecken durchbrochen werden, indem – nicht nur Hitchcock konnte das – Vögel entsprechend ihrer mythologischen Bedeutung Boten des Unheils sind. Dazu muss die Regie nicht einmal mit Riesenbrimborium die Szenerie wechseln oder schiere Massen der gefiederten Tiere aufbieten, sondern nur in Akustik und Optik die Schraube ein wenig anziehen. Da wir das schlimme Ereignis schon vorher in Umrissen ahnen konnten, umso wirkungsvoller und mit den Tieren dicht an der Wasseroberfläche geheimnisvoll inszeniert. „Oberflächlich“ wird David nicht bleiben können. Die blutjunge Anouk Aimée und der schon als Mittdreißiger älter wirkende Trevor Howard bilden ein interessantes Pärchen. Vor allem sie überzeugt, wenn sie vor dem Spiegel ihr Haar erstmals öffnet und bürstet, eine erblühende, aber immer noch versunkene Schönheit. Im Finale kommt es gar zur einer großangelegten Wildschweinjagd, die natürlich zur Menschenjagd werden soll. Narrativ ist das so überflüssig wie jeder verschwurbelt komplizierte Versuch, James Bond zu töten, den die Superschurken gefühlte 100 Mal einfach hätten abknallen können. Aber was für filmische Mittel, was für exaltierte und spannende Darstellungen der menschlichen Abgründe! Auch wenn es hier eher einem rationalen Zweck als der Befriedigung eines perversen Triebs dienen soll wie etwa in „Graf Zaroff – Genie des Bösen“ (1932).

… und meist gute Geschichte

Das Ganze ist indes in der Geschichte stärker geerdet und die US-Vorbilder (oder unabsichtlichen Vergleichsfilme aus früheren Zeiten) sind einfach zu gut. Neben „Casablanca“ ist vielleicht John Hustons „Gangster in Key Largo“ (1948) zu nennen, der ebenfalls die Frage „sich heraushalten oder sich einmischen?“ zum Gegenstand hat, ebenfalls mit Humphrey Bogart. Und in dessen Gesichtsfurchen spielen sich viel größere, tiefere Dramen ab als bei Trevor Howard, was man diesem gar nicht mal anlasten kann. Trotz einiger schöner Inszenierungsideen, siehe oben, ist die Liebe zu Anna jedenfalls bei ihrem Aufkeimen eher Behauptung. Den Spruch auf dem goldenen Salamander liest David immer wieder, in einer Szene spricht er ihn gleich dreimal zu sich selbst. Das ist durchaus eindrücklich, aber nicht subtil.

Noch trennt sie der Tresen

Das Schicksal von Max, Annas Bruder, wird durch einen sehr unwahrscheinlichen Leichtsinn bestimmt. Ohne zu viel zu verraten, scheint es mir, dass der Plot in einer doch sehr auffälligen Weise hingebogen werden musste (kleiner Tipp: Wie kann er so deppert sein, den Brief im Jackett …?). Das Ende kommt dann fast ein wenig plötzlich, da man durchaus erwarten könnte, dass die Rilla-Figur ihren Kopf noch aus der Schlinge zieht. Wie ihr das Handwerk gelegt wird, erzählt der Film (trotz vorherigen klassischen Action-Finales) stattdessen elliptisch. Das hatte beim Schicksal Max‘ überzeugender geklappt: Da hatten wir Dinge in groben Zügen schon geahnt, werden aber lange später mit der Wahrheit konfrontiert, wenn wir die dunkle Ahnung fast schon wieder vergessen haben und dadurch in derselben Situation wie unsere beiden Verliebten sind, die brutal auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden. So erzeugt der Film maximale Empathie. An anderen Stellen ist er nur – aber immerhin – solide Unterhaltung.

Ist Tunesien in Tunesien? Starker Brit-Noir, aber Schwächen der DVD

Die technische Umsetzung sehe ich leider kritisch. Das Bild ist unscharf-verwaschen und kontrastarm, was einem stilistisch mitunter doch recht ansprechenden Schwarz-Weiß-Thriller wenig guttut. Anders als die US-Amerikaner waren die Briten zwar in der Lichtsetzung oft etwas realistischer, aber in den 1940er-Jahren entwickelte sich auch so etwas wie Brit-Noir mit expressionistischen Einflüssen, etwa bei manchen Werken von Carol Reed und David Lean. „Der goldene Salamander“ ist insoweit auf sehr interessante Weise hybrid, als er sich immer mal wieder an artifizielle-kontrastreiche Licht-und-Schattensetzung wagt, aber dafür mehr narravive Erklärungen anbietet als manches Werk der USA oder des deutschen, expressionistischen Stummfilms. Hier wird sogar einmal explizit von der Einzigartigkeit der Fenster-Musterungen eines Hauses der arabischen Kultur gesprochen, der Dialog erklärt also das Gezeigte. Und der allegorische Gewitterregen findet sein Gegenstück in den später dann doch mit dem Pfund der Originalschauplätze wuchernden Berg-, Stadt-, Meeres- und Wüstenszenerien. Schade, dass das Bild der DVD so etwas arg suboptimal wiedergibt. Zudem haben die Untertitel die bei Pidax öfter einmal zu beobachtenden Schludrigkeiten. Bei einem Film, der durchgängig in Tunesien spielt, mehrfach von einer geplanten Fahrt nach Tunesien zu lesen, weil die Texter den Unterschied zwischen Tunis und Tunesien ignorieren – muss das sein? Insgesamt ist am Salamander nicht alles Gold, was glänzt, aber die Investition lohnt gleichwohl.

Die üblichen Verdächtigen

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Trevor Howard und Herbert Lom haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Schluss mit Wegducken!

Veröffentlichung: 5. Juni 2020 als DVD

Länge: 93 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Golden Salamander
GB 1950
Regie: Ronald Neame
Drehbuch: Leslie Storm, Victor Canning, Ronald Neame
nach einem Roman von Victor Canning
Besetzung: Trevor Howard, Anouk Aimée, Herbert Lom, Walter Rilla, Miles Malleson
Zusatzmaterial: Trailershow, Wendecover, Booklet (Nachdruck der Illustrierten Filmbühne)
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2020 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Pidax Film

 

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