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Wyatt Earp (V): Wichita – Ein Mann räumt auf

10 Mai

Wichita

Von Volker Schönenberger

Western // Zu den Klängen von Tex Ritters Titelsong „Wichita“ zieht der Vorspann an uns vorbei. Im Anschluss treiben die Cowboys des Ranchers Clint Wallace (Walter Sande) unter dessen Führung eine Rinderherde über die Prärie. Als der Viehtrieb eine Rast einlegt, stößt ein Gast zu den Männern, der sich als Wyatt Earp (Joel McCrea) vorstellt. Man kommt ins Gespräch, doch in der Nacht versuchen zwei der Cowboys, dem Neuankömmling sein Geld zu stehlen. Earp kann das verhindern, reitet aber dennoch allein weiter nach Wichita.

Die aufstrebende Stadt in Kansas sprüht im Jahr 1874 vor Leben, soll in Kürze ans Bahnnetz angeschlossen werden, was sie zur wichtigen Drehscheibe für Viehzüchter und -treiber machen wird. Damit einher geht ein etwas laxer Umgang mit dem Gesetz – und mit Schusswaffen. Als Earp seine Barschaft in der Bank deponieren will, wird das Kreditinstitut überfallen – doch weil er schneller zieht als Lucky Lukes Schatten, gelingt es ihm, zwei der Bankräuber zu töten und den dritten in Schach zu halten. Bürgermeister Hope (Carl Benton Reid) und der örtliche Unternehmer Sam McCoy (Walter Coy) versuchen sogleich, Earp zu überreden, das Amt des Marshals zu übernehmen, doch er lehnt vorerst ab, weil er ein eigenes Unternehmen aufziehen will.

Erinnerung an den Knirps am Fenster

Ich war unsicher, ob ich „Wichita“ vor dieser zu Rezensionszwecken erfolgten Sichtung jemals geschaut habe, aber eine Szene mit einem Jungen, der zum Fenster hinausschaut, als draußen die besoffenen Cowboys wild durch die Gegend ballern, weckte meine Erinnerung. Natürlich überlegt es sich Wyatt Earp, alsbald heftet er sich den Stern des Marshals an die Brust. „Wichita“ ist einer dieser Western, bei denen man sich angesichts der mutigen Heldentaten des Protagonisten vor dem Fernseher als Pantoffelheld – oder damals als Kinogänger – aufrecht hinsetzt und gut fühlt. So simpel, so gut. Die Story laviert nicht herum, sondern kommt so zielstrebig wie zügig zur Sache. Ein paar Auseinandersetzungen und Tote später ist der Film mit seinen 81 Minuten auch schon vorbei. Die mangelnde Komplexität kann man bedauern, ich habe es aber vorgezogen, mich von dem Film einfach gut unterhalten zu lassen.

Joel McCrea – als Wyatt Earp nicht ganz vorn

Joel McCrea verkörpert den schillernden Mythos Wyatt Earp als wackeren Verfechter von Recht und Ordnung, der nur dann tötet, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Der routinierte Star vieler Western erledigt seinen Job mit stoischer Mimik und ohne viele Worte. Dagegen ist nicht viel auszusetzen, aber im Vergleich zu anderen Earp-Darstellern wie Henry Fonda („Faustrecht der Prärie“, 1946 ) und Burt Lancaster („Zwei rechnen ab“, 1957) fällt McCreas Leistung doch stark ab. In der Kategorie „Besenstiel verschluckt“ immerhin liegt er weit vorn, bietet sogar Gregory Peck Paroli, der in seiner Karriere zahlreiche bis zur Stocksteifheit aufrechte Herren verkörperte. Auch Peck war allerdings der deutlich bessere Schauspieler.

Vera Miles unter Wert

Mit Lloyd Bridges, dem unverwüstlichen Jack Elam und anderen stehen ein paar markante Gestalten als Kontrahenten auf der anderen Seite des Gesetzes, die „Wichita“ ein wenig zusätzlichen Glanz verleihen. In einer Minirolle als Bankangestellter ist die spätere Regie-Legende Sam Peckinpah zu sehen. Das Drehbuch bescherte Wyatt Earp auch ein „Love Interest“ in Gestalt der Unternehmerstochter Laurie McCoy, verkörpert von der aparten Vera Miles („Der schwarze Falke“, „Psycho“), die hier vermutlich nicht zum einzigen Mal in ihrer Karriere völlig unter Wert agiert. In Western wie diesem waren Frauenfiguren in der Regel eben Staffage, gerade gut genug, um den Helden anzuhimmeln. Weshalb sich Laurie in Earp verliebt, bleibt ebenso unverständlich wie das Erwidern ihrer Gefühle durch den Marshal (obwohl: Wer würde sich nicht in Vera Miles verlieben?). Das Drehbuch hat es vorgesehen, also finden die beiden eben zusammen. Die Anbahnung erfolgt lediglich mit dem einen oder anderen Zusammentreffen.

Jacques Tourneur dreht Western

Regisseur Jacques Tourneur verbinden wir eher mit meisterhaftem Grusel, genannt seien seine bahnbrechenden Arbeiten „Katzenmenschen“ (1942), „Ich folgte einem Zombie“ (1943) und „The Leopard Man“ (1943). Mit „Goldenes Gift“ (1947) zeichnete er auch für einen der großen Klassiker des Film noir verantwortlich. Der Regisseur und sein Hauptdarsteller hatten im Übrigen kurz zuvor bereits zusammengearbeitet. Den Western „Einer gegen alle“ („Stranger on a Horseback“) nach einer Story von Louis L’Amour habe ich aber ebenso wenig gesehen wie ihren ersten gemeinsamen Film „Stars in My Crown“ (1950) – ebenfalls ein Western. Als Western-Fachmann galt Tourneur nicht unbedingt, ein paar Beiträge zum Genre finden sich aber in seiner Filmografie. „Wichita“ ist aufgrund generischer Machart nicht sein bester Western, da hat mir „Feuer am Horizont“ (1946) deutlich besser gefallen. Dennoch sieht man Tourneurs Regiearbeit an, dass er weiß, was er tut, die Klaviatur des Genres beherrscht. Und so hat er aus dem alles andere als überladenen Drehbuch einen aufs Wesentliche reduzierten, kernig-kurzen Western gemacht, der sich auch unter den Wyatt-Earp-Western gut behauptet, ohne ganz vorn zu landen.

Der historische Wyatt Earp (1848–1929) war von 1874 bis 1876 tatsächlich in Wichita als Marshal tätig. Mit einem Doku-Drama haben wir es aber selbstverständlich nicht zu tun. Das zeigt allein schon die Personalie des Hauptdarstellers: Earp kam im Alter von 26 Jahren nach Wichita, im Film verkörpert ihn der 49-jährige McCrea.

Bat Masterson gab es wirklich

Als Gehilfe eines Zeitungsdruckers tritt in „Wichita“ ein junger Mann namens Bat Masterson in Erscheinung, gespielt von Keith Larsen. Auch Masterson (1853–1921) gab es wirklich, er war eine schillernde Gestalt und ist Wyatt Earp tatsächlich begegnet, aber wohl in gänzlich anderem Kontext. Er trat auch in anderen Filmen in Erscheinung, etwa 1959 in „Drauf und dran“ („The Gunfight at Dodge City“), hierzulande als Blu-ray und DVD unter dem Titel „Duell in Dodge City“ veröffentlicht. Verkörpern tat ihn dort ein gewisser Joel McCrea.

Die abschließenden Absätze dieses Textes hat mir dankenswerterweise der geschätzte „Die Nacht der lebenden Texte“-Stammautor Ansgar Skulme geliefert, der sich mit Synchronisation und Verfügbarkeiten klassischer Filme deutlich besser auskennt als ich:

Die deutsche Synchronfassung von „Wichita“ wurde 1956 in der Synchronabteilung von RKO in Berlin erstellt. Es handelt sich allerdings um einen Allied-Artists-Film, der in Europa teilweise von RKO verliehen wurde. Den DVD-Vertrieb übernahmen in den USA die Warner Brothers, in Deutschland wartet man bisher allerdings vergeblich auf etwas Handfestes. RKO-Filme – auch die Eigenproduktionen – sind in der Bundesrepublik generell eher schlecht auf DVD verfügbar, obwohl das Studio in den 50ern sehr groß war und neben Paramount, 20th Century Fox, MGM und Warner zu den sogenannten „Big Five“ gezählt wird. Von diesen Fünf war es zwar das kleinste, allerdings muss man sich vor Augen führen, dass es beispielsweise vor Universal, Columbia Pictures, United Artists und Disney rangierte – bei dieser Kategorisierung spielen Faktoren wie etwa das Vorhandensein einer eigenen dem Studio zugehörigen Kinokette eine Rolle. Im Gegensatz zu den anderen vier der „Big Five“ verschwand RKO Ende der 50er-Jahre von der Bildfläche, und nun bleibt die Frage, wer sich sorgfältig um die Auswertung ihrer Filme für den Digitalmarkt kümmert.

Sir John spricht Wyatt Earp

Joel McCrea wird in der deutschen Version von Siegfried Schürenberg synchronisiert, der später vor allem durch seine humorvolle Verkörperung des Sir John in der Edgar-Wallace-Reihe, neben Schauspielern wie Joachim Fuchsberger, Karin Dor, Siegfried Lowitz und Heinz Drache, Bekanntheit erlangte. Schürenberg war der unter dem Strich am häufigsten für McCrea eingesetzte Sprecher, wobei sich seine Einsatzzeit wohl ausschließlich auf die 50er-Jahre beschränkt – vereinzelte vorher entstandene Filme, die erst verspätet nach Deutschland kamen, eingeschlossen. Er war seinerzeit auch Stammsprecher von Clark Gable, George Sanders sowie Louis Calhern und ist eine ganz sichere Bank, einer der gefühlt niemals enttäuscht – weder hinter dem Mikrofon noch vor der Kamera. Siegfried Schürenberg wertet Joel McCrea sehr deutlich hinsichtlich eloquenter Wirkung und empfundener Größe auf, aber dennoch gab es auch in den 50er-Jahren immer wieder Versuche mit anderen Sprechern für den behäbigen McCrea, die mal gut, mal weniger gut gelangen. Darüber hinaus bildet die deutsche Synchronfassung von „Wichita“ einen sehr guten Querschnitt damals beliebter Sprecher ab, die nicht nur im Western immer wieder in prägnanten Rollen anzutreffen sind: Beispielsweise sind da die sich auch stimmlich ähnelnden und gern für Schurken besetzten Friedrich Joloff (Lloyd Bridges) und Gerd Martienzen (Rayford Barnes) in den Rollen der Clements-Brüder. Des Weiteren kann man ein paar Sprecher, die selten in wirklich großen Rollen zu hören waren und daher schwerer zuzuordnen sind, anhand dieses Films sehr gut ausmachen, da sie hier gemeinsam auftreten und der Film in der Breite sehr erstaunlich mit wichtigen Hollywood-Charakterdarstellern gesegnet ist, die schnell Eindruck hinterlassen; man nehme etwa Alfred Haase (Wallace Ford als Arthur Whiteside, der Zeitungschef), Herbert Wilk (Walter Coy als Sam McCoy, Vera Miles’ Vater im Film), Hans Emons (Edgar Buchanan als Doc Black, der sich wegen Wyatt Earp gegen seine Freunde aus der gehobenen Gesellschaft von Wichita stellt) und Erich Poremski (I. Stanford Jolley in einer kleinen Rolle als John Stanton). Das sind vier Namen, die man in Synchronbesetzungslisten zwar immer wieder einmal liest, aber wohl auch öfters gehört hat, ohne sie zuordnen zu können, da es zu wenige große Referenzrollen gibt, anhand derer sie sich schnell einprägen. Ich selbst erkenne von ihnen auch nur Hans Emons ohne Mithilfe, da mir eine seiner ganz seltenen Hauptrollen – Humphrey Bogart in „Der Tiger“ (1951) – im Gedächtnis geblieben ist und ich dadurch den Bogen zu vielen Nebenrollen schlagen konnte.

Man kann getrost behaupten, dass „Wichita“ zu den Filmen zählt, die in der deutschen Synchronfassung sicher nicht schlechter als im Original sind, sondern sogar Bonuspunkte sammeln – allein schon des Einsatzes von Siegfried Schürenberg als Wyatt Earp wegen. Von Filmen dieser Kategorie gibt es weitaus mehr als man denken mag – nicht nur aus dem klassischen Hollywood.

Filme mit dem Protagonisten Wyatt Earp finden sich in unserer Rubrik Filmreihen. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Jacques Tourneur haben wir unter Regisseure aufgelistet, Filme mit Vera Miles in der Rubrik Schauspieler, Filme mit Jack Elam und Joel McCrea unter Schauspieler.

Veröffentlichung (USA): 22. Juni 2009 als DVD

Länge: 81 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Wichita
USA 1955
Regie: Jacques Tourneur
Drehbuch: Daniel B. Ullman
Besetzung: Joel McCrea, Vera Miles, Lloyd Bridges, Wallace Ford, Edgar Buchanan, Jack Elam, Peter Graves, Keith Larsen, Carl Benton Reid, John Smith, Robert J. Wilke, Mae Clarke, Walter Sande
Zusatzmaterial: keins
Label/Vertrieb: Warner

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

 

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