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Das Blutbiest – Vorsicht vor dem Insektenkundler!

18 Mai

The Blood Beast Terror

Von Volker Schönenberger

Horror // Ein westlicher Naturforscher im standesgemäß hellen Anzug inklusive hellen Tropenhelms lässt sich in Afrika von zwei schwarzen Eingeborenen einen Fluss hinabpaddeln. Er geht ans Ufer, dringt ein wenig in den Urwald vor und beginnt, etwas einzusammeln. Mit dem nun einsetzenden Vorspann wechselt die Szenerie so abrupt wie radikal: Eine von zwei Schimmeln gezogene Kutsche eilt durch einen nächtlichen englischen Wald. Als der Kutscher (Leslie Anderson) einen grässlichen Schrei vernimmt, stoppt er das Gefährt. Wenige Schritte vom Wegesrand entfernt entdeckt er einen jungen Mann mit aufgerissener Kehle. Unvermittelt vernimmt der Kutscher über sich ein Flattern (und bald darauf erfahren wir, dass ihn das den Verstand gekostet hat).

Ein grässlicher Tod

Inspektor Quennell (Peter Cushing) untersucht eine mysteriöse Mordserie. Die Opfer sind allesamt junge Männer, die mit zerrissener Kehle aufgefunden wurden und denen offenbar das Blut aus dem Körper gesogen worden ist. Seine Ermittlungen führen den Kriminalisten wiederholt zum Biologen und Entomologen Professor Doktor Carl Mallinger (Robert Flemyng), der mit seiner Tochter Clare (Wanda Ventham) ein geräumiges Haus bewohnt, in das er auch Studenten zu Vorträgen einlädt.

Peter Cushing was not amused

Na, das ist ja mal eine Perle aus England! Dass wir es mit einem „Creature Feature“ zu tun haben, verrät schon der Titel, und die Anwesenheit eines Insektenkundlers gibt einen weiteren Hinweis, aber mehr will ich auch nicht verraten. Den sich von Anfang an verdächtig gebärdenden Dr. Mallinger sollte an sich Basil Rathbone spielen, doch der starb 1967 kurz vor Beginn der Dreharbeiten, sodass nur Peter Cushing als zugkräftiger Name übrig blieb. Den Trivia der Internet Movie Database (IMDb) zufolge hielt der würdevolle englische Horror-Schauspieler Cushing „Das Blutbiest“ für den schlechtesten seiner zahlreichen Filme, doch er hätte das Werk gar nicht so unter den Scheffel stellen müssen. Zwar mangelt es ein wenig an Spannung, aber das macht die skurrile Prämisse allemal wieder wett.

Vergeblich versucht Inspektor Quennell (l.), den Kutscher zu befragen

Bei dem mit Ausnahme einiger Außenaufnahmen in einem Londoner Studio entstandenen Grusler handelt es sich um eine Produktion des Studios Tigon British Film Productions, das Mitte der 1960er-Jahre im Fahrwasser von Hammer Films und Amicus Productions die Arbeit aufnahm. Zu den bekanntesten Tigon-Produktionen gehören „Im Banne des Dr. Monserrat“ („The Sorcerers“, 1967) mit Boris Karloff, „Der Hexenjäger“ („Witchfinder General“; 1968) mit Vincent Price und „Die Hexe des Grafen Dracula“ („Curse of the Crimson Altar“, 1968) mit Boris Karloff und Christopher Lee. Auch bei der französischen Produktion „Die nackten Vampire“ („La vampire nue“, 1970) von Jean Rollin hatte Tigon seine Finger im Spiel.

Vom „Death’s Head Vampire“ zum „Blood Beast Terror“

Ursprünglich unter dem Arbeitstitel „Death’s Head Vampire“ produziert, wurde der Film zunächst in „Blood Beast From Hell“ umbenannt und kam Anfang 1968 schließlich unter dem Titel „Blood Beast Terror“ in die britischen Kinos. Das Drehbuch stammte von Peter Bryan, der zuvor auch für einige Produktionen von Hammer Films die Skripts geschrieben hatte, darunter „Der Hund von Baskerville („The Hound of the Baskervilles“, 1959) und „Nächte des Grauens“ („The Plague of the Zombies“, 1966). Regie führte Vernon Sewell, keiner der großen Namen des britischen Horror-Kinos, aber immerhin drehte er im selben Jahr für Tigon auch „Die Hexe des Grafen Dracula“.

Eine gute Portion britischen Humors würzt viele Horrorfilme von der Insel, im Fall von „Das Blutbiest“ etwa beim Leichenschauhaus-Angestellten, der sein Bier gern unter den Leichentüchern platziert, weil es dort so schön kühl bleibe. Ihn spielte der englische Radio-, Bühnen- und TV-Komiker Roy Hudd in seiner ersten Filmrolle. Er war bis ins hohe Alter aktiv, wenn auch nur gelegentlich in Spielfilmen, etwa dem Science-Fiction-Abenteuer „Robot Overlords – Herrschaft der Maschinen“ (2014). Hudd starb im März 2020 nach kurzer Krankheit im Alter von 83 Jahren.

Lasst die Schmetterlinge leben!

Für einen echten Schocker hätte es mehr Horror-Motive geben müssen. Stattdessen bekommen wir viel von Inspektor Quennells Polizeiarbeit zu sehen – und dessen Tochter Meg (Vanessa Howard) spielt auch noch eine Rolle. Zu ihr gesellt sich der linkische junge Insektenforscher William Warrender (David Griffin), was ein paar naiv-charmante Szenen zur Folge hat, wenn William etwa einen Schmetterling für seine Sammlung jagt und Meg das Tier bereits gefangen hat, aber entfliegen lässt, weil sie nicht will, dass William es tötet.

Welches Geheimnis verbergen Dr. Mallinger …

Eine interessante Personalie zeigt sich bei den visuellen Spezialeffekten: Die im Film zu sehenden Kreaturen schuf der 1939 geborene Roger Dicken, für den das ein Debüt war. 1972 wurde er für seine Saurier-Modelle und Stop-Motion-Kreationen in der Hammer-Films-Produktion „Als Dinosaurier die Welt beherrschten“ („When Dinosaurs Ruled the World“, 1971) gemeinsam mit seinem Kollegen Jim Danforth mit einer Oscar-Nominierung bedacht. Ebenfalls bemerkenswert: Dicken schuf für Ridley Scotts „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ („Alien“, 1979) sowohl den „Facehugger“ als auch den „Chestburster“. Respekt! Davon ist in „Das Blutbiest“ allerdings noch nicht allzu viel zu sehen; das dem Film seinen Titel gebende Biest wird bei vielen heutigen Zuschauern Heiterkeit auslösen und hat womöglich sogar schon Ende der 1960er einen Teil des damaligen Publikums eher zum Schmunzeln als zum Gruseln verleitet. Mit einer im Film gezeigten Verwandlung hat Dicken sogar überhaupt nichts zu tun, sie erfolgt per Überblendung, was im Übrigen gar nicht mal so gut ausschaut.

Keine Synchro? Alles neu macht Ostalgica

In der Bundesrepublik Deutschland ist „Das Blutbiest“ zwar ab März 1968 in den Kinos gelaufen, über die Jahre aber offenbar in Vergessenheit geraten. Umso löblicher, dass das kleine Label Ostalgica die Tigon-Produktion hierzulande auf Blu-ray und DVD veröffentlicht und für die auf jeweils 1.000 Exemplare limitierte Auflage eigens eine neue Synchronisation angefertigt hat – die alte deutsche Synchronisation aus den späten 1960er-Jahren gilt als verschollen. Den deutschen Ton gibt es in einer herkömmlichen Ausführung sowie in einer „Retro“ genannten Fassung, bei der künstlich etwas Alters-Patina erzeugt wurde, sodass der Ton besser zum Bild passt. Ein nettes Gimmick. Sogar einen Audiokommentar hat das Label in Auftrag gegeben, das kann nur vorbildlich genannt werden. Sowohl die englische als auch die deutsche Tonspur haben mir gut gefallen, auch das Bild wirkt sorgfältig auf HD gebracht. Auch Wendecover, Schuber und Booklet hat Ostalgica der Veröffentlichung spendiert.

Booklet-Text von Uwe Sommerlad

Im Booklet lässt sich mit Uwe Sommerlad ein ausgewiesener Kenner des britischen Horrorkinos über die Produktion von „Das Blutbiest“ aus. So schreibt er, Cushing habe sich kurz nach Beginn der Dreharbeiten beim Regisseur beklagt, es sei vielleicht der schlechteste Film, in dem er je mitgespielt habe. Somit kannte Cushing den fertigen Film also noch gar nicht, und anders als es der von mir oben erwähnte IMDb-Eintrag suggeriert, handelte es sich nur um einen Stoßseufzer beim Dreh. Das erscheint plausibel, denn schlecht ist „Das Blutbiest“ sicher nicht, nur eben über weite Strecken weniger gruselig, als man es sich bei einer solchen britischen Produktion aus jener Zeit erhofft. Ein paar kleinen Makeln im Booklet zum Trotz hat Ostalgica „The Blood Beast Terror“ eine angemessene und würdige Veröffentlichung in ansprechender Aufmachung angedeihen lassen und damit hierzulande durchaus eine Lücke geschlossen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Peter Cushing haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

… und seine Tochter Clare?

Veröffentlichung: 21. September 2018 als auf jeweils 1.000 Exemplare limitierte Blu-ray und DVD

Länge: 88 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Blood Beast Terror
GB 1968
Regie: Vernon Sewell
Drehbuch: Peter Bryan
Besetzung: Peter Cushing, Robert Flemyng, Wanda Ventham, Vanessa Howard, David Griffin, Glynn Edwards, William Wilde, Kevin Stoney, Roy Hudd, Leslie Anderson
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Matthias Künnecke, Bodo Traber & Gerd Naumann, Bildergalerie, Originaltrailer, Trailershow, 16-seitiges Booklet, Wendecover, Schuber
Label: Ostalgica
Vertrieb: Media Target Distribution GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Ostalgica

 

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