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Clint Eastwood (XXIII): Nur Du allein – Kluger Taschentuch-Alarm

19 Mai

Never Say Goodbye

Von Tonio Klein

Melodram // „Nur Du allein“ ist ein reichlich tränendrückendes Melodram von 1956 mit Qualitäten – hatte doch der Meister Douglas Sirk seine Finger im Spiel. Der bereitete den Dreh vor, überließ die Regie in der Folge wegen eines anderen Projekts Jerry Hopper, drehte aber später ein paar Szenen mit seinem Freund George Sanders nach. Natürlich ist das auch ein gut geöltes Studioprodukt mit manch üblichem Universal-Verdächtigen wie Rock Hudson und Komponist Frank Skinner. Aber Sirks Einfluss ist deutlich spürbar. Das gilt schon für die dreiaktige Struktur, an deren Ende sich ein Kreis schließen wird, was in einem echten Sirk-Titel („Never Say Goodbye“) bereits antizipiert wird: Eine Familie wird wieder vereint sein.

Zufall oder Schicksal?

Sehr unwahrscheinliche Zufälle sind als schicksalhaft zu deuten. Am ehesten erinnert alles an die Sirk-Melodramen „All meine Sehnsucht“ (1953), in der die Rückkehr zur Familie nach zehn Jahren zurückliegenden Ereignissen beschrieben wird, und an „Die wunderbare Macht“ (1954), in dem das Heilende der Tätigkeit eines Arztes genauso symbolische Bedeutung hat wie die Blindheit. Wie hier Dr. Parker (Hudson) bei der Begegnung mit einem Blinden seine eigene Blindheit erkennt, ist ein kleines Meisterstück. Und dabei ist er doch Experte im Röntgen, was er auch gleich bei der schönen, verunfallten Lisa (Cornell Borchers) macht, die zudem nicht ganz ohne Parkers Zutun schicksalhaft vor ein Auto läuft wie zwei Jahre zuvor Jane Wyman in „Die wunderbare Macht“. Aber durch die Haut seiner eigenen, obsessiven Eifersucht (der Oberflächlichkeit von Hudsons Rolle in „Die wunderbare Macht“) wird er lange nicht sehen können. Und so hat Parker ein Lügengebäude als alleinerziehender Vater errichtet, welches gut zu funktionieren scheint, in dem die zehnjährige Suzy (Shelley Fabares) aber letztlich kaum Kind sein kann: Sie idolisiert die totgeglaubte Mutter und muss für den geliebten Vater Tochter und treusorgende Ehefrau zugleich sein (und nein, das ist nicht inzestuös gemeint). Dabei ist Mutter Lisa gar nicht tot, wie wir im Mittelteil erfahren, der im Viersektorenwien von 1945 bis 1947 spielt …

Die Ambivalenz von Gelb

Es mag sein, dass Sirk das Ganze noch etwas delirierender inszeniert hätte – der war am Wahnsinn jedenfalls gelegentlich so nah wie am Weinen. Aber „Nur Du allein“ ist – mindestens – sehr solide Handwerkskunst. Es ist schon interessant zu sehen, wann auffällig platzierte Blumen die Szenerie rot aufhübschen, wie bei einer schnittarmen Kameraführung mehrere Personen zueinander und im Bild platziert sind, wie Menschen über Spiegel kommunizieren, einander Abbild nur sehen, aneinander vorbeireden. Oder wie sie im Hintergrund auftauchen, manchmal durch Gegenstände im Raum abgetrennt und auch von den anderen unbemerkt, was narrativ Dramatisches auslösen wird. Oder wie Lisa ein dunkelgrünes Kleid reduzierter Eleganz trägt, in der Finalszene aber in einem sehr ambivalenten Gelb gekleidet ist (Gelb kann sonnenklar, aber auch leicht fäulnishaft sein, es ist die Farbe der Verfolgten, Ausgestoßenen, was sich laut der Habilitationsschrift „Farbe im Kino“ von Susanne Marschall selbst noch in der Perfidie des „Judensterns“ gezeigt hat).

Der Schuft?

Neben Vielem steckt in dem Film auch eine Dreiecksgeschichte, oder besser gesagt: eine Andeutung davon, die uns eher den Blick des argwöhnischen Dr. Parker einnehmen lässt. Hierbei zeigt sich die kluge Besetzung des vielleicht nebenbuhlenden Mannes mit George Sanders, der ganz nach dem Titel seiner Autobiografie auf den „professional cad“ abonniert war. Hier ist die Sache etwas komplizierter, aber Sanders als Künstler Victor, mit dem Lisa schon in Wien gemeinsam aufgetreten ist, bringt immer einen Sanders-typischen Hauch von abgeklärter Fiesheit in seine „wittiness“ – sodass wir zu Dr. Parker werden und ebenfalls argwöhnen, Victor habe mehr als nur berufliches Interesse an Lisa. Was wohl auch stimmt, aber noch lange nichts darüber sagt, ob er seinen Charme auch ausnutzen wird und ob Lisa darauf eingehen wird, obschon bereits mit Parker verheiratet. Sanders’ nuanciertes Spiel hält den Verdacht immer aufrecht, aber auch in der Schwebe – wunderbar.

Das deutsche Heimkino wartet

Auch wenn das Ende erwartbar ist und man darum den letzten Akt vielleicht etwas hätte kürzen können, ist schließlich der entscheidende Clou wieder besonders gelungen und erinnert ebenfalls an Sirk. In „Die wunderbare Macht“ spielen Porträtbilder eine Rolle, und man hat es schon religiös gedeutet, dass dort ein Mann sämtliche Personen malen kann, nur einen Mann nicht, dem eine gottgleiche Verehrung gebührt. Hier nun andersherum: Erst, als Victor für die kleine Suzy ein Bild der Mutter malt, ist diese ihrer Tochter nicht mehr Göttin, sondern Mensch. Die Familie kommt wieder zusammen, entgegen der hochgeschätzten Sirk-Biografin Elisabeth Läufer nicht eventuell ironisch. Schön, klug, und dem Taschentuchabsatz extrem förderlich. Warum noch nicht in Deutschland auf DVD? In Westeuropa haben das Vereinigte Königreich, Frankreich und Spanien jedenfalls vorgelegt.

Wo bleibt denn nun Clint Eastwood

Ach ja, Clint Eastwood. Auch in seinem fünften Spielfilm erhielt er lediglich eine Minirolle mit einem einzigen Kurzauftritt in der vierten Minute und einmal mehr keine Credits. Laut Trivia der IMDb trug er dafür eine Brille, doch Hauptdarsteller Rock Hudson forderte sie für sich ein, da er ja einen Arzt spiele. Es blieb die einzige Szene des gesamten Films, in der Hudson eine Brille trägt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von und mit Clint Eastwood haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Rock Hudson unter Schauspieler.

Veröffentlichung (USA): 30. Oktober 2015 als DVD

Länge: 97 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: keine Angabe
Originaltitel: Never Say Goodbye
USA 1956
Regie: Jerry Hopper, ohne Credits: Douglas Sirk
Drehbuch: Charles Hoffman, nach einem Theaterstück von Luigi Pirandello
Besetzung: Rock Hudson, Cornell Borchers, George Sanders, Shelley Fabares, Ray Collins, David Janssen, Helen Wallace, John Wengraf, Raymond Greenleaf, John Banner, Clint Eastwood
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb USA: Universal

Copyright 2020 by Tonio Klein
Filmplakat: Fair Use

 

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