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Rollerball – Konzerne geben uns Brot und Spiele

20 Mai

Rollerball

Von Volker Schönenberger

SF-Actiondrama // Zu den gewaltigen Orgelklängen von Johann Sebastian Bachs „Toccata und Fuge in d-Moll“ wird zu Beginn der Filmtitel „Rollerball“ eingeblendet, und eine Schar Menschen betritt das Halbdunkel einer Sporthalle, in der sich ein hölzerner Rundkurs befindet. Schiedsrichter prüfen die Bodenbeschaffenheit und nehmen ihre Positionen ein, dann strömt Publikum in die Logen und auf die Ränge. Wir befinden uns in Houston, der „Stadt der Energie“. Das lokale Rollerball-Team ist amtierender Weltmeister und trägt ein bedeutsames Match gegen den Divisionsmeister aus Madrid aus. Wie gewohnt führt Houstons Kapitän und Superstar Jonathan E. (James Caan) seine Mannschaft aufs Feld, der mit seinem großspurigen Buddy Moonpie (John Beck) das Rückgrat Houstons bildet.

Das Team von „Energy City“ Houston

Mit Brot und Spielen lässt sich das Volk bisweilen ruhigstellen. Wenn es den Mächtigen – also Spitzenpolitikern und Konzernchefs – gelingt, die Menschen zu ernähren und irgendwie zu unterhalten, können sie die Welt in aller Ruhe nach ihrer Vorstellung gestalten, die da lautet: Die Kohle fließt nach oben. So war es schon bei den alten Römern, so ist es heute noch, und so ist es auch in der Welt von „Rollerball“: Die Nationen früherer Zeiten existieren nicht mehr, auch Kriege gehören der Vergangenheit an. Die Menschheit wird von Konzernen regiert, die ihre Betätigungsfelder aufgeteilt haben und somit keine Konkurrenten mehr sind (es sind derer sechs, wenn ich eine Szene mit einer Videokonferenz nach etwa anderthalb Stunden Laufzeit richtig interpretiert habe).

Houstons Star soll zurücktreten

Rollerball dient dem Zweck, das Volk abzulenken. Die Sportart ist in vollem Bewusstsein als brutal konzipiert worden. Da es den Skatern erlaubt ist, einander anzugreifen, sind Verletzungen an der Tagesordnung, und immer wieder kommt es auch zu Todesfällen. Der Sinn dahinter: Das Individuum ist entbehrlich, es zählt allein die mannschaftliche Geschlossenheit. Da passt Jonathans Karriere einigen Verantwortlichen nicht ins Bild. Zehn Jahre ist er nun schon dabei, viel länger als andere. Er ist ein Idol, das Publikum jubelt ihm zu. Der Houstoner Konzernboss Bartholomew (John Houseman) tritt daher mit einer Bitte an den Superstar heran, die unverhohlen als Aufforderung, wenn nicht sogar Befehl zu verstehen ist: Jonathan möge seinen Rücktritt verkünden. Obwohl der Mannschaftsführer des Energie-Teams eine Ranch besitzt, im Wohlstand lebt und den Ruhestand genießen könnte, ist er von dem Gedanken alles andere als angetan. Er hat zudem nie vergessen können, dass ihm vor einiger Zeit seine Ehefrau Ella (Maud Adams) genommen wurde, weil irgendein Konzernvorstand sie für sich beansprucht hat.

Die Leitwölfe: Jonathan (l.) und Moonpie

Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob Drehbuchautor William Harrison die Rollerball-Regeln schon in seiner als Vorlage dienenden Kurzgeschichte „Roller Ball Murder“ (1973) so ausführlich skizziert hat oder diese erst für die Dreharbeiten detailliert ausgearbeitet worden sind. Das den Auftakt des Films bildende Match von Houston gegen Madrid – ein Viertelfinale um die Weltmeisterschaft – veranschaulicht dem Filmpublikum Ziel des Spiels und gibt uns einen groben Überblick über die Regeln. Jedenfalls treten zwei Teams gegeneinander an, die jeweils aus neun Rollerskatern und drei Motorradfahrern bestehen – mittels an den Motorrädern befestigter Haltebügel gelingt es den Skatern, auf Geschwindigkeit zu kommen. In drei Dritteln à 20 Minuten müssen die Teams versuchen, eine in den Rundkurs geschossene, etwa acht Zentimeter dicke Stahlkugel zu fangen und ins gegnerische Tor zu befördern. Fouls werden mit dreiminütigen Zeitstrafen geahndet. Und wenn es den Entscheidungsträgern gefällt, werden die Regeln auch mal geändert – und das nicht aus Rücksicht auf Leib und Leben der Athleten. Angeblich war das Spiel so realistisch konzipiert, dass Cast und Crew es während der Dreharbeiten in Pausen gern praktizierten. Hoffen wir, dass die Teilnehmer dabei wenigstens von körperlichen Attacken Abstand genommen haben.

Vom Regisseur von „In der Hitze der Nacht“

Regisseur Norman Jewison („In der Hitze der Nacht“, „F.I.S.T. – Ein Mann geht seinen Weg“, „Mondsüchtig“) verpackte seine Kapitalismuskritik in ein mitreißendes Sport-Actiondrama, das uns Filmpublikum auch entlarvt. In „Rollerball“ geht es keineswegs darum, dass wir mit Houstons Kampf um die Weltmeisterschaft mitfiebern, aber genau das passiert. Was nicht zuletzt an der brillanten Inszenierung der Spielszenen liegt, deren Brutalität uns vollends zu Voyeuren macht. Jonathan ist dabei klar als Held gezeichnet, der sich gegen das System auflehnt, aber wir erfahren und sehen auch, dass er die Gewalt seiner Sportart mitträgt. Diese Gewalt des Spiels wird höchst drastisch gezeigt, was viele Zuschauer in den 1970er-Jahren verstört haben dürfte und auch angetan ist, Menschen zu verschrecken, die lediglich einen Sportfilm mit einer erdachten Sportart erwarten.

Partyspaß der besonderen Art

Die Systemkritik gerät an ihre Grenzen: Zwar bekommen wir anhand der Figur des Konzernchefs Bartholomew hautnah mit, dass die Welt von einer zahlenmäßig äußerst kleinen Elite gelenkt wird; zwar bekommen wir einen Ausschnitt der Dekadenz einer privilegierten Klasse zu sehen, wenn eine Schar Partygäste aus Jux und Dollerei mit einer Schusswaffe eine Reihe prächtiger Bäume in Brand setzt (soll die Szene zeigen, dass der Mensch trotz Abschaffung des Kriegs nicht von Waffen lassen kann?); offen bleibt aber, wie diese „New World Order“, diese Perfektionierung der Herrschaft des Kapitals die große Masse der Menschheit beeinflusst und beeinträchtigt. Indem der Film seinen Fokus ganz auf Jonathan legt, umschifft „Rollerball“ gekonnt ein paar geringfügige Inkonsequenzen und offene Fragen zur Zusammensetzung und Form der Gesellschaft, auch die titelgebende Sportart lenkt davon ab. Das eine oder andere Detail zeigt hingegen sehr schön, auf welche Weise die Menschheit in der Welt von „Rollerball“ manipuliert wird, etwa durch die „Zusammenfassung“ von Buchinhalten und eine Geschichtsschreibung, die lediglich solche Bestandteile der Menschheitsgeschichte an die Öffentlichkeit gelangen lässt, die die Herrschenden für unbedenklich halten.

Was will Jonathan?

James Caan trägt die schauspielerische Last zwar nicht ganz allein auf seinen Schultern, stellt aber die prägendste Figur dar. Jonathans Kumpel Moonpie sowie Konzernboss Bartholomew erhalten – mit jeweils deutlich weniger Szenen – ebenfalls Profil, alle weiteren Figuren bleiben dahinter zurück. Mehr war in der Hinsicht aber auch nicht erforderlich. Ob es Jonathan wirklich darum geht, ein korruptes System zu stürzen, erfahren wir nicht, daran mag sich stören, wer will, mir hat es nicht gefehlt.

Im Match gegen Tokio wird mit harten Bandagen gekämpft

Die Rollerball-Match-Sequenzen entstanden in der Rudi-Sedlmayer-Halle in München, die für die Olympischen Sommerspiele 1972 errichtet worden war und heute den Namen einer Automarke trägt. Die Kulissen in der Halle wurden für die Dreharbeiten wiederholt verändert, da sie im Film als Spielstätte sowohl in Houston als auch in Tokio und New York City fungiert. Bürgerinnen und Bürger der bayerischen Hauptstadt verkörperten in diesen Szenen als Statisten das Publikum. Passend dazu diente auch die in München angesiedelte Konzernzentrale eines anderen Autoherstellers als Hauptquartier des Energiekonzerns in Houston (das Gebäude in Form eines Vierzylinders ist übrigens auch in Dario Argentos „Suspiria“ von 1977 zu sehen).

Vom originalen 35-mm-Negativ restauriert

Die Summe aller Teile fügt sich zu einem herausragenden Gesamtbild zusammen – einer Action-Dystopie, die völlig zu Recht Klassikerstatus genießt. Das Label capelight pictures hat sich für „Rollerball“ nicht lumpen lassen und den Film aufwendig vom originalen 35-mm-Negativ restauriert und auf 4K 16-bit gehoben. Über die Qualität der 4K UHD Blu-ray kann ich keine Auskunft erteilen, aber bereits das Bild der herkömmlichen Blu-ray ist einfach umwerfend, zeigt alle Details und kräftige Farben unter Beibehaltung eines gewissen Filmkorns. Alterserscheinungen des Negativs wurden korrigiert. Auch die Bildschärfe erscheint mir optimal, ohne übertrieben zu sein – so wurden nach meinem optischen Empfinden bewusste Unschärfen beibehalten. Wer sich für die technischen Herausforderungen solcher Restaurierungen interessiert, kann darüber in einem zusätzlichen Booklet nachlesen, das der Ultimate Edition des Films beiliegt. In den Booklets der beiden Mediabooks findet sich eine Kurzfassung davon.

Doch das ist nichts gegen das, was die Athleten …

Bei solch anspruchsvoller Arbeit lassen sich Fehler nie ganz vermeiden. So hat capelight pictures selbst eingeräumt, dass der Ton auf der UHD Blu-ray um vier Frames asynchron zum Bild ist, was etwa einer Sechstelsekunde entspricht. Beim in der Ultimate Edition enthaltenen Remake von 2002 ist offenbar der Originalton teilweise ebenfalls asynchron, und beim deutschen Ton der 5.1-Tonspur auf der Blu-ray wurden der linke und der rechte Kanal vertauscht. Das Label hat kostenlose Austausch-Discs zugesagt, die Abwicklung erfolgt per Kontaktaufnahme per E-Mail an support@capelight.de (Kopie des Kaufbelegs beifügen und Anschrift nennen). Wer direkt im capelight-Online-Shop bestellt hat, muss sogar überhaupt nicht aktiv werden und bekommt automatisch Ersatz.

Kinofassung nicht ganz lippensynchron

Keinen Fehler stellt es hingegen dar, dass die Kino-Synchronisation an einigen Stellen nicht durchgängig lippensynchron ist. Diesen kleinen Makel von damals wollte capelight beibehalten, womöglich aus nostalgischen Motiven. Ich hätte eine Korrektur vorgezogen, sofern sie ohne Qualitätsverlust möglich wäre, kann damit aber leben. Außerdem kann man auch mal die Kirche im Dorf lassen, der für die „Rollerball“-Editionen betriebene Aufwand war enorm. Natürlich blieb es nicht aus, dass sich einige Kapeiken in den Sozialen Medien über die Asynchronität die Mäuler zerrissen haben, aber was kümmert es den Mond, wenn ihn ein Hund anheult? Die Fehler bessert das Label nach, darauf kommt es an.

Ultimate Edition sogar mit dem Remake

In puncto Bonusmaterial hat capelight ein Füllhorn ausgeschüttet. Die spielfilmlange neue Doku „From Rollerball to Rome – Nachhall eines Sci-Fi-Klassikers“ erscheint mir hier als Herzstück, hinzu kommen Interviews, Making-ofs, weitere Featurettes und die Audiokommentare des Regisseurs Norman Jewison und des Autors William Harrison. Die Ultimate Edition hat als Plus gegenüber den beiden Mediabooks unter anderem Artcards, ein Zertifikat, ein Poster sowie auf Blu-ray im Digipack das 2002er Remake „Rollerball“ von „Stirb langsam“-Regisseur John McTiernan zu bieten. Mehr geht nicht (auch wenn das Remake missraten ist). Marco Heiters Booklet-Text hält das gewohnt hohe Niveau der capelight-Autoren, die Lektüre empfiehlt sich aufgrund einiger Spoiler erst nach der Sichtung des Films. Mir gefällt das Konzept ausgesprochen gut, von herkömmlicher Blu-ray oder DVD über Mediabook bis hin zur Luxusausführung Ultimate Edition verschiedene Ausstattungsstufen für verschiedene Sammlerbedürfnisse bereitzustellen. Manchen Filmguckern reicht eben der Film und damit eine reduzierte Veröffentlichung zum vergleichsweise geringen Preis, andere wollen einen Klassiker lieber in üppiger Verpackung und Ausstattung gewürdigt sehen. Verdient hat „Rollerball“ auf die eine oder andere Weise jedenfalls, auch heute noch sein Publikum zu finden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit James Caan haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

… im Finale erwartet

Veröffentlichung: 17. April 2020 als 3-Disc Limited Collector’s Edition UHD-Mediabook (4K Ultra HD, Blu-ray & Bonus-Blu-ray), 3-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray, Bonus-Blu-ray & DVD), 5-Disc Limited Ultimate Edition (4K Ultra HD, Blu-ray, 2 Bonus-Blu-rays & Daten-CD, limitiert auf 3.000 Exemplare), Blu-ray und DVD

Länge: 125 Min. (Blu-ray), 120 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Rollerball
GB/USA/KAN 1975
Regie: Norman Jewison
Drehbuch: William Harrison
Besetzung: James Caan, John Houseman, Maud Adams, John Beck, Moses Gunn, Pamela Hensley, Barbara Trentham, John Normington, Shane Rimmer, Burt Kwouk, Nancy Bleier, Richard LeParmentier, Robert Ito, Ralph Richardson
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur Norman Jewison, Audiokommentar von Autor William Harrison, nur Ultimate Edition & Mediabooks: neue Doku „From Rollerball to Rome – Nachhall eines Sci-Fi-Klassikers“, „From Sweden to Stardom“ – Im Gespräch mit Maud Adams, „Blood Sports“ – Im Gespräch mit James Caan, Making-of „Return to the Arena“, Featurette „The Fourth City“ – Eine Reise zurück zu den Münchner Originalschauplätzen des Films, Featurette „The Bike Work“ – Stuntman Craig R. Baxley über die Motorradstunts, Making-of „From Rome to Rollerball“ (1975), 13 Originaltrailer & TV-Spots (teilweise neu restauriert), 2 vintage 8mm-Reels: „Game On“ und „Game Over“, 24-seitiges Booklet, nur Ultimate Edition: Blu-ray im Digipack mit dem Remake „Rollerball“ (2002) von John McTiernan, Daten-CD mit seltenen Pressematerialien aus aller Welt, doppelseitiges Poster, Artcards, nummeriertes Zertifikat
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshot mit Inhalt: © 2020 capelight pictures

 
 

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Eine Antwort zu “Rollerball – Konzerne geben uns Brot und Spiele

  1. Fatherleft

    2020/05/26 at 13:28

    Eine meiner liebsten Dystopien und auch meine Tochter musste zugeben, dass die Geschichte eine sehr offensichtliche Inspiration zu Die Tribute von Panem war. Dass man das „Proletariat“ Welt nicht sieht fand ich gerade sehr treffend die die Welt der Corporations kümmert sich doch um alle. Ein wenig wie in Schöne neue Welt. sowas wie das Proletariat in unserem Sinne gibt es da gar nicht mehr. Die Unterschiede merkt man nur an den kleinen Details, so dass gar kein Bedürfnis zum Aufbegehren geweckt wird. Eine ziemlich perfekte Diktatur.
    Die Motivation Jonathans fand ich persönlich ausreichend erklärt. Rollerball ist seine Kunstform und er war einfach nicht bereit sich vorschreiben zu lassen, dass er damit aufzuhören habe. Dass er sich vorschreiben lassen musste, dass seine „Frau“ zu einem Exekutiv wechselt, weil der sie mochte und vermutlich mehr zu sagen hatte hat vermutlich für ihn das Fass zum Überlaufen gebracht. Das fand ich als Grund für diese Renitenz ausreichend, denn eigentlich ist es doch auch ein Liebesfilm und wer lässt sich schon gerne sagen, wen er zu lieben hat. (habe ich zu mindestens meiner Frau versucht einzureden, damit sie ihn mal mit mir ansieht 😉

     

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