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Parasite – Wer sind die Schmarotzer?

21 Mai

Gisaengchung

Von Volker Schönenberger

Tragikomödie // Wenn vier Schwergewichte sich streiten, freut sich der Außenseiter: Satte elf Oscar-Nominierungen hatte Todd Phillips’ „Joker“ erhalten. Sam Mendes’ Weltkriegsdrama „1917“, Martin Scorseses Gangster-Epos „The Irishman“ und Quentin Tarantinos Hollywood-Reflektion „Once Upon a Time in Hollywood“ waren jeweils für zehn Academy Awards nominiert worden. Und dann kommt da so ein dahergelaufener Südkoreaner wie „Parasite“ an, bei dem man schon die sechs Nominierungen für respektabel genug hält und ihm vielleicht nur den Oscaras als bester Auslandsfilm zutraut – und der holt plötzlich nicht nur den, sondern auch noch die beiden wichtigsten überhaupt als bester Film und für Regisseur Bong-Joon-ho, dazu auch den ebenfalls bedeutsamen fürs beste Originaldrehbuch. Die Tragikomödie ist sogar der erste fremdsprachige Film überhaupt, den die Academy zum besten Film des Jahres kürte. Potztausend! Die Goldene Palme beim Cannes Film Festival 2019 verblasst da fast schon. Ganz zu schweigen von den etlichen weiteren Preisen, die „Parasite weltweit abgeräumt hat.

Ziehen sich Gegensätze wirklich an? Familie Kim …

Die bissige Gesellschaftssatire erzählt vom Aufeinandertreffen der Familien Kim und Park. Die Kims sind gesellschaftliche Außenseiter, leben in einer armseligen Souterrain-Wohnung, wo sie versuchen, sich mit ihren Smartphones ins WLAN unvorsichtiger Nachbarn einzuloggen. Geld kommt nur tröpfchenweise herein, etwa wenn die Familie für einen Lieferservice Pizzakartons faltet – wenn auch in suboptimaler Qualität. Die prekäre Lage findet ein unerwartetes Ende, als Sohn Ki-woo (Choi Woo-sik) über einen Kumpel einen Job als Aushilfslehrer bei den wohlhabenden Parks bekommt – er beginnt, die Tochter Da-hye (Ji-so Jung) in Englisch zu unterrichten. Die dafür notwendigen Unterlagen hat seine künstlerisch begabte Schwester Ki-jung (Park So-dam) ihrem Bruder kurzerhand gefälscht. Bald darauf gelingt es Ki-woo, Ki-jung ebenfalls einen Job im Haus der Eheleute Park (Lee Sun-kyun, Cho Yeo-jeong) zu verschaffen – als Kunst-Erzieherin von Sohnemann Da-song (Jung Hyun-jun). Dabei bleibt es nicht.

Die Flodders Südkoreas?

Die Kims sind prollig, wenn auch nicht so sehr wie die Flodders aus „Flodder – Eine Familie zum Knutschen“ (1986). In „Parasite“ geht es auch nicht ganz so brachial zu wie in der niederländischen Komödie. Dennoch wird auch hier das soziale Ungleichgewicht absurd überzeichnet. Dabei erweisen sich sowohl die jungen Ki-woo und Da-hye als auch ihre Eltern (Song Kang-ho, Jang Hye-jin) als überraschend talentiert, was die Erledigung von Aufgaben für die oberen Zehntausend angeht. Sie können jedoch nicht verhindern, dass ihnen die mühsam erlangte Kontrolle über die Situation aufgrund ein paar unglücklicher Umstände entgleitet, was ein so irrwitziges wie rabenschwarzes Finale zur Folge hat und die Tragikomödie geradezu zur Farce, wenn nicht Groteske macht.

… und die Parks könnten unterschiedlicher nicht sein

Allein schon die Visualisierung ihrer Wohnverhältnisse belegt den fundamentalen Unterschied zwischen beiden Familien. Der schmutzige Verschlag der Kims kontrastiert enorm zur geräumigen, blitzblanken Villa der Parks mit ihren klaren Linien. Die Parks nehmen Menschen in prekären wirtschaftlichen Situationen anscheinend gar nicht mehr wahr, stören sich lediglich an einem sonderbaren Geruch, den sie aber gar nicht exakt definieren können. Doch wer ist der titelgebende Parasit? Dazu schrieb Florian Schneider in seiner Rezension zum Kinostart: Der Regisseur vermeidet sensibel die eindeutige Parteinahme oder eine klare Aussage zu der Frage, wer denn nun eigentlich der wahre Parasit sein mag – das obliegt dem Auge und Urteil des Betrachters. Dieses Urteil sollte insgesamt nicht nur aufgrund der zahlreichen Auszeichnungen überschwenglich ausfallen, sondern weil „Parasite“ überschwengliches Lob verdient hat. Regisseur Bong Joon-ho hat schon 2013 mit Snowpiercer einen außergewöhnlichen filmischen Kommentar zu sozialer Schieflage und der riesigen Kluft zwischen Arm und Reich abgegeben. Mit „Parasite“ setzt er seinem bisherigen Schaffen die Krone auf. Und es gibt der vielgescholtenen Academy of Motion Picture Arts and Sciences eine große Portion Glaubwürdigkeit zurück, dass sie einem solch außergewöhnlichen Werk die beiden wichtigsten Oscars zuerkannte, obwohl es nicht mal in Hollywood produziert wurde, sondern in Südkorea.

Kooperation von capelight und Koch

In Deutschland haben capelight pictures und Koch Films den Film in einer Kooperation in die Lichtspielhäuser gebracht und anschließend auch fürs Heimkino veröffentlicht. Wie schon bei „Suspiria“ (2018) hat jedes Label ein Mediabook im jeweils eigenen Format produziert – die Koch-Mediabooks fallen bekanntermaßen kompakt aus, so auch in diesem Fall; capelight hat sich wie gewohnt für das auf dem Markt verbreitetere Format entschieden. Das Bonusmaterial fällt üppig aus (siehe unten), der Sammler hat die Qual der Wahl oder schlägt doppelt zu.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Bong Joon-ho haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Song Kang-ho unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 30. April 2020 als Limited 2-Disc Edition Steelbook (4K UHD Blu-ray & Blu-ray, exklusiv bei einem großen Online-Händler), 5. März 2020 als Limited 3-Disc Edition Mediabook (4K UHD Blu-ray & 2 Blu-rays, zwei Formate und Covermotive) Blu-ray und DVD

Länge: 132 Min. (Blu-ray), 127 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Koreanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Gisaengchung
KOR 2019
Regie: Bong Joon-ho
Drehbuch: Bong Joon-ho, Jin Won Han
Besetzung: Song Kang-ho, Lee Sun-kyun, Cho Yeo-jeong, Choi Woo-sik, Jang Hye-jin, Park So-dam, Park Myeong-hoon, Jung Hyun-jun, Ji-so Jung, Kang Echae, Jeong Esuz, Andreas Fronk
Zusatzmaterial: Bong Joon-ho Interview (11 Min.), Bong Joon-ho Q&A beim Filmfest München (51 Min.), Bong Joon-ho – Expect the Unexpected TIFF 2019 (5 Min.), Bong Joon-ho Masterclass auf dem Toronto International Film Festival (62 Min.), Cast and Crew Q&A beim Toronto International Film Festival (17 Min.), Making-of, Die Charaktere, TV Spots, Keine Spoiler, Grüße von den Darstellern, Hinter den Kulissen
Label/Vertrieb: capelight pictures / Koch Films

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2020 capelight pictures / Koch Films

 

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