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Simon Templar Vol. 1 – Dem ist nichts heilig

21 Mai

The Saint

Von Tonio Klein

Krimiserie // Was bedingt hier was? Roger Moore alias Simon Templar sollte später James Bond werden, aber der Serienvorspann sieht schon ein wenig nach Bond aus, mit farbigen Schattenspielen von Actionszenen. Man kann dem Cover natürlich entnehmen, dass Volume 1 uns Episoden von 1966 und 1967 präsentiert; da waren die ersten Connery-Bonds schon immens populär. Die Auswahl von Pidax kann auch wohlwollend nur als seltsam bezeichnet werden. Warum enthält Volume 1 ausgerechnet die fünfte Staffel, und diese dann fast komplett, aber ohne die letzte Folge „Heißer Kuss am Bosporus“, die dafür mitten in Volume 2 auftaucht? Wäre es, wenn man uns – was jetzt schon feststeht – ohnehin nur eine Auswahl präsentieren wird, nicht sinniger, einen Querschnitt zu nehmen statt einen Ausschnitt? Volume 2 wird interessanter, zeigt es doch tatsächlich die erste (1962) und letzte Folge (1969) sowie erhellende Dokus statt nur eine launige, von Roger Moore und anderen audiokommentierte Folge. Mehr demnächst in diesem Theater.

Mein Name ist Templar, Simon Templar

Nun kann man sich an diesen kurzweiligen, jeweils circa 48 Minuten langen Krimis mit Humor-Touch natürlich immer noch erfreuen, denen der Wechsel von Schwarz-Weiß zu Farbe gutgetan hat (die gezeigte Staffel 5 ist die erste in Farbe). Sie lassen einerseits ein mondänes Sixties-Flair und andererseits den Roger-Moore-Kultfaktor wiederaufleben. Man kann ihn sich da als kommenden Bond (und auch als den schnöseligsten aller Bonds) schon sehr gut vorstellen, wobei der Mann damals noch unverschämt gut aussah. Der Templar-Beiname „The Saint“ passt nun wirklich nicht (und rührt von den Initialen S. T. alias Abkürzung für „Sankt“ her), auch wenn der eingeblendete Heiligenschein sowie ein Strichmännchen mit selbigem zum festen Bestandteil jeder Folge gehört.

Bond wäre weniger zögerlich

Puristen der Simon-Templar-Romane von Leslie Charteris müssen mit gewissen Glättungen der Figur leben. Templar ist einfach ein über allem stehender Müßiggänger, von dem wir niemals erfahren, ob er eigentlich einen Beruf hat und wovon er sich seinen Jet-Set-Lebensstil leisten kann. Er muss nirgendwo hin- oder hineinkommen. Er ist einfach da – an den weit über die Weltkarte verstreuten Orten der Schönen und Reichen – so selbstverständlich, als sei dies eine natürliche Verbindung. In „Mord im Palazzo“ sogar mit weißem Smoking im Casino, was Bond nicht unähnlich sieht. Dass Templars Einkommen auch schon mal darin bestehen kann, sich einen Anteil von wiederbeschafftem Diebesgut abzuzwacken, steht nur in den Romanen.

Die Gesetze der Serie

Bei Serien mit abgeschlossenen Geschichten gibt es üblicherweise typische Bausteine, sozusagen Gesetze der Serie. Als hauptberuflicher Jurist möchte ich diese mit einem typischen Regel-Ausnahme-Verhältnis vergleichen – Abweichungen sind nicht kategorisch verboten, aber rechtfertigungsbedürftig. Und das Salz in der Suppe. Weicht man niemals ab, wird die Suppe fad, weicht man zu oft ab, überdeckt das Versalzene den typischen Eigengeschmack, den niemand missen möchte. Damit muss sich jede Serie herumschlagen. Auch hier hat Volume 2 mehr Würze als Volume 1, dessen Folgen von geringer Unterschiedlichkeit zeugen. Typische Bestandteile sind: Simon Templar ist in der ganzen Welt zu Haus, vornehmlich – nicht immer – in der High Society oder bei denen, die sich dafür halten. Erstaunlicherweise scheint er auch an jedem Ort Freunde zu haben. Flugscham war zu seiner Zeit noch nicht erfunden, oft kommt er gerade irgendwo auf einem Flughafen an, manchmal (was in früheren Staffeln regelmäßiger vorkam) wendet er sich zu Beginn direkt an uns. Probleme mit den Schurken regelt er üblicherweise mit den Fäusten statt mit Handfeuerwaffen. Er ist ein Frauenschwarm und es gibt keine Folge ohne mindestens eine schöne junge Frau. Manche himmeln ihn an, manche sind anderweitig liiert oder verliebt und mögen ihn als Beschützer, erstaunlich vielen ist nicht zu trauen. Auffällig viele Folgen leben von finalen Plot Twists, in denen sich gelegentlich die Schönheiten als Schlangen entpuppen. Templar ist insoweit braver als Bond, als er mit den verführerischen und auch mit den willigen Damen nie schläft. Ein Kuss, der höchstens so lange wie der von Prinz William und Kate Middleton nach der Trauung dauert, ist das höchste der Gefühle. No sex please, we are British!

Bond für Arme?

Eine Analyse der Machart führt mich dazu, meine Jugenderinnerungen an die Serie deutlich nüchterner zu sehen. Letztlich immer noch nicht schlimm, da Simon Templar dergestalt nicht mehr, aber eben auch nicht weniger als gute B-Unterhaltung wird. Es muss ein immenser Druck gewesen sein, in einem Jahr die 27 Folgen abzudrehen, von denen hier 26 zu sehen sind. Das entspricht schließlich von der Länge her etwa 13 ½ Spielfilmen. In einem Jahr! Das muss ja von der Stange sein! Ist es auch, und man sieht es: Pidax preist vollmundig einen Dreh an Originalschauplätzen, aber das ist Augenwischerei. Da ließ sich Archivmaterial einstreuen (vielleicht war auch mal ein Second-Unit-Team kurz an den Orten), während die Darsteller erkennbar in Studiokulissen agieren. Miese Rückprojektionen bei Autofahrten, und in der Venedigfolge „Mord im Palazzo“ sollen wir allen Ernstes glauben, dass Moore ein Boot dortselbst steuert! Künstliche Kulissen, von denen zudem nach ein paar Folgen überdeutlich erkennbar ist, dass immer dieselben verwendet wurden. Wald, Wiesen, Felsen und Gemäuer sollen in zig verschiedenen Ländern identisch sein, dito ein Kellerverlies mit extrem hohem Wiedererkennungswert. Nicht ärgern, nur wundern …

Na, wie ist die Bildqualität?

Ein paar Episoden seien herausgegriffen. In „Simon Templar und die Königin“ („The Queen’s Ransom“) wirkt Roger Moore in seiner Schnöseligkeit gerade am Anfang mit nervösen Kopfbewegungen etwas aufgesetzt. Gleichwohl eine typische und gelungene Folge, die unter anderem in Monte Carlo und Frankreich spielt (na ja, siehe oben). Was schon nach deutlich weniger Zeit zu Ende sein könnte, lebt davon, dass die Bösen einfach nicht aufgeben. Am schönsten bei einem herrlichen Plot Twist, der mittels einer teeverliebten alten englischen Lady mit Rolls-Royce-Oldtimer sehr britischen Humor nach Frankreich bringt. Als Gaststar können wir Dawn Addams bewundern, die mit so unterschiedlichen Regie-Giganten wie Charlie Chaplin („Ein König in New York“) und Fritz Lang („Die 1.000 Augen des Dr. Mabuse“) zusammengearbeitet hat.

Tod in Venedig

„Mord im Palazzo“ („Interlude in Venice“): Kult! Templar spürt in Venedig, unter anderem in einem edlen Palazzo, einer verworrenen Rachegeschichte nach, bei der gleich drei schöne, aber völlig unterschiedliche Frauen eine wichtige Rolle spielen. Lois Maxwell ist zwar schon etwas älter als die anderen, aber wollten wir nicht Mrs. Moneypenny schon immer mal in attraktiver, farbenfroher Kleiderpracht sehen, die mit Moore ausgeht, statt wie in den Bondfilmen ganze Lkw-Ladungen von Körben vom Superagenten zu bekommen?

„The Russian Prisoner“: Diese Folge soll dem deutschen Zeitgeist nicht entsprochen haben, sodass sie nicht synchronisiert wurde. Kaum nachvollziehbar, waren Kalter-Krieg-Geschichten doch en vogue! Diese hier, in Genf angesiedelt, ist eine besonders kaprioleske Charade.

Wo liegt San Pablo?

Bei „The Reluctant Revolution“ ahnt man schon eher, warum der nie im deutschen Fernsehen gezeigt wurde. Templar, der wegen verwechselter Reisetaschen an schwarzer Damen-Reizwäsche – zudem vor den Augen der schließlich auftauchenden Eigentümerin – herumfingert? Shocking … Außerdem eine ungewohnt bleihaltige Folge. Mit der Besonderheit, dass der Schauplatz diesmal fiktiv scheint. Ein „San Pablo“ gibt es zigmal in Lateinamerika, wo Templar in typisch bananenrepublikanische Auseinandersetzungen gezogen wird. Die Keller-Kulisse (diesmal Hauptquartier von Revolutionären) kennen wir aus diversen anderen Episoden. Am Ende völlig übertrieben und zu schön, um wahr zu sein – Templar leitet mal eben eine Revolution ein und verhilft ihr zum unblutigen Erfolg. Hanebüchen, aber ich mag speziell diese Folge wegen ihrer Träumereien.

Schauplätze-Roulette, fast immer im Studio

„Piratenstück in Hamburg“ („The Helpful Pirate“): Eine recht ordentliche Episode um die selbstverständlich ersponnene Legende von Störtebekers Schatz. Natürlich merkt man als jemand, der schon mehrfach in Hamburg gewesen ist, umso schmerzlicher, wie die wenigen Montage-Außenaufnahmen mit Rückprojektionen und Studiokulissen kombiniert werden.

Simon Templar und Nessie

„Das Ungeheuer von Loch Ness“ („The Convenient Monster“) … gibt es natürlich nicht, oder doch? Jedenfalls in der Haupthandlung macht sich eine Frau die Legende zunutze, weil sie ihren Mann hasst – mit einer reichlich hergesuchten „Erklärung“, warum. Weniger überraschend, aber mit den üblichen skurril-klischeeüberhöhenden Figuren und Schauplätzen, wobei ein künstliches Höhlenversteck da viel origineller ist als die wie üblich nur selten eingestreuten Originalschauplätze.

„Little Girl Lost“ ist eine weitere nicht synchronisierte Folge. Tja, so war man in Deutschland in den 1960er-Jahren, da wurden sämtliche Anklänge an Hitler getilgt, den man vergessen wollte und doch nicht los wurde. Dabei wäre dies just in dieser Folge selbst aus damaliger Verdrängungssicht total unnötig: Die Geschichte einer jungen Frau, die als Hitlers geheime Tochter von der noch existierenden SS genötigt werde, in Deutschland das politische Erbe anzutreten, ist Stuss! Die sollen wir aber genauso wenig glauben, wie Templar das tut. Die in Irland spielende Folge scheint später banal, kann aber dann doch mit den typischen Plot Twists aufwarten und glänzt mit ungewöhnlichem Ende.

Immer noch Tot (sic!) und Teufel auf der Strasse (sic!) der Unter-titel (sic!)

Es ist mir leider nicht möglich zu sagen, was diese neue Edition von derjenigen unterscheidet, welche Koch Media 2006 herausgebracht hat – die Folgen sind jedenfalls identisch, Sprache, Ausstattung und Extras sind es wohl auch, wenn man Amazon Glauben schenken kann. In der 2020er-Version ist das Bild voller frischer Farben, wenn auch die Auflösung noch etwas besser sein könnte. Das mag ein allgemeines Problem alter Serien sein, bei denen die Entwicklung der TV-Geräte eben an der des Remastering vorbeigezogen ist und manches auf einem seinerzeitigen Röhrengerät schlicht nicht bemerkbar war. Was aber auf jeden Fall bemerkbar ist wie vermeidbar gewesen wäre, sind Untertitel, die von der angeblich so (pardon in diesen Zeiten) viralen Bildungskatastrofe zeugen. Nein, Katastrophe heißt das natürlich. Die Regeln der deutschen Sprache kann ich hoffentlich etwas besser einhalten als die Untertiteler. Und ich hätte diesen Abschnitt nicht geschrieben, wenn sich Patzer nicht wirklich arg häufen würden. „Da gibt es Tot und Zerstörung“, da wird Straße nicht mal konsequent falsch „Strasse“ geschrieben, sondern es wechselt munter, und da haben wir sogar einmal Silbentrennung – zwischen zwei Untertitel-Tafeln! Kein Fehler, aber nicht minder schräg. Und das ist wirklich nur die Spitze des Eisberges.

Letztlich kann man natürlich darauf verzichten, darüber wild mit den Augen zu rollen, sondern mit süffisantem Grinsen nur leicht eine Braue heben, so wie es ein nonchalantes Markenzeichen von Simon Templar und Roger Moore war.

Kunst in Serien?

Die Episoden im Einzelnen:

01. Simon Templar und die Königin (The Queen’s Ransom)
02. Mord im Palazzo (Interlude in Venice)
03. The Russian Prisoner
04. The Reluctant Revolution
05. Piratenstück in Hamburg (The Helpful Pirate)
06. Das Ungeheuer von Loch Ness (The Convenient Monster)
07. Das Engelsauge (The Angel’s Eye)
08. The Man Who Liked Lions
09. Simon Templar und die Juwelendiebe (The Better Mousetrap)
10. Little Girl Lost
11. The Paper Chase
12. Es ist nicht alles Gold … (Locate and Destroy)
13. Simon Templar und der Senkrechtstarter (Flight Plan)
14. Templar auf der Flucht (Escape Route)
15. Fast ein Skandal (The Persistent Patriots)
16. Simon Templar und die Rivalinnen (The Fast Women)
17. The Death Game
18. Die Kunstsammler (The Art Collectors)
19. Ein Killer kommt selten allein (To Kill a Saint)
20. Simon Templar und die Gräfin (The Counterfeit Countess)
21. Wie im Kino (Simon and Delilah)
22. Zum Segen der Menschheit (Island of Chance)
23. Klosterlikör hat’s in sich (The Gadget Lovers)
24. Simon Templar und der Diamantentrick (A Double in Diamonds)
25. The Power Artists
26. Simon Templar und der Doppelagent (When Spring Is Sprung)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Roger Moore haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 5. Juni 2020 und 21. April 2006 als DVD-Box (8 DVDs)

Länge: ca. 1267 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch (zum Großteil), Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Saint
GB 1966/1967
Regie: Roy Ward Baker (als Roy Baker) u. a.
Drehbuch: Harry W. Junkin u. a.
Besetzung: Roger Moore, Dawn Addams, Lois Maxwell, Erika Remberg
Zusatzmaterial: Audiokommentar (u. a. mit Roger Moore) zur Folge „Templar auf der Flucht“, Episoden-Trailer, Trailershow, Wendecover
Label 2020: Pidax Film
Vertrieb 2020: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2006: Koch Media

Copyright 2020 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Pidax Film

 

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