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Die Frucht des Tropenbaumes – Der Spion, den ich nicht liebte

25 Mai

The Tamarind Seed

Von Tonio Klein

Agenten-Abenteuer // Blake Edwards hat einen romantischen Agenten„thriller“ gedreht. Obwohl man ihn nicht nur auf den Regisseur eleganter kalifornischer Party-Albträume und slapstickartiger Komödien reduzieren sollte und er im Thrillergenre mit „Der letzte Zug“ ein feines Exemplar der Gattung ablieferte: „Die Frucht des Tropenbaumes“ ist nur halb gelungen. Unbedingter Stilwille und eine schwache Spannungsdramaturgie halten sich in etwa die Waage. Der Film enthält eine Reihe von Szenen erlesener Schönheit sowie exzellente, Bildkompositionen, Montage und Farbdramaturgie. Ein schaler Gesamteindruck bleibt dennoch. Das Ganze hätte mehr sein müssen als die Summe seiner Teile.

Die Macht der (Vor-)Bilder

Filmische Vorbilder sind im positiven Sinne wirkmächtig und im negativen Sinne übermächtig, im Wesentlichen: Hitchcock und Bond. Da verweist die DVD-Hülle auf den Filmkomponisten John Barry – hätte Edwards doch seinen Stammkomponisten Henry Mancini genommen! Barry, den ich keinesfalls geringschätze und der – was das Pidax-Cover seltsamerweise nicht erwähnt – viele Bonds vertont hat, steuerte einen sehr Bond-ähnlichen Soundtrack bei, dabei eher an die ruhigere Hintergrundmusik als an die pulsierenden Titelsongs der frühen Jahre erinnernd. Und dazu gibt’s einen sehr Bond-ähnlichen Vorspann von Bond-Titeldesigner Maurice Binder, in dem bis zum Schrifttyp und zur Anordnung der Credits vieles nach 007 aussieht. Immerhin ist dieser Vorspann nicht nur atemraubend schön, sondern bewahrt sich eine gewisse Eigenständigkeit: Ruhiger als bei Bond wird es zugehen.

Ein Fremder ruft an

Es sind klar und deutlich die beiden Hauptfiguren Judith Farrow (Julie Andrews, konnotiert mit der Farbe Blau) und der Sowjetagent Feodor Svertlov (Omar Sharif, Farbe Rot) zu erkennen, und der Vorspann konzentriert sich auf die beiden. Es scheint um ein Pärchen und die Unmöglichkeit zu gehen, in wirrer politischer und persönlicher Lage zusammenzukommen. Immer wieder gehen beide aneinander vorbei, auseinander, guckt er ihr nach, aber entschwindet sie. Und dann ist da noch Rot für eine Explosion, Blut, Schmerz und Tod: Ein Auto stürzt eine Klippe herunter. Später werden wir erfahren, dass Judith auf diese Weise Witwe geworden ist und sie dieser Unfalltod gerade deswegen nicht loslässt, weil sie meint, versäumt zu haben, der abgekühlten Ehe erneut Leben einzuhauchen. Ist sie auch deshalb – nicht zuletzt in gewohnt britisch-distinguierter Sprechweise – eine berührende Mischung aus zurückhaltend, manchmal abweisend, und sehnsuchtsvoll? Jedenfalls wird sie in eine Beziehung mit Feodor hereingezogen, bis bald niemand mehr weiß, wer wem trauen kann.

Von Bond zu Hitch …

Da passt es ganz gut, dass Edwards ausgiebig Hitchcock zitiert. Die langen Passagen gegen Ende, in denen wenig gesprochen und viel einander langsam verfolgt wird, erinnern an die dialoglosen entsprechenden Passagen aus „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ (1958). Dass hier niemand seinen Augen trauen kann, zeigt sich am ebenfalls aus „Vertigo“ bekannten Credit-Auge, mit dem Maurice Binder seinen Vorspann beginnt, um dann zu offenbaren, dass es zu Julie Andrews’ Gesicht gehört. Und um zu zeigen, dass man in den Mühlen des Geheimdienstes ständig zermalmt zu werden droht, läuft im Fernsehen einmal die entsprechend konnotierte Mühlenszene aus Hitchcocks „Der Auslandskorrespondent“ (1940).

… und von rot zu blau …

Na – und das alles klingt gar nicht schlecht? Nein, der Film-Detektiv und Bildanalytiker kann sich in der Tat daran erfreuen, wie Edwards mit seinen Vorbildern umgeht. Auch Hitch hat sich im Grunde fast nie für die politischen Hintergründe interessiert (siehe beispielsweise den spannenden, politisch aber lachhaften DDR-Thriller „Der zerrissene Vorhang“ von 1966, ebenfalls mit Julie Andrews). Es ging ihm darum, was Menschen wegen McGuffinesker Staatsgeheimnisse zu tun bereit sind und wie sie andere Menschen und deren Gefühle wie Schachfiguren hin- und herschieben. So ist das auch im vorliegenden Film, bei dem eine schöne, durchdachte, aber ein bisschen zu penetrante Farbdramaturgie die grobe politische Lage und nicht ganz so grobe Gefühlslage illustriert. Fast wie in den alten Bundeswehrzeiten, in denen es Manöver zwischen „Rotland“ und „Blauland“ gab, ist hier vieles rot, was die Sowjets und ihre Einflusssphäre umgibt, und der Deckname des in Wahrheit für die Sowjets spionierenden britischen Doppelagenten ist „Blau“. Judiths Wohnung ist interessanterweise eine Mischung aus Rosa und Rot, eigentlich arg gewöhnungsbedürftig, aber hübsch die Möglichkeit der Beeinflussbarkeit ihrer Bewohnerin andeutend. Auch an anderen Orten, an denen die Frage der Beeinflussbarkeit im Raum steht, dominiert rot, das Blau kommt wesentlich unauffälliger und subtiler (daher gefährlicher?) ins Bild (achtet einmal auf Einstecktücher).

… sowie von der Frucht zum Samen

Auf der Haben-Seite hervorzuheben ist schließlich der Umgang mit Metaphern, vor allem derjenigen des mal wieder falsch ins Deutsche „übertragenen“ Filmtitels. Der Samen (nicht die Frucht!) des Tropenbaumes habe nach einer Sage die Gestalt eines menschlichen Schädels, weil an ihm einst ein Unschuldiger aufgeknüpft wurde. Macht man Bäume (und Menschen) zum Objekt von Machenschaften und Ränkespielen, so tragen sie ihre Spuren davon. Das Objekt will und wird Subjekt sein und lässt nicht alles mit sich machen. So wird der „menschlich“ gewordene Samen (ohnehin ein Symbol des keimenden Lebens) zum hoffnungsvollen Zeichen, dass unser Liebespärchen mehr als nur Schachfiguren sein könnte.

Gestrandete Liebe?

Das alles ist aber nur die halbe Miete in einem Film, den die Last der filmischen Vorbilder dann doch zu oft wie Mehltau lähmt und der streckenweise arg lang und langatmig ist. Es scheint, als passe sich Edwards im Stil über Gebühr dem Inhalt an: Nur weil in der Welt der Geheimdienste ein wirres Figurengeschacher angeprangert werden soll, muss ein Film nicht selbst eine teils wirre Figurenvielfalt aufweisen. Es gab in den 1970ern packende Paranoia-Filme des New Hollywood, neben den Evergreens zum Beispiel Sidney Lumets „Der Anderson-Clan“, in dem neben einer klassischen Heist-Handlung jeder jeden bespitzelt und gar nicht mehr behauptet wird, dies ergebe einen Sinn. Bei „Die Frucht des Tropenbaumes“ warten wir hingegen immer noch auf eine Lösung. Auch wenn die am Ende kommt, drohen gelegentlich die Emotion und die Spannung in der Anstrengung unterzugehen, die der Zuschauer beim Mitverfolgen des „Wer will was von wem warum?“ aufwenden muss. Man findet immer wieder gute Einzelszenen (und Bildarrangements, wenn zum Beispiel am Ende schon im Hintergrund ganz klein die Gefahr bringende Yacht zu sehen ist), aber man wird nicht ausreichend bei der Stange gehalten. Ich konnte daher Einzelheiten des Films sehr schätzen, ihn aber insgesamt nicht mögen. Das Agenten-Abenteuer ist in Teilen intellektuell überzeugend, aber ihm fehlt, worauf es in der Geschichte doch ankommen soll: Herz und Gefühl, Romantisches wie Spannendes. Edwards hat nur Einzelheiten wie Mosaiksteinchen seiner Vorbilder kopiert, erreicht aber nie das Ganze, weder die Action von Bond noch den Suspense von Hitch. Und weil er so eklektizistisch arbeitet, auch nicht die traurig-lustig-bittersüße Eleganz eines typischen Blake-Edwards-Films.

Romanze mit Schattenseiten

Schade – Julie Andrews ist auch hier in ungewohnter Rolle einen Blick wert (und man unke mir nicht, dass Edwards die Rolle niemals seiner Ehefrau hätte geben dürfen). Der Ägypter Omar Sharif gibt mit dunklem Teint wenig glaubhaft den Russen. Vielleicht, weil der Film nicht so offenherzig Kunstwelt ist wie der in der Vergangenheit spielende „Doktor Schiwago“. Daneben ist Oscar Homolka ein alter Sowjetgeneral mit wuchernden Augenbrauen à la Breschnjew, und es gibt viele, zu viele Nebenfiguren. Auch spielt Sharif den Charmeur ein bisschen zu archetypisch, als dass Judith sich glaubhaft in ihn verliebt, zumal sie wie gesagt wegen Vergangenem versucht, sich einen Schutzpanzer anzulegen.

Ein Film, der „interessant“ ist. Das Kompliment ist mit der Prise Gift gewürzt, nach der es klingt, auch wenn das Potzenzial mein ehrliches Bedauern statt Häme hervorruft.

Pidax hat die ungekürzte Originalversion auf DVD gepresst, was verdienstvoll ist, da die 2007er-Veröffentlichung nur die kurze deutsche und die ungekürzte englische Version enthielt, statt – wie bei deutschen Kürzungen üblich und nun auch geschehen – die Langversion auf Deutsch und phasenweise mit Original-Tonspur mit Untertiteln zu präsentieren.

Hier einmal Schwarz und Weiß statt Blau und Rot

Veröffentlichung: 29. Mai 2020 als DVD, 8. November 2007 als Doppel-DVD

Länge: 120 Min. (DVD, Originalfassung), 102 Min. (DVD, gekürzte Fassung)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: The Tamarind Seed
GB/USA 1974
Regie: Blake Edwards
Drehbuch: Blake Edwards, nach einem Roman von Evelyn Anthony
Besetzung: Julie Andrews, Omar Sharif, Anthony Quayle, Dan O’Herlihy, Sylvia Syms, Oskar Homolka, Bryan Marshall, Celia Bannerman, David Baron, Kate O’Mara, Constantine Gregory, Roger Dann, Sharon Duce, George Mikell
Zusatzmaterial 2020: Booklet, Wendecover
Label 2020: Pidax Film
Vertrieb 2020: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2007: KSM GmbH

Copyright 2020 by Tonio Klein
Szenenfotos & Packshot: © 2020 Pidax Film

 

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