RSS

Der goldene Salamander – Dem Bösen entgegentreten

29 Mai

Golden Salamander

Von Tonio Klein

Krimi // Man erfährt am Ende, dass „Der goldene Salamander“ tatsächlich in dem Land gedreht wurde, in dem er spielt: Tunesien. Zu Beginn mag man es aber kaum glauben. Eine verregnete, hügelige Landschaft bei nächtlichem Gewitter und eine schummrige Bar, in welcher der Archäologe David (Trevor Howard) schließlich ankommt, wirken wie pure Allegorie. Gerade das Etablissement mit seinem Personal (junge Schönheit, abgeklärter Pianist, finstere Gesellen) könnte, obwohl es sich um eine Romanverfilmung handelt, auf ein Vorbild aus den USA schließen lassen: „Casablanca“ (1942). Everybody comes to … nicht Rick’s, aber egal. Man nehme hinzu, dass der örtliche Polizeichef ein Opportunist ist und die Hauptfigur, eben David, eher zufällig etwas von verbrecherischen Missständen mitbekommt und sich erst heraushalten will, aber später seine Meinung und sein Handeln ändert. Woran natürlich die Liebe einen Anteil hat, die aufkeimende Liebe zu Anna (Anouk Aimée, hier nur „Anouk“), die mit ihrem Bruder Max die Bar mit angeschlossenem Hotel betreibt.

In die Augen, in den Sinn – die Botschaft des Salamanders

Von Pidax als „Mischung aus Krimi und Abenteuer“ angepriesen, ist dieser Film vornehmlich das Erste. Hier muss nicht etwa ein Archäologe nach einem sagenumwobenen goldenen Salamander suchen, sondern ihn und andere Schätze von Tunesien nach London bringen; des Salamanders Inschrift wird für ihn Mitauslöser einer Wandlung: „Das Böse kann nicht überwunden werden, indem man ihm aus dem Wege geht. Man muss ihm entgegentreten.“ Das Böse ist hier der Waffenschmuggel, betrieben vom klassischen Personal wie dem guten Getriebenen, dem Bösen mit Rest-Anstand, dem harten Mann fürs Grobe (Herbert Lom) und dem eleganten Mastermind mit der Maske aus Amt und Würden (Walter Rilla). Gerade die letzten beiden lassen David natürlich nicht so mir nichts, dir nichts die Botschaft des Salamanders befolgen.

Gute Inszenierung …

Ronald Neames Krimi leidet – wenn auch nicht besonders stark – darunter, dass die Inszenierung immer ein Stück besser ist als die Geschichte. Da ist der starke Beginn mit der Undurchsichtigkeit in Nacht und Regen, in der nur Blitze unheimliche Schlaglichter auf ein noch nicht ganz erfassbares Geschehen werfen und David nicht nur als Autofahrer kaum seinen Weg erkennen kann. Da gibt es eine grandiose Szene, in der romantische Badefreuden von Anna und David von einem Schrecken durchbrochen werden, indem – nicht nur Hitchcock konnte das – Vögel entsprechend ihrer mythologischen Bedeutung Boten des Unheils sind. Dazu muss die Regie nicht einmal mit Riesenbrimborium die Szenerie wechseln oder schiere Massen der gefiederten Tiere aufbieten, sondern nur in Akustik und Optik die Schraube ein wenig anziehen. Da wir das schlimme Ereignis schon vorher in Umrissen ahnen konnten, umso wirkungsvoller und mit den Tieren dicht an der Wasseroberfläche geheimnisvoll inszeniert. „Oberflächlich“ wird David nicht bleiben können. Die blutjunge Anouk Aimée und der schon als Mittdreißiger älter wirkende Trevor Howard bilden ein interessantes Pärchen. Vor allem sie überzeugt, wenn sie vor dem Spiegel ihr Haar erstmals öffnet und bürstet, eine erblühende, aber immer noch versunkene Schönheit. Im Finale kommt es gar zur einer großangelegten Wildschweinjagd, die natürlich zur Menschenjagd werden soll. Narrativ ist das so überflüssig wie jeder verschwurbelt komplizierte Versuch, James Bond zu töten, den die Superschurken gefühlte 100 Mal einfach hätten abknallen können. Aber was für filmische Mittel, was für exaltierte und spannende Darstellungen der menschlichen Abgründe! Auch wenn es hier eher einem rationalen Zweck als der Befriedigung eines perversen Triebs dienen soll wie etwa in „Graf Zaroff – Genie des Bösen“ (1932).

… und meist gute Geschichte

Das Ganze ist indes in der Geschichte stärker geerdet und die US-Vorbilder (oder unabsichtlichen Vergleichsfilme aus früheren Zeiten) sind einfach zu gut. Neben „Casablanca“ ist vielleicht John Hustons „Gangster in Key Largo“ (1948) zu nennen, der ebenfalls die Frage „sich heraushalten oder sich einmischen?“ zum Gegenstand hat, ebenfalls mit Humphrey Bogart. Und in dessen Gesichtsfurchen spielen sich viel größere, tiefere Dramen ab als bei Trevor Howard, was man diesem gar nicht mal anlasten kann. Trotz einiger schöner Inszenierungsideen, siehe oben, ist die Liebe zu Anna jedenfalls bei ihrem Aufkeimen eher Behauptung. Den Spruch auf dem goldenen Salamander liest David immer wieder, in einer Szene spricht er ihn gleich dreimal zu sich selbst. Das ist durchaus eindrücklich, aber nicht subtil.

Noch trennt sie der Tresen

Das Schicksal von Max, Annas Bruder, wird durch einen sehr unwahrscheinlichen Leichtsinn bestimmt. Ohne zu viel zu verraten, scheint es mir, dass der Plot in einer doch sehr auffälligen Weise hingebogen werden musste (kleiner Tipp: Wie kann er so deppert sein, den Brief im Jackett …?). Das Ende kommt dann fast ein wenig plötzlich, da man durchaus erwarten könnte, dass die Rilla-Figur ihren Kopf noch aus der Schlinge zieht. Wie ihr das Handwerk gelegt wird, erzählt der Film (trotz vorherigen klassischen Action-Finales) stattdessen elliptisch. Das hatte beim Schicksal Max‘ überzeugender geklappt: Da hatten wir Dinge in groben Zügen schon geahnt, werden aber lange später mit der Wahrheit konfrontiert, wenn wir die dunkle Ahnung fast schon wieder vergessen haben und dadurch in derselben Situation wie unsere beiden Verliebten sind, die brutal auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden. So erzeugt der Film maximale Empathie. An anderen Stellen ist er nur – aber immerhin – solide Unterhaltung.

Ist Tunesien in Tunesien? Starker Brit-Noir, aber Schwächen der DVD

Die technische Umsetzung sehe ich leider kritisch. Das Bild ist unscharf-verwaschen und kontrastarm, was einem stilistisch mitunter doch recht ansprechenden Schwarz-Weiß-Thriller wenig guttut. Anders als die US-Amerikaner waren die Briten zwar in der Lichtsetzung oft etwas realistischer, aber in den 1940er-Jahren entwickelte sich auch so etwas wie Brit-Noir mit expressionistischen Einflüssen, etwa bei manchen Werken von Carol Reed und David Lean. „Der goldene Salamander“ ist insoweit auf sehr interessante Weise hybrid, als er sich immer mal wieder an artifizielle-kontrastreiche Licht-und-Schattensetzung wagt, aber dafür mehr narravive Erklärungen anbietet als manches Werk der USA oder des deutschen, expressionistischen Stummfilms. Hier wird sogar einmal explizit von der Einzigartigkeit der Fenster-Musterungen eines Hauses der arabischen Kultur gesprochen, der Dialog erklärt also das Gezeigte. Und der allegorische Gewitterregen findet sein Gegenstück in den später dann doch mit dem Pfund der Originalschauplätze wuchernden Berg-, Stadt-, Meeres- und Wüstenszenerien. Schade, dass das Bild der DVD so etwas arg suboptimal wiedergibt. Zudem haben die Untertitel die bei Pidax öfter einmal zu beobachtenden Schludrigkeiten. Bei einem Film, der durchgängig in Tunesien spielt, mehrfach von einer geplanten Fahrt nach Tunesien zu lesen, weil die Texter den Unterschied zwischen Tunis und Tunesien ignorieren – muss das sein? Insgesamt ist am Salamander nicht alles Gold, was glänzt, aber die Investition lohnt gleichwohl.

Die üblichen Verdächtigen

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Trevor Howard und Herbert Lom haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Schluss mit Wegducken!

Veröffentlichung: 5. Juni 2020 als DVD

Länge: 93 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Golden Salamander
GB 1950
Regie: Ronald Neame
Drehbuch: Leslie Storm, Victor Canning, Ronald Neame
nach einem Roman von Victor Canning
Besetzung: Trevor Howard, Anouk Aimée, Herbert Lom, Walter Rilla, Miles Malleson
Zusatzmaterial: Trailershow, Wendecover, Booklet (Nachdruck der Illustrierten Filmbühne)
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2020 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Pidax Film

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: