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9 Tage wach – Einer von zehn

03 Jun

9 Tage wach

Von Philipp Ludwig

Drama // „Nur einer von zehn schafft es!“ versichert der Therapeut seinem Patienten. Adressat dieser Prognose ist der 24-jährige Eric Stehfest (Jannik Schümann, „Jugend ohne Gott“), der sich als Crystal-Meth-Abhängiger nach einem besonders heftigen, neuntägigen Dauertrip erneut in eine Entzugsklinik begeben hat. Allzu oft hat Eric sich und seine engsten Angehörigen aufgrund seines Drogenkonsums bereits enttäuscht. Wird er diesmal im Kampf gegen die Sucht erfolgreich sein?

Eric Stehfest, 24: seit zehn Jahren abhängig von Crystal Meth

Doch von vorn: Eric nimmt Crystal Meth erstmals im Alter von 14 Jahren. Seitdem kann er sich kaum etwas Besseres vorstellen, als sich mit seinem besten Freund Max zuzudröhnen und das Leben als schier endlose Party zu bestreiten. Die beiden Jungs, die in der trostlosen Peripherie von Dresden aufwachsen, schrecken dabei auch nicht vor Diebstahl und sogar gelegentlicher Körperverletzung zurück. Der mehrfach vorbestrafte Eric hat es zwar immer mal wieder versucht, sein Leben in den Griff zu bekommen – am Ende ist er aber stets aufs Neue gescheitert. Nur seine Mutter Liane (Heike Makatsch, „Ich war noch niemals in New York“) hält trotz allem mit schier bedingungsloser Liebe zu ihrem Sohn. Auch, sobald ihr neuer Ehemann Tilo (Benno Fürmann, „Babylon Berlin“) beginnt, seinem Stiefsohn zunehmend mit Härte und Abweisung zu begegnen.

Stiefvater Tilo hat genug von Lianes Nachsicht für ihren Sohn

Der darstellerisch begabte Eric schafft es trotz allem, einen Platz an einer begehrten Schauspielschule in Berlin zu ergattern. Gemeinsam mit seiner Jugendliebe Anja (Peri Baumeister, „Skylines“) zieht er in ein neues, zunächst cleanes Kapitel seines Lebens in der aufregenden Großstadt und findet sogar neue Freunde unter seinen Mitschülern. Sein Schauspiellehrer Olaf Hilliger (Martin Brambach, „Kursk“) erkennt ein enormes Potenzial in Eric und nimmt den schwierigen Charakter, auch aufgrund seiner eigenen Drogenvergangenheit, zunächst unter seine Fittiche. Es scheint endlich alles gut zu laufen für den gebeutelten (Ex)-Junkie – doch wird er unter dem enormen Druck der Anforderungen in der Schauspielschule sowie dem stetigen Stress mit der streitbaren Anja den Versuchungen des Crystals weiterhin standhalten?

Eine wahre Geschichte

Beim Vorbild für den Protagonisten Eric Stehfest handelt es sich um einen realen Menschen. Dieser war selbst seit seinen Jugendjahren von der Teufelsdroge Crystal Meth abhängig, konnte sich aber sowohl gegen seine Sucht als auch als Schauspieler behaupten und erlangte durch diverse Rollen in der eher seicht angelegten deutschen Fernsehlandschaft eine gewisse Bekanntheit, darunter bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. In seiner 2017 erschienen Biografie „9 Tage wach“ schildert er auf ungewöhnliche, aber von der Kritik gewürdigte Weise seine Erfahrungen aus dem Leben eines geheilten Junkies. Der verheiratete und frisch gebackene Familienvater hat sich aber nicht nur privat gefangen, sondern mittlerweile aus dem öffentlichen Leben weitgehend zurückgezogen.

Jugendliebe Anja wird Eric nach Berlin begleiten – ob das gutgeht?

Der 42-jährige Amerikaner Damian John Harper ist als Regisseur hierzulande ein noch relativ unbeschriebenes Blatt. Der studierte Anthropologe und Ethnologe kam erst spät zum Film und erlangte erstmals 2014 Aufmerksamkeit, als er mit seinem Werk „Los Ángeles“ einen internationalen Berlinale-Talentwettbewerb für sich entschied. In Deutschland erlangte er 2018 weitere Bekanntheit durch den englischsprachigen Film „In the Middle of the River“, produziert im Rahmen des ZDF-Fernsehspiels. Ihm zur Seite steht nun der ebenfalls aus den USA stammende Drehbuchautor Michael Stephenson, der immerhin von sich behaupten kann, Anfang der 1990er-Jahre als Schauspieler kurz einmal an der Seite von David Hasselhoff agiert zu haben. Gemeinsam versuchen sie, die mitunter wirr und chronologisch unzusammenhängend verfasste Biografie des nicht wirklich uneingeschränkt sympathisch wirkenden „echten“ Stehfests in ein ansprechendes filmisches Korsett zu verpacken. Keine leichte Aufgabe.

Erstklassige Besetzung für einen mittelprächtigen Film

Der für die Produktion verantwortliche Fernsehsender ProSieben hat keine Kosten und Mühen gescheut und den importierten Filmemachern ein beeindruckendes Schauspielensemble zur Verfügung gestellt. Allen voran sei hier natürlich auf den Hauptdarsteller Jannik Schümann verwiesen. Der 1992 in Hamburg geborene Schauspieler beweist auch in „9 Tage wach“ erneut sein darstellerisches Potenzial, indem er die zahlreichen emotionalen Facetten des Junkies Stehfest packend und zudem glaubwürdig rüberbringt. Mit bekannten deutschen Schauspielgrößen wie Heike Makatsch und Benno Fürmann sind darüber hinaus auch die Nebenrollen ansprechend besetzt, auch wenn diese leider aufgrund ihrer kurzen Auftritte mitunter ein wenig verschenkt wirken. Während Makatsch die Zerrissenheit ihrer Figur Liane zwischen ungetrübter Mutterliebe und Treue zu ihrem Sohn und zunehmender Verzweiflung mitunter herzzerreißend verkörpert, beschränkt sich Fürmanns Rolle recht einsilbig auf den stets grummeligen und außerordentlich strengen Stiefvater. Besondere Erwähnung hat Martin Brambach verdient, der den exzentrischen und vom Leben gezeichneten Schauspiellehrer Hilliger mit einer Menge Leben füllt.

Kein Sympathieträger zu finden

An mangelndem Talent der Darstellerinnen und Darsteller liegt es also nicht, dass einen die Verfilmung von „9 Tage wach“ nicht so wirklich emotional zu packen vermag. Es liegt in erster Linie vielmehr an den von ihnen dargestellten Figuren. Denn einen wirklichen Sympathieträger sucht man leider vergebens, höchstens Erics Mutter Liane könnte in diese Rolle schlüpfen. Insbesondere die Hauptfigur des Eric Stehfest bleibt ein wirklich außerordentlich unsympathischer Zeitgenosse. Überheblich, selbstverliebt sowie stets die Schuld bei anderen suchend, stolpert er durch sein Leben und verursacht stets Leid ausgerechnet bei denen, die ihm eigentlich noch treu zur Seite stehen. Einsicht? Meist Fehlanzeige. Klar, der ausgiebige Drogenkonsum hat hier natürlich einen erheblichen Anteil – aber auch in den cleanen Phasen vermag es die Figur Eric mit ihrer latenten Arroganz nicht, einen als Zuschauer empathisch zu erreichen. Ähnliches gilt für seine Freundin Anja. Diese wird von Peri Baumeister zwar auch ansprechend dargestellt, dient aber erst recht nicht als Sympathieträgerin. Zum einen ist auch sie von einer durch und durch egozentrischen Lebenseinstellung geprägt, zum anderen schiebt sie selbst ebenfalls gern die Verantwortung für eigene Fehler auf andere Personen ab, wodurch gerade Eric immer wieder zu leiden hat – zumindest in seiner Darstellung der Ereignisse, auf denen der Film schließlich beruht.

Schauspiellehrer Hilliger (l.) erahnt großes Potenzial in seinem schwierigen Schüler

Nicht nur aufgrund der Konzentration auf eine wenig gemütliche, chemikalische Aufputschdroge wie Crytal Meth bleibt Harpers und Stephensons Werk somit erstaunlich kühl und steril. Es gelingt ihnen leider auch nicht, die sperrige literarische Vorlage wirklich mal überraschend oder innovativ zu inszenieren. Handwerklich zwar top gemacht, verliert sich ihre Erzählung somit im typischen Plot eines Junkie-Films und der klassischen Heldenreise. So ist der zentrale Protagonist Eric zu Beginn natürlich noch rücksichtslos gegenüber seiner Umwelt und vor allem vom Leben überfordert. So zieht er schließlich in die weite Welt hinaus, muss aber nach ersten kleinen Erfolgen selbstverständlich nochmals umso härter scheitern, bevor die endgültige Erleuchtung kommt und sich am Ende alles zum Guten wendet. So ist nicht nur Kennern von Stehfests realer Biografie der Verlauf der Handlung von „9 Tage wach“ stets klar – die amerikanischen Filmemacher liefern Genrekennern zudem keine wirklich neuen Eindrücke, sodass der Handlungsverlauf stets vorhersehbar bleibt. Zu ihrer Verteidigung muss man an dieser Stelle natürlich anmerken, dass ihre erzählerischen Möglichkeiten durch die Treue zu den Vorgaben der realen Ereignisse eingeschränkt wurden. Ein wenig mehr erzählerische Kniffe wären dennoch drin gewesen. Auch sollte man sich nicht vom Titel fehlleiten lassen. Der neuntägige Drogentrip steht nämlich nicht im Mittelpunkt, wie unter anderem der unten verlinkte offizielle Trailer vermuten lässt, sondern nimmt nur einen erstaunlich kleinen Teil der Erzählung ein.

Verschenkte Möglichkeiten

Trotz der insgesamt spannenden Thematik, gepaart mit einem mitunter rasantem Erzähltempo, schnellen Schnitten und dem stets treibenden Elektro-Soundtrack bleibt „9 Tage wach“ unterm Strich erstaunlich ereignisarm. Das ambitionierte Werk mit beeindruckender Besetzung bleibt daher weit hinter den eigenen Möglichkeiten zurück und ist am Ende genau das, was der produzierende Privatsender zu versprechen mag: durchschnittlichste Fernsehkost, wenn auch im grellen Gewand. Es wirkt in Optik und Narration daher ein wenig wie das ZDF-Fernsehspiel auf (allerdings etwas lahmer) Droge, um diesen sich metaphorisch anbietenden billigen Vergleich an dieser Stelle einmal ziehen zu dürfen. Die eingangs beschriebene therapeutische Prognose „Einer von zehn wird es schaffen“ trifft somit auch auf die Verfilmung der Stehfest-Biografie zu. Denn nur wenige Filme schaffen es, sich aus der breiten Masse so hervorzuheben, dass sie einem auch nachträglich im Gedächtnis bleiben – dieses Werk gehört definitiv nicht dazu. Schade.

Wird Eric seine Dämonen besiegen können?

Veröffentlichung: 27. März 2020 als DVD (zudem auf Joyn abrufbar)

Länge: 104 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Deutsche, Englisch
Originaltitel: 9 Tage wach
D 2020
Regie: Damian John Harper
Drehbuch: Michael Stephenson, nach der Biografie „9 Tage wach“ von Eric Stehfest
Besetzung: Jannik Schümann, Peri Baumeister, Heike Makatsch, Benno Fürmann, Martin Brambach, Aaron Altaras, Matt Schmidt-Schaller, Gitta Schweighöfer, Jürgen Heinrich, Hanna Hilsdorf
Label/Vertrieb: Leonine

Copyright 2020 by Philipp Ludwig

Szenenfotos & Packshot: © 2020 Leonine, Trailer: © 2020 ProSieben

 

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