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Bloodshot – Ein neues Superhelden-Universum?

07 Jun

Bloodshot

Von Volker Schönenberger

SF-Action // Gerade hat der US-Elitesoldat Ray Garrison (Vin Diesel) in der kenianischen Hafenstadt Mombasa eine Geisel befreit – mal wieder unter Einsatz seines Lebens, versteht sich. Der verdiente Urlaub mit Ehefrau Gina (Talulah Riley) an Italiens Amalfiküste endet jedoch jäh, als eine Söldnertruppe die beiden kidnappt. Deren Anführer Martin Axe (Toby Kebbell) will aus Ray die Information herauspressen, welcher Informant ihm den Aufenthaltsort der Geisel in Mombasa verraten hatte. Dass Ray davon keine Ahnung hat, kostet ihn und Gina das Leben.

Dr. Harting (l.) klärt Ray Garrison auf: Er war tot

Doch der Tod ist nicht das Ende: Der tote Elitesoldat erwacht in einem Labor des Tech-Unternehmens Rising Spirit Technologies (RST) in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur. Ohne jede Erinnerung an sein früheres Dasein, aber höchst lebendig. Dr. Emil Harting (Guy Pearce) klärt ihn auf, das Pentagon habe seinen Leichnam an RST gespendet, damit er dort wieder zum Leben erweckt werde. Nicht nur das: Er wurde mittels Nanorobotik gehörig gepimpt, verfügt nun über schier übermenschliche Kräfte. Obendrein können die winzig kleinen Teilchen, die nun sein Blut bilden, Verletzungen zügig heilen. Womit sich ihre Fähigkeiten keinesfalls erschöpfen …

Das Spiel mit der Wirklichkeit

Ui. Da erwarte ich eigentlich gar nicht viel mehr als Over-the-Top-Action mit einem der derzeit angesagtesten Stars der Szene, und dann führt uns „Bloodshot“ mehrfach gehörig hinters Licht und erweist sich als viel komplexer, als es das gar nicht mal so originelle Sujet des Supersoldaten erwarten lässt. Plötzlich spielt der Plot mit Realitäten, als sei es nichts. Mit überkandideltem wissenschaftlichen Fortschritt kann man nach Herzenslust fabulieren, und das tut „Bloodshot“ dann auch. Ein paar Mal habe ich mich sogar an „Terminator“ (1984) und „Terminator 2 – Tag der Abrechnung“ (1991) erinnert gefühlt. Deren Klasse erreicht „Bloodshot“ nicht, aber bei Fans überbordender Science-Fiction-Action müsste das Werk gut ankommen. Die visuellen Effekte wirken wertig, ohne ganz state of the art zu sein oder den Eindruck zu erwecken, dass sie die Tricktechnik weit voranbringen. Von einer Schießerei im Tunnel bis zum Nahkampf von Supersoldaten im Schacht eines gläsernen Außenfahrstuhls fliegt dem Publikum optisch einiges um die Ohren.

KT findet nicht alles toll, was ihr Boss anstellt

Dr. Harting spielt dabei den Part eines modernen Dr. Frankensteins, seine Motive offenbaren sich erst nach und nach. Seine Assistentin KT (Eiza González) fungiert in gewisser Hinsicht als moralische Instanz. Auch sie lebt dank der RST-Technologie – ebenso wie die Soldaten Jimmy Dalton (Sam Heughan) und Tibbs (Alex Hernandez), die den Neuankömmling Garrison eher argwöhnisch beäugen. Mit dem genialen Entwickler Wilfred Wigans (Lamorne Morris) gesellt sich im späteren Verlauf eine weitere Figur zum Ensemble, die als Comic Relief dient, darüber hinaus aber mehr zu bieten hat.

Vin Diesel – der neue Arnold Schwarzenegger?

Vin Diesel tut das, was er gut kann – sich im Zentrum der Action positionieren und mal kräftig auszuteilen, mal heftig einzustecken und dies gut wegzustecken. Das tut er mit der Mischung aus Coolness und Zorn, die ihm eine treue Fangemeinde eingebracht hat – dass er seinen stählernen Körper beherrscht, mag dazu auch etwas beigetragen haben. In puncto Onelinern kann er Arnold Schwarzenegger nicht das Wasser reichen, Diesel-Fans kommen aber auf jeden Fall auf ihre Kosten. Es sei dem glatzköpfigen „Fast & Furious“-Star auch zugutegehalten, dass er gar nicht versucht, in Arnies Fußstapfen zu steigen, sondern sein eigenes Ding macht. Der Erfolg gibt ihm ohnehin recht.

Knallharte Supersoldaten: Dalton …

„Bloodshot“ basiert auf den „gleichnamigen Comics“ von Valiant Comics (heute: Valiant Entertainment). Es wird niemanden überraschen, dass der Film als Start einer Reihe konzipiert ist. Tatsächlich soll der Film sogar den Auftakt eines „Valiant Universums“ bilden und somit in die Fußstapen des Marvel Cinematic Universe und des DC Extendes Universe treten.

… und Tibbs

Ob und wann es dazu kommen wird und welche Valiant-Figuren im Folgefilm auftreten sollen, ist derzeit aber offen. Aufgrund der COVID-19-Pandemie blieb der Erfolg von „Bloodshot“ weit hinter den Erwartungen zurück – der Film spielte an den Kinokassen nicht einmal zwei Drittel seiner Kosten von 45 Millionen US-Dollar ein. Auch bei Kritik und Fans wurde er zwiespältig aufgenommen, ich bleibe aber dabei, dass mir „Bloodshot“ gut gefallen hat.

Corona-Pech beim Regiedebüt

Für Dave Wilson alias David S. F. Wilson markiert „Bloodshot“ das Kino-Regiedebüt – zuvor hatte er lediglich bei einer Folge der Animations-Serie „Love, Death & Robots“ auf dem Regiestuhl gesessen. Wilson entstammt dem Videospiel-Sektor, war bei einigen Hits für die visuellen Effekte verantwortlich, darunter „Company of Heroes“, „Halo Wars“, „Mass Effect 2“, „Star Wars: The Old Republic“, „BioShock Infinite“ und „Elder Scrolls Online“. Dass ihm Corona ausgerechnet bei seinem Debüt einen Strich durch die Rechnung machte, fällt unter persönliches Pech. Sony hält ihm aber offenbar die Treue. Wie das Hollywood-Magazin „Deadline“ Mitte April 2020 berichtete, soll Wilson bei der Adaption des Science-Fiction-Romans „Control“ (Originaltitel: „Influx“) von Daniel Suarez Regie führen. Sofern danach „Bloodshot 2“ oder ein anderer Film das Valiant Universe fortsetzt, ist ja alles im grünen Bereich (eine Mid- oder Post-Credit-Szene mit einem Hinweis auf ein Sequel gibt es aber nicht). Zu gönnen ist es ihm – und uns als Publikum ebenfalls.

Kann Garrison (l.) Wilfred Wigans trauen?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Vin Diesel und Guy Pearce haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Wehe, wenn er entfesselt wird

Veröffentlichung: 4. Juni 2020 als 4K UHD Blu-ray (inkl. Blu-ray), Blu-ray und DVD

Länge: 109 Min. (Blu-ray), 106 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Englisch für Sehgeschädigte u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch, Englisch für Hörgeschädigte u. a.
Originaltitel: Bloodshot
USA/CHN 2020
Regie: Dave Wilson
Drehbuch: Jeff Wadlow, Eric Heisserer, nach einer Vorlage von Kevin VanHook, Bob Layton & Don Perlin
Besetzung: Vin Diesel, Guy Pearce, Eiza González, Sam Heughan, Toby Kebbell, Talulah Riley, Lamorne Morris, Jóhannes Haukur Jóhannesson, Siddharth Dhananjay, Tamer Burjaq, Clyde Berning, Alex Hernandez, David Dukas, Charlie Bouguenon
Zusatzmaterial: Die besten Versprecher (1:59), „Initiate Sequence: Directing Bloodshot“ (9:16), „Forgotten Soldiers: The Cast of Bloodshot“ (11:13), entfallene & erweiterte Szenen inkl. alternatives Ende (12:09)
Label/Vertrieb: Sony Pictures Entertainment

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Sony Pictures Entertainment

 
 

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4 Antworten zu “Bloodshot – Ein neues Superhelden-Universum?

  1. Thomas Hortian

    2020/06/08 at 06:03

    Extrem schwacher Film, der weder Thrill, noch Action bietet. Diesel hattet dem Vernehmen nach auch nur ein paar Tage Zeit und das Budget wurde im Vorfeld mehrmal herunter korrigiert. Und man merkt irgendwie allen Beteiligten an, dass sie keinen Bock hatten; kein Wunder, das Skript verballert ja auch wirklich jede einzelne Rolle, nur dem nervigen Sidekick am Rechner gibt man ungehörig viel Screentime. Vielleicht der schlechteste „Blockbuster“ 2020, aber da die Konkurrenz ja noch auf sich warten lässt, wäre das wohl verfrüht und damit auch ein wenig unfair. Aber ein richtig mieser Kackfilm ist es halt schon…

     
    • V. Beautifulmountain

      2020/06/08 at 06:13

      Immer wieder bemerkenswert, wie sehr sich Sichtweisen unterscheiden können. 😉

       
      • Thomas Hortian

        2020/06/08 at 06:38

        Natürlich, jeder mag es anders. Aber ich frag mich immer noch, warum das Skript diesen schönen Twist integriert, um ihn nach 20 Minuten schon aufzulösen: Wollten die bewusst keine Spannung aufbauen? Dass sie mit dem vglw. mickrigen Budget keine große Action inszenieren können, wussten sie ja wohl vorher schon. Irgendetwas möchte ich in einem Vin-Diesel-Comic-Movie dann auch haben, entweder Vin Diesel, der Vin-Diesel-Sachen tut – aber Vin Diesel macht sich ja immer wieder rar – oder halt einen ordentlichen Actioner oder Thriller, was der Film mMn höchstens ansatzweise bietet. Die eindimensionalen Pappkameraden und die hohlen Dialoge sind da noch das Sahnehäubchen, aber leider ist der Film einfach auch nicht dazu geeignet, ihn großartig auszulachen, da immer wieder viel zu viel Zeit vergeht zwischen den Szenen, in denen etwas Dummes oder wenigstens überhaupt mal was passiert.
        Nach der riesigen Enttäuschung von AVENGERS: ENDGAME hatte ich mir eigentlich geschworen, mich nicht mehr über Comic-Verfilmungen aufzuregen. Ich kann aber immer noch nicht glauben, dass ich hierfür Geld ausgegeben hab. Nach den vernichtenden Kritiken und den nichtssagenden Trailern wäre ich bestimmt nicht ins Kino getingelt, aber der Lockdown hat’s irgendwie zustande gebracht, dass ich dann digital gelöhnt habe…
        Sorry für diesen vor Frust und Wut triefenden Kommentar, ich hab gewiss auch schlechtere Filme gesehen dieses Jahr (etwa SNITCH mit The Rock, oder GEOSTORM mit Gerald Butler), aber bei BLOODSHOT regt es mich echt auf, denn die anderen beiden hatte ich zumindest nur im Free-TV aufgenommen. 😀

         
      • V. Beautifulmountain

        2020/06/08 at 07:42

        Du musst dich doch für solche Kommentare nicht entschuldigen. Ich meinte meinen vorherigen genau so: Es ist bemerkenswert, wie sich unsere Ansichten unterscheiden. Umso interessanter, dann einen ausführlichen Auskotz-Kommentar zu lesen. Ist mir weit lieber, als wenn du nur „Rotz“ geschrieben hättest, hehe.

        Ich will dir gar nicht widersprechen, nur hat mich all das eben nicht gestört. Als der Film zu Ende war, merkte ich, dass er mich blendend unterhalten hat. Deshalb habe ich das Gute herausgesucht.

        Du hast völlig recht, dass die Überraschung schnell keine mehr war. Das hat mich eben nicht so sehr gestört.

         

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