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Light of My Life – Die letzte Frau auf Erden?

17 Jun

Light of My Life

Von Andreas Eckenfels

SF-Drama // Gerade waren die postapokalyptischen Dystopien aus Filmen, Videospielen, Comics und Büchern noch ferne Gedankenspiele. Doch mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie wurden diese Endzeitszenarien plötzlich erschreckend real. So auch Casey Afflecks zweite Regiearbeit „Light of My Life“. Eine mysteriöse Seuche hat vor zehn Jahren die halbe Weltbevölkerung ausgerottet. Noch schlimmer: Die Opfer waren zum Großteil Frauen. Somit steht der Fortbestand der gesamten Menschheit auf dem Prüfstand.

Vater und Tochter auf der Flucht

Oscar-Preisträger Casey Affleck hat auch das Drehbuch geschrieben und die Hauptrolle übernommen. Als namenloser Vater – nennen wir ihn einfach Dad – versucht er seine elfjährige Tochter Rag (Anna Pniowsky) zu beschützen, koste es, was es wolle. Seine Frau (Elisabeth Moss) starb an der Krankheit kurz nach Rags Geburt. Um ihr Geschlecht so gut es geht äußerlich zu verschleiern, trägt Rag kurze Haare und Jungskleidung – sie selbst hat ihr ganzes Leben lang noch nie eine andere Frau oder ein anderes Mädchen gesehen. Nur in ihren Büchern, die sie liest, und den erfundenen Geschichten ihres Vaters, die er ihr vor dem Einschlafen erzählt, hört sie von anderen Frauen. Ist Rag wirklich das letzte weibliche Wesen auf Erden?

Vater und Tochter verstecken sich im Wald

Dad und Rag versuchen andere Menschen zu meiden. Ihr sicheres Versteck im Wald verlassen sie fluchtartig, als ein älterer Mann ihr Zelt entdeckt. Er könnte andere Männer bringen – und dann sei Rag in großer Gefahr. In einem einsamen Haus finden Vater und Tochter einen vorerst sicheren Unterschlupf. Es gibt sogar fließendes Wasser. Da es langsam Winter wird, überredet Rag ihren Vater, dass sie länger als nur eine Nacht bleiben. Doch durch einen notwendigen Einkauf in einem nahegelegenen Ort gehen die beiden ein Risiko ein. Ein Kind haben die meisten Einwohner schon lange nicht mehr gesehen. In einem Labor in Kalifornien machen sie jetzt Mädchenbabys! Wahrscheinlich in China noch viel mehr!, erzählt ein Händler als er Rag erblickt. Bald werden Dad und Rag in ihrem Haus von Fremden überrascht und müssen ein weiteres Mal die Flucht ergreifen.

Überlebenskampf ohne übernatürliche Elemente

Geschichten über Familien, die in Ausnahmesituationen ums Überleben kämpfen, gab es zuletzt häufiger. Doch anders als in „A Quiet Place“ (2018), „Bird Box – Schließe deine Augen“ (2018) und „The Silence“ (2019) gibt es hier keine übernatürliche Bedrohung. Vielmehr erinnert die Vater-Kind-Konstellation von „Light of my Life“ an „The Road“ (2009) mit Viggo Mortensen – allerdings erweist sich Afflecks Werk als weniger nihilistisch und brutal als die Verfilmung des mit dem Pulitzer-Preis-gekrönten Romans von Cormac McCarthy. Vor einem zeitgenössisch-realistischem Hintergrund sei hier auch das großartige Sozialdrama „Leave No Trace“ (2018) erwähnt, in welchem sich ein Vater und seine Tochter im Wald versteckt halten.

Wäsche wird im Fluß gewaschen

Mit vielen intimen Momenten konzentriert sich Affleck stark auf die Beziehung zwischen Rag und ihrem Vater. Gleich zu Beginn liegen beide im Zelt und er erzählt ihr eine ausgedachte Arche-Noah-Fabel, die etwa fünf Minuten dauert. Unterbrochen wird diese nur von den zahlreichen Zwischenfragen, die Rag stellt. Mit ihren elf Jahren ist Rag noch kindlich fasziniert von den Geschichten ihres Vaters, dennoch merkt man in folgenden Gesprächen, dass sie langsam in die Pubertät kommt. Wie ihr Vater erstaunt feststellen muss, hat sich seine Tochter auch schon angelesen, wie Babys entstehen. Die zunehmende und völlig natürliche Emanzipation des Kindes führt immer mehr zu Konflikten. Ihr Vater muss damit umzugehen lernen. Doch das ist nicht so einfach, wenn man seiner sterbenden Frau unter Tränen versprochen hat, dass man die gemeinsame Tochter beschützen wird, wie wir in Rückblenden erfahren.

Emotionale Reise

Damit sich die intensive Beziehung zwischen Vater und Tochter für den Zuschauer möglichst organisch anfühlt, braucht es zwei außergewöhnliche Schauspieler. Der Bund zwischen Casey Affleck und Anna Pniowsky ist von Beginn an sehr eng geknüpft. Affleck hat sein Ausnahmetalent nicht nur in seiner Oscar-Rolle in „Manchester by the Sea“(2016) und in „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ (2007) längst bewiesen. Er pflegt eine ungewöhnlich introvertierte Kunst des Schauspiels, häufig nuscheln seine Figuren vor sich hin, bekommen kaum die Zähne auseinander und haben große Probleme, ihre Gefühle auszudrücken.

Aus Büchern erfährt Rag mehr über die Zeit vor der Seuche

In „Light of My Life“ hat er sich für seine Verhältnisse ungewöhnlich viel Text gegeben, den Affleck mit gewohnt ruhiger, fast flüsternder Stimme spricht. Nur selten erhebt er seine Stimme, etwa wenn seine Filmtochter Anna Pniowsky seine Befehle nicht befolgt. Die 2006 geborene Jungdarstellerin erweist sich als echte Entdeckung. Wie Affleck ist sie fast in jeder Szene zu sehen. Sie gibt eine ebenso unaufgeregte Darbietung wie der Hollywood-Star und zeigt für ihr Alter eine überaus reife Leistung. Die emotionale Reise des Gespanns wird durch ihre Zwiegespräche, lange Einstellungen und karge Naturbilder noch intensiviert.

Afflecks Entschuldigungsschreiben?

Auch, wenn „Light of My Life“ mit seiner zurückhaltenden Inszenierung nahezu ohne große Schockmomente auskommt, bleibt die ständige Bedrohung unterschwellig greifbar. Die Welt sei derzeit ein gefährlicher Ort, weil sich nur ängstliche, traurige und einsame Männer darin aufhielten, sagt Rags Vater einmal. Deshalb seien die Überlebensstrategien, die er seiner Tochter beibringt, noch immer bedeutend. Erst, wenn es wieder mehr Frauen gäbe, könnte die Welt zurück ins Gleichgewicht kommen. Einige Kritiker lasen diese Erkenntnis als eine Art Entschuldigungsschreiben, für die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs, denen sich der Schauspieler nach dem Dreh zu seiner ersten Regiearbeit „I Am Still Here“ (2010) ausgesetzt sah und die im Rahmen der #metoo-Bewegung Ende 2017 ans Licht kamen. Bei der Berlinale-Pressekonferenz, wo „Light of My Life“ 2019 seine Premiere feierte, verneinte Affleck diese Lesart. Er hätte mit der Arbeit an dem Drehbuch schon begonnen, bevor die Bewegung gegründet wurde und die Anschuldigungen gegen ihn der breiten Öffentlichkeit bekannt wurden.

Ob es stimmen mag oder nicht: Mit „Light of my Life“ ist Affleck ein einfühlsames und sehr zärtliches Vater-Tochter-Drama gelungen, das gerade in Pandemie-Zeiten noch stärker nachwirkt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Casey Affleck haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Ein sicherer Unterschlupf für den Winter?

Veröffentlichung: 24. Januar 2020 als Blu-ray und DVD

Länge: 119 Min. (Blu-ray), 114 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Light of My Life
USA 2019
Regie: Casey Affleck
Drehbuch: Casey Affleck
Besetzung: Casey Affleck, Anna Pniowsky, Tom Bower, Elisabeth Moss, Hrothgar Mathews, Timothy Webber
Zusatzmaterial: Trailler, Trailershow
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2020 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Universum Film

 

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