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Tunnel Rats – Abstieg in die Hölle: Uwe Bolls Vietnam-Kommentar

25 Jun

Tunnel Rats

Von Volker Schönenberger

Kriegs-Action // Nach „Apocalypse Now“ und „Platoon“ kommt … steht es großspurig oben auf dem Cover von „Tunnel Rats – Abstieg in die Hölle“ zu lesen. Das ist viel zu hoch gegriffen, an die Meisterwerke von Francis Ford Coppola und Oliver Stone reicht Uwe Bolls 2008er-Regiearbeit natürlich nicht heran. Aber auch unterhalb dieser Vietnamkriegsfilm-Referenzen ist ausreichend Raum für anständige Qualität. Und wer sich von Bolls miesem Ruf als Regisseur nicht abschrecken lässt, erlebt am Ende eine angenehme Überraschung.

Harter Hund: Sergeant Hollowborn kennt kein Pardon

Im Vietnamkrieg hatte der Vietcong im Dschungel ein riesiges System von Tunneln angelegt, um wie aus dem Nichts kommend zuschlagen zu können. Mal waren diese Tunnel weit verzweigt, sodass die nordvietnamesischen Soldaten große Strecken darin zurücklegen konnten, mal waren sie kurz, mal lediglich Erdlöcher, mal handelte es sich um mit tödlichen Fallen versehene Attrappen. Nach der ersten Entdeckung dieser Tunnel durch US-Streitkräfte kam es zur Bildung spezieller Einheiten von GIs, den sogenannten Tunnelratten (Tunnel Rats). Deren Aufgabe war es, in die Tunnel einzudringen und Feinde aufzuspüren.

Der Tod aus dem Vietcong-Tunnel

„Tunnel Rats – Abstieg in die Hölle“ folgt einer Einheit dieser Tunnelratten unter der Leitung des völlig abgestumpften Sergeant Vic Hollowborn (Michael Paré), der nicht davor zurückschreckt, einen Kriegsgefangenen am nächsten Baum aufzuknüpfen. Das erschreckt zwar viele seiner untergebenen Soldaten, darunter Corporal Dan Green (Wilson Bethel) und Private Dean Garraty (Adrian Collins), mitten im Feindgebiet bleibt ihnen aber keine Wahl, als den Befehlen ihres Vorgesetzten zu folgen. Das Aufspüren der Tunnel samt der darin verborgenen Vietcong-Soldaten erweist sich als heikle Mission, die jederzeit tödlich enden kann.

Nordvietnamesischer Unter-Tage-Kriegsrat

2008 hatte Uwe Boll den Ehrgeiz entwickelt, sich von der reinen Exploitation seiner berüchtigten Videospielverfilmungen zu entfernen und etwas ambitioniertere Projekte zu verwirklichen. Dieses Ziel kann mit dem in Südafrika gedrehten „Tunnel Rats“ als teilweise gelungen bezeichnet werden, der Kriegsfilm geht für mich als Fingerübung für den bald darauf entstandenen „Darfur – Der vergessene Krieg“ (2009) durch, der in meinen Augen Bolls bester Film ist. „Tunnel Rats“ kommt vollständig humorfrei und ohne jeden Trash-Appeal daher und zeigt das dreckige Kämpfen und Sterben sogar auch von der anderen, nordvietnamesischen Seite, auch wenn die US-Soldaten weitaus mehr Raum bekommen.

Auch Frauen kämpfen für den Vietcong

Die Charakterzeichnung lässt zu wünschen übrig, letztlich lernen wir keinen der Soldaten wirklich gut kennen. Identifikationspotenzial bleibt somit Mangelware, gleichwohl werden Angst und Leid der jungen Männer spürbar. Michael Parés fieser Sergeant Hollowborn orientiert sich klar erkennbar an dem von Tom Berenger verkörperten Sergeant Barnes in Oliver Stones „Platoon“, zieht im direkten Vergleich natürlich den Kürzeren. Phasenweise habe ich einen Handlungsfaden vermisst, Uwe Boll reiht letztlich eine Schleich- oder Kampfsequenz an die nächste und inszeniert somit einen eher szenisch wirkenden Kriegsfilm, der die Absicht des Regisseurs nicht ganz offenlegt. Für einen Antikriegsfilm ist „Tunnel Rats“ zu exploitativ angelegt, aber es ist doch zu spüren, dass Boll mehr wollte als reine Kriegs-Action zu inszenieren. Die Goldene Himbeere 2009 für die schlechteste Regie hat der Film nicht verdient – Boll erhielt sie in jenem Jahr allerdings zusammengenommen für drei Regiearbeiten; für „Schwerter des Königs – Dungeon Siege“ und „Postal“ mag Boll den Anti-Oscar sogar zu Recht verliehen bekommen haben, beide habe ich noch nicht gesichtet.

Unrated drüben, FSK 16 hüben

In den USA ist „Tunnel Rats“ sowohl mit einer R-Rated-Freigabe als auch ungeprüft (unrated) als sogenannter Director’s Cut veröffentlicht worden. Das macht etwas stutzig, findet sich doch auf der deutschen Blu-ray und DVD kein Director’s-Cut-Vermerk. Gleichwohl handelt es sich bei der ab 16 Jahren freigegebenen Fassung um die ungekürzte Version des Films. Die Unterschiede beider Fassungen könnt Ihr im Schnittbericht nachlesen. Angesichts einiger heftiger Gewaltspitzen überrascht die niedrige Altersfreigabe – saßen etwa Boll-Fans im FSK-Gremium, das über den Film zu befinden hatte? Womöglich würdigten die Bewerter auch, dass sich der Filmemacher an einem ernsthaften Kommentar zum Vietnamkrieg versucht hatte. Einige arg hämische Sätze in der einen oder anderen Filmkritik tun „Tunnel Rats – Abstieg in die Hölle“ jedenfalls Unrecht. Die Messlatten „Apocalypse Now“, „Platoon“ und „Full Metal Jacket“ reißt Uwe Boll zwangsläufig, aber sein erster Kriegsfilm hat mir auch bei meiner zweiten Sichtung gut gefallen. Weit davon entfernt, perfekt zu sein, aber auch alles andere als ein Ärgernis. Bedauerlich, dass der streitbare Regisseur seinen Job an den Nagel gehängt hat. Und angesichts einiger fragwürdiger politischer Äußerungen in der jüngsten Vergangenheit möchte man ihm zurufen: „Schuster, bleib bei deinem Leisten!“

Im Dschungelkrieg …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Uwe Boll haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Michael Paré unter Schauspieler.

… lauert überall der Tod

Veröffentlichung: 27. Juli 2012 als Special Edition Blu-ray 3D (inkl. 2D-Fassung), 14. Mai 2009 als Special Edition Blu-ray und DVD

Länge: 96 Min. (Blu-ray), 92 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Tunnel Rats
KAN/D 2008
Regie: Uwe Boll
Drehbuch: Dan Clarke, Uwe Boll
Besetzung: Michael Paré, Wilson Bethel, Mitch Eakins, Brandon Fobbs, Jane Le, Scott Ly, Rocky Marquette, Garikayi Mutambirwa, Nate Parker, Adrian Collins, Brad Schhmidt, Jeffrey Christopher Todd, John Wynn, Scot Cooper
Zusatzmaterial: deutscher und englischer Audiokommentar, Outtakes, Interviews, Trailershow, Wendecover
Label: splendid film
Vertrieb: WVG Medien GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © splendid film

 

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