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Brian De Palma (X): Sisters – Die Schwestern des Bösen: Sein erstes Meisterwerk

06 Jul

Sisters

Von Tonio Klein

Horrorthriller // Brian De Palma wird bald seinen achtzigsten Geburtstag feiern. Zwar meinen viele, er hätte seine beste Zeit längst hinter sich, aber der Meister lief noch im vergangenen Jahr mit „Domino – A Story of Revenge“ zu alter Hochform auf. „Sisters – Die Schwestern des Bösen“ von 1972 (manche sagen 1973 wegen der US-weiten Veröffentlichung nach einer lokalen Premiere) ist hingegen der Film, der seine Blütezeit einläutete. Ein packender Thriller, der nicht nur den Stil, sondern auch mehrere Motive von Hitchcock übernimmt, aber daraus etwas Eigenständiges macht. Und das in einer Zeit, als der Regisseur und vor allem sein wichtigster Komponist, Bernard Herrmann, noch lebten und aktiv waren. Letztgenannter steuerte einen hektischen, Hitchcock-typischen Sound mit Betonung auf (oft gedämpften) Blechbläsern und Theremin bei, verschloss sich aber auch nicht den neuen Mitteln elektronischer Verfremdung. So ist auch der Film. Sich seiner Vorbilder bewusst, sich dem Neuen nicht verschließend.

Verbindung, Trennung, Geburt, Tod

Voyeurismus und Täuschung: In einer Fernsehshow wird ein junger Schwarzer hereingelegt, indem man austestet, was er wohl täte, wenn eine junge schöne blinde Frau (Margot Kidder) sich versehentlich anschickte, ihre Kleider in der Männerumkleide abzulegen. Die beiden – die Frau ist ein nicht blindes Model und eine Gelegenheitsschauspielerin – lernen einander kennen, gehen gemeinsam essen und landen im Bett. Es tauchen jedoch ein geheimnisvoller Mann (William Finley) und Andeutungen auf, dass Danielle, so der Name der Frau, eine Zwillingsschwester haben könnte. Die Credit-Bilder und Narben an Danielles Körper lassen auf getrennte Siamesische Zwillinge schließen.

Trennungsschmerz

Doch wer sind die wirklichen Zwillinge? Ein brutaler Mord und eine lange Split-Screen-Sequenz führen zwei Handlungsstränge und zwei Frauen zusammen: Danielle sticht auf ihren Liebhaber ein, der noch mit seinem eigenen Blut „Help“ ans Fenster schreiben kann; im Hause gegenüber sieht dies die Reporterin Grace (Jennifer Salt), die die Polizei benachrichtigt. Wie schon bei Hitchcock ist Letztgenannte eher stieselig – sie vergeudet wertvolle Minuten. Zudem ist Grace eine polizeikritische Reporterin und sind die Polizisten rassistisch, weswegen überhaupt nur oben zu erwähnen war, dass das Mordopfer ein Schwarzer ist: „Solche Leute“ würden eben aufeinander einstechen, sagen die Ordnungshüter … Parallel sehen wir, wie es Danielle und der Finley-Figur – ihrem ominösen mutmaßlichen Ehemann Emil – gelingt, die Leiche zu verstecken. Die langen Flure des Hauses, in das sich die Polizisten und Grace schließlich doch begeben, haben ungewöhnliche Farben, tiefes Rot, warmes Braungelb, sehr intensiv. Aus zwei Perspektiven wird immer noch mit Split Screen gefilmt, wie Täter und Verfolger sich öfters knapp verfehlen. Jemand hat die Gestaltung dieser Flure gerade angesichts der Farbgebung einmal als Darstellung eines Geburtskanals bezeichnet. Dies ist nicht zu hoch gegriffen, wenn man die Credits mit Siamesischen Zwillingen im Mutterleib betrachtet. Es gibt noch andere Anzeichen, dass Geburt und Tod im vorliegenden Film dicht beieinander liegen. Und dass Grace und Danielle zu den wirklichen Siamesischen Zwillingen werden, zu einer fatalen Schicksalsgemeinschaft, zu zwei Seiten einer Medaille, wie sich gerade am Ende zeigen wird.

Viel Hitchcock, und mehr

De Palma gelingen jede Menge Reverenzen an Alfred Hitchcock – auch wenn eine sehr erhellende Doku bei den Extras den Erstgenannten als kritisch gegen übertriebene Parallelisierungen zu Wort kommen lässt. Die Einführung einer neuen Hauptfigur nach einem Mord gemahnt an „Psycho“ (wobei De Palma das in späteren Filmen, in denen anders als hier Frau 1 zum Mord-Opfer wird, noch deutlicher betont, zum Beispiel in „Dressed to Kill“). Die nicht besonders hilfreichen Polizisten kennt man aus etlichen Filmen Hitchcocks. Den Kampf eines Helden um Glaubwürdigkeit dito; beispielsweise in „Eine Dame verschwindet“. In diesem wie im vorliegenden Film möchten die Bösen die Heldin für verrückt erklären lassen. Dies gelingt Emil besonders gut, weil Grace in eine „Irrenanstalt“ eindringt, die er leitet. Da kann er Grace als neue Patientin präsentieren, deren „Ich bin nicht verrückt, dieser Mann ist in einen Mord verwickelt“ lediglich Einbildung sei. Auch wie Grace in einem Moment der Fast-Aussichtslosigkeit ein entscheidendes Beweisstück findet, welches Sekunden später durch einen dummen Vorfall schon wieder zerstört wird (hier: ein Schriftzug auf einer Torte), könnte als Spannungsmoment „Eine Dame verschwindet“ entlehnt sein (wo dies ein Schriftzug an einer Glasscheibe war). Das Motiv der (imaginären?) Zwillingsschwester erinnert einerseits an Norman Bates und seine Mutter aus „Psycho“, doch die Darstellung von zwei Personen als eigentlich eine lässt auch Anleihen bei „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ vermuten (die dann in De Palmas „Schwarzer Engel“ überdeutlich werden sollten). Die Beobachtungen des Geschehens im gegenüberliegenden Haus, in dem möglicherweise ein Mord geschehen ist, erinnern an „Das Fenster zum Hof“; das Verstecken der Leiche und seelenruhige Empfangen von Besuchern im selben Raum an „Cocktail für eine Leiche“. Der Voyeurismus findet sich bei Hitchcock oftmals, am deutlichsten bei „Vertigo“ und „Das Fenster zum Hof“.

Happy Deathday

Letztlich geht De Palma aber über derlei Zitate weit hinaus. Er kann, wie Leonardo Gandini sinngemäß geschrieben hat, nicht mehr nur vorführen, wie Spannungskino funktioniert (so in seinem Langfilmdebüt „Murder à la Mod“), er kann die Mittel auch selbst einsetzen und fordert damit neben dem Intellekt die Emotion. „Sisters – Die Schwestern des Bösen“ ist nervenzerfetzendes Spannungskino par excellence.

Wie zieht man den Badeanzug an und aus?

Am Ende werden die ganzen (nicht immer neuen) Themen wie Voyeurismus, Persönlichkeitsspaltung, Geburt und Tod zu einem geschlossenen Ganzen zusammengeführt; dies vor allem lässt De Palma zu mehr als nur einem Epigonen werden. Emil hatte die zusammengewachsenen Zwillinge Dominique und Danielle (Bates und seine Mutter, etc.) getrennt. In einer schaurigen, surrealen Sequenz sehen wir die Operation als öffentliche Vorführung mit Jahrmarkt-Freak-Personal. Gefilmt ist das ganz voyeuristisch mit Blick in die und durch die Pupille von Grace (vergleiche die „Vertigo“-Creditsequenz von Saul Bass). Logisch ist das alles nicht, so beispielsweise, wenn wir die beiden noch Zusammengewachsenen in Badeanzügen sehen – wie können sie diese bloß an- und ausziehen? Aber logisch soll das auch gar nicht sein, stattdessen allegorisch. Die eine gerät ins Hintertreffen der anderen, die Trennung kann eine vielleicht zum Leben erwecken und der anderen den Tod bringen. Geburt und Tod sind schicksalhaft verbunden. Emil ist Schöpfer und Killer zugleich. Am Ende einer weiteren, späten Gewaltszene sind die Hände von Emil und Danielle ineinander gefaltet, in Großaufnahme und sehr blutig. Ein Effekt, der gegenüber dem vorherigen Geschehen überdimensioniert wirkt, aber der bei mir Assoziationen an Geburt und Entbindung geweckt hat. Genau darum geht es: Danielle ist der Ver-bindung zu Dominique erst dann endgültig ent-bunden, wenn sie sich von Emil befreit hat. Zudem ist Grace Beobachterin. Da lässt sich einiges an „Blutsverwandtschaft“ hineininterpretieren!

Blutsverwandtschaft

„Sisters – Die Schwestern des Bösen“ wird nämlich auch bei Grace Geburt und Tod näher aneinanderrücken. Sie hatte etwas getan, was doch eigentlich gut ist – sich eingemischt. Dadurch betrat sie die verschlungenen Pfade von Danielles Wohnung und von Danielles Leben. Wird sie aus diesem Labyrinth herauskommen oder gibt es keine Gnade für Grace? Sie, die doch als couragierte und hellsichtige Frau eingeführt wurde, wird Danielles Platz einnehmen. Das vorletzte Bild ist in dieser Hinsicht wirklich irre – und irre gelungen. Grace, eine junge, aber eindeutig erwachsene Frau mit Berufserfahrung, ist auf einmal bei ihrer Familie in einem typischen Mädchenzimmer, wie man das bei Teenagern kennt. In einer solchen Umgebung haben wir sie noch nie gesehen. Ihre Mündigkeit ist gestorben, wobei Grace zwar noch nicht bei einer Geburtsmetapher angelangt, aber bedeutend jünger geworden ist, mit ausschließlich negativen Begleiterscheinungen. Die Kamera zeigt recht deutlich eine Puppe. Diese trägt Kleidung, die derjenigen Danielles in einer vorherigen Szene ähnelt. Grace ist Danielle. Vielleicht sind Grace und Danielle die „Sisters“, nachdem Dominique nicht mehr in Danielles Kopf ist. Ein Unglück wird durch ein anderes Unglück ausgewechselt. Wobei man da nicht ganz sicher sein kann, weil die Coda noch kommt – lasst euch überraschen!

Das Mediabook: Erhellende Sprachfassungen und schöne Extras

Das prall ausgestattete Mediabook lässt sich vielfältig genießen. Zunächst lohnt ein Sprachenvergleich, weil der offenkundig stark im Visuellen punktende Film mitunter unübersetzbar gut geschrieben ist. In einer frühen Szene findet Danielle (wie die Darstellerin Margot Kidder eine Frankokanadierin) ein Schimpfwort nicht und sagt im Deutschen „arme Leuchter“, was zu „Armleuchter“ korrigiert wird. Im Original sagt sie zunächst „son of a bastard“ statt – dies dürfte klar sein. Dabei ist ein „Bastard“ ja in der ursprüglichen Bedeutung selbst ein Sohn, sodass Danielle die Generationen umkehrt, so wie der Film die Entwicklungen zum Ende und zum Anfang des Lebens verwebt. Zudem gibt es im Englischen die Doppelbedeutung von „no body“ (keine Leiche) und „nobody“ (niemand), was hier fast gleich ausgesprochen wird. Weil Grace keine Leiche findet, löst sich ihr Fall in Nichts auf und wird auch sie zum Niemand. Mag alles hoffnungslose Überinterpretation sein, aber die Verluste bei der Übersetzung ins Deutsche fallen schon auf.

ACAB: All Cops Are Blind

Ansonsten darf man es generell für überflüssig und preistreibend halten, wenn derselbe Film auf Blu-ray und DVD zwangsweise doppelt verkauft wird. Farbsatt sind beide Scheiben; die Blu-ray ist naturgemäß schärfer, wobei sich bei einem Film dieses Alters der nötige Abstand zum Fernsehgerät empfiehlt, weil ansonsten die Körnigkeit auffällt. Ein wohl unlösbares und dem Label nicht anzulastendes (kleines) Problem. Sehr lohnenswert sind die Extras auf einer separaten DVD mit zahlreichen Interviews von 2004 und 2019; besonders gelungen ist eine 27-minütige Doku. Auch wenn Brian De Palma Künstler genug ist, um den Film nicht totzuinterpretieren, und dies den Zuschauern überlässt, kann man ein paar Hinweise darauf finden, dass die enge Verbindung zwischen Grace und Danielle wohl kein Zufall ist. Die drei wohnten als Filmschaffende am Karrierestart in einer WG, und zwar nicht in einer reinen Zweck-WG. Sie waren eng befreundet (Kidder war damals dann auch De Palmas Freundin). Und auch insichtlich anderer Beteiligter stimmte der Spruch von einer „großen Familie“ einmal, mit Ausnahme des arrivierten Komponisten Bernard Herrmann, der in die Jungspund-Clique nicht so ganz hineinpasste. Diese Verbindungen übertrugen sich auf die Leinwand in Brian De Palmas erstem und vielleicht heute noch bestem Meisterwerk.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Brian De Palma haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 16. Juli 2020 als limitiertes 3-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & 2 DVDs), 14. Juli 2005 als DVD

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Sisters
USA 1972
Regie: Brian De Palma
Drehbuch: Brian De Palma, Louisa Rose
Besetzung: Margot Kidder, Jennifer Salt, Charles Durning, William Finley, Lisle Wilson, Barnard Hughes, Dolph Sweet, Bobby C. Collins
Zusatzmaterial: Trailer, diverse Interviews, Bildergalerie, Booklet
Label/Vertrieb 2020: Koch Films
Label/Vertrieb 2005: EuroVideo Medien GmbH

Copyright 2020 by Tonio Klein
Szenenfotos & Packshot: © 2020 Koch Films

 

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