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Gretel & Hänsel – Albträume im Hexenhaus

06 Jul

Gretel & Hansel

Kinostart: 9. Juli 2020

Von Andreas Eckenfels

Fantasy-Horror // Märchen sind der wahre Horror! Großmütter werden vom Wolf gefressen, vergiftete Äpfel an unschuldige Prinzessinnen verteilt und Hexen im Ofen verbrannt. Dennoch werden die Geschichten seit Jahrhunderten den Kindern kurz vor dem Zu-Bett-Gehen vorgelesen, während Horrorfilme mit ähnlich gruseligen Inhalten häufig erst mündigen Zuschauern vorbehalten sind. Da sind trotz der moralischen Botschaft und dem Sieg des Guten über das Böse am Ende bei den Kleinen Albträume vorprogrammiert.

Die Märchenbilder und -motive bleiben in solch jungen Jahren prägend und lebenslang unterbewusst im Kopf – auch ein Grund dafür, warum wir die alten Geschichten später immer wieder gern lesen, hören und sehen. An Variationen und Neuinterpretationen bekannter Märchen mangelt es auch im Filmbereich nicht. In der Serie „Once Upon a Time – Es war einmal“ (2011–2018) leben die Märchenfiguren alle gemeinsam in einer eigenen Stadt, Neil Jordan setzt sich in „Die Zeit der Wölfe“ (1984) mit dem Rotkäppchen-Mythos auseinander und welche bizarren Auswüchse viele Erzählungen nehmen können, zeigt „Das Märchen der Märchen“ (2015).

Hänsel und Gretel entdecken ein Haus im Wald

Auch „Hänsel und Gretel“ hat schon viele verschiedene Alternativfassungen erhalten. Beim Marihuana-geschwängerten „Hänsel und Gretel – Black Forest“ (2013) hätten sich die Brüder Grimm sicher im Grab herumgedreht. Zuletzt kämpften Gemma Arterton und Jeremy Renner als Geschwisterpaar in „Hänsel und Gretel – Hexenjäger“ (2013) gegen finstere Dämonen. Nun geht es bei „Gretel & Hänsel“ von Regisseur Osgood Perkins („Die Tochter des Teufels“) – übrigens der Sohn von „Psycho“-Star Anthony Perkins (1932–1992) – erzähltechnisch klassischer zu, dennoch versucht er, der Fabel einen neuen Dreh zu verleihen.

Geschenke kosten immer einen Preis

Ein Prolog erzählt ein Märchen im Märchen: „Das schöne Kind mit der kleinen, pinken Kappe“. Darin weiß sich ein armes Elternpaar nicht anders zu helfen, als seine kranke Tochter zu einer Zauberin zu bringen. Sie heilt das Kind, gibt ihr aber ein paar dunkle Gaben mit auf dem Weg. Als das Mädchen älter wird, kann es die Zukunft voraussagen und lässt den Vater Selbstmord begehen. Die Mutter setzt ihre garstige Tochter schließlich aus Verzweiflung im Wald aus, wo sie bald neue Freunde um sich schart. Die Moral von der Geschichte: Geschenke kosten immer einen Preis.

Auch Gretel (Sophie Lillis) kennt das Märchen und steckt in ähnlichen Lebensumständen wie die Eltern des Mädchens fest. Die Armut und der Hunger in der Bevölkerung sind groß. Ihr Vater starb vor einiger Zeit, ihre Mutter ist aus Trauer dem Wahnsinn nahe. Aus Furcht vor ihr flüchtet Gretel mit ihrem kleinen Bruder Hänsel (Samuel J. Leakey) schließlich in den Wald. Nach Tagen des Umherirrens ohne Nahrung entdecken die Geschwister schließlich ein einsames Haus. Durchs Fenster sehen sie, dass der Tisch reichlich mit Köstlichkeiten gedekt ist. Kurz darauf werden Hänsel und Gretel von der sinistren Hausbesitzerin Holda (Alice Krige) entdeckt und zum Festmahl eingeladen. Fortan helfen die Kinder der alten Frau im Haushalt, dafür erhalten sie einen Schlafplatz und ausreichend zu essen. Doch während sich Hänsel mit der Situation schnell anfreundet, bleibt Gretel misstrauisch und wird nachts von Albträumen geplagt. Bald findet sie heraus, dass ihre Wohltäterin nichts Gutes im Schilde führt.

Feministisch angehauchte Neuinterpretation

Schon durch den Tausch der Namen im Filmtitel erkennt man, dass Regisseur Osgood Perkins und Drehbuchautor Rob Hayes die Figur Gretel in den Fokus stellen. Als ältere Schwester ist ihr kleiner, naiver Bruder ihr Schutzbefohlener – erst recht, als sie die Mutter verlassen. Wenn man es genau nimmt, hätte man „Hänsel“ auch im Titel komplett unter den Tisch fallen lassen können. Der Film erzählt Gretels Weg zum Erwachsenwerden und ihre zunehmende Emanzipation von der Fremdbestimmung aus ihrer Perspektive. Somit handelt es sich um eine feministisch angehauchte Neuinterpretation des Volksmärchens.

Gretel bleibt misstrauisch

Zu Beginn wird schon klar, dass Frauen bei den wenigen Reichen und Mächtigen in dieser Welt keinen großen Stellenwert haben. Sie werden als Dienstmägde und Sexobjekte angesehen. Gretel erfährt dies während eines Vorstellungsgesprächs aus erster Hand, als ihr mutmaßlicher Arbeitgeber sie lüstern fragt, ob sie noch Jungfrau sei. Wohlwissend, dass sie auf das geringe Gehalt angewiesen ist, wenn sie und ihre Familie nicht den Hungertod sterben wollen. Dennoch lässt sich Gretel darauf nicht ein und verlässt verschreckt das Gespräch. Immerhin erweist sich später ein loyaler Jäger (Charles Babalola) als Retter in der Not, der den Kindern in einer brenzligen Situation hilft, ihnen zu essen und ein Bett für die Nacht gibt, bevor das Geschwisterpaar seinen Weg durch den Wald fortsetzt.

Ab dem Zeitpunkt, wo Gretel und Hänsel am Hexenhaus eintreffen, wird der Film zu einem Drei-Personen-Stück. Während Hänsel zum fleißigen Esser mutiert, nimmt Gretel immer mehr Veränderungen an sich wahr. Auch die Menstruation fehlt hier nicht, kommt aber ohne die bekannte Märchen-Allegorie mit einer Spindel daher. Ob es ihre erste Monatsblutung ist, bleibt dahingestellt, denn eigentlich soll Gretel schon 15 oder 16 Jahre alt sein. Gretel hat Visionen von Dingen, die sich im und rund um das Haus zutragen. Sind es nur Albträume? Oder reale Ereignisse aus Vergangenheit oder Zukunft? Ausgerechnet Holda wird im weiteren Verlauf der Handlung zu ihrer Verbündeten und eine Art Ersatz-Mutter für Gretel. Eine tiefgründigere Auseinandersetzung mit dem Thema Feminismus im Märchen sollte man aber nicht erwarten.

Was führt Holda im Schilde?

Nach ihrem Durchbruch in „Es“ und „Es – Kapitel 2“ sowie ihrer Hauptrolle in der Netflix-Serie „I Am Not Ok With This“ bestätigt Sophia Lillis ein weiteres Mal, dass sie einen Film auch allein tragen kann und einer Schauspielveteranin wie Alice Krige, unter anderem bekannt als Borg-Königin in „Star Trek – Der erste Kontakt“ (1996) und der Stephen-King-Verfilmung „Schlafwandler“ (1992), als furchterregende Hexe Holda problemlos die Stirn bieten kann.

Wie die Seiten eines Märchenbuchs

Während die Prolog-Szene im herkömmlichen Breitbildformat gefilmt wurde, entschied sich Osgood Perkins für den Rest seiner Schauermär dafür, diese in einem ungewöhnlichen 1:55-Bildformat zu präsentieren. Wundert euch also nicht, dass links und rechts des Bildes schwarze Balken zu sehen sind. Er begründet die Entscheidung im Presseheft damit, dass er den Zuschauern das Gefühl geben wollte, sich begrenzte Seiten eines Märchenbuchs anzuschauen, statt einen unendlich weit erscheinenden Film. Wir haben Weitwinkelobjektive verwendet, wodurch auf engstem Raum eine große Welt entsteht, in der alles scharf, intim und präsent ist. Und tatsächlich wirken die Bilder durch die zentralisierte Positionierung der Figuren und der Enge um einiges furchteinflößender und erhalten eine stärkere Tiefenwirkung.

„Gretel & Hänsel“ spielt wie die meisten Märchen mit elementaren Urängsten, lebt aber vor allem durch seine unheilvolle Atmosphäre. Viele Szenen werden nur durch Kerzenschein beleuchtet, der Synthiescore dröhnt ordentlich und Kostüme sowie die Ausstattung ergeben ein stimmiges Bild. Besonders das Hexenhaus sieht zum Anbeißen aus, auch wenn es kein Lebkuchenhaus ist. Mit seinem spitzen Dach wirkt es recht modern und hat auch zahlreiche Zimmer mit unterschiedlichen Stilen zu bieten. Da die Hauptgeschichte trotz einiger interessanter Veränderungen bekannt ist, fehlt es dem Film allerdings am Ende ein wenig an Spannung – auch werden für Horrorfans zu wenige Schreckmomente geboten, um einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen.

Gretel will es herausfinden

Länge: 87 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Gretel & Hansel
KAN/USA/IRL/ZA 2020
Regie: Osgood Perkins
Drehbuch: Rob Hayes
Besetzung: Sophia Lillis, Samuel J. Leakey, Alice Krige, Jessica De Gouw, Fiona O’Shaughnessy, Donncha Crowley, Charles Babalola, Jonathan Delaney Tynan
Verleih: capelight pictures

Copyright 2020 by Andreas Eckenfels

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2020 capelight pictures

 

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