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Berlin Alexanderplatz – Von einem, der gut sein wollte

13 Jul

Berlin Alexanderplatz

Kinostart: 16. Juli 2020

Von Philipp Ludwig

Drama // Der 1929 erschienene deutsche Jahrhundertroman „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin (1878–1957) hat einen festen Platz in unserer zeithistorischen Literaturgeschichte inne. Durch seinen für die damaligen Verhältnisse bahnbrechenden Erzählstil sowie einer äußerst expressionistischen, modernen Sprache schuf der Autor und gelernte Psychiater mit seiner Figur des Franz Bieberkopf nicht nur ein Synonym für den vermeintlich stets zum Scheitern verurteilten Kampf des „kleinen Mannes“ gegen das „System“, sondern auch ein hoffnungskarges Porträt der Schattenseiten des Sündenpfuhls Berlin und einer zunehmend krisengeplagten Weimarer Republik. Regisseur Burhan Qurbani („Wir sind jung. Wir sind stark.“) nahm sich nun des klassischen Stoffes an und verpasste ihm ein neues, weitgehend frei interpretiertes filmisches Gewand. Doch kann er mit seinem ambitionierten 180-Minuten-Epos tatsächlich überzeugen?

Wird der aus seiner Heimat geflüchtete Francis in Berlin endlich sein persönliches Glück finden?

Qurbanis erste Amtshandlung besteht aus einer Verschiebung des historischen Handlungsrahmens. Statt im Sodom und Gomorrha des Berlins der 1920er-Jahre verlagert er seine Version der bekannten Erzählung und der prägenden Figuren aus dem Roman ins Berlin der Jetztzeit. Sein Franz Bieberkopf heißt daher zunächst schlicht Francis (Welket Bungué) und ist ein 30-jähriger Flüchtling aus Guinea-Bissau. Nach einer strapaziösen Flucht übers Mittelmeer, verbunden mit tragischen persönlichen Verlusten, landet er mitten in der lebendigen Stadt um den titelgebenden Alexanderplatz. Hier kommt er zunächst in einer trostlosen Flüchtlingsunterkunft in einem noch trostloseren Waldstück am Stadtrand unter und verdingt sich illegal auf diversen Baustellen. Dort erledigt er mit seinen afrikanischen Leidensgenossen die Arbeiten, die aufgrund ihrer Gefährlichkeit niemand sonst verrichten will – ohne Perspektive und ohne große Hoffnung. Sein Ziel bleibt dennoch unverändert: Hier, im Land seiner Träume, einen Neustart wagen, um seine nicht immer auf geradem und legalen Wege verlaufende Vergangenheit ein für allemal hinter sich lassen zu können. Endlich „gut“ werden also, wie Francis stets betont. Etwas aus sich machen.

Reinhold (r.) bietet nicht nur eine vermeintliche Perspektive, sondern auch seine fragwürdige Freundschaft

Zum persönlichen Unglück unseres Protagonisten taucht eines Tages der zwielichtige Reinhold (Albrecht Schuch, „Systemsprenger“) in der Flüchtlingsunterkunft auf. Der auf den ersten Blick unscheinbare, leicht verkrüppelte Mann mit leiser Fistelstimme verspricht den dort nahezu ausschließlich männlichen Flüchtlingen schnellen und bürokratisch unkomplizierten Reichtum – indem sie sich für ihn als Drogendealer in Berlins Parks verdingen. Francis kann zwar den von Reinhold wie Köder ausgeworfenen Geldscheinen zunächst widerstehen, nicht aber dessen auf den ersten Blick einnehmenden Charme. Francis (den Reinhold kurzerhand zeremoniell „eindeutscht“ und in Franz umtauft) zieht schnell bei seinem neuen Gönner ein, kocht sowohl für ihn als auch die anderen Drogendealer und glaubt, nun einen Start in sein erhofftes neues Leben gefunden zu haben. Doch die Probleme fangen für ihn nun erst richtig an, zieht ihn Reinhold doch immer weiter in einen Strudel aus organisierter Kriminalität und persönlicher Ausnutzung. Doch trotz aller persönlicher Enttäuschungen und Konflikte – Francis scheint wie magisch an Reinhold gebunden zu sein. Ob ihm die Clubbesitzerin Eva (Annabelle Mandeng) oder die schöne und geheimnisvolle Escortdame Mieze (Jella Haase) helfen können, doch noch auf den rechten Weg zu finden und sich von seinem ganz persönlichen Mephisto sowie den dunklen Verlockungen der Großstadt zu lösen?

Schon jetzt ein Meisterwerk?

183 Minuten lang dauert Qurbanis filmische Adaption von „Berlin Alexanderplatz“, den er erzähltechnisch als „Film in fünf Kapiteln“ strukturiert. Eine Verbindung zum Originalwerk erhält seine Verfilmung neben der Grundprämisse, bekannten Kernelementen und Figuren vor allem durch die Off-Erzählerin Mieze, die wiederholt mit ganzen Passagen aus dem Roman den Film begleitet. Die für gegenwärtige Kinoverhältnisse fast schon ausufernde Laufzeit ist aber natürlich dennoch zunächst eine Hausnummer und gerade für den publikumstechnisch oft gebeutelten deutschen Feuilleton-Kinofilm durchaus eine mutige Wahl. Nach der mittlerweile lange zurückliegenden Pressevorführung – der Kinostart wurde seit Ende März nun schon gleich mehrfach Corona-bedingt verschoben – war das einhellige Meinungsbild der zahlreich anwesenden Pressevertreter dann zunächst vor allem eines: „Puh, ganz schön lang!“ Doch sollte einen die Laufzeit auf keinen Fall abschrecken. Ganz im Gegenteil, war die Länge dann doch nahezu der einzige Grund für eine zaghaft öffentlich geäußerte Kritik. Ansonsten machte sich wohlverdiente Zufriedenheit breit für einen Film, den man in meinen Augen bereits jetzt als ein modernes Meisterwerk, wenn nicht gar einen neuen Meilenstein des deutschen Films bezeichnen muss. Die Zeit, die sich der Regisseur für seine Erzählung nimmt, zahlt sich hier also aus.

Doch kann der von Reinhold „eingedeutschte“ „Franz“ (l.) diesem trauen?

Gerade der handlungstechnische Kniff von Regisseur und Drehbuchautor Qurbani mit dem „Zeitsprung“ geht voll auf. Statt sich an dem zuletzt unter anderem von „Babylon Berlin“ oder internationaler anderer Qualitätsserien wie „Boardwalk Empire“ ausgelösten medialen Hype um die 1920er-Jahre-Ästhetik anzuschließen, verbindet er den klassischen Stoff lieber mit (weiterhin) brennenden zivilgesellschaftlichen Problemen unserer eigenen Gegenwart. Es gelingt ihm somit nicht nur ein hervorragend inszenierter und erzählter Film, sondern auch ein gelungener kritischer Beitrag zu allerlei Unmenschlichkeiten auf dieser Welt sowie insbesondere der tragischen Situation für Geflüchtete. Diese haben es nach beschwerlichen Wegen bis hierher, ans vermeintliches Ziel ihrer Träume geschafft, um dann in trostlosen Unterkünften vor sich hin zu vegetieren und mangels Perspektive skrupellosen Menschenfängern wie einem Reinhold in die Hände zu fallen.

Welket Bungué: Eine große Entdeckung

An niemanden wird dies in „Berlin Alexanderplatz“ deutlicher gemacht als an der tragischen Hauptfigur des Francis. Der stämmige und impulsive Mann versucht stets aufs Neue, seinen Weg des Gutwerdens immer wieder allen Widrigkeiten zum Trotz einzuschlagen. Und scheint dabei doch stets wieder enttäuscht zu werden. Als Glücksfall stellt sich für den Film die Wahl des Hauptdarstellers Welket Bungué dar. Der 32-Jährige aus Guinea-Bissau lebt schon seit einiger Zeit selbst in Berlin und ist in seiner afrikanischen Heimat durch zahlreiche Rollen ein äußerst bekannter Darsteller und auch selbst bereits ein Filmemacher. In „Berlin Alexanderplatz“ hat er nun nicht nur seinen ersten Auftritt in einer deutschsprachigen Rolle, sondern konnte sich damit direkt eine Nominierung für den Deutschen Filmpreis 2020 erspielen.

Und diese Nominierung hat er sich redlich verdient, gelingt es ihm doch eindrucksvoll, das filmische Mammutwerk von der ersten bis zur letzten Minute durchgehend zu tragen. Er gibt dem vor Kraft strotzenden Francis nicht nur die nötige (und durchaus beeindruckende) Körperlichkeit, sondern vermag auch die vielfältigen und leidgeprägten Facetten dessen vielschichtigen Charakters ungemein intensiv auf die Leinwand zu übertragen. So verfolgt man die Geschichte seiner Figur stets mit einer gewissen Grundsympathie, obwohl seine oft ambivalenten Handlungen nicht immer nachvollziehbar oder gar begrüßenswert sind.

Die geheimnisvolle Mieze (r.) scheint Francis ans Herz zu wachsen

Auch für die Nebenrollen bewies Filmemacher Qurbani zusammen mit seinem Team ein goldenes Händchen. Allen voran sei hier auf Albrecht Schuch verwiesen, der irgendwie einfach immer besser wird und mich mit jedem Film (oder Serienauftritten wie in „Bad Banks“) ein Stück weit mehr überzeugt. Es ist als Filmliebhaber eine Freude, wie er den ans soziopathische Verhalten grenzenden Bösewicht Reinhold immer wieder aufs Neue interpretiert, ihm somit stets neue Facetten verleiht und hierbei alle Bandbreiten des Schauspiels genüsslich auslebt. Ebenso ist Jella Haase hervorzuheben, die als die zentrale Figur der Mieze mal wieder beweist, dass sie weitaus mehr kann, als eine dummbräsige Göre in den meiner Meinung nach unsäglichen „Fack Ju Göthe“-Filmen zu geben. Und als sei das alles nicht schon genug, darf dann hin und wieder auch noch ein Altmeister wie Joachim Król den in die Jahre gekommenen Unterweltboss Plum – und ebenfalls zweifelhaften Gönner von Reinhold sowie später auch Francis – mit Leben füllen.

Sollte man gesehen haben

Auch wenn die eine oder andere Filmminute am Ende dann vielleicht doch hätte eingespart werden können, ohne der Handlung groß zu schaden – dem Gesamtkunstwerk „Berlin Alexanderplatz“ tut dies gewiss keinen Abbruch. Regisseur Burhan Qurbani gelingt eine moderne und ästhetisch brillant in Szene gesetzte Neuinterpretation von Döblins Roman, die aufgrund ihrer dichten Atmosphäre und so abwechslungsreichen wie innovativen Erzählweise von der ersten Minute an eine wahre Sogwirkung auf mich entwickelte. Die im Vorfeld eventuell lang anmutende Laufzeit verging somit wie im Flug durch die sozialkritisch gefärbte und herzzerreißende Charakterstudie, die spannende Gangstergeschichte sowie die spürbar lebhaften Figuren samt ihrer beeindrucken Darstellerinnen und Darsteller. Trotz aller filmtechnischen Vorzüge bleibt „Berlin Alexanderplatz“ thematisch jedoch – gemäß seiner literarischen Vorlage – eine nahezu durchgehend düster gefärbte, schwere Kost. Unser Held der Geschichte muss einiges an Tiefschlägen verkraften. Den nun endlich anstehenden Kinostart der mutigen Milieustudie von Qurbani sollte man aber trotz des herrschenden pessimistischen Grundtenors dennoch dringend wahrnehmen – oder, wenn einem ein Kinobesuch in Zeiten einer weiterhin laufenden Pandemie verständlicherweise noch etwas suspekt erscheint, zumindest so bald wie möglich in irgendeiner Form anschauen. Es lohnt sich!

Kann die Liebe den gebeutelten Glücksritter retten?

Länge: 183 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Berlin Alexanderplatz
D/NL/F/KAN 2020
Regie: Burhan Qurbani
Drehbuch: Burhan Qurbani & Martin Behnke, nach Vorlage des Romans „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin
Besetzung: Welket Bungué, Albrecht Schuch, Jella Haase, Annabelle Mandeng, Joachim Król, Niel Verkooijen, Richard Fouofié Djimeli, Thelma Buabeng, Faris Saleh, Michael Davies, Lena Schmidtke
Verleih: Entertainment One

Copyright 2020 by Philipp Ludwig

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2020 Entertainment One. All rights reserved.

 
2 Kommentare

Verfasst von - 2020/07/13 in Film, Kino, Rezensionen

 

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2 Antworten zu “Berlin Alexanderplatz – Von einem, der gut sein wollte

  1. Stepnwolf

    2020/07/29 at 09:02

    Gehe ich soweit d’accord. Schuch ist in seiner Rolle unglaublich gut, ohne Frage…

     
  2. Christoph Wolf

    2020/07/21 at 09:27

    Ich habe den Film am Sonntag angeschaut und bin wirklich begeistert. Das deutsche Kino scheint mir auf einem guten Weg, wenn Filme wie Berlin Alexanderplatz oder auch Systemsprenger als Indikator genommen werden. Beide sind herausragend gut, und in beiden Fällen liegt das u.a. an Albrecht Schuch, dem ich eine große Karriere wünsche. Damit will ich aber keinesfalls sagen, dass der Rest von Cast & Crew nicht ebenfalls hervorragende Arbeit geleistet haben.

     

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