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Jacob’s Ladder – In der Gewalt des Jenseits: Verfremdung und Annäherung

14 Jul

Jacob’s Ladder

Von Lucas Gröning

Horrordrama // „Wenn du Angst vor dem Tod hast und nicht loslassen willst, dann siehst du die Teufel, die dir dein Leben entreißen. Aber wenn du deinen Frieden gemacht hast, dann sind die Teufel in Wirklichkeit Engel, die dich von der Erde befreien.“ Es ist das wohl berühmteste Zitat aus Adrian Lynes „Jacob’s Ladder – In der Gewalt des Jenseits“ (1990) und zugleich eine Passage, welche das zentrale Thema des Werkes vorgibt, nämlich Leben und Tod sowie deren Verknüpfung mit einer Reihe christlicher Motive. Und doch muss man sagen, dass es sich hier nur um ein einziges Motiv handelt – wenn auch das Vordergründige. „Jacob’s Ladder“ besticht durch eine enorme Komplexität, der ich hier auf den Grund gehen will.

Als Soldat im Vietnamkrieg

Das Horrordrama ist mit Sicherheit der schwierigste Film von Adrian Lyne, wenn auch nicht der erfolgreichste. Der Brite drehte zuvor unter anderem „Flashdance“ (1983) und „Eine verhängnisvolle Affäre“ (1987). Letztgenannter Stalking-Thriller wurde 1988 jeweils in mehreren Kategorien sowohl für den Oscar als auch für den Golden Globe nominiert. Zu seinen bekanntesten Filmen nach „Jacob’s Ladder“ zählen „Ein unmoralisches Angebot (1993) und „Lolita“ (1997), eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Vladimir Nabokov aus dem Jahr 1955. Insgesamt drehte Lyne lediglich neun Filme – eine recht überschaubare Zahl, zudem scheinen seine Werke nicht gerade flächendeckend im kollektiven Gedächtnis überlebt zu haben. „Jacob’s Ladder“ geht es ähnlich, denn der Film kann durchaus als Nischenprodukt bezeichnet werden, was auch mit seiner damaligen Vermarktung als Horrorfilm zusammenhängen dürfte – eine Tatsache, die wohl viele Kinogänger von vornherein abschreckte. Auch offizielle Trailer erwecken genau diesen Eindruck, jedoch muss man sagen, dass sich hinter „Jacob’s Ladder“ deutlich mehr verbirgt.

Kein klar erkennbares Genre

Schon allein die Geschichte des Films lässt viele Möglichkeiten hinsichtlich einer Genrezuschreibung zu. „Jacob’s Ladder“ beginnt im Vietnamkrieg. Die ersten Szenen zeigen, wie ein Lager von US-Soldaten, unter ihnen Hauptfigur Jacob Singer (Tim Robbins), anscheinend von gegnerischen Streitkräften attackiert wird. Die Soldaten müssen in die Büsche fliehen, jedoch gibt es kein Entkommen vor den Feinden. Mitten im Dickicht wird Jacob erstochen und fällt in Ohnmacht. Bereits die nächste Szene zeigt uns Jacob in einer U-Bahn in New York City. Der Soldat scheint den Stich überlebt zu haben und führt nun im Big Apple ein neues Leben mit seiner Freundin Jezebel (Elizabeth Peña). Zugleich kommt heraus dass Jacob bereits vor Jezebel mit einer Frau namens Sarah (Patricia Kalember) verheiratet war, nach dem Tod eines der drei gemeinsamen Kinder trennte sich das Paar jedoch. Plötzlich häufen sich wieder die Visionen und Träume von der früheren Familie, genauso wie jene von den furchtbaren Erlebnissen in Vietnam. Die vergangenen Ereignisse scheinen Jacob wieder einzuholen. Und noch andere, vollkommen übernatürliche Dinge geschehen: Tagsüber begegnen Jacob immer wieder dämonenähnliche Wesen, die es sich zum Ziel gemacht zu haben scheinen, den Ex-Soldaten umzubringen.

Jacob und seine Freundin Jezebel führen ein harmonisches Leben …

Auch andere Veteranen aus Vietnam, mit denen Jacob früher zusammenkämpfte, haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Die Spur führt in der Folge zum US-Militär und es erhärtet sich der Verdacht, dass die Soldaten in Vietnam mit Drogen vollgepumpt wurden, um sie dem Feind gegenüber aggressiver auftreten zu lassen. Die Visionen, so die Theorie, könnten ein Nebeneffekt der Mittel sein. Jacob und die anderen Ex-Soldaten machen sich somit in der Folge auf die Suche nach der Wahrheit, hinter der weit mehr steckt als augenscheinlich erkennbar.

Wie ordnet man „Jacob’s Ladder“ ein? Ist es ein Horrorfilm, so wie er zu seinem Erscheinen beworben wurde? Handelt es sich um einen Kriegsfilm oder sogar Antikriegsfilm? Ist hier eventuell so etwas wie ein Familiendrama oder eine Form des Thrillers zu sehen? Ganz leicht lässt sich das nicht sagen, ist der Film doch vielmehr ein Genremix, welcher auch ganz bewusst bekannte Filme verschiedener Gattungen zitiert. So fallen besonders Referenzen an Martin Scorseses „Taxi Driver“ (1976) oder Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ (1979) ins Auge. Passenderweise behandeln beide Filme den Vietnamkrieg, wobei besonders die Zitate aus Coppolas Film hier eine Kernbotschaft zu vermitteln scheinen. Prägnant für „Apocalypse Now“ ist unter anderem das Motiv der roten Sonne, welche gemeinsam mit einer Reihe von Sillhouetten inszeniert wird. Bilder dieser Art findet man in „Jacob’s Ladder“ zunächst in den Anfangsszenen in Vietnam, später aber auch in New York City, womit, so meine These, das „Mitnehmen“ der Erfahrungen von Vietnam in das moderne, eigentlich kriegsferne Leben aufgegriffen wird, was wiederum einen Teilaspekt von Scorseses Film ausmacht. Zugleich orientiert er sich in seinen Horroraspekten ebenfalls an Filmen aus der zweiten Hälfte der 1970er-Jahren, „Eraserhead“, „Hügel der blutigen Augen“ (jeweils 1977) und „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ (1979) seien hier genannt. Auch Hiroshi Teshigaharas „The Face of Another“ (1966) erfährt hier beispilesweise ein Zitat. Adrian Lynes Werk stellt sich damit in eine spezielle Tradition von Filmen aus der Ära des New Hollywood und in jene, welche ihren Teil zur Inspiration für das Horrorkino der 1970er-Jahre der Traumfabrik lieferte.

Das Schaffen von Distanz und Nähe

Dieses häufige Zitieren vergangener Werke führt, in der Zusammenkunft mit einigen anderen Stilmitteln, zu einer Distanz der Rezipierenden gegenüber dem Film und schafft in letzter Konsequenz eine beeindruckende Atmosphäre der Unsicherheit, als auch des Obsoletmachens dieser Unsicherheit, was wiederum zu einer faszinierenden Nähe zu Hauptcharakter Jacob führt. Ein grundlegendes Thema des Films ist in diesem Zusammenhang, dass sich die Zusehenden niemals so richtig sicher sein können, auf welcher Ebene von Zeit und Bewusstsein sich die Handung überhaupt abspielt. Befinden wir uns also in der Realität, in einem Traum des Protagonisten oder einer traumatischen Vision? Befinden wir uns in der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft der Realität? Oder spielen sich selbst diese Ebenen in einer Form des Traumes ab? All das ist unsicher, spielt der Film doch immer wieder damit, Motive auf der einen Ebene später auf einer ganz anderen Ebene aufzugreifen, was stark an die Struktur vieler Werke von David Lynch erinnert, allerdings eher an jene, welche erst nach dem Erscheinen von „Jacob’s Ladder“ kommen sollten. „Lost Highway“ (1997) und „Mulholland Drive“ (2002) seien hier genannt. Die Konsequenz ist eine massive Überforderung der Rezipienten, welche mit der dadurch provozierten Reizüberflutung nur schwer zurechtkommen können.

… doch der Veteran muss bald um sein Leben fürchten

Besonders jene Sequenzen, welche auf einer Traumebene spielen könnten und somit nicht real wären, tragen zu einer Distanzierung zum Film bei. Verschiedene Figuren wirken teilweise derart gewalttätig, überzeichnet und unglaubwürdig, besonders hinsichtlich ihrer Dialogzeilen, dass die Rezipienten hier aus der Illusion der Filmwelt herausgerissen werden und den Film klar als künstlich erschaffenes Werk erkennen. Das Kuriose ist, dass gerade das sporadisch eingeschobene Erscheinen der Dämonen, ein augenfällig unrealistisches Element, den Zusehenden wieder in die Welt des Films zu ziehen vermag und die Immersion wiederherstellt. Sie wirken also realer als jene Ereignisse, welche vom Film eigentlich als real gekennzeichnet sind, oder zumindest die Möglichkeit offen lassen, real zu sein. Die Dämonen repräsentieren dabei nichts klar Boshaftes, sondern lediglich etwas Angsteinflößendes und vor allem Unerklärliches und Mysteriöses – also etwas, was in einer zum Teil unerklärlichen Welt, die den Menschen in vielen ihrer Aspekte zum Skeptizismus zu nötigen scheint, einen Aspekt des Alltags ausmacht. In dieser Hinsicht schaffen die Dämonen also wiederum eine Nähe, die der zuvor hergestellten Distanz konträr entgegensteht. Jedoch führt auch diese Wechselwirkung wiederum zu einer Überforderung, die im Verlauf der Handlung auch Jacob erreicht, welcher, wie wir, auch nicht mehr zwischen Realität und Fiktion unterscheiden kann. Gerade gegen Ende der Handlung scheint er sich nichts sehnlicher zu wünschen, als diesem Albtraum zu entfliehen und Gewissheit über die Realität zu erlangen, vor allem über den tatsächlichen Zustand seiner Familie. Hier spinnt der Film eine weitere Paralelle zwischen Protagonist und Zuschauer, ist es doch auch das Ziel des Rezipienten, Gewissheit über die Vorgänge in „Jacob’s Ladder – In der Gewalt des Jenseits“ zu erlangen. Die dadurch provozierte Identifikation mit Jacob führt wiederum zu einer verstärkten Nähe zum Werk und einer funktionierenden Immersion.

Einkalkulierte Gewöhnlichkeit

Dieses Spiel zwischen Distanz und Nähe vollzieht sich in „Jacob’s Ladder“ auch auf der Ebene der Bildgestaltung und der Technik. Meist sind Bilder zu sehen, wie man sie zu Teilen aus den 80er-Jahren des Mainstream-Hollywood-Kinos kannte und welche auch in den nächsten Jahren das Kino der 90er-Jahre prägen sollten. Diese sind zum Teil hell ausgeleuchtet, zeigen jedoch oftmals dreckige und unangenehme Kulissen, welche die saubere technische Umsetzung kontrastrieren. Beispielhaft belegt sei dies hier an Jonathan Demmes „Das Schweigen der Lämmer“ (1991) oder Frank Darabonts „Die Verurteilten“ (1994), in welchem Tim Robbins bekanntlich ebenfalls die Hauptrolle spielte. Gleichsam zeigt der Film innerhalb der gewählten Bildästhetik immer wieder Referenzen an das New-Hollywood-Kino der 70er- und 80er-Jahre, „Taxi Driver“ und „Apocalypse Now“ wurden bereits erwähnt. Hier gibt sich der Film als Kunstwerk zu erkennen und schafft somit „Marker“, welche eine Distanz zwischen Zuschauendem und Werk herstellen. Doch gerade das Auftauchen der Dämonen – oder Anzeichen ihres Daseins – sorgen wiederum für eine Entfremdung und einen Bruch mit dem bereits Bekannten, sodass eneut eine Immersion hergestellt werden kann. „Jacob’s Ladder“ zeigt uns also zunächst Konvention, um uns dann auf eine Reise zu nehmen, die dem widerspricht, was wir aus anderen Filmen dieser Art kennen.

Die Konsequenz ist eine, im Zusammenspiel mit der unkonventionellen Erzählweise, auf mehreren Ebenen enorm spannende Filmerfahrung, die „Jacob’s Ladder – In der Gewalt des Jenseits“ zu einem der interessantesten Werke macht, die hierzulande erhältlich sind – am besten im kürzlich erschienenen Mediabook. Hier finden sich außer zwei Discs (einer Blu-ray und einer DVD) ein schön gestaltetes Booklet mit einigen Fotos und einem interessanten Text, welcher den Geheinissen um den Film ebenfalls auf den Grund geht. Auf den Discs finden sich außerdem weitere Features und einige Kurzdokumentationen.

Regisseur Adrian Lyne ist satte 18 Jahre nach seinem letzten Film „Untreu“ aus der Versenkung gekommen: Den Thriller „Deep Water“ nach einem Roman von Patricia Highsmith scheint er mit Ben Affleck in der Hauptrolle bereits abgedreht zu haben.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Tim Robbins haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Die Dämonen scheinen Jacob in den Wahnsinn zu treiben

Veröffentlichung: 28. Mai 2020 als Limited 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), 6. Oktober 2012 und 15. Oktober 2002 als DVD

Länge: 113 Min. (Blu-ray), 110 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Jacob’s Ladder
USA 1990
Regie: Adrian Lyne
Drehbuch: Bruce Joel Rubin
Besetzung: Tim Robbins, Elizabeth Peña, Danny Aiello, Matt Craven, Pruitt Taylor Vince, Jason Alexander, Patricia Kalember, Eriq La Salle, Ving Rhames, Macaulay Culkin
Zusatzmaterial: Audiokommentar, Dokumentationen, Bildergalerie, Originaltrailer, Booklet
Label/Vertrieb 2020: Koch Films
Label/Vertrieb 2012: Süddeutsche Zeitung GmbH
Label/Vertrieb 2002: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2020 by Lucas Gröning

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Koch Films

 
 

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Eine Antwort zu “Jacob’s Ladder – In der Gewalt des Jenseits: Verfremdung und Annäherung

  1. Tonio Klein

    2020/07/14 at 05:38

    Dem Hochglanzfilmer hätte ich die Ladder kaum zugetraut, und als Eastwood-Fan bin ich immer noch etwas stinkig, dass er in „Fatal Attraction“ dessen Regie-Erstling „Sadistico“ geplündert, mit AIDS-Angst angereichert und mit dem schlimmsten „Die Böse steht nochmal auf“-Ende versehen hat. Aber die Ladder ist prima. Der deutsche Zusatztitel ist natürlich mal wieder für Deppen. Schöne Würdigung.

     

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