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David Cronenberg (IX): Crash – Verkehrsunfall als Sex-Fetisch

16 Jul

Crash

Von Volker Schönenberger

Psychodrama // In einem Kleinflugzeug-Hangar steht Catherine Ballard (Deborah Kara Unger), entblößt sich, berührt sich in erotischer Verzückung. Ein Mann tritt hinter sie, beginnt sie zu liebkosen …

In einem Filmstudio wird der Produzent James Ballard (James Spader) gesucht. Der treibt es gerade in einem Nebenraum mit einer Kameraassistentin. Abends berichten die Ballards einander von ihren erotischen Eskapaden, die offenbar nur leidlich befriedigend ausfielen.

James und Helen überkommt die Lust

Als James des Abends allein im Auto unterwegs ist, studiert er leichtsinnigerweise während der Fahrt ein paar Unterlagen. Es kommt, wie es kommen muss: Er verliert die Kontrolle über sein Fahrzeug, gerät auf die Gegenfahrbahn und verursacht einen Frontalzusammenstoß. Der Beifahrer des anderen Autos wird durch beide Windschutzscheiben geschleudert. Schwer verletzt und benommen, bemerkt James die Fahrerin (Holly Hunter), die beim Versuch, sich aus dem Fahrzeug zu befreien, versehentlich eine Brust entblößt.

Begegnungen im Krankenhaus

Im Krankenhaus trifft James nicht nur auf die Fahrerin Helen Remington – Witwe des Mannes, den er auf dem Gewissen hat –, sondern auch auf Vaughan (Elias Koteas), der sich auffällig für seine Verletzungen interessiert, nachdem er erfahren hat, dass James ein Unfallopfer ist. Nachdem seine Verletzungen einigermaßen verheilt sind, sucht James den Abstellplatz für Unfallfahrzeuge auf, wo auch sein Auto steht. Dort begegnet er erneut Helen Remington. Die beiden kommen ins Gespräch, und er bietet an, sie zum Flughafen zu fahren. Ein Beinahe-Unfall auf der Fahrt dorthin löst in beiden sonderbare erotische Wallungen aus …

Von der Lust am Auto zur Lust am Schrottauto

Faszinosum Auto – wer kann sich schon dem Reiz glänzender Karosserien und röhrender Motoren entziehen? Viele moderne Fahrzeuge langweilen zwar eher, aber wenn ein schnittiger Wagen den Weg kreuzt, schauen viele hinterher. Und wenn wir an einem Verkehrsunfall vorbeifahren, sind wir versucht, anzuhalten und uns die Szenerie genau zu betrachten (die anständigen Menschen fahren weiter, die Gaffer zücken ihr Smartphone, um zu fotografieren oder zu filmen). Der britische Schriftsteller J. G. Ballard ging in seinem 1973 erstveröffentlichten Roman „Crash“ eine Stufe weiter, ersann aus der Faszination für Autos und besonders Unfallautos einen sexuellen Fetisch, der gar nicht mal weit hergeholt erscheint (besonders nicht bei uns im Autoland Deutschland).

James (hi.) fährt Vaughan durch die Nacht

Der stets sehr körperbetont filmende kanadische Ausnahmeregisseur David Cronenberg („Die Fliege“, „Shivers – Parasiten-Mörder“) setzte Ballards literarische Vison in ausgesprochen kühlen Motiven städtischer Straßenansichten um, untermalt von Howard Shores zurückhaltenden Elektro-Klängen, die ebenfalls keine Wärme verströmen. Die Eheleute Ballard scheinen einander zugetan zu sein, gehen miteinander aber ausgesprochen cool um. Was sie außer dem Sexualtrieb verbindet, erfahren wir nicht. Dass beide außerehelichen Sex suchen, wirkte auf mich nicht wie das Resultat einer Entfremdung, sondern als Teil ihres Lebens, für den sie sich gleichberechtigt entschieden haben. Womöglich verbindet sie eine Leere in ihrem Leben, die zu groß ist, als dass sie sie als Paar zu zweit ausfüllen können. So wirkt ihr stylisher Sex zwar erotisch, hat jedoch wenig von behaglicher Zärtlichkeit. Das gilt generell für jede Sexszene des Films, auch für die außerehelichen Sexualkontakte des Paars. Diese inszeniert Cronenberg erwartungsgemäß körperbetont, jedoch ohne plumpen Voyeurismus zu bedienen. Ein paar Mal scheint mir die Kamera geradezu die weiblichen Kurven mit den eleganten Linien von Karosserien zu vergleichen.

Sich von Autounfällen antörnen zu lassen, bringt zwar neuen Reiz und neuen Sex ins Leben der Ballards, nach Erfüllung oder Erlösung sieht das aber bis zum Ende nicht aus. Viel Hoffnung gibt uns David Cronenberg somit nicht mit, sein Fazit fällt eher deprimierend aus. Brauchen die Eheleute und die anderen Verkehrsunfall-Fetischisten diese extremen Reize, um überhaupt etwas zu spüren?

Der Gaffer

Auch wenn ich nicht glaube, dass Cronenberg das beabsichtigte, schlägt eine Szene doch einen Bogen zur besonders hier in Deutschland laufenden Debatte um das Wesen der Gaffer: Die Eheleute Ballard fahren abends in Begleitung von Vaughan umher und gelangen zum Ort eines schweren Verkehrsunfalls mit diversen beteiligten Fahrzeugen. Besonders Vaughan tut sich besonders schäbig hervor, indem er völlig hemmungslos so viele Details inklusive noch im Auto befindlicher Unfallopfer fotografiert, wie es ihm möglich ist. Cronenberg geht es allerdings gar nicht darum, dieses Verhalten anzuprangern, da es darauf keinerlei Reaktion von anderen gibt. Weder ein Feuerwehrmann noch ein Polizist weisen ihn zurecht, und die solcherart belästigten Unfallopfer sind viel zu benommen, um irgendeinen Ausdruck des Protests zu formulieren oder Vaughan abzuwehren.

Auf dem Rücksitz geht es heiß her

Hier sind wir wieder bei der Leere in manchen Menschen oder unserer Gesellschaft: Wie groß muss sie sein, dass wir sie mit derart absurder „Unterhaltung“ füllen wollen? Womöglich meinte der ehemalige „Die Nacht der lebenden Texte“-Autor Simon Kyprianou dies, als er in seiner Rezension von Cronenbergs Regiearbeit schrieb: „Crash“ ist ein abstrakter Film, weg von direkten Objekten wie Fernsehen, Videospielen oder Drogen. Er wirkt durch diese Abstraktheit wie eine Essenz aus Conenbergs Schaffen. David Cronenberg hätte vielleicht auch etwas über tatsächliche „Zerstreuungen“ zu sagen, die in unserer Gesellschaft zu bemerken und die ebenfalls körperbetont und mit Lebensgefahr verbunden sind – etwa Freiklettern, Wingsuitsprünge von Berggraten und -gipfeln und andere Tollkühnheiten ihres leeren Lebens anscheinend Überdrüssiger.

Die Romanvorlage in der „Edition Phantasia“

J. G. Ballards Roman erschien 1985 als deutsche Erstausgabe in auf 1.000 nummerierte Exemplare limitierter und illustrierter Vorzugsausgabe der „Edition Phantasia“, übersetzt von Verleger Joachim Körber persönlich. Die ersten 300 Ausgaben mit von J. G. Ballard signiertem Foto sind lange vergriffen, ohne Foto ist die Edition noch lieferbar.

Referenz-Mediabook von Turbine

Die bisherigen drei deutschen DVD-Veröffentlichungen kamen allesamt etwas schmalbrüstig daher, da wurde es Zeit für eine Referenz-Edition – und die liefert Turbine definitiv ab. 2018 auf der Berlinale angekündigt, hat sich das Label ausgiebig Zeit genommen, das bestmögliche Material des original 35mm-Kameranegativs aufzuspüren und für eine 4K-Abtastung zu restaurieren – stets überwacht von David Cronenberg selbst sowie seinem Stamm-Kameramann Peter Suschitzky. Ein paar Details des aufwendigen Projekts können im Booklet der Turbine-Mediabooks nachgelesen werden.

Bonusbombe: drei Cronenberg-Kurzfilme

Das Bonusmaterial auf den Discs enthält etliche neue und alte Interviews sowie als besonderes Schmankerl drei Kurzfilme von Cronenberg: „The Nest“ (2013), „At the Suicide of the Last Jew in the World in the Last Cinema in the World“ (2007) und „Camera“ (2000).

Für das üppige und fein bebilderte Booklet hat sich Turbine gleich zwei Autoren gegönnt, die auf 40 Seiten kaum Fragen zu David Cronenberg im Allgemeinen und „Crash“ im Besonderen offen lassen (okay, das ist übertrieben, weil man über einen so außergewöhnlichen Regisseur wie den Kanadier immer noch mehr schreiben kann, aber Ihr wisst, was ich meine). Erst lässt sich Christoph N. Kellerbach so ausführlich wie versiert über David Cronenberg und J. G. Ballard aus, geht dann auf die Entstehung des Films ein und beleuchtet auch die seinerzeitige Rezeption von „Crash“ bei Kritikern und Zensoren.

Die Unfall-Forschung von Paul Virilio

In einem weiteren Abschnitt mit dem Titel Der formale Crash – etwas unpassend mit der selbstreferenziellen Unterzeile Von Christoph N. Kellerbach zu Stefan Jung versehen – geht es um den französischen Philosophen Paul Virilio (1932–2018) und dessen Gedanken zu und Kritik an der modernen, vom technologischen Fortschritt geprägten Gesellschaft. Im Anschluss daran geht der zweite Autor Stefan Jung im Text Der soziale Crash – Grundlegende Analysen von Virilios Unfall-Forschung bezogen auf „Crash“ tiefer auf Virilios Analysen ein und setzt sie in einen Kontext zu Cronenbergs Film. Das hat hohes analytisches Niveau, sehr schön, auch mal so etwas in einem Booklet zu finden, bei diesem Film allemal angebracht.

Auch Catherine gibt sich Vaughan hin

Ein Haar habe ich aber doch in dieser gehaltvollen Booklet-Suppe gefunden, das ich allerdings nicht Kellerbach und Jung anlasten möchte: Leider wurde es versäumt, beide Autoren vor Ablieferung ihrer Texte auf einheitliche Standards zu briefen. Das beginnt schon bei der Autorennennung – bei Kellerbach am Ende seines Textes inklusive Kurzvorstellung seiner Person, bei Jung über seinem Text ohne jedes Wort über ihn selbst. Die Unterschiede setzen sich fort bei der Nennung von Filmtiteln bis hin zu Fußnoten-Formaten, wo es besonders ins Auge sticht, weil sich diese kumuliert auf einer Doppelseite befinden. Das mögen kleine Makel sein, die den meisten Booklet-Lesern nicht auffallen oder gleichgültig sein werden; angesichts der ansonsten in jedem Aspekt hochwertigen Qualität der gesamten Veröffentlichung habe ich mich aber gefragt, weshalb es hierfür offenbar keine Textchef- oder Chef-vom-Dienst-Instanz gab. Meiner Gesamtbewertung tut das keinen Abbruch – das „Crash“-Mediabook müsste am Jahresende in Ranglisten der besten deutschen 2020er-Film-Veröffentlichungen auf vorderen Rängen zu finden sein und hält auch dem Vergleich mit Editionen internationaler Top-Labels stand.

Cronenberg-Fan: Martin Scorsese

Cronenbergs filmische Umsetzung ist alles andere als leichte Kost und wurde folgerichtig überaus kontrovers aufgenommen, dafür aber auch mehrfach prämiert. So gab es 1996 in Cannes den Spezialpreis der Jury, obendrein gewann das Werk die Genie Awards – der damalige kanadische Filmpreis – in den Kategorien Regie, adaptiertes Drehbuch, Kamera, Ton und Tonschnitt. Ebenso erhielt „Crash“ als erfolgreichster Film an kanadischen Kinokassen 1996 den Golden Reel Award. Für den bekennenden Cronenberg-Fan Martin Scorsese gilt das Werk als einer der besten Filme der 90er-Jahre, eine Einordnung, die auch die renommierte französische Filmzeitschrift „Cahiers du cinéma“ vertritt. Das kann so stehen bleiben.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von David Cronenberg haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Rosanna Arquette unter Schauspielerinnen, Filme mit James Spader in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 22. Mai 2020 als Limited 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, Cover Classic: 500 Exemplare, Cover modern: 2.000 Exemplare) und Limited 2-Disc Edition Mediabook (UHD Blu-ray & Blu-ray, 1.000 Exemplare), 23. August 2012, 30. Oktober 2003 und 5. Oktober 1999 als DVD

Länge: 100 Min. (Blu-ray), 96 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Crash
KAN 1996
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: David Cronenberg, nach einem Roman von J. G. Ballard
Besetzung: James Spader, Holly Hunter, Elias Koteas, Deborah Kara Unger, Rosanna Arquette, Peter MacNeill, Cheryl Swarts, Yolande Julian, Judah Katz, Nicky Guadagni
Zusatzmaterial Mediabooks: neue Interviews in HD: Talk mit Viggo Mortensen & David Cronenberg (52 Min.), Kameramann Peter Suschitzky (20 Min.), Produzent Jeremy Thomas (17 Min.), Komponist Howard Shore (23. Min.), Casting Director Deirdre Bowen (27 Min.), Archiv-Interviews zum Kinostart mit den Machern & Stars (22 Min.), Hinter den Kulissen (11 Min.), Kurzfilme von David Cronenberg: „The Nest“ (9 Min.), „Camera“ (6 Min.), „At the Suicide of the Last Jew in the World in the Last Cinema in the World“ (4 Min.), US-NC-17-Trailer, Trailer, 40-seitiges Booklet mit Texten von Christoph N. Kellerbach und Stefan Jung
Label/Vertrieb 2020: Turbine Medien
Label/Vertrieb 2012: Studiocanal Home Entertainment
Label/Vertrieb 2003: MCP Sound & Media AG
Label/Vertrieb 1999: Kinowelt

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots Mediabooks: © 2020 Turbine Medien,
Packshots DVD: Studiocanal Home Entertainment bzw. MCP Sound & Media AG

 
 

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2 Antworten zu “David Cronenberg (IX): Crash – Verkehrsunfall als Sex-Fetisch

  1. Stefan J.

    2020/07/16 at 06:01

    Moin Volker,
    sehr schöne Review, danke! Kurzer Hinweis: der leichte Layout-Shift innerhalb des Booklets ist intendiert (vgl. auch Hintergrundfarbe u. Seitenzahlen) und wurde von uns beiden Autoren mit dem Chefredakteur von Beginn an so geplant. Da zählt auch meine verknappte Nennung, der Endnotenblock sowie der Untertitel im verbindenden Zwischentext dazu. Alles wurde am Ende dreifach gegengelesen, sogar in komplett übersetzter Version von Cronenberg selbst. Sorry, falls nicht immer der gewünschte Effekt eintritt 😉

     
    • V. Beautifulmountain

      2020/07/16 at 06:47

      Hallo Stefan,

      danke für deine erhellende Rückmeldung. Ich hatte ein wenig gehofft, dass du dies liest (sonst hätte ich dich vielleicht sogar drauf aufmerksam gemacht). Mein Kritikpunkt hat ja nichts an meinem Gesamturteil geändert, er sollte tatsächlich auch Verantwortlichen ein Feedback geben.

      Über die Booklet-Aufmachung werden natürlich nur wenige Rezipienten des Mediabooks nachdenken. Unerfahrenen Lesern wird deshalb vermutlich gar nichts auffallen, schon eher solchen mit Erfahrung und redaktioneller Kompetenz (zu denen ich mich ganz unbescheiden zähle). Und für mich ist die Intention des Layout-Shifts nicht erkennbar, der Zweck auch nicht. Das ist eine Erkenntnis, die Turbine (und du und Christoph) aufnehmen könnt. Ich bin sicher kein repräsentativer Rezipient. Dafür ein aufmerksamer. 😉

      Die Rezension war ein schweres Stück Arbeit, da das ein sehr komplexer Film ist und ich ihm unbedingt gerecht werden wollte – das will ich ja immer, aber ein herkömmlicher Horrorfilm (solche beackere ich ja auch gern) ist meist einfacher zu greifen. Deshalb bin ich auch vergleichsweise spät dran.

      Gruß aus Hamburg,
      Volker

       

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