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Rebellion in der Tiefe – Es sind Maulwürfe unter uns

18 Jul

The Mole People

Kleines, aber feines Jubiläum: Dies ist Ansgar Skulmes 50. Rezension eines 50er-Jahre-Films (inklusive Serien) bei „Die Nacht der lebenden Texte“.

SF-Horror // Ein kleines Team von Archäologen stößt im früheren Mesopotamien auf Hinweise zu einer offenbar einst genau am Forschungsstandort ansässigen Kultur. Dass es in Mesopotamien ungefähr 3.000 Jahre vor Christi Geburt Sumerer gegeben hat, wäre soweit nichts Ungewöhnliches; was aber, wenn es Abkömmlinge des Volkes der Sumerer nach wie vor in der Gegend gibt, die schlichtweg keinen Kontakt zur Außenwelt haben? Denn wer sich nicht ans Sonnenlicht wagen kann, der kann durchaus einmal den gesellschaftlichen Anschluss verpassen. Außer den auf Sumerer verweisenden Spuren zeichnet sich jedoch noch etwas vielleicht viel Bedrohlicheres ab: die Anwesenheit seltsam riesiger, Maulwurf-ähnlicher Gestalten. Und Maulwürfe mögen bekanntlich ebenfalls kein Sonnenlicht. Wer aber Freund und wer Feind ist, ist so eine Sache – und man sollte sich nicht von Oberflächlichkeiten täuschen lassen.

Anbeten kann man alles – man muss nur fest daran glauben

Das waren noch Zeiten, in denen ein Science-Fiction-Horror-Film wie „Rebellion in der Tiefe“, den man vielleicht als „Trash“, zweifellos aber zumindest als B- oder gar C-Film bezeichnen kann, schon für die Kinoauswertung eine Einführung eines Universitätsprofessors erhielt, die dem Vorspann vorangestellt ist. Was Frank C. Baxter da im Prolog über Theorien zum Leben unterhalb der Erdoberfläche erläutert, macht tatsächlich auch Appetit auf den Film und erhebt ihn gewissermaßen von vornherein über die Ebene völlig abwegiger filmischer Konstruktion – so schräg das Folgende auch immer sein mag.

Es könnte doch sein – oder auch nicht

Freilich ist „Rebellion in der Tiefe“, der immerhin Universals schon seit den 30ern erfolgreicher Horror-Schmiede entsprang, einer dieser Filme, deren Sichtung man optional mit pausenlosem Mitzählen von Logiklöchern gestalten kann – ähnlich wie man es bei Actionfilmen beispielsweise mit einem „Body Count“ handhaben würde. Aber so ist das eben, wenn die Genres Science-Fiction und Horror zusammentreffen. Eine bezeichnende Logiklücke ist beispielsweise, dass die Konfrontation von Menschen aus der „Außenwelt“ mit Menschen aus dem Inneren der Erde – die noch nicht einmal Sonnenlicht vertragen – im Normalfall innerhalb kürzester Zeit durch Krankheitsübertragungen die Ausrottung der abgeschottet lebenden Zivilisation bedeuten dürfte, selbst wenn es im Erdinneren rein hypothetisch tatsächlich solche Menschen gäbe. So gesehen hätten die Wissenschaftler auch ein paar Sorgen weniger um ihr eigenes Überleben haben müssen, egal wie bedrohlich sich die Gegenüber zunächst gebärden, wenn diese auf den Jahrtausenden vor Christus hängen gebliebenen Sumerer nur dumm genug sind, alle Fremdlinge nicht binnen kürzester Zeit zu ermorden – und das am besten mit genügend Sicherheitsabstand (auch bei der Entsorgung der Leichen). Ich musste in diesem Zusammenhang wieder einmal an das Volk der Sentinelesen denken, für das schon einfache Zusammentreffen mit Menschen aus der sogenannten zivilisierten Welt, durch Übertragung von für uns banalen Erkrankungen, zur tödlichen Gefahr werden können. Wahrscheinlich deshalb versuchen die Sentinelesen bis heute, Eindringlinge mit Gewalt am Betreten ihrer Insel zu hindern. Zugegeben – allein durch dieses Logikloch fällt „Rebellion in der Tiefe“ theoretisch schon nach wenigen Minuten wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Zeiten ändern sich – Ausbeutung bleibt

Einem solchen Film aber vorzuwerfen, viele Logiklücken zu haben, ist etwa so, als würde man einem Chuck-Norris-Film vorwerfen, dass es viele Tote gibt. Der Sinn eines Films wie „Rebellion in der Tiefe“, eines jeden Science-Fiction-Horrorfilms, ist eben gerade, sich mit potenziell Angst machenden Theorien, die an irgendeinem bestimmten Punkt an die Lebenswirklichkeit angeknüpft sind und von dort aus Spekulationen anstellen, nicht nur zu befassen, sondern sie gewissermaßen Fleisch werden zu lassen – egal, ob sie komplett realitätsfern sind oder nicht. Dabei zeigt sich recht deutlich: Der Film ist wahrscheinlich das einzige Medium, das steile Theorien zumindest einigermaßen griffig werden lassen kann. Die Diskussion darum, dass das Erdinnere viel zu wenig erforscht ist und selbst die Meere teilweise schlechter erforscht sind als der Weltraum, gibt es schon lange. Daraus leitet sich zweifellos eine grundsätzliche Daseinsberechtigung von Theorien darüber ab, was an den Orten in der Erde sowie auf der Erde los ist, über die man nichts oder nur wenig weiß, und zudem eine Daseinsberechtigung von Theorien über unser aller Leben betreffende Zusammenhänge, die man bisher wissenschaftlich nicht genau erklären kann. Theorien, die man natürlich allesamt diskutieren, aber auf keinen Fall in blindem Urvertrauen für bare Münze nehmen sollte. „Rebellion in der Tiefe“ macht recht gut transparent, wie wertvoll kleine SF-Horrorfilme somit gar innerhalb eines auch wissenschaftlich interessanten Diskurses sind, denn ohne das Unbekannte, mutmaßlich Plausible könnte der SF-Horrorfilm nicht funktionieren und genau das Unbekannte ist ja wiederum das, was auch für die Wissenschaft ständig neue Herausforderung ist. Demnach wird die Begrifflichkeit Science-Fiction ihrem Wortsinn, gleichzeitig Wissenschaft und Fiktion zu bedienen, oft erstaunlich gerecht, auch wenn Wissenschaft und Fiktion, und die Vermischung von Wissenschaft und Horror umso mehr, auf den ersten Blick ein großer Widerspruch zu sein scheinen.

Bloß nicht verrückt werden

Ein wenig bizarr ist, dass die Bezeichnung „mole people“ (dt.: Maulwurfmenschen), mit der der Originaltitel des Films die von den Albino-Sumerern als Sklaven gehaltenen Wesen meint, mittlerweile für in verlassenen Tunnelsystemen in New York lebende Obdachlose verwendet wird. Inwieweit diese Bezeichnung möglicherweise auf den Film zurückzuführen ist, ist mir nicht bekannt. Klar allerdings ist, dass „Rebellion in der Tiefe“ über die Jahre einen gewissen Kultstatus errungen hat, was sicherlich aus der Mischung wagemutiger, zum Leben erweckter Hohlerde-Theorien mit sichtbar kostengünstigen Produktionsumständen resultiert.

Die Entdecker (u.) sind nicht willkommen

Der Film war das Regiedebüt des Cutters Virgil W. Vogel, dem nur wenige weitere Kinoproduktionen, aber etliche von Vogel inszenierte TV-Serien-Episoden folgten – darunter Episoden einiger Serien, die auch in Deutschland erfolgreich gelaufen sind. Die Tatsache, dass man „Rebellion in der Tiefe“ das geringe Budget ansieht, sollte man unbedingt insofern differenziert betrachten, als Vogel teilweise mit geringsten Mitteln durchaus gut durchdachte Effekte erzeugt. Man kann den filmischen Kniffen häufig regelrecht ansehen, wie sie gemacht worden sind, ist zuweilen aber gleichzeitig über die gelungene oder zumindest ihren Zweck erfüllende Wirkung erstaunt. Ein paar Momente des Films sind sogar ausgesprochen eindrucksvoll bebildert – vor allem die Situationen mit besonders grellem Licht sowie die in gruseliger Düsternis, besonders hervorzuheben das Zusammentreffen des Lichts von außen mit den Personen unter der Oberfläche. Als Vorführbeispiel für Filmstudenten, das nahelegt, wie man mit äußerst bescheidenen Möglichkeiten, innerhalb von weniger als drei Wochen sogar einen Film mit Science-Fiction-Elementen abdrehen kann, taugt „Rebellion in der Tiefe“ somit bestens.

Die Wissenschaftler (l./r.) sind mit ihren Entdeckungen von der Außenwelt abgeschnitten

Ihr Übriges tut sicherlich die Beteiligung von John Agar als Hauptdarsteller, der in den 50ern einer der Vorreiter unter den für Science-Fiction-Horror gern einmal als Zugpferd engagierten Schauspielern in Hollywood gewesen ist – denken wir nur an Filme wie „Tarantula“ (1955), „Die Rache des Ungeheuers“ (1955), „Die Augen des Satans“ (1957), „Attack of the Puppet People“ (1958) und „Invisible Invaders“ (1959). Dabei wird manchmal vergessen, dass Agar eigentlich eine Entdeckung von Produzenten-Legende David O. Selznick gewesen ist und in John Fords „Bis zum letzten Mann“ (1948) – dem ersten Teil von Fords „Kavallerie-Trilogie“ (1948–1950) – sein Filmdebüt gab, wobei ihm die Aufgabe zukam, neben keiner Geringeren als seiner damaligen Ehefrau Shirley Temple für junges, frisches Blut an der Western-Front, zwischen vielen Haudegen älteren Semesters, zu sorgen. Auch im zweiten Teil der Trilogie, „Der Teufelshauptmann“ (1949), war John Agar mit dabei.

Das Schicksal der Maulwürfe bestimmt ihr Verhalten

John Agar war im Grunde so etwas wie der Nicolas Cage der 50er-Jahre, mit teilweise auch mimisch recht skurril gelösten Szenen in ziemlich schrägen Filmen und mit der notwendigen, einem Cage zumindest ein bisschen das Wasser reichenden Vorgeschichte in weitaus größeren Produktionen, im Kontrast zu manchen folgenden Billig-Produktionen, die teils mit, teils ohne Kultpotenzial daherkommen. In Agars Fall war das zu waghalsigen Geschichten und Performances herausfordernde Genre eben vorrangig der Science-Fiction-Horror, das Cage immerhin punktuell auch bedient, zuletzt mit „Die Farbe aus dem All“. „Rebellion in der Tiefe“ tut Agar den Gefallen, ziemlich gesetzt und sachlich auftretend agieren zu dürfen. Er macht seine Sache hier recht gut, während Hugh Beaumont als zweiter federführender Archäologe im Team doch phasenweise etwas gelangweilt scheinend auftritt. Wobei Beaumonts merkwürdige Teilnahmslosigkeit, angesichts der unfassbaren Dinge, denen sich die Archäologen in diesem Film gegenübergestellt sehen, auf eine Art schon wieder so amüsant und in gewisser Weise cool ist, dass ich seine äußerst unaufgeregte Darbietung gern wohlwollend einmal salopp unter „war bestimmt schauspielerische Absicht“ verbuche, wohl wissend, dass ich damit vermutlich falsch liege. Man stelle sich vor, man würde wirklich Maulwurfmenschen und alten Sumerern begegnen und dann aber, fast schon resigniert wirkend, abwinkend durch so eine Geschichte wandeln, wie Hugh Beaumont im vorliegenden Film – da würde auf alle Fälle eine Menge an Abgebrühtheit und Verwegenheit dazugehören. Prägnante Charakterdarsteller des Schlages von Alan Napier, Nestor Paiva und Rodd Redwing – der hier in einer der eher wenigen Rollen zu sehen ist, in denen er vor der Kamera keinen Indianer verkörperte – , kitzeln obendrein durchaus viel aus den limitierten Möglichkeiten der Produktion heraus.

Einer, der nicht fehlen sollte

Letzte Zweifel daran, ob dieser Film über ernstzunehmendes Kult-Potenzial verfügt, dürften sich zerstreuen, wenn man sich vergegenwärtigt, dass er hierzulande sowohl von Anolis, innerhalb der Reihe „Die Rückkehr der Galerie des Grauens“ auf DVD, als auch später von Ostalgica in der „Classic Chiller Collection“ veröffentlicht worden ist. Von beiden Labels gibt es den Film zudem noch in anderer Auflage und somit letztlich auch von beiden auf Blu-ray und auf DVD. Die Extras zum Film sind bei den unterschiedlichen Veröffentlichungen desselben Labels aber nicht unbedingt identisch umfangreich – hier gilt es, genau hinzuschauen. Mit Blick auf das Bonusmaterial sowie die technische Aufbereitung lohnt es sich, sowohl die „Galerie des Grauens“-Auflage von Anolis – als frühe DVD-Veröffentlichung – als auch die „Classic Chiller“-Auflage von Ostalgica, die eine Blu-ray und eine DVD kombiniert, aber etwas weniger Bonus im Portfolio hat, zu besorgen. Am besten zuschlagen solange beide Versionen noch greifbar sind, da sich beide Auskopplungen wirklich gut ergänzen. Die bereits vor längerer Zeit auf den Markt gekommenen Anolis-Projekte werden langsam aber sicher rar, bei Ostalgica-Auskopplungen sollte man unbedingt die Limitierung beachten. Veröffentlichungen, die auf 500 Stück limitiert sind, können schnell einmal weg vom Fenster sein.

Die deutsche Synchronfassung mit einigen recht populären Stimmen (etwa Bernd Vollbrecht, Christian Rode, Helmut Krauss, Eberhard Prüter und Peter Groeger) wurde für die Anolis-Veröffentlichung seinerzeit unter der Regie von Bodo Traber angefertigt und auch für die Ostalgica-Veröffentlichung wiederverwendet. Für Traber war es nicht die einzige Zusammenarbeit mit Anolis, zwecks Wiederbelebung von Klassikern, zu denen es eine neue Synchro brauchte. Unter seiner Regie entstand außerdem die eine oder andere deutsche Version, die bei Ostalgica erstmals veröffentlicht worden ist – beispielsweise die neue Synchronfassung zu „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ (1932) und die neue deutsche Fassung von „Insel der verlorenen Seelen“ (1932), die beide in den 70ern schon einmal deutsch vertont worden waren. Im Falle von „Rebellion in der Tiefe“, der bei Anolis „In den Klauen der Tiefe“ heißt und von Ostalgica außerdem mit einem Alternativcover als separate, abgespeckte Auflage (außerhalb der „Classic Chiller Collection“) unter dem Titel „Angriff der Maulwurfbestien“ auf DVD veröffentlicht worden ist, dürfte es sich bei der unter Bodo Trabers Regie entstandenen Version aber um die einzige deutschsprachige Synchronisation des Films handeln.

Die „Classic Chiller Collection“ von Ostalgica haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt.

Veröffentlichung: 17. Mai 2019 als 2-Disc-Edition (Blu-ray & DVD) der „Classic Chiller Collection“ und DVD, 17. April 2014 als Blu-ray, 8. März 2013 als DVD in der Reihe „Die Rückkehr der Galerie des Grauens“

Länge: 77 Min. (Blu-ray), 74 Min. (DVD)
Altersfreigabe Ostalgica: FSK 16
Altersfreigabe Anolis: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, bei Ostalgica außerdem Englisch
Originaltitel: The Mole People
Deutsche Alternativtitel: In den Klauen der Tiefe / Angriff der Maulwurfbestien
USA 1956
Regie: Virgil W. Vogel
Drehbuch: László Görög
Besetzung: John Agar, Cynthia Patrick, Hugh Beaumont, Alan Napier, Nestor Paiva, Arthur D. Gilmour, Frank C. Baxter, Phil Chambers, Rodd Redwing, Robin Hughes
Zusatzmaterial Ostalgica („Classic Chiller Collection”): Trailer, Bildergalerie, kommentierter „Trailer from Hell” mit Eli Roth, Booklet
Zusatzmaterial Anolis (DVD in der Reihe „Die Rückkehr der Galerie des Grauens“): zwei Audiokommentare, Trailer-Varianten, Fotoroman, Bildergalerie, Booklet
Zusatzmaterial Anolis (Blu-ray): zwei Trailer, Bildergalerie
Label 2019: Ostalgica
Vertrieb 2019: Media Target Distribution GmbH
Label 2014 & 2013: Anolis Entertainment GmbH
Vertrieb 2014 & 2013: i-catcher Media GmbH & Co. KG

Copyright 2020 by Ansgar Skulme

Szenenfotos © 2019 Ostalgica

 

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