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Zum 100. Geburtstag von Andrew V. McLaglen: Der Weg nach Westen – Auf dem Oregon Trail

29 Jul

The Way West

Von Volker Schönenberger

Western // In Independence im US-Staat Missouri rüstet sich 1843 ein Siedlertreck für den Weg auf dem Oregon Trail nach Westen. Ziel: das fruchtbare Willamette Valley in Oregon. Für die so beschwerliche wie gefährliche 1.800-Meilen-Strecke heuert der Ex-Senator William Tadlock (Kirk Douglas) den besten Führer an, den er kriegen kann: Dick Summers (Robert Mitchum), der sich anfangs noch gesträubt hat. Unter den vielen Parteien befinden sich auch der Farmer Lije Evans (Richard Widmark) mit seiner Frau Rebecca (Lola Albright) und dem gemeinsamen 16-jährigen Sohn Brownie (Michael McGreevey) sowie die frischverheirateten Johnnie und Amanda Mack (Michael Witney, Katherine Justice), die jedoch keine glückliche Beziehung führen. So geht er nur zu gern darauf ein, als ihn die junge Mercy McBee (Sally Field) anflirtet.

Eine zünftige Rauferei unter Kerlen geht immer

Der verwitwete Treck-Boss Tadlock, der seinen Sohn (Stefan Arngrim) dabei hat, entpuppt sich schnell als harter Schinder, der die Menschen unbarmherzig antreibt und keinen Widerspruch duldet. Schon bei der ersten Flußüberquerung kommt es zu einem Todesfall, als ein Mann ertrinkt, nachdem sein Planwagen umkippte.

Eingespieltes Team: Regie und Kamera

Für die schönen Landschaftsaufnahmen des „on location“ gedrehten Pionier-Abenteuers zeichnete als Kameramann der Western-Experte William H. Clothier verantwortlich. Elfmal arbeitete er mit Regisseur Andrew V. McLaglen zusammen, darunter bei „McLintock!“ (1963), „Der Mann vom großen Fluss“ (1965), „Rancho River“ (1966) und „Chisum“ (1970).

Heikle Flussdurchquerung

Die Starpower funktioniert: Douglas, Mitchum und Widmark sind mit Elan bei der Sache, ihre Figuren treiben Handlung und Konflikte voran. „Der Weg nach Westen“ gibt sich mal optimistisch und fröhlich, mal überwiegen höchst dramatische Entwicklungen. Schillerndste Figur ist der von Kirk Douglas differenziert verkörperte Treck-Chef Tadlock, der als unnachgiebiger Sturkopf kein Sympathieträger ist, aber Mitgefühl weckt und letztlich eine tragische Gestalt ist. Der Plot des Trecks durch gefährliche Wildnis bedingt, dass nicht alle Mitfahrenden und -reitenden das Ziel erreichen werden, das daraus resultierende Bangen darum, wer es denn schaffen möge, dürfte den Großteil des Publikums bei der Stange halten. Der Treck wirkt zwar insgesamt weniger mühsam, als es ein solches Unterfangen Mitte des 19. Jahrhunderts vermutlich war, aber größtmögliche Authentizität war wohl auch nicht die Absicht der Macher.

Erstsichtung vor langer Zeit im TV

Ich habe den Western erstmals irgendwann vor etwas mehr oder etwas weniger als 40 Jahren im Fernsehen geschaut, danach einige Jahre später noch das eine oder andere Mal. Meine nun erfolgte vielleicht vierte Sichtung zum Zweck dieser Rezension ist sicher die erste im noch jungen Jahrtausend und hat mir wieder Freude bereitet. Das reicht mir bei einem Kintopp-Western klassischer Schule auch völlig aus.

Rebecca merkt: Ihr Gemahl hat einen über den Durst getrunken

Gleichwohl fällt auf, wie völlig unbeeinflusst vom Italowestern „Der Weg nach Westen“ daherkommt, war doch der schmutzige kleine Bruder des US-Westerns bereits ein paar Jahre erfolgreich, sodass sein Einfluss durchaus bis (New) Hollywood reichte. Offenbar konnte sich Regisseur Andrew V. McLaglen davon erfolgreich freimachen; und das so sehr, dass er bei der Inszenierung der Bedrohung durch Indianer – hier: Krieger der Sioux – auf deren eindimensionale Charakterisierung zurückgriff, die im klassischen US-Western seit jeher gang und gäbe war. Kein Geringerer als John Ford hatte allerdings bereits drei Jahre zuvor mit „Cheyenne“ („Cheyenne Autumn“) sehr kritische Töne über den Umgang der Weißen mit den der amerikanischen Ureinwohnern gefunden. „Der Weg nach Westen“ Kameramann William H. Clothier war für die Kamera von „Cheyenne“ seinerzeit für den Oscar nominiert worden.

Indianerwestern

Ein paar lesenswerte Gedanken über die Einordnung der sogenannten Indianerwestern hat „Die Nacht der lebenden Texte“-Autor Ansgar Skulme in seiner Rezension des Westerns „Zwischen zwei Feuern“ (1955) von André De Toth niedergeschrieben. Darin spielte ebenfalls Kirk Douglas die Hauptrolle.

Tadlock, Summers und Evans (v. l.) wissen um die Gefahren des Trips

Für die 1946 geborene Sally Field bot „Der Weg nach Westen“ die erste Sprechrolle in einem Kinofilm. 13 Jahre später gewann sie für die Haupt- und Titelrolle in „Norma Rae – Eine Frau steht ihren Mann“ (1979) ihren ersten Oscar, dem 1985 der zweite für ihre Hauptrolle in „Ein Platz im Herzen“ folgte – für beide Filme hatte sie auch den Golden Globe erhalten.

Sohn eines Oscar-Preisträgers

Regisseur McLaglen ist der Sohn des Schauspielers Victor McLaglen, der 1936 für seine Hauptrolle in John Fords „Der Verräter“ einen Oscar gewonnen hatte. Vater McLaglen arbeitete mehrfach mit Regielegende Ford zusammen und nahm seinen Sohn Andrew Victor wiederholt mit an den Set. Später arbeitete Andrew V. McLaglen als „Assistant Director“ unter anderem für Budd Boetticher, John Farrow und William A. Wellman und als Regisseur vorerst fürs Fernsehen, darunter die Westernserien „Gunslinger“, „Tausend Meilen Staub“, „Have Gun – Will Travel“ und „Rauchende Colts“. Seine erste große Kinoproduktion kam 1963 mit dem John-Wayne-Vehikel „McLintock!“, gefolgt von „Der Mann vom großen Fluss“ und „Rancho River“, beide mit James Stewart. Andrew V. McLaglen starb am 30. August 2014 im Alter von 94 Jahren. Am 28. Juli 2020 wäre er 100 Jahre alt geworden.

Um Tadlock wird es einsam

Am Ende von „Der Weg nach Westen“ fiel mir auf, dass ich schon recht lange keinen solchen Treck-Western mehr gesehen habe. Es wurde mal wieder Zeit, behaglich daheim auf dem Sofa lassen sich die Strapazen der Treck-Teilnehmerinnen und Teilnehmer prima verfolgen, so etwa auch bei „Der große Treck“ (1930) mit John Wayne. „Der Weg nach Westen“ ist sicher nicht die Referenz dieser Pionier-Abenteuer, muss sich aber auch nicht allzu weit hinten einreihen. Wo bleibt eigentlich eine anständige Edition von William A. Wellmans „Karawane der Frauen“ (1951) mit Robert Taylor? Für weitere Sichtungstipps dieses Western-Subgenres per Kommentar bin ich dankbar.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Andrew V. McLaglen haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Harry Carey Jr., Kirk Douglas, Jack Elam, Robert Mitchum und Richard Widmark unter Schauspieler.

Der Treck muss eine Wüste bewältigen

Veröffentlichung: 15. November 2018 und 27. Mai 2016 als Blu-ray und DVD, 28. September 2012 als Blu-ray

Länge: 122 Min. (Blu-ray), 118 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: The Way West
USA 1967
Regie: Andrew V. McLaglen
Drehbuch: Ben Maddow, Mitch Lindemann, nach einem Roman von A. B. Guthrie Jr.
Besetzung: Kirk Douglas, Robert Mitchum, Richard Widmark, Lola Albright, Jack Elam, Stubby Kaye, Michael McGreevey, Harry Carey Jr., Connie Sawyer, Patric Knowles, Sally Field, Sam Elliott, Stefan Arngrim
Zusatzmaterial: Trailer
Label/Vertrieb 2018: Concorde Home Entertainment
Label 2016: Black Hill Pictures
Vertrieb 2012: WVG Medien GmbH
Label 2012: Black Hill Pictures
Vertrieb 2012: Koch Media

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos: © Black Hill Pictures, Packshots: © Black Hill Pictures / Concorde Home Entertainment

 

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