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Full Moon (VI): The Creeps – Die Mini-Monsterparty

09 Aug

The Creeps

Von Andreas Eckenfels

Horrorkomödie // In Ramnicul in Transsilvanien sah ich ein Plakat, drauf stand, dass der Graf Dracula zum Fest geladen hat. Eingeladen war ein jeder, auch Doktor Frankenstein. Einzige Bedingung war: Es muss ein Monster sein! Mit diesen Liedzeilen lassen Die Ärzte die „Monsterparty“ steigen und auch Regisseur und Produzent Charles Band dachte sich wohl, ein Film, in dem sich die legendärsten Monster aller Zeiten ein Stelldichein geben, müsste doch ein paar Zuschauer und Zuschauerinnen interessieren. Die Idee ist nicht neu, siehe etwa den 80er-Jahre Kultfilm „Monster Busters“. Aber natürlich verpassen Charles Band und Drehbuchautor Neal Marshall Stevens dem Aufeinandertreffen der Horrorikonen einen im wahrsten Sinne des Wortes „kleinen“ neuen Dreh.

Vier Horrorikonen sind mächtig sauer

Bibliothekarin Anna (Rhonda Griffin) erhält eines Tages Besuch von einem Mann, der sich für das handgeschriebene Manuskript von Mary Shelleys „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ interessiert, das in der Bücherei in einem Schließfach lagert. Mit Handschuhen und Mundschutz bekleidet darf er das seltene Stück näher begutachten. In einem unbeobachteten Moment tauscht er das Original durch eine Kopie aus und verschwindet. Als Anna den Diebstahl bemerkt, ist sie verzweifelt: Was wird ihre strenge Chefin Miss Christina (Kristin Norton) dazu sagen? In ihrer Not wendet sich Anna an den Privatdetektiv David (Justin Lauer), der seine Geschäfte aus dem Hinterzimmer einer Videothek führt, und beauftragt ihn mit der Suche nach dem wertvollen Buch.

Der mysteriöse Fremde entpuppt sich als Wissenschaftler Winston Berber (Bill Moynihan). Der Tüftler hat eine Maschinerie entwickelt, welche Romanfiguren mithilfe der Originalbücher in die reale Welt transferiert. Um sein Glück perfekt zu machen, benötigt er nur noch eine Ausgabe von Bram Stokers „Dracula“ – interessanterweise ist das kostbare Werk ebenfalls nur in Annas Bibliothek zu finden. Die erkennt den Dieb wieder – und wird kurzerhand entführt. Gerade als Winston Berber seine Maschine in Betrieb nimmt, kann David die gefesselte Anna retten. Das Experiment gelingt dennoch – zum Teil wenigstens: Aus den vier Kammern treten Graf Dracula (Phil Fondacaro), Frankensteins Monster (Thomas Wellington), der Wolfsmensch (Jon Simanton) und die Mumie (Joe Smith) – allerdings alle in Zwergengestalt. Die kleinen Monster sind mächtig sauer und fordern von Winston Berber, dass er ihnen wieder ihre wahre Größe verleiht. Dafür benötigt der Forscher eine nackte Jungfrau: Anna …

Charles Band unter Druck

Wie Marco Erdmann in seinem informativen Audiokommentar ausführlich erklärt, ist „The Creeps“ eine Produktion aus der dritten Schaffensphase von Charles Band: 1995 gingen er und sein langjähriger Verleihpartner Paramount getrennte Wege. Fortan arbeitete Band in Kooperation mit The Kushner-Locke Company als Verleih, was bedeutete: Der Filmemacher musste mit weniger Geld noch mehr Filme in wesentlich kürzerer Zeit produzieren. So war es Mitte der 1990er-Jahre bei „Full Moon Pictures“ nicht unüblich, dass von der ersten Drehbuchidee bis zum Ende der Postproduktion gerade mal acht bis zehn Wochen ins Land zogen.

Dass bei diesem Drehtempo dann auch nicht unbedingt groß auf Qualität geachtet werden konnte, erkennt man bei „The Creeps“ schnell – aber wie der geneigte „Full Moon“-Fan weiß, kommt es bei Bands Produktionen ja gar nicht so groß darauf an, sondern viel mehr auf den Unterhaltungsfaktor. Allerdings hapert es in diesem Bereich auch erheblich.

Mit „Jane Eyre“ zum Höhepunkt

So gut wie keine Actionszenen, wenige und spärlich ausgestattete Kulissen, eine meist statische Kamera – da will und kann besonders in der ersten Filmhälfte keine Gruselatmosphäre, geschweige denn Spannung aufkommen. Die Zeit, bis die Mini-Monster dann endlich zum Leben erweckt werden, versucht „The Creeps“ wenigstens mit ein paar absurden Szenen und mehr oder weniger ulkigen Dialogen zu füllen. Besonders Kristin Norton als Annas notgeile Chefin Miss Christina fällt auf, die zunächst ihre plumpen Verführungskünste an ihrer Angestellten austesten darf – und später ihre Liebe zu Büchern etwas zu wörtlich nimmt: Mit den Seiten aus Charlotte Brontës „Jane Eyre“ treibt sie sich buchstäblich zum Höhepunkt.

Wie Kristin Norton verfügen auch die anderen Darsteller nur über sehr beschränkte schauspielerische Fähigkeiten und haben zum Großteil auch recht zügig ihre Filmkarriere schon wieder an den Nagel gehängt. In der Filmografie von Hauptdarstellerin Rhonda Griffin sind gerade mal vier Einträge zu finden – ihr Debüt gab sie ebenfalls 1997 unter der Regie von Charles Band in „In Vitro – Angriff der Mutanten“, den Wicked Vision unter dem Originaltitel „Hideous!“ als Nummer 8 der „Full Moon Classic Selection“ auf Blu-ray veröffentlicht hat. Als Möchtegern-Privatdetektiv kann Justin Lauer seiner Figur ebenso wenig eine eigene Note verleihen wie Bill Moynihan seinem schmierigen „Mad Scientist“-Charakter.

Erst Ewok, dann Graf Dracula

Wenigstens kommt mit dem Auftritt der vier Horrorgestalten ein wenig Leben in das angestaubte Forschungslabor. Das Make-up des Quartetts ist nicht der Rede wert, erfüllt aber seinen Zweck. Die Monster dürfen ein wenig auf die nackten Brüste von Miss Christina sabbern und chaotisch herumwuseln. Das war es dann aber auch schon wieder – fast. Denn ein kleinwüchsiger Darsteller hat in „The Creeps“ seinen großen Auftritt und stiehlt seinen Kollegen die Schau: Der charismatische Phil Fondacaro als Graf Dracula. Er ist der einzige der vier Monster, der auch eine Sprechrolle hat. Wie er den anderen Figuren die Leviten liest, ist durchaus amüsant mitanzusehen. Der 1,07 Meter große Fondacaro ist auch der erfahrenste Schauspieler des Ensembles und war in den 80er- und 90er-Jahren in A- und B-Filmen gut gebucht. Bereits in „Star Wars: Episode VI – Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ war er als Ewok dabei, später auch in „Willow“ und „Bordello of Blood“. Auch für Charles Band war er zuvor kein Unbekannter: Gemeinsam drehten sie 1993 „Tod im Spielzeugland“, auch bekannt als „Dollman vs. Demonic Toys“ – die Nummer 6 der „Full Moon Classic Selection“.

Für Komplettisten

Die Party kann Phil Fondacaro allerdings auch nicht retten. Über etliche Logikfehler, wie etwa, dass es zur Mumie oder dem Wolfsmenschen eigentlich keine Buchvorlage gibt, aus der die Monster in die reale Welt geholt werden könnten, kann man noch hinwegsehen – vielleicht hat Winston Berber ja die Originaldrehbücher geklaut. Aber, dass bei einer knappen Laufzeit von etwa 70 Minuten so viel Leerlauf herrscht, ist dann doch recht enttäuschend. Da sind dem großen Vielfilmer Charles Band unter erschwerten Produktionsbedingungen wohl zu schnell die Ideen ausgegangen. So ist „The Creeps“ nur eingefleischten „Full Moon“-Fans und Komplettisten zu empfehlen.

Die Filme der „Full Moon Classic Selection“ und der „Full Moon Collection“ der Wicked Vision Distribution GmbH haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet.

Veröffentlichung: 24. Mai 2019 als Blu-ray, 5. April 2012 als DVD

Länge: 75 Min. (Blu-ray), 72 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Creeps
Deutscher Alternativtitel: Evil Creatures – Die unglaublichen Untoten
US-Alternativtitel: Deformed Monsters
USA 1997
Regie: Charles Band
Drehbuch: Neal Marshall Stevens (als Benjamin Carr)
Besetzung: Rhonda Griffin, Justin Lauer, Bill Moynihan, Kristin Norton, Jon Simanton, Joe Smith, Thomas Wellington, Phil Fondacaro
Zusatzmaterial Blu-ray: Audiokommentar von Marco Erdmann vom Wicked-Vision Magazin, Videozone, Originaltrailer, Wendecover
Zusatzmaterial DVD: Videozone, Originaltrailer
Label/Vertrieb Blu-ray: Wicked Vision Distribution GmbH / Full Moon Germany
Label/Vertrieb DVD: Savoy Film/Intergroove

Copyright 2020 by Andreas Eckenfels

Untere Packshots: © 2019 Wicked Vision Distribution GmbH / Full Moon Germany

 

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