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Tenet – Zeit ist relativ!

26 Aug

Tenet

Kinostart: 26. August 2020

Von Florian Schneider

SF-Thriller // Ein namenloser Agent (John David Washington, Sohn von Denzel), genannt „der Protagonist“, gerät bei einem Einsatz in der Oper in Kiew in Gefangenschaft – das Gebäude wird anscheinend von Terroristen überfallen. Als er gefoltert wird, nimmt er sich durch eine Giftkapsel scheinbar das Leben, nur um gleich darauf wieder von den Toten auferweckt zu werden. Der Agent, durch sein Schweigen in der Folter und seine Bereitschaft, lieber stillschweigend in den Tod zu gehen, als vertrauenswürdig eingestuft, befindet sich nun im Dienst einer geheimnisvollen Macht, die sich nichts Geringerem als der Rettung der Welt vor der totalen Auslöschung verschrieben hat. Der sinistere russische Waffenhändler und Oligarch Andrei Sator (Kenneth Branagh) ist in Besitz einer Zukunftstechnologie gekommen, die es sowohl Objekten als auch Menschen ermöglicht, sich rückwärts durch die Zeit zu bewegen. Dieser Vorgang, Inversion genannt, wird durch das Durchschreiten einer Zeitschleuse möglich. Sator will, aus relativ banalen Gründen, mit Hilfe dieser Technologie und im Auftrag einer zukünftigen Macht, die gesamte Menschheit auslöschen. Schnell wird klar, dass der Weg des Protagonisten und seiner Verbündeten – unter anderem seines Partners Neil (Robert Pattinson) – zu Sator und zur Rettung der Welt nur über dessen Ehefrau Kat (Elizabeth Debicki) und durch die eigene Reise in die Vergangenheit führt.

Explosiver Auftakt in der Oper

Christopher Nolan hat es also wieder getan. Nach Filmen wie „Memento“, „Inception“ und „Interstellar“ spielt der Regisseur erneut mit den Möglichkeiten des Kinos, um seinem Diskurs über Raum und Zeit, den wesentlichen Kriterien des Bewegungsbildes, eine neue Variante hinzuzufügen. Während Nolan in „Memento“ lediglich das filmische Erzählen einem Wechsel aus den zwei unterschiedlichen Zeitrichtungen, einmal in die Zukunft und einmal in die Vergangenheit gerichtet, unterwirft, verwebt er in „Tenet“ beide Richtungen miteinander. Wenn die Protagonisten und die Objekte „invertiert“ sind, sich also in die Vergangenheit bewegen, führt dies nicht nur zu beeindruckenden visuellen Effekten auf der Leinwand, sondern reflektiert das Medium in seinen Möglichkeiten und in seiner Differenziertheit zur Realität. Im Film kann die Zeit eben nicht nur beschleunigt, verdichtet, entschleunigt, gedehnt und verlangsamt dargestellt werden, sie kann auch ihre Richtung ändern. Was aber nun, wenn beide Zeitrichtungen in einem szenischen Raum zusammengeführt werden? Dann bewegen sich Objekte und Personen im gleichen Bild in verschiedene Zeitrichtungen, können miteinander interagieren, einander bekämpfen und töten, agieren allerdings jeweils rückwärts, also in einer jeweiligen Umkehrung von Aktion und Reaktion. Dadurch verweben sich beide Zeitrichtungen zu einer neuen Gegenwart, versinnbildlichen das Motiv der definitorischen Gleichzeitigkeit von Zukunft und Vergangenheit im gegenwärtigen Sein.

Lü Buwei wusste es schon lange

Der chinesische Philosoph Lü Buwei verfasste dazu bereits um 250 vor Christus folgenden Aphorismus: „Die Gegenwart ist im Verhältnis zur Vergangenheit Zukunft, ebenso wie die Gegenwart der Zukunft gegenüber Vergangenheit ist. Darum, wer die Gegenwart kennt, kann auch die Vergangenheit erkennen. Wer die Vergangenheit erkennt, vermag auch die Zukunft zu erkennen.“ Allerdings ist davon auszugehen, dass sich Lü Buwei zeitlebens ausschließlich in lediglich eine Zeitrichtung fortbewegt hat, wie auch wir uns ausschließlich, linear und mit konstanter Geschwindigkeit in die Zukunft gerichtet bewegen können.

Der Agent ohne Namen reist in die Vergangenheit

Natürlich wissen wir seit Albert Einstein, dass Zeit relativ ist, das heißt, dass sie abhängig von der Geschwindigkeit ist. Richtig wahrnehmbar oder gar signifikant realisierbar ist dieser Effekt aber für uns nicht, sondern lediglich berechenbar und im Millisekundenbereich messbar. In der Fiktionalität, im Film und in der Literatur, ist das Spiel mit der Zeit allerdings gern gesehene Realität. Thematisch gibt es da nichts, was es nicht gibt – ob Zeitschleifen („Und täglich grüßt das Murmeltier“), Zeitreisen in die Vergangenheit („Zurück in die Zukunft“, „12 Monkeys“) und in die Zukunft („Die Zeitmaschine“) oder abrupte Richtungswechsel („Memento“).

Eine Pflanze wird zum Samen

Sicherlich gibt es im avantgardistischen und experimentellen Film bereits Darstellungsbeispiele einer in die Vergangenheit gerichteten Narration und Kinetik, beispielsweise bei der Rückverwandlung einer Pflanze zu ihrem Samen, doch im Unterhaltungskino ist die tatsächliche Darstellung dieser Erzählrichtung in diesem Umfang ein Novum. So sind Zeitreisen in die Vergangenheiten in der Regel Sprünge an einen zurückliegenden Zeitpunkt, ändern also lediglich den zeitlichen Startpunkt der dann wieder zukunftsorientierten Narration. Bei Zeitschleifen ist dies ganz ähnlich, allerdings wird in der Regel ein zeitlicher Endpunkt (beispielsweise nach 24 Stunden) gesetzt, an dem der erneute Sprung zum Startpunkt stattfindet. Letztlich gilt dieses Prinzip der Zeitsprünge mit darauffolgender linearer und zukunftsgerichteter Bewegung auch für Nolans „Memento“. Nur dadurch ist erst das bekannte Easter Egg möglich, den Film in seinem chronologisch stringenten Verlauf betrachten zu können.

Dieses Agentenduo versucht die Welt zu retten

„Tenet“ bricht mit diesem Prinzip radikal, was sowohl in narrativer als auch in rezeptionsästhetischer Hinsicht bemerkenswerte Auswirkungen mit sich bringt. Die subjektive Wahrnehmung der eigenen Bewegung ist unabhängig von der Zeitrichtung, das heißt wir können uns vorwärts in die Vergangenheit bewegen und auch „invertierte“ Objekte bewegen sich subjektiv vorwärts. In der subjektiven Wahrnehmung des jeweiligen Betrachters (ob Zuschauer oder Protagonist) erscheint diese Bewegung allerdings rückwärtig –so fliegt beispielsweise eine invertierte Kugel aus dem Einschussloch zurück in die Waffe. Ob dieses Prinzip konsequent im Film durchgehalten wird oder nicht, ist bei einmaligem Betrachten, wie so oft bei Logikfragen in den Werken Nolans, sicher nicht festzustellen; wo es aber sichtbar wird, ist der Effekt beeindruckend und faszinierend. Dass allerdings diese szenische Verbindung der beiden Zeitrichtungen nicht nur wesentlicher Teil der Narration ist, sondern sich viele Szenen zusätzlich erst im Nachhinein sinnhaft auflösen, macht die Rezeption von „Tenet“ sicherlich nicht einfach (auch ich war öfters mal leicht verwirrt).

James Bond lässt grüßen

Vielleicht hat Nolan deshalb die Geschichte ziemlich trivial gestaltet. Das ist denn auch, neben der manchmal für meinen Geschmack viel zu dominanten Musik, mein Hauptkritikpunkt. Weder die Motivation der Schurken noch die finale Konfrontation konnten mich so richtig überzeugen. „Tenet“ erinnert in diesen Momenten doch sehr an die Filme der James-Bond-Reihe, ohne allerdings deren Charme zu erreichen. Okay, bei der finalen Schlacht (eben ganz wie bei „Dr. No“, „Feuerball“ und „Man lebt nur zweimal“) gibt es gleich zwei Armeen, die sich in der Zeit aufeinander zubewegen, doch inzwischen ist der Film beinahe zu Ende, der Effekt nicht mehr gar so fremd und faszinierend und die Revolution frisst ihre Kinder.

Welches Motiv treibt Schurke Sator an?

Ach so, eines noch zum Abschluss: Da sich die beiden Zeitrichtungen permanent zu einer neuen Gegenwart verweben und eine wiederum unveränderliche Vergangenheit ausbilden, es also keine alternativen Realitäten oder Parallelwelten gibt, ist jegliches Handeln der Protagonisten zwangsweise vorherbestimmt. Oder anders gesagt: Wenn sich der Held entscheidet, in die Vergangenheit zu reisen, war er bereits da. Wer genau hinhört, wird im Film erfahren, warum dies nun doch nicht fatalistisch ist.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Christopher Nolan haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Kenneth Branagh, Michael Caine und Robert Pattinson unter Schauspieler.

Kat gerät in Lebensgefahr

Länge: 150 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Tenet
GB/USA 2020
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Christopher Nolan
Besetzung: John David Washington, Robert Pattinson, Elizabeth Debicki, Aaron Taylor-Johnson, Kenneth Branagh, Clémence Poésy, Michael Caine, Andrew Howard, Fiona Dourif, Wes Chatham, Himesh Patel, Martin Donovan
Verleih: Warner Bros.

Copyright 2020 by Florian Schneider

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2020 Warner Bros. Entertainment Inc. All rights reserved.

 

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