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Todfreunde – Bad Influence: Faust auf Faust

26 Aug

Bad Influence

Von Lars Johansen

Thriller // Dreißig Jahre wird er jetzt alt, der kleine und gemeine Yuppie-Thriller „Todfreunde – Bad Influence“ von Curtis Hanson. Die beiden Stars waren damals aufstrebende Jungschauspieler. James Spader würde noch erfolgreicher werden, Rob Lowe seine Karriere in den Keller kicken. Mittlerweile sind beide überwiegend beim Fernsehen beschäftigt, aber auch da ist Spader erfolgreicher als Lowe. Der Film selber ist ein kleiner, erstaunlich zeitloser Thriller geworden, der am Ende vielleicht doch ein wenig zu konventionell wird. In meinem Text werde ich ein wenig spoilern.

„Ich möchte einfach nur hier sitzen.“

Die Geschichte erinnert natürlich an Faust, worauf auch Thorsten Hanisch im Booklet hinweist. Der junge Michael (Spader), der bei einer Vermögensverwaltung arbeitet, begegnet eines Tages Alex (Lowe), der ihm bei einer Auseinandersetzung in einer Bar hilfreich zur Seite steht. Alex ist selbstbewusst und es gelingt ihm, Michael ebenfalls zu mehr Selbstbewusstsein zu verhelfen, sodass dessen Karriere langsam Schwung aufnimmt.

Wen lässt man in sein Leben?

Doch dann mischt sich Alex immer mehr in Michaels Leben ein. Seine Handlungen werden immer gefährlicher, schließlich begeht er sogar einen Mord. Immer wieder sagt er Michael, dass der ihn darum gebeten habe. Der geht den Weg einige Zeit mit, aber der Mord verändert schließlich alles und er beginnt sich zu wehren.

„Wir sind die Twins of Evil, auf deutsch: die Kellnerzwillinge.“

Der Teufel ist hier verteufelt menschlich und Faust ist nur zu gern bereit, ihm zu folgen. Interessant ist dabei, dass die beiden Darsteller damals erstmalig gegen ihren Typ besetzt wurden. Normalerweise wäre Lowe der hübsche Beau geworden, den er schon ein paar Mal gespielt hatte, und Spader eher der Böse. Regisseur Curtis Hanson kehrte das um und verschaffte so beiden ein neues Image.

Das Zeitalter der Yuppies

1990 waren Yuppies im Kino immer noch das große Thema. Romane und Erzählungen über die Leere und Langeweile der reichen Großstädter wie Jay McInerneys „Ein starker Abgang“, der als „Die grellen Lichter der Großstadt“ (1988) verfilmt wurde, oder Bret Easton Ellis’ Romanerstling „Unter Null“, der 1987 ins Kino kam (und in welchem James Spader einen Drogendealer spielte), beherrschten in den 80ern die Bestsellerlisten. Es ging um das ganz große Kapital, wie in Oliver Stones „Wall Street“ (1987), wo Spader auch dabei war, aber bei allem Hedonismus suchte man auch eine Moral dahinter. So orientierten sich diese Filme oft ganz altmodisch an den klassischen Entwicklungs- oder Erziehungsromanen, in denen die jugendlichen Helden mit unterschiedlichen Vaterfiguren und damit Lebensweisen konfrontiert wurden. Das konnte so weit gehen wie bei „Hitcher – Der Highway Killer“ (1986), wo sich der junge Protagonist mit einem mörderischen Psychopathen auseinandersetzen musste. Oder wie in Ellis’ Roman „American Psycho“ (1991), wo der junge Held selbst der mörderische Psychopath ist, was niemanden zu interessieren scheint und vielleicht auch nur in seiner Fantasie geschieht.

Wie man daran unschwer erkennt, stand „Todfreunde – Bad Influence“ nicht allein, sondern analysierte zusammen mit vielen anderen Veröffentlichungen eine Ära, die etwa 1980 begonnen hatte. Das war der Beginn der Präsidentschaft von Ronald Reagan, der den Spitzensteuersatz von 70 auf 33 Prozent radikal absenkte. Reaganomics wurde die Wirtschaftspolitik jener Tage genannt, die kurzfristig tatsächlich zu Wirtschaftswachstum führte, während die Sozialpolitik auf der Strecke blieb. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich wurden vertieft und für die Zukunft verfestigt. Die Yuppies lebten rücksichtslos auf Kosten eines Großteils der Bevölkerung, die Globalisierung und der Neoliberalismus wurden geradezu zur Religion jener Tage.

„Mund-Nasen-Maske hatte ich gesagt, nicht Hasenmaske.“

Das muss man als Hintergrundwissen im Kopf haben, wenn man sich mit „Todfreunde – Bad Influence“ näher beschäftigen möchte. Denn Alex, von dem wir nie erfahren, ob er wirklich so heißt, und der am Anfang eines sehr frühen Morgens eine Frau verlässt, die noch schläft, gemeinsame Fotos aus ihrem Haus mitnimmt und eine große Tasche, über deren Inhalt wir ebenfalls nichts wissen, in einem Müllwagen entsorgt, ist dafür fast schon ein Symbol. Ein moderner Nomade, der nur eine kleine Tasche dabei hat, ständig neue Existenzen, Namen und Nationalitäten erfindet, der die Globalisierung also personifiziert, aber wie das Wirtschaftswachstum jener Zeit nur auf tönernen Füßen steht und nicht nachhaltig, sondern nur für den Moment und den Kick lebt, trifft auf den etwas schüchternen, aber halbwegs bodenständigen Michael. Der konsumiert aber schon wild vor sich hin, ohne darüber nachzudenken. Wenn ihn sein Bruder – der übrigens von Christian Clemenson gespielt wird, dem Spader in der Serie „Boston Legal“ (2004–2008) wieder begegnen würde – fragt, warum er eine Videokamera erworben habe, dann sagt er ihm, das sei bei einem Ausverkauf geschehen. Eigentlich braucht er sie nicht und will sie auch nicht nutzen, aber diese Kamera wird eine wichtige Rolle im Film spielen, denn sie wird seine Hochzeit verhindern, den Mord und am Ende Alex’ Geständnis dokumentieren. Dass Spader den Durchbruch als Star in Steven Soderberghs „Sex, Lügen und Video“ (1989) erlebt hatte, passt da auch hinein.

Vom Regisseur von „L.A. Confidential“

Hier heißt der Regisseur Curtis Hanson, der in den folgenden Jahren einige kluge und erfolgreiche Filme drehen sollte, in denen es ihm gelang, Mainstream- und Genrekino sowie Autorenfilm großartig miteinander zu verbinden. „Die Hand an der Wiege“ (1992) ist mehr als ein reiner Horrorfilm, sondern auch ein verstörendes Familiendrama, und auch „L.A. Confidential“ (1997) ist mehr als ein Krimi – für den Neo-Noir-Thriller bekam Hanson gemeinsam mit seinem Ko-Autor Brian Helgeland den Oscar fürs beste adaptierte Drehbuch; als bester Film und für die beste Regie war er nominiert. Es ist gewiss kein Zufall, dass bei „Todfreunde – Bad Influence“ auf einer der Partys im Hintergrund Jean-Luc Godards „Lemmy Caution gegen Alpha 60“ (1965) läuft, in der es um eine Gesellschaft geht, die ähnlich seelenlos wie die Yuppies der 80er und 90er funktioniert. Liebe, Dichtung und Gefühle sind verboten. Und wenn der große Computer ausfällt, werden die Menschen zu orientierungslosen Zombies. Erst wenn Michaels Wohnung leer ist, er also nichts mehr besitzt, kann er Alex zur letzten Konfrontation gegenübertreten. Erst wenn er sich von den irdischen Besitztümern freigemacht hat oder freigemacht wurde, kann er endlich beten.

„Nun glotz nicht so romantisch!“

Hanson gelingt es sehr gut, in nur scheinbar glänzenden und oberflächlichen Bildern diesen Abstieg, diese Höllenfahrt, diesen Weg zu sich, zu visualisieren. Dazu kommt die Musik von Trevor Jones, die sich anzuschmiegen scheint und doch nicht nur die Oberflächen akustisch poliert, sondern immer wieder aufraut. Und wenn Michael nach und nach Alex immer ähnlicher wird, begeht er am Ende eigentlich symbolisch Selbstmord. Erst jetzt übernimmt er die Verantwortung für sein Handeln und trägt die Konsequenzen.

Mediabook von OFDb Filmworks

Die Veröffentlichung selbst ist tadellos geworden, Bild und Ton sind sehr ordentlich, wie man es von den OFDb-Filmworks-Veröffentlichungen kennt. Ein paar mehr Extras wären bei einem Mediabook vielleicht wünschenswert gewesen, dafür ist das Booklet zwar auch ein wenig knapp, aber sehr informativ ausgefallen. Unbedingt eine Anschaffung, die sich lohnt, denn diesen Film sollte man im Regal stehen haben. Wer Sammler-Editionen nichts abgewinnen kann, hat mittlerweile Gelegenheit, auf Blu-ray und DVD in herkömmlicher Verpackung zurückzugreifen, die das Label ein Dreivierteljahr nach dem Mediabook nachgeschoben hat.

„Ich weiß auch nicht, warum wir den Schatten vom Rollo nicht auf der anderen Seite haben, wo er hingehört.“

Veröffentlichung: 25. Juni 2020 als Blu-ray und DVD, 19. September 2019 als 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, 2 Covervarianten à 1.000 & 333 Exemplare), 18. August 2003 als DVD

Länge: 100 Min. (Blu-ray), 96 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Bad Influence
USA 1990
Regie: Curtis Hanson
Drehbuch: David Koepp
Besetzung: Rob Lowe, James Spader, Lisa Zane, Marcia Cross
Zusatzmaterial: Trailer, Bildergalerie, Booklet mit einem Text von Thorsten Hanisch
Label/Vertrieb 2020/2019: OFDb Filmworks
Label/Vertrieb 2003: MGM

Copyright 2020 by Lars Johansen

Szenenfotos & oberer Packshot: © 2019 OFDb Filmworks

 
 

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2 Antworten zu “Todfreunde – Bad Influence: Faust auf Faust

  1. Matthias Klug

    2020/12/27 at 19:48

    1 – Goethes Faust
    2 – Reaganomics
    3 – Ein gemeinsames Foto und eine Tasche mit unbekanntem Inhalt.
    4 – Lemmy Caution gegen Alpha 60 ( 1965 ).
    5 – MGM

     
  2. Matthias Klug

    2020/12/24 at 14:03

    1 – Von Goethes Faus
    2 – Reaganomics
    3 – Er nimmt ein gemeinsames Foto und eine Tasche mit unbekanntem Inhalt mit.
    4 – Der Titel lautet: Lemmy Caution gegen Alpha 60. ( 1965 )
    5 – Das Label MGM

     

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