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Know1ng – Die Zukunft endet jetzt: Katastrophen in Zahlen

27 Aug

Knowing

Von Volker Schönenberger

SF-Katastrophenthriller // Ich kann mir nicht helfen – irgendwie mag ich Nicolas Cage. Klar, seine Mimik ist begrenzt, oft variiert er lediglich den traurigen Dackelblick. Gelegentlich neigt er gar zu hemmungslosem Overacting. Von seiner Rollenwahl ganz zu schweigen. Eine Weile hat er jede Rolle angenommen, die irgendeine Gage versprach, um gewisse Differenzen mit dem Finanzamt und der Steuerfahndung auszuräumen, und diese Parts dann auch eher lustlos heruntergespielt – zumindest konnte der Eindruck entstehen. Damit hat er sich leider bei vielen Produzenten für wirklich interessante Figuren nicht gerade empfohlen.

Aber – und das ist ein durchaus gewichtiges Aber: Oscar und Golden Globe für seine Hauptrolle in „Leaving Las Vegas – Liebe bis in den Tod“ (1995) kamen nicht von ungefähr, den Part des Trinkers mit Todessehnsucht hat er brillant verkörpert. Als Waffenhändler in Andrew Niccols „Lord of War – Händler des Todes“ (2005) und Rettungssanitäter in Martin Scorseses „Bringing Out the Dead – Nächte der Erinnerung“ (1999) hat er mir ebenfalls ausgesprochen gut gefallen. Ganz zu schweigen von der Rolle als verliebter junger Tunichtgut in David Lynchs „Wild at Heart – Nächte der Erinnerung“ (1990). Und das sind bei Weitem nicht die einzigen Perlen in Cages Filmografie.

Lust auf Nicolas Cage

Nach meiner kürzlich erfolgten Sichtung und Rezension von „Die Farbe aus dem All“ (2019) überkam mich die Lust, mir mal wieder „Know1ng – Die Zukunft endet jetzt“ (2009) zu geben. Der war seinerzeit zwar durchwachsen aufgenommen worden, ich hatte ihn aber durchaus nicht als völlig reizlos in Erinnerung. Mit Alex Proyas („I, Robot“) saß obendrein der Regisseur des Kultfilms „The Crow – Die Krähe“ (1994) und der Science-Fiction-Perle „Dark City“ (1998) auf dem Regiestuhl.

Was trieb Lucinda an?

Die frisch eröffnete William-Dawes-Grundschule in Lexington im US-Staat Massachusetts, wir schreiben das Jahr 1959: Von der Schülerin Lucinda Embry (Lara Robinson) – eher eine Außenseiterin – kam der Vorschlag, zur Einweihung eine Zeitkapsel im Boden vor der Schule zu versenken, die mit Zeichnungen der Schülerinnen und Schüler versehen sind, wie sich diese die Zukunft vorstellen. Von Lucinda selbst kommt allerdings ein Zettel mit nichts weiter als etlichen, eng und scheinbar wahllos aneinandergereihten Ziffern. Am Abend nach der Eröffnung findet ihre Klassenlehrerin das Mädchen mit blutig gescheuerten Fingerkuppen auf der Schultoilette. Offenbar konnte das Mädchen die Liste nicht fertigstellen, weshalb es die fehlenden Ziffern dort in die Wand kratzte.

Öffnung der Zeitkapsel nach 50 Jahren

Ein halbes Jahrhundert später steht die 50-Jahr-Feier der Grundschule an. Zu diesem Jubiläum wird die Zeitkapsel geöffnet, wie es seinerzeit vorgesehen war. Die Umschläge mit den Zeichnungen der damaligen Schüler werden unter den jetzigen verteilt. Der Halbwaise Caleb (Chandler Canterbury) erhält den Zettel von Lucinda. Seinem Vater Professor Johnathan Koestler (Nicolas Cage), der Astrophysik am Massachusetts Institute of Technology lehrt, sticht abends eine Zahlenreihe ins Auge: 911012996. Bei den Anschlägen vom 9.11.2001 starben offiziell 2.996 Menschen. Zufall? Koestler wird stutzig und untersucht weitere Ziffernkombinationen. Er stellt fest, dass Lucindas Liste alle großen Katastrophen auf der Erde der vergangenen 50 Jahre enthält.

Koestler kann die Katastrophe nicht verhindern

Als der Gelehrte am nächsten Tag seinem Kollegen Phil Beckman (Ben Mendelsohn) von seiner Entdeckung berichtet, tut der das ab. Koestlers Urteilsvermögen sei noch durch den Tod seiner Frau getrübt. In der Tat enthält die Liste etliche weitere Zahlenkombinationen ohne erkennbaren Sinn. Eine allerdings weist auf eine Katastrophe mit genau 81 Toten am nächsten Tag hin …

Vorherbestimmung oder Zufall?

In einem Seminar zu Beginn spricht Professor Koestler mit seinen Studierenden über Determinismus und Indeterminismus, also die Frage, ob alle Ereignisse aufgrund irgendwelcher Faktoren vorbestimmt sind. Als Astrophysiker gehört Koestler eher zu denen, die sagen: Shit just happens. Damit gerät er angesichts der Liste aber an seine Grenzen. So sehr, dass er beizeiten sogar wieder Kontakt zu seinem Vater (Alan Hopgood) aufnimmt, der Priester war und mit dem er sich einst entzweit hatte. Spätestens damit wird deutlich, dass die Religion oder ein vergleichbar großes Ganzes eine gewichtige Rolle spielt. Ich bin nur unschlüssig, ob ich das insgesamt plump oder subtil nennen soll. Auch lassen sich andere Schlussfolgerungen ziehen als religiöse, aber ein wenig habe ich den Eindruck gewonnen, dass diese Option eher Alibifunktion hat. Der Weg zu den finalen Ereignissen immerhin ist enorm fesselnd und effektvoll inszeniert.

Ab hier vier Absätze Spoiler

Zwei atemraubend große Katastrophen auf hohem Trickniveau ebnen den Weg zur dritten, ultimativen Katastrophe: dem Ende der Menschheit. Doch weil allem Ende auch ein Anfang innewohnt, spielt Koestlers Sohn Caleb darin ebenso eine gewichtige Rolle wie Lucindas Enkeltochter Abby (ebenfalls Lara Robinson). Koestler hatte zwischenzeitlich Lucindas Tochter Diana (Rose Byrne) aufgesucht, um sie zu ihrer Mutter zu befragen. Seltsame Männer in schwarzen Mänteln haben ihre Absichten mit den beiden Kindern – ebenso wie offenbar mit etlichen anderen Kindern, wie Jonathan Koestler und das Publikum gewahr werden, als von der Erde Raumschiffe mit jeweils anscheinend nur wenigen Insassen aufbrechen.

This isn’t the end, my son. Zu dieser Erkenntnis des Priesters, der auch sein Vater ist, ist Astrophysiker Koestler immerhin zuvor schon selbst gelangt. Ob er in diesen letzten Momenten seines Lebens auch an seinem wissenschaftlichen Beruf gezweifelt hat? Das letzte, arg kitschige Bild von „Know1ng – Die Zukunft endet jetzt“ zeigt Caleb und Abby, wie sie auf einem fernen Planeten auf einen Baum zulaufen. Ein Schelm, wer „Baum der Erkenntnis“ dabei denkt. Ebenso, wer die erwähnten Männer für Engel hält, obwohl es doch auch schnöde Außerirdische sein mögen. Womit wir wieder beim Thema Alibi sind. Ein säkulares Alibi, um notdürftig eine religiöse Botschaft zu kaschieren? Ob sich da manch ein/e Zuschauer/in für dumm verkauft vorgekommen ist? Weitere Hinweise für eine religiöse Deutung finden sich.

Immer wieder führen Zufälle die Protagonisten dorthin, wo sie offenbar auch sein sollen. Oder sind’s gar keine Zufälle? War es zwangsläufig, dass Caleb der Umschlag mit Lucindas Zettel übergeben wurde? Welchem Zweck diente es, dass sein Vater das Schriftstück entschlüsselt? Die mysteriösen Wesen hätten die auserwählten Kinder auch einfach schnappen und verschleppen können. Koestler und später Diana werden durch Nachdenken, aber auch ihre Instinkte getrieben. Ist das Zufall oder von „oben“ gewollt? Hier gerät die innere Logik des Films meines Erachtens ein wenig an ihre Grenzen.

Bei der kurzen Sequenz vom Verlöschen allen Lebens auf der Erde fühlte ich mich an einen anderen apokalyptischen Film erinnert, der mir deutlich besser gefallen hat: der australische „These Final Hours“ (2013). Hier wie dort vernichtet eine riesige Feuerwalze am Ende alles und jeden. „These Final Hours“ interessiert sich aber ernsthaft dafür, wie wir uns wohl in den letzten Stunden des Daseins der Menschheit gebärden. Bei „Know1ng – Die Zukunft endet jetzt“ stellt sich die Frage nicht, die Zivilisation bricht eben zusammen, und das ist wohl Grund genug für das Ende der Menschheit. Jedenfalls wird uns kein anderer Grund angeboten. Aber immerhin haben Überlebende wie Caleb und Abby die Chance, eine neue, bessere Menschheit aufzubauen. Wie tröstlich! Das lässt sogar Calebs Vater geläutert zurück.

Ab hier geht’s spoilerfrei weiter

In einer klitzekleinen Nebenrolle als Student Spencer in Koestlers Seminar ist Liam Hemsworth („Die Tribute von Panem“-Reihe) zu sehen.“Know1ng – Die Zukunft endet jetzt“ markiert sein US-Debüt und sein Kino-Debüt gleichermaßen, zuvor hatte er lediglich in australischen Fernsehserien wie „Nachbarn“ mitgewirkt.

Der Astrophysiker und Diana versuchen, das Rätsel zu entwirren

„Know1ng – Die Zukunft endet jetzt“ dürfte Nicolas Cage schauspielerisch vor nicht allzu große Herausforderungen gestellt haben. Den traurigen Blick hat er ohnehin verinnerlicht, wenn der gelegentlich der Verzweiflung weicht, passt das schon. Dann noch der gelegentliche tiefe Schluck aus der Whiskeyflasche – fertig ist der traumatisierte Witwer, der nach dem tieferen Sinn und Erlösung sucht.

Lieber „Dark City“

Regisseur Alex Proyas hatte vor seinem Kinodebüt „The Crow – Die Krähe“ vornehmlich Musikvideos inszeniert. Um die Jahrtausendwende schien er im Kommen, aber obwohl „Know1ng – Die Zukunft endet jetzt“ mehr als das Vierfache seines Budgets von 50 Millionen US-Dollar einspielte, dauerte es sieben Jahre bis zu seiner nächsten Regiearbeit „Gods of Egypt“ (2016). Die wiederum markierte seinen bis heute letzten Kinofilm, was die Frage aufwirft, ob es das schon gewesen ist mit Proyas’ Laufbahn. Zum Karriereausklang ein seelenloses Fantasy-Abenteuer und ein mit wissenschaftlich verbrämter Religiösität versetztes Endzeit-Katastrophendrama – es kann schönere Abgänge geben. „Dark City“ werde ich aber weiterhin in Ehren halten.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Alex Proyas haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Nicolas Cage und Liam Hemsworth unter Schauspieler.

Was wollen die Männer von den Kindern?

Veröffentlichung: 28. August 2009 als Blu-ray und DVD

Länge: 121 Min. (Blu-ray), 117 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Knowing
USA/GB/AUS 2009
Regie: Alex Proyas
Drehbuch: Ryne Douglas Pearson, Juliet Snowden, Stiles White
Besetzung: Nicolas Cage, Chandler Canterbury, Rose Byrne, Lara Robinson, D. G. Maloney, Nadia Townsend, Alan Hopgood, Liam Hemsworth, Adrienne Pickering, Joshua Long, Danielle Carter, Alethea McGrath, David Lennie, Tamara Donnellan, Travis Waite, Ben Mendelsohn, Gareth Yuen, Raymond Thomas
Zusatzmaterial: Audiokommentar, Making-of, Featurette „Visionen der Apokalypse“, deutscher Trailer, Originaltrailer
Label/Vertrieb: Concorde Home Entertainment

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2009 Concorde Home Entertainment

 

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