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Archiv für den Monat September 2020

Zum 100. Geburtstag von Walter Matthau: Massenmord in San Francisco – Der etwas andere Neo-Noir

The Laughing Policeman

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Detective Sergeant Jake Martin (Walter Matthau) verliert seinen Partner bei einem Mordanschlag, dem zahlreiche Menschen zum Opfer fallen. Er und seine Kollegen beginnen, San Francisco zu durchkämmen, um dem Polizisten-Mörder auf die Spur zu kommen. Martin vermutet einen Zusammenhang mit einem älteren Fall, ist aber unsicher, ob andere Kollegen vom Revier ebenfalls damit zu tun haben und ob sein Partner wirklich der Mann war, für den er ihn gehalten hat. Sein Vorgesetzter, Lieutenant Steiner (Anthony Zerbe), macht dem Team mächtig Feuer – und Martin muss erst noch herausfinden, wie vertrauenswürdig sein neuer Partner Leo Larsen (Bruce Dern) ist.

Als Walter Matthau – begünstigt durch seinen ersten und einzigen Oscar, den er 1967 als bester Nebendarsteller für „Der Glückspilz“ gewann – in der zweiten Hälfte der 60er-Jahre den wirklichen Durchbruch vom Neben- zum Hauptdarsteller in Hollywood schaffte, ging er bereits auf die 50 Jahre zu. Am 1. Oktober 2020 wäre er 100 Jahre alt geworden. Wenig Zeit also damals für ihn, um noch die Möglichkeiten auszukosten, die sich in der ersten Reihe Hollywoods boten, ehe man dann schon wieder zu alt für das meiste davon gewesen wäre – zumindest was Hauptrollen anbetrifft. Matthau befand sich seinerzeit dementsprechend in einer ähnlichen Situation des späten großen Durchbruchs wie beispielsweise Christoph Waltz („Django Unchained“) gut 40 Jahre später.

Insbesondere durch seine Zusammenarbeit mit Jack Lemmon drohte Walter Matthau, wenn auch in Hauptrollen, zu allem Überfluss eine schnelle Festlegung auf Komödien – mal tragikomisch, mal weniger tragisch –, da diese Sparte durch seinen frischen Erfolg nun zu seinem Aushängeschild geworden war. Das hätte wahrscheinlich ewig so weitergehen können, doch Matthau wollte mehr, auch wenn ihm die Zeit dafür mehr oder weniger davonlief. Aus heutiger Sicht liest sich eine kurze Phase, die mit Dreharbeiten mitten im Jahr 1972 begann und 1974 schon wieder endete, wie eine Art Intermezzo in seiner Filmografie. Plötzlich standen Krimidrama, Thriller und Katastrophenfilm thematisch bei ihm im Fokus. Er drehte zunächst „Charley Varrick – Der große Coup“ (1973), etwas später „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3“ (1974) und einen Cameo-Auftritt für „Erdbeben“ (1974). Dazwischen: „Massenmord in San Francisco“.

Souverän den Matthau-Bus geparkt

Freilich muss man festhalten, dass Matthau auch in diesen Filmen teils komische Untertöne, insbesondere über sein Mienenspiel, einfließen lässt, andererseits ist hier aber einmal mehr das Phänomen zu beobachten, dass im komödiantischen Sektor erfolgreich gewesene Schauspieler zu Rollen im dramatischen Fach, dabei des Öfteren bei der Verkörperung von Polizisten, einen schauspielerisch oftmals besonders naturbelassen wirkenden Zugang gefunden haben, da sie diese Figuren nicht nach Schema F, sondern vergleichsweise intuitiv zu spielen scheinen. In meiner Rezension zu „Polizeibericht Los Angeles“ (2003–2004) habe ich mit Blick auf die Darstellung von Ermittlern aus den Reihen der Polizei durch in komischen Rollen berühmt gewordene Schauspieler bereits etwas mehr dazu geschrieben und auch Walter Matthau damals schon als eines der Beispiele erwähnt.

Dass Matthau in „Massenmord in San Francisco” recht offensiv eine klare Abgrenzung gegenüber seinen Rollen in komödiantischen Filmen schaffen wollte, merkt man außerdem beispielsweise daran, dass er in diversen Szenen permanent am Kaugummikauen ist. Das mag prinzipiell ein Polizisten-Klischee sein und sich auf einem ähnlichen Level bewegen wie die Sonnenbrille von David Caruso in „CSI: Miami“ (2002–2012), jedoch gelingt es Matthau, diesem Versatzstück etwas urtypisch Erscheinendes abzugewinnen. Somit wirken auch die Momente, wenn er dann das berühmte „Knautschgesicht“ kurz für sich sprechen lässt, plötzlich anders kontextualisiert. Die recht lange Szene, in der seine Figur am Tatort des Verbrechens – gemeinsam mit seinen Kollegen – eingeführt wird, gibt Matthau viel Raum, dem Zuschauer schon von Anfang an eine gewisse Typ-Veränderung nahezubringen. Spätestens als er in einer anderen Szene dann noch eine Frau mal kurz etwas härter anfasst, ist auch dem Letzten klar, dass Walter Matthau hier gerade auf jeden Fall nicht vorbeigekommen ist, um mit irgendwem Faxen zu machen, mag seine Figur auch eine gewisse Form von Abgesang auf den Polizisten-Job in sich tragen, der sich dennoch in ein paar recht amüsanten Bildern der auf die Spitze getriebenen Einsamkeit niederschlägt. Denke man nur daran, wie er an einer Stelle schier von Gott und der Welt verlassen in seinem Vorgarten steht und sich ebenso ungeschickt wie vergeblich daran versucht, einen umgefallenen Grill wieder aufzustellen. In einzelnen Momenten bewegt sich die Art und Weise, wie Matthau hier den einsamen Wolf gibt, zweifellos an der Grenze zum Satirischen.

Mit der Zeit gehen, auch wenn’s schnell geht

Eine große Stärke von „Massenmord in San Francisco“ findet sich in der generell recht nüchternen, sich Zeit lassenden, ziemlich detaillierten Darstellung der polizeilichen Ermittlungsarbeit – Umwege, Sackgassen, Klinkenputzen und Frust eingeschlossen. Es geht nicht besonders viel um Action. Der Film ist vielmehr sogar eher Krimidrama als Thriller, was ihn ein Stück weit von „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3“ absondert. Man sollte nicht mit der Erwartungshaltung an „Massenmord in San Francisco“ herantreten, hier eine ähnliche narrative Dynamik wie bei dem in New York spielenden U-Bahn-Thriller zu erleben, auch wenn die Rollen von Walter Matthau in beiden Filmen für sich genommen solch starke Parallelen haben, dass man die Filme auf dieser Ebene sogar als zusammengehörig hätte verkaufen können.

„Massenmord in San Francisco“ ist im Grunde eine Mischung aus klassischem Noir (allerdings eher frech als pessimistisch aufgezogen) und modernen Freiheiten der 70er, die sich sowohl im Gezeigten als auch einer teils recht forschen Sprache äußern. Wer hier womöglich ein Dirnenspross ist, wird auch – in weniger geschönter Wortwahl – als solcher tituliert und der Lieutenant hat eine Vorliebe dafür, Bullshit auch als solchen beim Namen zu nennen. Die Ermittler durchkämmen etliche Milieus der Stadt und bekommen einige schräge Charaktere zu Gesicht, die ziemlich glaubwürdig eingefangen werden. Viele Figuren, die hier gezeigt werden und zum Teil wahrscheinlich Statisten waren, die auch privat wirklich so auftraten und im Milieu gecastet worden sein dürften (insbesondere Transvestiten), hätte man in einem fünf bis zehn Jahre älteren Hollywood-Film in der Form mit Sicherheit noch nicht präsentiert. Unter anderem deswegen, weil sich diese Milieus wohl auch erst in den 70er-Jahren immer freier zu entfalten begannen und der vorliegende Film – zudem mitten in der Blütezeit der Blaxploitation-Welle gedreht, was auch im Darsteller-Ensemble sehr deutlich wird – sozusagen genau in der Phase entstand, als dann alles an sich neu entfaltenden Freiheiten irgendwie zusammenkam; während sich parallel, auch hinsichtlich der Bildsprache, obendrein ein neumodisches Kino entwickelte. Eigentlich kaum zu glauben, dass man etwa zehn Jahre ältere Projekte noch zu den Spätwerken des klassischen Hollywood-Kinos rechnen kann. In den 60ern und 70ern wurden demzufolge auch in Hollywood einige sehr schnelle und große Sprünge vollzogen. Eine weitere stilistische Auffälligkeit in „Massenmord in San Francisco“ ist eine klare Abkehr vom Dreh im Studio. Stattdessen wurde so viel wie möglich an Schauplätzen in der Stadt – auch für Innenaufnahmen – gedreht, was auch in den 70ern noch nicht unbedingt gang und gäbe gewesen ist.

Generalprobe: 3-2-1-los!

Nichtsdestotrotz schafft es „Massenmord in San Francisco“ am Ende nicht, die nachhaltig mitreißende Wucht von „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3“ zu entwickeln. Wenn man die Auflösung einmal kennt und nicht mehr mitfiebert, wie das Ganze denn nun ausgehen wird, fehlt es dem Film etwas an Szenen, die den Zuschauer immer wieder einfangen. Auch die teils recht abrupt und abgehackt wirkende Einbindung von Musik, kommt irgendwie halbherzig rüber. Es fehlt gewissermaßen das Salz in der Suppe – von einigen gepfefferten Dialogen mal abgesehen, die mich sicher auch bei der zehnten Sichtung noch zum Schmunzeln bringen würden, was neben Walter Matthau und Bruce Dern in den Hauptrollen vor allem den grandiosen Darbietungen von Anthony Zerbe und Louis Gossett Jr. zu danken ist. Jedoch tragen Matthau und Dern als gut zusammenspielendes Ermittler-Duo mit Ecken und Kanten die Geschichte trotzdem, ohne dass es langweilig wird; unter anderem weil die Rollen für beide einfach recht ungewöhnlich und ihre Auftritte allein deswegen schon sehr sehenswert sind, zumal sie dementsprechend inspiriert vor der Kamera agieren.

So ganz kann der Film aber leider einfach das Manko nicht abstreifen, am Ende hauptsächlich „Der Film, mit dem sich Walter Matthau für ‚Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3‘ empfahl“ zu bleiben. Daran ist besonders das letzte Drittel von „Massenmord in San Francisco“ nicht ganz unschuldig, während dem die Geschichte urplötzlich die meisten der vorher recht gut eingeführten Polizisten-Charaktere sowie zwei eingangs doch recht bedeutsame Frauenrollen weitestgehend aus den Augen verliert und sich stattdessen unnötig geradlinig auf den entlarvten Täter und seine unmittelbaren Verfolger einschießt. Das wirkt alles arg überhastet, so als hätte man nach über einer Stunde sorgsamen Aufbaus plötzlich festgestellt, eine gewisse Zeitgrenze nicht überschreiten zu dürfen, und sich deswegen entschieden, alles Verbleibende in aller Kürze abzuhandeln. Ein Stück weit wird das allerdings durch das ebenso plötzliche Auftauchen einer ziemlich gut geschnittenen Action-Szene relativiert, die den Showdown unterfüttert.

Alle Szenen auf dem Polizeirevier und mit den Ermittlern unterwegs in der Stadt, hätten im Grunde getaugt, um das Format – mit fünf bis sechs soliden, ihre Fälle auf die eine oder andere Art lösenden Figuren – sogar in Serie zu schicken. Es ist vieles dabei, was einen richtig guten Pilotfilm zu einer Polizeiserie auszeichnen würde. Daher erscheint es ziemlich unerklärlich, warum der Film verfrüht das mehrspurige Vorgehen aus den Augen verliert und gewissermaßen beim ersten Sichten der Zielgeraden eine Art Tunnelblick in der Erzählung zu bekommen scheint. Da hilft dann auch die Art und Weise, wie unkonventionell der Täter präsentiert und wortlos bleibend geraume Zeit vor seinen Verfolgern hergetrieben wird, nicht unbedingt entscheidend dabei, das Blatt vielleicht trotzdem nochmals zu wenden.

„Massenmord in San Francisco“ hat hinsichtlich der Darstellung von polizeilicher Ermittlungsarbeit, im Kontext recht authentisch gezeichneter Milieus, seine Ähnlichkeiten mit Richard Fleischers „Polizeirevier Los Angeles-Ost“ (1972) und beispielsweise mit dem „Kojak“-Pilotfilm „Der Mordfall Marcus-Nelson“ (1973) – der von Joseph Sargent, dem Regisseur von „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3“ inszeniert worden ist –, muss sich zumindest diesen beiden gut vergleichbaren Produktionen aus demselben Zeitfenster aber schließlich doch geschlagen geben, die sich als psychologisch komplexer sowie hinsichtlich ihrer Handlung letztlich noch anspruchsvoller erweisen und auch aus der Diversität der gezeigten Charaktere mehr herausholen. Diese beiden Filme gehen einfach mehr in die Breite und in die Tiefe, während „Massenmord in San Francisco“ letztlich auf eine Art Nadelöhr hinzusteuert.

Auf schwedischen Wegen

Als Vorlage für den Film diente der Roman „Endstation für neun“ des schwedischen Autoren-Pärchens Maj Sjöwall und Per Wahlöö. Dieser war 1971 als erster im Original nicht englischsprachiger Roman mit dem Edgar Allan Poe Award ausgezeichnet worden, den zuvor bereits Autoren wie Raymond Chandler, John le Carré, Eric Ambler und Michael Crichton gewonnen hatten. In der Buchvorlage spielt die Geschichte in Stockholm – und auch darüber hinaus wurden einige Änderungen vorgenommen, die den Film im Vergleich zum Roman kennzeichnen. Die Buchvorlage wurde im Jahr 2011 außerdem zu einem Comic aus der Feder des Franzosen Martin Viot umgearbeitet. Der Originaltitel der Kinoversion, „The Laughing Policeman” (deutsch: „Der lachende Polizist“), entspricht dem schwedischen Titel des Romans. Eine Szene, die diese Betitelung erklärt hätte, war für den Film geplant, wurde letztlich aber verworfen. Als Anspielung auf eventuelle humoristische Einlagen von Walter Matthau sollte man diesen Titel in jedem Fall nicht missverstehen, wenngleich er auch gut zu einer Komödie hätte passen können und angesichts der Tatsache, dass ausgerechnet Matthau die Hauptrolle spielt, im Grunde etwas unglücklich und irreführend ist.

Im Portfolio von Stuart Rosenberg, der nur eine überschaubare Anzahl an Kinofilmen gedreht hat, nachdem er von 1957 bis 1966 fast ausschließlich fürs Fernsehen tätig gewesen war, steht „Massenmord in San Francisco“ (1973) sicherlich im Schatten von „Der Unbeugsame“ (1967), „Amityville Horror“ (1979) und „Brubaker“ (1980). Fürs TV hatte Rosenberg unter anderem Episoden mehrerer Krimiserien realisiert – darunter etliche Polizei- und Detektivgeschichten; diese Erfahrungen dürften ihm bei der Arbeit an „Massenmord in San Francisco“ zugutegekommen sein. Im Detektivfilm-Bereich machte Rosenberg wenig später noch mit „Unter Wasser stirbt man nicht“ (1975) auf sich aufmerksam – hierbei handelt es sich um die Fortsetzung zu „Ein Fall für Harper“ (1966), mit Paul Newman in der Hauptrolle.

Gesichter, die man kennt

Fans US-amerikanischer Krimiserien der 60er und 70er können sich mit Blick auf „Massenmord in San Francisco“ außerdem über ein Wiedersehen mit Val Avery und Albert Paulsen freuen. Avery und Paulsen waren damals häufig in Fernsehserien zu sehen und zählten unter anderem in ihren Schurkenrollen – auch über den Krimi-Sektor hinaus – zu den charakteristischsten Gesichtern der damaligen TV-Welt, wobei vor allem bei Paulsen der Schwerpunkt vor der Kamera deutlich auf Gastrollen in TV-Serien lag. Seine Auftritte in Kinofilmen sind vergleichsweise knapp bemessen, was möglicherweise damit zu tun hat, dass er im Fernsehen Rollen spielen konnte, die innerhalb der jeweiligen Geschichte einen relativ großen, für die Handlung zentralen Anteil einnahmen. Es ist anzunehmen, dass Paulsen, der bis zu seinem Tod Mitglied des „Actors Studios“ war, das insbesondere durch die jahrzehntelange Führung von Lee Strasberg Bekanntheit erlangte, keine Lust auf allzu viele mittelgroße Nebenrollen hatte und im Fernsehen daher Vorteile für sich sah. In „Massenmord in San Francisco“ spielt er seine vielleicht prägnanteste Kino-Rolle.

Daneben sieht man in „Massenmord in San Francisco“ Cathy Lee Crosby, die kurze Zeit später „Wonder Woman“ in einem TV-Film verkörperte, Gregory Sierra – der rund zehn Jahre darauf zur ursprünglichen Besetzung von „Miami Vice“ gehörte, ehe ihn dort Edward James Olmos ablöste – und den mir schon mehrmals positiv aufgefallenen Paul Koslo. Alle drei waren damals noch ganz frische, unverbrauchte Gesichter. Für Bruce Dern und Louis Gossett Jr. war „Massenmord in San Francisco“ wiederum sicher ein Stück weit der Durchbruch zu höheren Kino-Aufgaben. Dern empfand seine Besetzung in dieser Rolle als eine Art Beförderung, da er hier den zweiten Platz in den Credits neben einem Star wie Walter Matthau zugestanden bekam. Matthau selbst soll Bruce Dern für die Rolle vorgeschlagen haben.

Nicht zuletzt assoziiere ich persönlich Bruce Dern und Anthony Zerbe ganz besonders mit ein paar recht eingängigen Schurkendarstellungen, die durchaus auch mal recht irre daherkamen – ich würde sogar so weit gehen, sie zu den Vorreitern zum Teil sehr durchgedrehter oder zumindest widerlicher Darstellungen von Schuften der damaligen Zeit in Hollywood, sei es nun in Spielfilmen oder Serien-Gastrollen, zu zählen. Unter diesem Gesichtspunkt ist es amüsant, dass beide hier Polizisten spielen und sogar einer den Partner und einer den Chef der von Walter Matthau verkörperten Hauptfigur. Zerbe spielte wenig später in der Detektivserie „Harry-O“ (1973–1976) nochmals einen Polizei-Lieutenant, die zu den 70er-Krimiserien gehört, bei denen ich am allerwenigsten verstehe, warum sie bisher noch nicht in Deutschland auf DVD ausgewertet worden sind. Hier war er der Co-Star von David Janssen.

Auch Clifton James sollte man an dieser Stelle nicht vergessen, der in „Massenmord in San Francisco“ eine überraschend kleine Rolle hat, seinerzeit aber als „Sheriff Pepper“ in den ersten beiden James-Bond-Filmen mit Roger Moore Kultstatus erlangte. James war außerdem schon in „Polizeirevier Los Angeles-Ost“ ebenfalls Teil der Polizisten-Truppe, den ich in diesem Text bereits als Empfehlung für den Fall erwähnt habe, dass man nach gut mit „Massenmord in San Francisco“ vergleichbaren Produktionen suchen möchte.

Springt der Funke über?

An den Kinokassen lief „Massenmord in San Francisco“ nicht besonders gut. Ob dies einer der Gründe dafür gewesen ist, dass Walter Matthau seinen Schwerpunkt ab der zweiten Hälfte der 70er-Jahre – also recht bald – wieder auf komische und tragikomische Filme verlegte, vermag ich nicht zu sagen. In dem 1990 veröffentlichten Fernsehfilm „Anwalt des Feindes“ wandte er sich unter der Regie von Joseph Sargent, mit dem er bereits „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3“ gedreht hatte, noch einmal in einer Hauptrolle vor der Kamera dem dramatischen Fach mit Kriminalfall-Anbindung zu. Die Rolle des Anwalts Harmon Cobb spielte er danach noch in zwei weiteren Filmen. Eine Wiederentdeckung dieser drei TV-Filme für den deutschen DVD-Markt wäre durchaus wünschenswert. Was späte TV-Filmreihen von Altstars angeht, siedle ich diese Reihe sogar ganz weit oben auf meiner Wunschliste an – in etwa auf Augenhöhe mit den im Gegensatz zur kompletten Serie aus den 70ern erstaunlicherweise immer noch nicht in Deutschland auf DVD oder gar Blu-ray veröffentlichten sieben „Kojak“-Fernsehfilmen, die von 1985 bis 1990 erschienen sind. Inwiefern ein Zusammenhang des „Kojak“-Pilotfilms mit „Massenmord in San Francisco“ besteht, habe ich in dieser Rezension ja bereits angeschnitten. Walter Matthaus in diesem Text erwähnte Ausflüge ins ernste Fach aus den 70er-Jahren sind in Deutschland bereits alle auf DVD und Blu-ray veröffentlicht worden – „Massenmord in San Francisco“ eingeschlossen, mit ordentlicher Bildqualität und solidem, unspektakulärem Bonusmaterial.

Dass „Massenmord in San Francisco” bei mir immer einen etwas enttäuschten Nachgeschmack hinterlässt, obwohl ich den Film immer wieder gern schaue, da er so vielversprechend startet, lange Zeit das Niveau bestätigt, gegen Ende aber zu viel Potenzial herschenkt, wird sicher auch dadurch etwas verstärkt, dass „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3“ zum einen die Messlatte extrem hoch legt und ich zum anderen mit der deutschen Synchronfassung von „Massenmord in San Francisco“ nicht so recht warm werde. Walter Matthau wurde hier von Martin Hirthe synchronisiert, der später von 1975 bis 1977 dreimal als Berliner „Tatort“-Kommissar im Einsatz war. Darunter findet sich gleich zu Beginn die skandalträchtige Folge „Tod im U-Bahnschacht“, die von Franz Josef Strauß massiv angefeindet und daraufhin lange nicht mehr ausgestrahlt wurde. Als zweite Episode folgte „Transit ins Jenseits“, der sowohl mit Götz George (noch vor Schimanski-Zeiten) als auch Marius Müller-Westernhagen in tragenden Rollen punktet und zudem aufgrund der spannenden, die Ost-West-Teilung Deutschlands und Berlins sehr beherzt anpackenden Story, aus meiner Sicht als ein Höhepunkt der Reihe gesehen werden kann.

Während mir Wolfgang Völz als Stimme von Walter Matthau, der Hirthe nach dessen Tod als Stammsprecher ablöste, immer viel zu sehr Karikatur gewesen ist, kann ich mit Martin Hirthe an sich ganz gut leben, jedoch favorisiere ich eindeutig Wolfgang Lukschy. Dieser hat ihn zwar nur in drei Filmen synchronisiert, darunter aber „Ein seltsames Paar“ (1968) und „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3“ (1974) – mit anderen Worten in genau den beiden Filmen, von denen man den einen getrost als Matthaus populärste Komödie und den anderen ohne Zweifel als populärsten Film im dramatischen Fach, in dem Matthau eine Hauptrolle verkörpert hat, werten kann (Film Nummer 3 mit Lukschy ist „Die Kaktusblüte“). Lukschy war zwar rund 15 Jahre älter als Matthau, während Hirthe etwa im selben Alter gewesen ist, jedoch passt seine Stimme einfach überragend gut zu Matthaus Gesicht. Martin Hirthe ist an der Synchronfassung von „Massenmord in San Francisco“ folglich sicher nicht das zentrale Problem für mich und auch die Besetzung der anderen Rollen eigentlich gelungen und gar nicht einmal allzu stereotyp (vor allem Norbert Langer als Stimme von Bruce Dern ist eine ungewöhnliche, interessante Idee), allerdings fehlt dieser Version der ausgesprochen kaltschnäuzige, sehr direkte Zungenschlag der Originalfassung – und das schadet letztlich dem Ansinnen der Macher dieses Films, den Polizisten-Alltag ganz besonders realitätsnah, ohne Umschweife oder Blätter vor dem Mund zu präsentieren. Im Original bleibt es eben auch nicht nur beim Ansinnen, sondern es gelingt. Sogar von Seiten renommierter Kritiker gab es Lob für die nüchtern-bodenständige Art und Weise, wie dieser Film die Polizeiarbeit präsentiert – und letztlich ist das schlicht und ergreifend sein Herzstück. Dazu gehört nun einmal auch die Dialog-Ebene. Ein paar Kalauer in der deutschen Fassung, hier und da, quasi zur Entschädigung, reichen da einfach nicht. So ist die deutsche Synchro dem Film letztlich in ihrer Gesamtwirkung, hinsichtlich des Beigeschmacks, der mitschwingt, recht ähnlich – über weite Strecken ist das alles ziemlich gut, mit unkonventionellen Besetzungsideen versehen und wirkt motiviert, in Teilen freut man sich sogar immer wieder darauf, etwas Besonderes, durchaus Ungewöhnliches vorgesetzt zu bekommen, bevor man diesen Film schaut, aber am Ende fehlt einfach ein Quäntchen dazu, um wirklich im Gesamtpaket rund zu sein.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Bruce Dern und Walter Matthau haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 21. September 2012 als Blu-ray und DVD

Länge: 112 Min. (Blu-ray), 107 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: The Laughing Policeman
USA 1973
Regie: Stuart Rosenberg
Drehbuch: Thomas Rickman, Stuart Rosenberg, nach einem Roman von Per Wahlöö und Maj Sjöwall
Besetzung: Walter Matthau, Bruce Dern, Louis Gossett Jr., Anthony Zerbe, Val Avery, Albert Paulsen, Cathy Lee Crosby, Mario Gallo, Joanna Cassidy, Paul Koslo
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Fotos, Biografien
Label/Vertrieb: HanseSound / Carol Media Home Entertainment

Copyright 2020 by Ansgar Skulme
Blu-ray-Packshot: © 2012 HanseSound / Carol Media Home Entertainment

 

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Zum 100. Geburtstag von Walter Matthau: Der Mann aus Kentucky – Burt Lancaster wollte auch mal Regie führen

The Kentuckian

Von Volker Schönenberger

Western // Burt Lancaster verstand es vortrefflich, sich selbst ins beste Licht zu rücken. Sein Status als Top-Star Hollywoods ermöglichte es ihm, dies in die Tat umzusetzen. In elf seiner 14 Arbeiten als Produzent übernahm er auch die Hauptrolle. Regie führte Lancaster offiziell nur zweimal (die IMDb listet ihn für „Weißer Herrscher über Tonga“ von 1954 zusätzlich als „uncredited“ Regisseur), darunter für „Der Mitternachtsmann“ (1974) als Co-Regisseur. „Der Mann aus Kentucky“ markierte somit 1955 sein Regiedebüt und blieb seine einzige alleinige Regiearbeit.

Der Mann aus Kentucky …

Lancaster spielt den titelgebenden Mann aus Kentucky, den Witwer Elias „Big Eli“ Wakefield, der sich Anfang des 19. Jahrhunderts mit seinem neunjährigen Sohn „Little Eli“ (Donald MacDonald) und dem Hund Faro auf den Weg Richtung Texas gemacht hat. Das Trio hat die 1.000-Meilen-Strecke kaum begonnen, schon stellen sich ihm Schwierigkeiten in den Weg. Weil Big Eli beschuldigt wird, in Kentucky ein Mitglied der Frome-Familie getötet zu haben, lässt ihn der korrupte Sheriff (Rhys Williams) in eine Gefängniszelle stecken. Bald tauchen auch zwei Mitglieder der Fromes (Douglas Spencer, Paul Wexler) auf, die Wakefield ans Leder wollen. Glücklicherweise nimmt sich Hannah (Dianne Foster) nicht nur Elias’ Sohn an: Die junge Frau befindet sich beim örtlichen Gastwirt in Vertragsknechtschaft und befreit den Auswanderer. Der nächste Halt führt den nun zum Quartett angewachsenen kleinen Trupp zu seinem Bruder Zack (John McIntire) und dessen Frau Sophie (Una Merkel).

… findet beim Muschelsammeln mit dem Sohn eine Perle

Auftritt Walter Matthau! 20 Minuten nach Beginn von „Der Mann aus Kentucky“ tritt er als windiger Kneipier Stan Bodine in Erscheinung, der gerade sein Geschick mit der Peitsche beweist – er bestreitet gegen einen seiner Gäste einen Wettkampf im Kerzenlöschen. Während sich Wakefield Senior und Junior bei Big Elis Bruder etwas dazuverdienen, heuert Hannah bei Bodine an. Für den am 1. Oktober 1920 in Manhattan geborenen Matthau markierte das Western-Abenteuer sein Debüt auf der großen Leinwand. Zuvor hatte er sich als Bühnendarsteller einen gewissen Namen gemacht und war ab 1950 auch in Nebenrollen in Fernsehserien in Erscheinung getreten; die Serienfolgen wurden damals übrigens oft als Live-TV inszeniert. Bis zum Oscar als bester Nebendarsteller in Billy Wilders Komödie „Der Glückspilz“ (1966) war es also noch ein weiter Weg. Der Part als geldgieriger Rechtsverdreher war seine erste Zusammenarbeit mit Jack Lemmon – der Rest ist Geschichte. Walter Matthau starb am 1. Juli 2000 im Alter von 79 Jahren im kalifornischen Santa Monica.

Walter Matthau als Schurke

In „Der Mann aus Kentucky“ hat er eine schurkische Nebenrolle, die für mehrere Aspekte der Handlung bedeutsam ist; interessant genug ist sie allemal geraten, was auch daran liegen mag, dass Lancasters Debüt insgesamt nur leidlich interessant ausgefallen ist. Dabei inszeniert sich der Superstar phasenweise sogar vergleichsweise uneitel als ungebildeten Trapper, der das zivilisierte Leben nicht gewohnt ist und sogar zünftig veräppelt wird, weil er sich weismachen lässt, eine von ihm gefundene Süßwasserperle sei von beträchtlichem Wert. Diese Nebenhandlung nimmt vergleichsweise viel Raum ein – Little Eli muss sich dafür sogar den Spott seiner Schulkameraden gefallen lassen. Derweil verguckt sich Big Eli in die Lehrerin Susie (Diana Lynn), beschließt gar, an Ort und Stelle sesshaft zu werden, statt seinen Traum – und den seines Sohns – von Texas zu verwirklichen.

Kneipier Stan Bodine kann mit der Peitsche umgehen

Der in schönen Technicolor-Farben und prächtigem CinemaScope-Format gedrehte Familien-Western entstand in Kentucky und Indiana. So recht ist mir nicht klar geworden, was Lancaster als Regisseur mit „Der Mann aus Kentucky“ aussagen wollte. Er porträtiert die Titelfigur als einfachen Mann mit klaren moralischen Prinzipien, der entscheiden muss, wo er im Leben hinwill. Die Familienfehde mit den Fromes nimmt dabei lediglich als eher nebensächliches Spannungsvehikel etwas Raum ein, wobei die beiden Wakefield verfolgenden Frome-Brüder als wortkarges Nemesis-Duo fast schon wie Karikaturen wirken. Sie tauchen ohnehin nur kurz zu Beginn und zum Showdown am Ende auf – etwas schwach für eine gewaltige Familienfehde, die sogar besungen wird. Als kommender Meisterregisseur hat sich Burt Lancaster mit „Der Mann aus Kentucky“ jedenfalls nicht präsentiert, was er wohl auch selbst gemerkt hat. Vielleicht haben ihn auch der ausbleibende Erfolg an den Kinokassen und die Beurteilung in der zeitgenössischen Filmkritik davon abgehalten, sich künftig auf den Regiestuhl zu setzen. Ein gefälliger Western, mehr aber nicht.

Auch Hannah will nach Texas

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Burt Lancaster und Walter Matthau haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Die Frome-Brüder machen nicht viele Worte

Veröffentlichung: 28. Juni 2019 als Blu-ray und DVD, 6. April 2004 als DVD

Länge: 104 Min. (Blu-ray), 99 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Kentuckian
USA 1955
Regie: Burt Lancaster
Drehbuch: A. B. Guthrie Jr., nach einem Roman von Felix Holt
Besetzung: Burt Lancaster, Walter Matthau, Diana Lynn, Dianne Foster, John Carradine, Donald MacDonald, John McIntire, Una Merkel, John Litel, Rhys Williams, Edward Norris, Douglas Spencer, Paul Wexler
Zusatzmaterial: Biografien, Trailer, Bildergalerie, Wendecover
Label 2020: Spirit Media
Vertrieb 2020: WVG Medien GmbH
Label/Vertrieb 2004: MGM (Twentieth Century Fox Home Entertainment)

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Blu-ray-Packshot: © 2019 Spirit Media,
DVD-Packshot: © 2004 MGM (Twentieth Century Fox Home Entertainment)

 

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Horror für Halloween (X): Body at Brighton Rock – Mit Leichnam allein in der Wildnis

Body at Brighton Rock

Von Volker Schönenberger

Horrorthriller // Introducing Karina Fontes as Wendy – ist dieser Hinweis im Vorspann von „Body at Brighton Rock“ (2019) ein kleiner Etikettenschwindel? Immerhin hatte Fontes bereits 2015 eine Rolle im Anthologie-Horrorfilm „Southbound – Highway to Hell“. Von einem Kurzfilm-Auftritt und zwei Folgen der Serie „The Deleted“ ganz zu schweigen. Aber immerhin: „Body at Brighton Rock“ stemmt sie als einzige permanent im Fokus stehende Hauptdarstellerin schauspielerisch weitgehend auf ihren Schultern, lassen wir das als „einführend“ durchgehen.

Ab in die Berge und Wälder!

Fontes spielt Wendy, eine junge Rangerin, die zum Aufseherteam eines Nationalparks in den kalifornischen Bergen gehört. Zur Lagebesprechung bei Dienstbeginn kommt sie mal wieder zu spät, fängt sich dafür einen Rüffel ihrer Chefin Sandra (Miranda Bailey) ein. Kurz darauf beklagt sich ihre Freundin und Kollegin Maya (Emily Althaus) darüber, für den falschen Dienstbeginn eingeteilt worden zu sein – sie würde lieber in derselben Gegend arbeiten wie der fesche Kollege Chip (John F. Beach). Maya traut Wendy zwar ihren Job nicht zu, stimmt dem Jobtausch aber dennoch zu.

Wendy kämpft ums Überleben

Das Anbringen von Warnhinweisen auf einem abgelegenen Teil des Parks lässt sich wie ein Spaziergang an. Bis Wendy irgendwann nachmittags bemerkt, dass sie sich verlaufen und ihre Landkarte verloren hat. Als sie kurz darauf auch noch die blutige Leiche eines Mannes entdeckt, gerät die junge Frau vollends aus der Fassung. Da ihr Smartphone kaum Empfang hat und sich der Akku ohnehin gerade verabschiedet, versucht sie, über das mitgeführte Funkgerät Hilfe zu holen. Es gelingt ihr auch, die Leitstelle zu erreichen. Aber da sie ihren Standort nicht genau nennen kann, bedeutet man ihr, an Ort und Stelle auszuharren. Es könne bis zum Morgen dauern, bis sie gefunden wird. Wendy steht eine lange Nacht bevor – in einer Gegend, für die zum Saisonende gerade eine Warnung vor Bären und Pumas ausgesprochen wurde.

Was lauert da im Dunkeln?

Das „Brighton Rock Erholungsgebiet“ („Brighton Rock Recreational Area“) des Films gibt es in Wirklichkeit nicht. Gedreht wurde im kalifornischen Idyllwild Park, zwei Stunden von Los Angeles entfernt. Das bringt einige pittoreske Landschaftsaufnahmen mit sich, die Kamerafrau Hannah Getz gekonnt ins Bild setzt. Über die wunderschöne Gegend kann man auch schon mal die Orientierung verlieren. Nach der Etablierung des Szenarios der verlorenen Park Rangerin kommt alsbald Hochspannung auf. Weder Wendy noch das Publikum ahnen, wie der Mann ums Leben gekommen ist. Es mag ein Unfall oder ein Wildtierangriff gewesen sein – oder etwa ein menschliches Raubtier? Und wenn sich die junge Frau irgendwann unter dem Sternenhimmel neben einem Lagerfeuer niederlegt, ist das ein durchaus Furcht einflößender Gedanke: Wer will schon mutterseelenallein in der Wildnis die Nacht neben einer Leiche verbringen?

Wendy allein im Wald

Getrübt wird das fesselnde Szenario von den zwischen leichtsinnig und dümmlich schwankenden Verhaltensweisen der Protagonistin. Das Szenario lebt zwar von Wendys Unerfahrenheit, die sie erst in die missliche Lage gebracht hat, und sie wird von Anbeginn als nicht ganz fitte Rangerin porträtiert; aber allein schon die Art und Weise, wie sie unbeschwert mit Musik im Ohr durch die ihr unbekannten Areale stromert, wirkt schon befremdlich. Beim Selfie-Knipsen am Abgrund macht sie tatsächlich noch zwei Schritte zurück, damit etwas Spannung aufkommt, ob sie denn abstürzt – ging es noch plumper? Trotz der ihr bekannten Bärengefahr nähert sie sich einer finsteren Höhle, um nur noch einen weiteren Punkt zu nennen. Es gibt noch mehr, aber dies auszuführen, würde bedeuten zu spoilern. Man hätte Wendys missliche Lage auch anders inszenieren können, als sie als komplett unfähige Rangerin zu skizzieren. Ihre Leichtfertigkeit macht sie auch nicht gerade sympathisch, dabei ist es für den Film an sich wichtig, dass wir um ihr Überleben bangen.

Gar nicht gut gelaunt

Glücklicherweise gleichen die Spannungsschraube und die Darstellung der Wildnis diese übertriebene Charakterisierung der Protagonistin aus. Das Rätsel um den Leichnam ist interessant genug, sodass wir über Wendys Verhalten zwar die Stirn runzeln, ihr Abenteuer aber dennoch gern weiterverfolgen. Zum Ende folgt noch ein Twist, der einigen ge-, anderen missfallen wird. Ich fand ihn gar nicht so schlecht, weil er dem Film eine zusätzliche Färbung gibt, kann aber auch hier zwecks Spoiler-Vermeidung nicht in die Tiefe gehen. Jedenfalls erscheinen einige Ereignisse von Wendys Überlebenskampf am Ende in einem ganz anderen Licht.

Roxanne Benjamin mag Horror-Anthologien

Regisseurin Roxanne Benjamin verfilmte ihr eigenes Drehbuch und produzierte „Body at Brighton Rock“ auch. Es ist ihr bislang einziger Langfilm. Generell scheint sie ein Faible für Horror-Anthologien zu haben. So war sie nicht nur beim oben bereits erwähnten „Southbound – Highway to Hell“ als Regisseurin, Autorin und Produzentin mit von der Partie, sondern auch beim nur von Frauen gedrehten Episodenfilm „XX“ (2017). Obendrein produzierte sie von 2012 bis 2014 die Anthologie-Reihe „V/H/S“ mit.

Auf den Bären gekommen

Im Survival-Horror-Segment mit Bären in der Wildnis hat mir „Backcountry – Gnadenlose Wildnis“ (2014) besser gefallen, aber „Body at Brighton Rock“ hat auch seine Momente. Wer sich in die Einsamkeit und die bedrohliche Wildnis hineinversetzen kann, wird knapp anderthalb Stunden gefesselt sein. Etwas mehr Action mit Wald und Bär bietet „Red Machine – Hunt or Be Hunted“ (2015), den ich sehr empfehlen kann, und der Vollständigkeit halber sei auch „The Revenant – Der Rückkehrer“ (2015) erwähnt, der Leonardo DiCaprio endlich den Oscar einbrachte und als Survival-Abenteuer eine ganze Ecke intensiver geraten ist als „Body at Brighton Rock“.

Veröffentlichung: 27. März 2020 als Blu-ray und DVD

Länge: 87 Min. (Blu-ray), 84 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Body at Brighton Rock
USA 2019
Regie: Roxanne Benjamin
Drehbuch: Roxanne Benjamin
Besetzung: Karina Fontes, Casey Adams, Emily Althaus, Miranda Bailey, Martin Spanjers, Matt Peters, Susan Burke, John Getz, Brodie Reed, John F. Beach
Zusatzmaterial: deutscher Trailer, Wendecover
Label: I-On New Media GmbH
Vertrieb: WVG Medien GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 I-On New Media GmbH

 

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