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Hexenhammer – Wenn der Inquisitor erst wütet

08 Sep

Kladivo na carodejnice

Von Volker Schönenberger

Historien-Horror // Durch das Weib kam die Sünde auf die Welt. Denn das Weib ist die Sünde. Die ersten gesprochenen Worte des tschechoslowakischen Horrordramas „Hexenhammer“ (1970) in Kombination mit ein paar nackten Tatsachen junger Frauen im Bad geben bereits die Taktzahl vor. Es geht so weiter: Der Schoß der Weiber ist das Tor der Sünde. An allem Schuld ist die weibliche Begierde. Und beim Weibe ist sie unersättlich. Ist’s ein Spanner durch ein verstecktes Guckloch, der hier seine geifernden Gedanken ausstößt?

„Der Schoß der Weiber ist das Tor der Sünde.“ Er glaubt, was er sagt

Szenenwechsel, ein Gottesdienst im Mähren des ausgehenden 17. Jahrhunderts: Die alte Bettlerin Maryna Sukowa (Lola Skrbková) wird dabei erwischt, wie sie eine Hostie stibitzt. Sie wird der Gräfin De Galle (Blanka Waleská) vorgeführt und äußert, die Oblate für eine Kuh zu benötigen, die keine Milch mehr gebe. Dekan Krystof Lautner (Elo Romancik) tut das als Aberglauben ab und gibt der alten Vettel als Strafe auf, 20 Mal das Vaterunser und 20 Mal „Gegrüßt seist du, holde Maria“ zu beten, doch dem jungen Pfarrer König (Jirí Holý) reicht das bei Weitem nicht aus. Er hat die Angelegenheit bereits dem bischöflichen Konsistorium gemeldet und bittet die Gräfin um Erlaubnis, dass diese Teufelsbrut hier ausgerottet werde. Der fanatische Geistliche schlägt als Inquisitor auch sogleich Franz Boblig von Edelstadt (Vladimír Smeral) aus Olmütz vor. Der lässt sich nicht lange bitten und legt mit seinem Helfershelfer Ignac (Josef Kemr) zügig mit seinen „peinlichen Befragungen“ – sprich: Folter – los, beginnend mit Dorota Groerová (Jirina Stepnicková), die dem Bettelweib den Auftrag gab, die Hostie zu stehlen. Bald wird deutlich, dass vor dem Wüten des Inquisitors niemand sicher ist. Auch Reichtum und Amtswürden schützen nicht.

Die peinliche Befragung

Es muss nicht immer Exploitation sein! Und das ist es in diesem Fall auch nicht, auch wenn die zu Beginn gezeigte weibliche Nacktheit es vermuten lässt. Regisseur und Drehbuchautor Otakar Vávra verzichtet auf die ausufernde Darstellung grausiger Folterpraktiken. Ein Schwenk auf die dafür verwendeten Gerätschaften und kurze Einblendungen der Auswirkungen beispielsweise auf gepeinigte Hände reichen völlig aus, das Publikum mit einem Gefühl der Beklemmung frösteln zu lassen. Selbst Hinrichtungen auf dem Scheiterhaufen sind nur kurz im Bild zu sehen. Das mag Freunde expliziter Gewaltdarstellung abschrecken, dem in Schwarz-Weiß gedrehten Horrordrama eine Chance zu geben – ich kann mir die enttäuschten Gesichter mancher Horrorfans gut vorstellen. Ein paar schmerzhafte Einstellungen gibt es immerhin zu sehen.

Unschuldig, aber chancenlos

Wer sich auf „Hexenhammer“ einlässt, kommt in den Genuss eines intensiven und hervorragend gespielten Werks, das zwar mit seinem historischen Sujet auf den ersten Blick fern unserer heutigen Lebenswirklichkeit wirkt, bei genauer Überlegung aber stets aktuell bleibt. Die Misogynie einiger der auftretenden Figuren lässt sich jedenfalls auch heute noch beobachten, dafür muss man nicht mal #MeToo bemühen. Auch für die Logik und Glaubwürdigkeit unter der Folter entlockter Geständnisse finden sich moderne Analogien, man denke nur daran, was für obskure Quellen manche heutigen Zeitgenossen für ihre hanebüchenen Thesen über das Weltgeschehen heranziehen. Und wer den Glauben an Hexerei als vergangenen Irrweg unaufgeklärter Menschen aus früheren Jahrhunderten abtut, möge sich ein wenig mit den bescheuerten Thesen befassen, die Kapeiken vom Schlag eines Attila Hildmann und Xavier Naidoo verbreiten. Es spricht für Filme wie „Hexenhammer“, dass sie auch ein halbes Jahrhundert später relevant sind. Gleichwohl mag Regisseur Otakar Vávra seinerzeit eher eine subtile Allegorie auf den Stalinismus im Hinterkopf gehabt haben. Das ist das Schöne an derart historischen Stoffen: Wenn man sie visuell und inszenatorisch weit genug in der Vergangenheit ansiedelt, kann man tief darunter Botschaften verstecken, ohne in Zeiten der Unterdrückung zu viel zu riskieren.

Die Hexenprozesse von Groß Ullersdorf

Eine Texttafel zu Beginn verrät: Die Texte der Gerichtsverhandlungen wurden realen Gerichtsaufzeichnungen von Inquisitionsverfahren entnommen, die von 1678 bis 1695 in Velké Losiny und Šumperk stattfanden. Die Handlung basiert auf den Hexenprozessen von Groß Ullersdorf, denen im ausklingenden 17. Jahrhundert 104 Menschen zum Opfer fielen. Auf musikalische Untermalung verzichtet „Hexenhammer“ weitgehend, was das Gezeigte wiederum authentischer wirken lässt. In puncto Ausstattung, Kostümierung und Kulissen gibt sich das Werk weniger reduziert, nach einer Billigproduktion schaut das Ganze nicht aus. Die tschechoslowakische Produktion kam im Januar 1970 in die dortigen Kinos und wurde zwei Monate später beim Mar del Plata Film Festival in Argentinien gezeigt, wo sie als bester Film mit dem Cineclub Núcleo Award sowie dem FIPRESCI Prize prämiert wurde. Auf Erlösung für die Unschuldigen hoffen wir selbstverständlich vergebens – sofern wir nicht dem Wahnwitz anhängen, im Flammentod sei Erlösung zu finden. Im Gegenteil erfahren wir am Ende, dass Haupttäter Franz Boblig von Edelstadt ein hohes Alter erreichte und sogar heiratete.

Die Streckbank macht vor niemandem Halt

Ob sich Regisseur Vávra von Michael Reeves’ etwas älterem „Der Hexenjäger („Witchfinder General“, 1968) mit Vincent Price inspiriert fühlte, entzieht sich meiner Kenntnis. Etwa zur selben Zeit wie „Hexenhammer“ drehten Adrian Hoven und Michael Armstrong in Österreich „Hexen bis aufs Blut gequält“ mit Herbert Lom als Großinquisitor und Udo Kier als dessen Gehilfe. Schon der reißerische Titel verrät, dass die bundesdeutsche Produktion eher angetan ist, Fans gepflegter Exploitation zu befriedigen. Sehenswert sind für mein Empfinden alle drei Hexenverfolgungsfilme. Ebenfalls aus dem Jahr 1970 stammt „Der Hexentöter von Blackmoor“ vom spanischen Vielfilmer Jess Franco, immerhin mit Christopher Lee in der Titelrolle – auch dieses Werk Exploitation in Reinkultur.

Am Ende wartet der Scheiterhaufen

Boblig von Edelstadt äußert gegenüber Dekan Lautner, nur noch ein Buch zu lesen – den „Hexenhammer“ (von der Bibel ist er längst abgekommen). Das 1486 in Speyer veröffentlichte Werk gilt als eines der berüchtigtsten Schriftstücke der Hexenverfolgung. Auch unter dem lateinischen Titel „Malleus Maleficarum“ bekannt und veröffentlicht, definiert das Buch, was eine Hexe sei, beschreibt schwarzmagische Praktiken und erstellt Regeln für Hexenprozesse. Verfasst vom Dominikanermönch Heinrich Kramer, ist der „Hexenhammer“ bis heute Gegenstand einer wissenschaftlichen Kontroverse, ob der oft als Mitautor genannte Dominikaner Jakob Sprenger tatsächlich daran mitgeschrieben hat.

Literatur für Fanatiker

Eine deutsche Fassung findet sich im „Internet Archive“, auch ein PDF zum Herunterladen gibt es online, in der „Wolfenbütteler Digitalen Bibliothek“ gibt es obendrein eine abfotografierte lateinische Ausgabe von 1490. Im Buchhandel finden sich aber auch Neuübersetzungen mit und ohne Kommentierung.

Mit „Hexenhammer“ hat das kleine Label Ostalgica im April 2019 die feine Reihe „Classic Chiller Collection“ gestartet, die es bis zum Sommer 2020 bereits auf acht Filme gebracht hat, darunter die wunderbaren „Insel der verlorenen Seelen“ („Island of Lost Souls“, 1932) und „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ („Murders in the Rue Morgue“, 1932). An der Bild- und Tonqualität von „Hexenhammer“ habe ich nichts auszusetzen. Ostalgica reichert die Editionen der Reihe mit Schuber, diversen Covermotiven und Booklet an. In diesem Fall erfahren wir auf zwölf Seiten einiges über das Inquisitionsbuch „Hexenhammer“ und die Produktion des Films. Als zusätzlichen Bonus hat Ostalgica zwei CDs hinzugefügt, die das Hörspiel „Die Elixiere des Teufels“ nach E. T. A. Hoffmann enthalten. Das hätte an sich gar nicht Not getan, aber da es ansonsten kein außergewöhnliches Zusatzmaterial auf der Blu-ray gibt, wertet es die Edition doch auf. Eine hervorragende Veröffentlichung des vielleicht besten Hexenverfolgungsfilms. Ganz wunderbar, wenn ein Kleinlabel wie Ostalgica eine solche Perle vor der Vergessenheit bewahrt.

Die „Classic Chiller Collection“ von Ostalgica haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt.

Veröffentlichung: 12. April 2019 als 3-Disc Edition (Blu-ray & 2 CDs) der „Classic Chiller Collection“), 11. September 2015 und 8. Oktober 2010 als DVD

Länge: 107 Min. (Blu-ray), 102 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Tschechisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Kladivo na carodejnice
Alternativtitel: Die Hexenjagd
CSSR 1970
Regie: Otakar Vávra
Drehbuch: Otakar Vávra, Ester Krumbachová, nach einem Roman von Václav Kaplický
Besetzung: Vladimír Smeral, Elo Romancik, Sona Valentová, Josef Kemr, Blanka Waleská, Lola Skrbková, Jirina Stepnicková, Marie Nademlejnská, Miriam Kantorková, Eduard Cupák, Martin Ruzek, Jirí Holý
Zusatzmaterial 2019: Bildergalerie, Trailershow, Hörspiel „Die Elixiere des Teufels“ von E. T. A. Hoffmann auf 2 CDs, Wendecover mit Alternativmotiv, 12-seitiges Booklet, Schuber
Label 2019: Ostalgica
Vertrieb 2019: Media Target Distribution GmbH
Label 2015: Castle View Film
Vertrieb 2015: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2010: Voulez Vous Film (Intergroove)

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & oberster Packshot: © 2019 Ostalgica

 

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