The Big Circus
Von Ansgar Skulme, für den dies sein 150. Text bei „Die Nacht der lebenden Texte“ ist. Herzlichen Glückwunsch!
Zirkusdrama // Nachdem er sich mit seinen ehemaligen Geschäftspartnern, den Borman Brothers, überworfen hat, will Henry Jasper Whirling (Victor Mature) mit einem eigenen Zirkus durchstarten. Dazu fehlt es lediglich am notwendigen Startkapital. Die Bank seines Vertrauens hat Lust auf das Projekt, aber kein Vertrauen in Whirlings Umgehen mit Geld. Daher wird ihm gegen seinen Willen der Sparfuchs Randy Sherman (Red Buttons) als Prüfer zur Seite gestellt. Der mit besonderen Vollmachten ausgestattete Sherman engagiert über Whirlings Kopf hinweg prompt die versierte Werbefachfrau Helen Harrison (Rhonda Fleming). Whirling schmeckt das alles nicht besonders, aber es muss immer weitergehen – und während einer Tournee durch das ganze Land wollen viele Hände geschüttelt und Menschen aller Altersklassen sowie verschiedener sozialer Schichten gewonnen werden. Stärke zieht Whirling aus der Loyalität seiner Schwester Jeannie (Kathryn Grant), seines Sprechstallmeisters Hans Hagenfeld (Vincent Price), des Clowns Skeeter (Peter Lorre) und der Artisten um Zach Colino (Gilbert Roland), die für Whirling ihren letzten Penny geben würden, weil sein Zirkus ihr Leben ist. Doch der Konkurrenzkampf zwischen den Direktoren der verschiedenen Shows im Land ist groß und es mehren sich Hinweise auf einen Saboteur in den eigenen Reihen.
Das klassische Hollywood-Kino lag Ende der 50er-Jahre, rückblickend betrachtet, bereits in den finalen Zügen. Neben einem zunehmenden Bedeutungsgewinn von Fernsehproduktionen brachten die 60er schließlich auch viele visuelle und narrative Innovationen, die spätestens in der zweiten Hälfte jenes Jahrzehnts das Kapitel „Classical Hollywood“ endgültig schlossen. „Die Welt der Sensationen“ ist einer der letzten Hollywood-Filme der klassischen Ära, der im Grunde durch und durch so aussieht und wirkt, als hätte er auch zehn oder fünfzehn Jahre früher entstanden sein können. Für den Hauptdarsteller Victor Mature war es gleichzeitig eine Art kleines Lebewohl. Er verabschiedete sich kurz darauf für zwei Filme in Richtung Italien, legte danach eine etwa fünfjährige Pause ein und kehrte dann nur noch vereinzelt vor die Kamera zurück. Der Star aus Filmen wie „Faustrecht der Prärie“ (1946), „Der Todeskuss“ (1947), „Schrei der Großstadt“ (1948) und „Samson und Delilah“ (1949) war in der zweiten Hälfte der 50er bereits vermehrt in britischen Produktionen aufgetreten, mit „Die Welt der Sensationen“ und Jacques Tourneurs „Timbuktu“ eroberte er sich 1959 aber noch einmal in US-Filmen das Publikum. Selbst denjenigen, die seine schauspielerische Variabilität gelegentlich wegzudiskutieren versucht haben, sollte auffallen, dass Mature als Zirkusdirektor, der ein Mann der großen Gesten ist, erstaunlich glaubwürdig funktioniert. Man könnte sogar sagen, dass „Die Welt der Sensationen“ vielleicht so etwas wie sein Husarenstück ist, zu einem Zeitpunkt, an dem er in Hollywood eigentlich schon abgeschrieben zu sein schien.
Schlagkräftige Startaufstellung
Immerhin muss man in Betracht ziehen, dass es sich hierbei nicht nur um eine technisch aufwendige Produktion in CinemaScope und Technicolor handelt, sondern dass Mature eine Besetzungsliste anführt, zu der unter anderem der damals frisch gebackene Oscar-Preisträger Red Buttons (bester Nebendarsteller für „Sayonara“, Preisverleihung 1958) gehört. Neben ihm treten Vincent Price und Peter Lorre auf, die man zumindest aus heutiger Sicht durchaus als Ikonen betrachten kann – obendrein in ungewöhnlichen Parts, an denen sie, trotz für ihre Verhältnisse relativ geringer Rollengröße, offensichtlich viel Freude hatten. Vincent Price als Moderator in der Manege und Peter Lorre als klassischer Zirkus-Clown mit allen Schikanen – und das sogar noch im selben Film! Wirklich geniale Besetzungsideen. Es gibt zweifellos Fans, die allein schon deshalb zuschauen wollen, um diese beiden in diesen Rollen zu sehen. Ein wenig scheint es, als hätten Lorre und Price die Chance beim Schopf gepackt, einmal einen Zirkusfilm zu drehen, und dem Faktor, dass es sich um keine allzu teure Produktion handelt, nicht unnötig große Bedeutung beigemessen. Frei nach dem Motto: besser in einer mittelgroßen Rolle dabei gewesen als gar nicht. Am Set eines Zirkusfilms mag es sich für den einen oder anderen Schauspieler ähnlich angefühlt haben wie für ein Kind im Schlaraffenland – allerdings gilt das gerade im Kontext des klassischen Hollywoods sicher nicht nur für dieses Genre.
Nicht minder ideal besetzt ist Gilbert Roland, der den am Trapez und Hochseil gewieften Zach Colino mit der für ihn typischen charismatischen Mischung aus stilsicherer Eleganz und südländisch geprägter Männlichkeit, gleichzeitig ewiger Frauenschwarm und emotionaler Familienmensch, genauso glaubhaft zum Leben erweckt wie Victor Mature den Zirkusdirektor. Ähnlich wie auch bei Mature gilt für Roland gleichfalls, dass er zwar häufig zu überzeugen und mit seinen Qualitäten auf der Leinwand zu vereinnahmen wusste, aber nur selten so dermaßen auf den Punkt, quasi perfekt besetzt war wie in „Die Welt der Sensationen“. Die Rolle atmet von der ersten bis zur letzten Sekunde alles, was Gilbert Roland als Schauspieler auszeichnet. Viele Schauspieler haben in ihrem Leben zumindest einmal eine Rolle gespielt, bei der man das Gefühl hat, dass sie irgendwann einmal kommen musste. Die Besetzungen von Mature, Price und Lorre kann man als starke Geniestreiche bezeichnen, aber Roland strahlt sogar regelrecht etwas Unvermeidliches aus – als hätte es gar keine andere Option geben können und der Part sei unmittelbar für ihn geschrieben worden.
Auf Seiten der Damen schlägt sich Rhonda Fleming wacker mit den Vorverurteilungen herum, mit denen ihre Rolle als Frau, die als Werbechefin im Zirkus Whirling angeblich fehl am Platze sei, zu kämpfen hat. Diskussionen um eine Frauenquote in männerdominierten Unternehmen sind heute bekanntlich aktueller denn je und werden bereits hier unterhaltsam auf die Schippe genommen. Auch die zweitgrößte Frauenrolle zeigt sich willensstark: Whirlings flirtfreudige Schwester will unbedingt am Trapez auftreten, obwohl die Familie bereits einen schweren Schicksalsschlag in der Manege erlitten hat und ihr Bruder sie deswegen davon abzuhalten versucht, ihren Traum zu verwirklichen. Gespielt wird sie von Kathryn Grant, die hier zum letzten Mal vor jahrzehntelanger Pause für einen Kinofilm vor der Kamera stand, da sie sich nach den Dreharbeiten weitestgehend ins Privatleben an der Seite ihres Ehemanns Bing Crosby zurückzog, mit dem sie bis zu dessen Tod 1977 zwanzig Jahre verheiratet blieb. In den 60ern und 70ern wirkte sie sporadisch in TV-Produktionen mit und feierte erst im Jahr 2010 ein kleines Leinwand-Comeback, war jedoch leider unmittelbar vor dem US-Kinostart dieses Films („Queen of the Lot“) in einen Autounfall verwickelt, bei dem sie schwer verletzt wurde und ihr zweiter Ehemann zu Tode kam. Erfreulicherweise sind die 1923 geborene Rhonda Fleming und die 1933 geborene Kathryn Grant, deren Name zu Kathryn Crosby wurde, heute immer noch unter uns.
Jubel, Trubel, Sensationen, Superlative
Das massenwirksame Highlight voller Sensationen und Attraktionen, was er zum Zeitpunkt der Entstehung dieser Produktion gewesen ist, ist der Zirkus heute nicht mehr, da vor allem der Einsatz von Tieren in diesem Kontext mittlerweile sehr kritisch betrachtet wird. Umso erfreulicher ist es, dass sich „Die Welt der Sensationen“ bereits verstärkt auf artistische Darbietungen konzentriert und zudem schon früh im Film ein Tierquäler durch die Hauptfigur zur Verantwortung gezogen wird, was man als bewusstes Statement werten kann, wenngleich die Messlatte, wo unangemessener Umgang mit Tieren bereits beginnt, heute zweifellos eine andere ist als vor 60 Jahren.
Dem Produzenten Irwin Allen schwebte für „Die Welt der Sensationen“ eigentlich ein mit 40 Stars gespicktes Projekt vor, das gegenüber „The Story of Mankind“ (1957) dahingehend sogar noch eine Steigerung gewesen wäre, bei dem er zuvor nicht nur produziert, sondern auch selbst Regie geführt hatte. Erstaunlicherweise ist diese ansehnlich besetzte Zeitreise niemals mit einer deutschen Fassung veröffentlicht worden. „The Story of Mankind“ war von den Warner Brothers in die Kinos gebracht worden, für „Die Welt der Sensationen“ zunächst Columbia Pictures im Gespräch. Letztlich realisierte aber Allied Artists, ein im Fenster von 1947 bis 1953 schrittweise aus Monogram Pictures hervorgegangenes Unternehmen, das Projekt und Irwin Allen blieb als Produzent sowie im Drehbuch-Team hinter den Kulissen. Columbia brachte stattdessen 1959 im Zirkus-Sektor George Shermans „Menschen ohne Nerven“ heraus. Monogram war seit Anfang der 30er-Jahre für eher niedrig bis sehr niedrig budgetierte Filme bekannt und „Die Welt der Sensationen“ eine willkommene Möglichkeit, diesem Image unter der erst einige Jahre wehenden Flagge von Allied Artists einen kleinen Strich durch die Rechnung zu machen. Gedreht wurde sogar auf dem Gelände von MGM. Letztlich landete auch „Die Welt der Sensationen“ viele Jahre später im Rechtestock der Warner Brothers und kam über deren „Archive Collection“ zu seiner DVD-Veröffentlichung in den USA. An den Kinokassen war der Film rentabel und der wagemutige Versuch, ein Prestige-Projekt ausgerechnet im Sektor des Zirkusfilms zu starten, kann mit Blick auf Allied Artists insofern durchaus als geglückt betrachtet werden.
Dass der Zirkusfilm selbst im klassischen Hollywood-Kino, das beileibe nicht gerade als die sparsamste Epoche der Filmgeschichte bekannt ist, ein nur recht selten angefasstes Subgenre des Dramas bildet, ist sicherlich dem Umstand geschuldet, dass Zirkusfilme eigentlich nur dann so richtig funktionieren können, wenn sehr viel Geld darin steckt. Insbesondere in den 50er-Jahren, als die Technik mehrere neue Höhepunkte erreichte (zum Beispiel 3D und CinemaScope), brauchte man zumindest ohne kunterbunte Farb-Kameraarbeit in dem Sektor eigentlich gar nicht erst anfangen. Ende der 50er waren außerdem die Breitwand-Formate längst Pflicht und das sogenannte „Vollbild“-Format im Kino bereits circa fünf Jahre überholt. Zudem erscheinen hohe Investitionen in Statisten, die Stars doubelnde Artisten und zusätzliche Acts sowie die gesamte Ausstattung beim Zirkusfilm mehr oder minder unvermeidlich, da es ein völliges Paradox ist, sich auf das Parkett der „größten Schau der Welt“ zu wagen, aber dann nach Kleinklein auszusehen. Es ist ausgesprochen mutig, dass sich Allied Artists dennoch nicht scheute und sogar mehr Geld in die Stars als das Drumherum investiert zu haben scheint, wenngleich es derer zumindest keine 40 Personen geworden sind.
Der Film ist ziemlich clever inszeniert und kaschiert das trotzdem offensichtlich weit unterhalb der großen Studios angesiedelte Budget insbesondere durch die Präsenz der starken Schauspieler-Crew, die immer wieder im Vordergrund darüber hinwegtäuscht, dass Massenszenen relativ schlau umgangen oder mit vergleichsweise wenigen Statisten und ein paar rahmenden Parade-Aufnahmen umspielt werden. Man sieht vom Publikum den ganzen Film über eigentlich kaum nennenswerte Details, es führt gewissermaßen ein Schattendasein innerhalb der Handlung, obwohl es doch eine der wichtigsten treibenden Kräfte hinter den Aktionen der Protagonisten ist – dies ist allerdings so intelligent inszenatorisch umgesetzt worden, dass es nicht stört. Die gänzliche Hülle und Fülle, die den Zirkus eigentlich umgibt, reißt der Film immer wieder an, ohne aber jemals in die Vollen zu gehen. Der Fokus liegt total auf den sieben im Vordergrund stehenden Figuren (Whirling und seine Schwester, Sherman, Hagenfeld, Skeeter, Zach Colino und Helen Harrison), und die sieben Personen, die diese Rollen spielen, stehlen den Film gewissermaßen völlig, gemeinsam mit ein paar sehenswerten Artistik-Nummern und zumeist kurz gehaltenen Tier-Auftritten.
Stars in der Manege
Natürlich bewegt sich „Die Welt der Sensationen“ im Windschatten von Cecil B. DeMilles „Die größte Schau der Welt“ (1952), versucht aber gar nicht erst, künstlich mit dessen enormer Größenordnung zu wetteifern. „Die größte Schau der Welt“ hatte ein in etwa doppelt so hohes Budget und generierte daraus sensationelle Einspielergebnisse an den Ticket-Schaltern. „Die Welt der Sensationen“ kann jedoch gut und gern zum sehenswerten Repertoire des klassischen US-Zirkusfilms gezählt werden – neben Produktionen wie „Trapez“ (1956) und „Held der Arena“ (1964), wobei Letztgenannter als sehr später Vertreter sicher trotzdem viele signifikante Merkmale der klassischen Ära aufweist, unter anderem weil es eines dieser Projekte ist, für die John Wayne mehrere Altstars um sich versammelte. Wer es hingegen lieber in Serien-Form, aber trotzdem klassisch und amerikanisch mag, wird bei „Corky und der Zirkus“ (1956–58) sowie „Zirkusdirektor Johnny Slate“ (1963–64) fündig, wobei die Serie um Johnny Slate mit Originaltitel „The Greatest Show on Earth“ schon allein deswegen Interessantes verspricht, weil Jack Palance den Zirkusdirektor spielt und als Vorlage der eingangs dieses Absatzes besagte DeMille-Film von 1952 diente.
Im Rückschluss ist „Die Welt der Sensationen“ folglich auch ein gutes Beispiel für eine von einem zu Unrecht wenig beachteten Regisseur inszenierte klassische Hollywood-Produktion. Joseph M. Newman hat hier aus begrenzten Mitteln nicht nur eine Menge herausgeholt und sehr klug mit den gegebenen Möglichkeiten gehaushaltet, in einem für diese Herausforderung zudem besonders komplizierten Genre, sondern auch im Verlauf seiner Karriere bewiesen, dass er in diversen Genres zu überzeugen wusste. Zu Newmans Filmografie zählt beispielsweise der Film noir „Der Henker saß am Tisch“ (1950), der Fans und Analytikern des Genres durchaus kein Unbekannter ist. Ich persönlich mochte auch „Abandoned“ (1949) und „Immer jagte er Blondinen“ (1954) als weitere Beiträge zum Noir von ihm. Darüber hinaus hat Newman mit „Metaluna IV antwortet nicht“ (1955) einen Science-Fiction-Reißer realisiert, der zu denen gehört, die sich bis heute einen gewissen Kultstatus erarbeitet haben – Ostalgica hat ihn bereits auf Blu-ray und DVD veröffentlicht. Sogar Newmans erfolgreichste Filme scheinen aber meist in einer Form diskutiert worden zu sein, die dem Regisseur relativ wenig Bedeutung zugestand. Eintönigkeit war ihm jedoch offenbar ein Fremdwort, selbst im Western blieb er auffallend abwechslungsreich: „Der rote Reiter“ (1952) schickt Tyrone Power in Kanada auf Heldenreise, „El Tigre“ (1955) spielt bereits um 1700 und zeigt Jack Palance als Hauptprotagonist zu Zeiten, als sich noch die Spanier in Neu-Mexiko und Kalifornien austobten. Daneben findet man aber auch Western vor typischerer Kulisse in Newmans Portfolio: „Die Letzten der 2. Schwadron“ (1958), der sicher einer der besten Western mit Joel McCrea ist, mit dem er kurz danach auch noch „Drauf und dran“ (1959) realisierte. Einmal ist McCrea hier der an seine Grenzen gehende, Indianer hassende, auch optisch verbraucht wirkende Soldat, das andere Mal der aufrechte Sheriff; einmal geht es um den Widerstreit mit Indianern, einmal um Gesetz und Ordnung in der Stadt, womit die beiden Hauptthemen des damaligen Westerns bedient sind. Sogar einen Film über eine Fallschirmeinheit der Feuerwehr – thematisch schon beinahe so etwas wie ein Unikat innerhalb der Epoche – hat Joseph M. Newman einst gedreht: „Die Feuerspringer von Montana“ (1952) mit Richard Widmark. Kurzum: Newman probierte immer wieder etwas Neues aus und es wurde ihm offensichtlich auch zugetraut, mit einer gewissen Summe Geld in der Hand des Öfteren neue Pfade zu betreten.
Nach „Die Welt der Sensationen“ ging es mit seiner Karriere dennoch nicht mehr lange weiter. 1961 erschienen noch einige Regiearbeiten von Joseph M. Newman auf der Leinwand, die gänzlich oder in Teilen dem Überbegriff Kriminal- oder Gangsterfilm zugeordnet werden können. Darunter findet sich ein Biopic über den Schauspieler und Tänzer George Raft, der in die Unterwelt verwickelt gewesen ist, mit deutschem Titel „Der tanzende Gangster“ – Newman kannte auch den wirklichen Raft, insbesondere durch die Zusammenarbeit an dem Film „Geheimdienst schlägt zu“ (1951). Unter Newmans letzten Kino-Ausflügen findet sich außerdem die einzige Episode der TV-Serie „Der Asphaltdschungel“, die mittels einer verlängerten Fassung für eine Kino-Auswertung aufbereitet wurde. Hinzu gesellte sich auch noch ein Western: „Massaker im Morgengrauen“ (1961). Ansonsten inszenierte Newman von 1960 bis 1965 nur noch für das Fernsehen und zog sich dann aus der Branche zurück. Er starb allerdings erst 2006, im Alter von 96 Jahren, und wurde noch kurz vor seinem Tod anlässlich der Arbeiten von Kollegen, mit denen er bekannt gewesen war, interviewt. Während der 30er-Jahre wurde bei der Oscar-Verleihung eine Zeitlang auch die beste Regieassistenz prämiert – in dieser Phase war auch Newman in jener Kategorie zweimal für die begehrte Auszeichnung nominiert. Über Regisseure seines Schlages aus der zweiten oder sogar dritten Reihe des klassischen Hollywoods sollte häufiger geschrieben und gesprochen werden.
Alles außer Ackermann
„Die Welt der Sensationen“ kam in Deutschland das erste Mal 1960 in einer gekürzten Fassung in die Kinos, bereits 1979 wurde der Film im Auftrag der ARD ein weiteres Mal synchronisiert. Anlass hierfür dürfte das Bestreben gewesen sein, die Geschichte in voller Länge zu präsentieren, da die Kinofassung auch später noch im Fernsehen gesendet wurde und insofern wahrscheinlich nie als verschollen gegolten hat. Erfreulich ist, dass beide Synchronfassungen sehr gelungen und hörenswert sind. Auch die zweite deutsche Version schafft es, atmosphärisch immer noch annehmbar zu funktionieren, trotz der verspäteten Entstehung nach 20 Jahren. Ein überraschender Höhepunkt der Neufassung ist die Besetzung von Christian Wolff in der Hauptrolle, dem es erstaunlich gut gelingt, das Charisma von Victor Matures Originalton einzufangen, obwohl man angesichts von Wolffs Film- und Fernsehauftritten in der Regel sicher nicht allzu schnell auf die Idee käme, gedankliche Parallelen ausgerechnet zu Mature zu ziehen. Wolff war bereits damals sowohl vor der Kamera als auch als Synchronsprecher sehr erfahren, erlangte aber später vor allem durch seine TV-Hauptrolle in „Forsthaus Falkenau“ nachhaltige Bekanntheit, die er von 1988 bis 2006 bemerkenswert lange verkörperte. Wolff ist gegenüber Heinz Engelmann in der ersten Synchronfassung sogar die originellere Besetzung, da Engelmann in den 50er-Jahren sehr häufig für diesen und jenen Star irgendwann einmal eingesetzt wurde. Bedauerlicherweise wurde hier auf Matures langjährigen Stammsprecher Curt Ackermann verzichtet, der in anderen um 1959/1960 in Deutschland erschienenen Filmen mit Victor Mature aber noch für ihn zu hören ist. Unabhängig davon ist Heinz Engelmann aber auch hier eine dermaßen sichere Bank, dass die Synchronfassung trotz dieses Kontinuitätsbruchs Freude macht, da Engelmann für die allermeisten Schauspieler, die er synchronisierte zu funktionieren wusste, was eine verblüffende Begabung ist, die in dieser Form – mit unglaublich vielen sehr gut gelingenden Einsätzen für viele verschiedene Schauspieler in Hauptrollen – Seltenheitswert genießt.
Sowohl mit der ersten als auch der zweiten deutschen Synchronfassung wurde „Die Welt der Sensationen“ bei Fernsehausstrahlungen leider im falschen Bildformat gesendet. Da eröffnet sich dem geneigten Betrachter beim Blick auf die Neuabtastung für internationale DVD-Veröffentlichungen, auch farblich, wirklich ein ganz anderes Filmerlebnis. Der Zirkusfilm ist nun gerade eines der Genres, bei denen Farbe und deren Gestaltung im Raum oft eine besonders große Rolle spielen und insofern ist eine ordentliche Abtastung des Bildes im korrekten Format Gold wert. Obwohl die USA schon vor mehr als zehn Jahren vorgelegt haben, wartet man in Deutschland leider immer noch vergeblich auf eine Heimkino-Veröffentlichung. Dabei hätte „Die Welt der Sensationen“ wegen seiner Schauspieler, aufgrund des relativ selten bewirtschafteten Genres sowie aufgrund kleiner Trash-Facetten, wenn man an die vergleichsweise kostengünstige Produktion und die etwas reißerische Kriminalnebenhandlung denkt, eigentlich sogar das Potenzial für eine Liebhaber-Veröffentlichung im Mediabook oder in einer Hartbox.
Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Rhonda Fleming haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Peter Lorre, Victor Mature und Vincent Price unter Schauspieler.
Veröffentlichung (USA): 22. Juni 2009 als DVD
Länge: 109 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: The Big Circus
Österreichischer Alternativtitel: Panik im Zirkus
USA 1959
Regie: Joseph M. Newman
Drehbuch: Irwin Allen, Charles Bennett, Irving Wallace
Besetzung: Victor Mature, Red Buttons, Rhonda Fleming, Gilbert Roland, Kathryn Grant, Vincent Price, Peter Lorre, David Nelson, Adele Mara, Charles Watts
Verleih: Allied Artists Pictures
Label/Vertrieb: Warner Archive Collection
Copyright 2020 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use
