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Die Rückkehr der Wölfe – Not in My Backyard?

16 Sep

Die Rückkehr der Wölfe

Kinostart: 17. September 2020

Von Philipp Ludwig

Natur-Doku // „Not in my backyard!“ So erklärt die österreichische Wildtier-Biologin Gudrun Pflüger einem Schafshirtenpaar im Dokumentarfilm „Die Rückkehr der Wölfe“ die oft verzwickte Lage in kontroversen Debatten. So können manche Menschen zwar immer wieder mal Verständnis für aktuelle Probleme aufbringen – aber deren Lösungen müssen sich doch bitte nicht gleich vor der eigenen Haustür einstellen. Wie die vergangenen großen Kontroversen unserer Zeit mitunter zeigten: Flüchtlinge? Klar, denen muss geholfen werden. Aber eine Unterkunft in meiner unmittelbaren Nachbarschaft? Nein, danke. Klimawandel? Schon nicht schön, das ist richtig. Eine Windkraftanlage mitten in meinem heimischen Panoramaausblick muss aber auch nicht sein. Dieses Paradox könnte man wohl noch ewig weiter ausführen. Auch das hier im neuesten Film des Schweizer Dokumentarfilmers Thomas Horat adressierte Paar, das mit seinem Lebensunterhalt, dem Hüten von Schafen, stets mit dem Wolf in Kontakt steht, fällt in dieses Schema. Zwar wollen die beiden dem Wolf nicht direkt das Grundrecht auf sein Leben absprechen oder unnötig Hass verbreiten – bei ihnen vor der Haustüre „braucht’s ihn dann aber auch net“.

Die Mär vom bösen Wolf?

Gerade der Wolf wurde in den vergangenen Jahren wieder vermehrt in den öffentlichen Fokus gezerrt und hat zu einigen Kontroversen zwischen Freund und Feind sowie einer mitunter geradezu abstrusen, durch gewisse mediale Hetzorgane geschürte Angst vor dem im Prinzip wenig gefährlichen Tier geführt. Dabei ist dem Wolf nichts weiter vorzuwerfen, als dass er sich in Europa nach nahezu 150 Jahren wieder in den Gegenden ausbreitet, wo er zuvor Jahrtausende zu Hause war – bevor der Mensch ihn dort im 19. Jahrhundert nahezu ausrottete. Nun ist er also wieder da, und da wir ihm seinen gewohnten Lebensraum samt Futterquelle vehement streitig machten, nähert sich das von Natur aus eher scheue Tier gezwungenermaßen unseren Lebensräumen und reißt zugegeben hin und wieder ein durchaus bedauernswertes Schaf.

Atemraubendes Dokumentarfilmkino

Doch woher kommt eigentlich diese Furcht des modernen Menschen vor einem natürlichen Gefährten, der über Tausende von Jahren friedlich an unserer Seite lebte und von dessen Abkömmling, dem Hund, wir nie genug bekommen können? Diese Frage beschäftigt auch den Schweizer Filmemacher Horat, der sich als Regie-Autodidakt in der jüngeren Vergangenheit einen Namen insbesondere in der Schweizer Dokumentarfilmlandschaft gemacht hat, aber auch weltweit auf diversen Festivals mit weiteren Natur-Werken wie „Wätterschmöcker“, „Alpsummer“ und „Ins Holz“ überzeugen konnte. Nahezu vier Jahre arbeitete er von 2016 bis 2019 an „Die Rückkehr der Wölfe“. Es verschlug ihn dabei in zahlreiche schöne Naturlandschaften, von Schweizer Gebirgen wie dem Wallis oder den österreichischen Alpen über die Lausitz, Polen und Bulgarien bis in die USA. Hier traf und befragte er gleich mehrere Natur- und Tierfreunde, Wissenschaftler und unmittelbar vom Wolf betroffene Menschen aus der Landwirtschaft. Somit wollte er, im Stile eines klassischen Interviewfilms, nicht bloß dem Wolf als Tier wissenschaftlich und empathisch näher kommen, sondern insbesondere die Ursachen für die zum Teil weit verbreitete Furcht und Ablehnung ihm gegenüber ergründen und ihnen entgegenwirken.

Ein Plädoyer gegen die menschliche Arroganz

Entstanden ist ein sehenswertes Plädoyer für ein zu Unrecht verteufeltes Tier. Dessen bemängeltes „Fehlverhalten“ stellt in erster Linie, wie so oft, ein von uns Menschen hausgemachtes Problem dar. Mit größter Leidenschaft bringen die interviewten Protagonistinnen und Protagonisten in Horats „Die Rückkehr der Wölfe“ Argument um Argument gegen den zum Teil bestehenden Hass auf die Wölfe vor. Auch wenn ich ihre Liebe für das allzu oft verkannte Tier absolut teile, so war mir die Auswahl an Interviewpartnern am Ende doch zu einseitig. Außer dem eingangs erwähnten Schafshirten-Paar kommt im gesamten Film eigentlich niemand aus den Wutbürger-Gefilden zu Wort, der beispielsweise den gesetzlich erlaubten sowie politisch gar forcierten Abschuss des Wolfes fordert. Selbst die weiteren im Film befragten Landwirte, die tatsächlich häufig unter Wolfsattacken zu leiden haben, lassen im Prinzip kaum ein schlechtes Haar an ihrem vermeintlichen Feind. So unternimmt der ambitionierte Dokumentarfilm auf herzzerreißende Weise zwar alles, um seine klare Botschaft „Pro Wolf“ unter die Menschen zu bringen. Für eine wirkliche Analyse der Kontroverse hätte ich mir dennoch gern auch die Argumente unterschiedlicher Gegenseiten gewünscht, um ihnen Rechnung zu tragen und den eigenen Argumenten im direkten Vergleich zu diesen noch ein wenig mehr Kraft zu geben.

Zahlreiche Experten und Naturfreunde kommen zu Wort

Neben den interessanten Einblicken in dieses beeindruckende Geschöpf der Natur weiß Thomas Horat in seinem neuesten Dokumentarfilm vor allem durch beeindruckende Landschaftsaufnahmen zu begeistern. Dank seiner Kameramänner Luzius Wespe und Lukas Gut haben es insbesondere die zahlreichen Aufnahmen grenzenloser Gebirgslandschaften in sich, die auch einem Fantasy-Epos entstammen könnten. Kombiniert mit der innovativen, folkloristisch und episch angehauchten musikalischen Untermalung durch das Schweizer Artra Trio handelt es sich bei „Die Rückkehr der Wölfe“ definitiv um einen Dokumentarfilm für die große Leinwand – der Score verleiht etwa durch den Nebeln stolpernden Schafsherden eine geradezu mystisch-majestätische Aura.

Dieses verdammte Rotkäppchen

Ein Protagonist aus Horats neuestem Werk bringt es gut auf den Punkt. So hat der Wolf in der menschlichen Geschichte zwar immer schon zentrale Rollen in Heldensagen und Epen eingenommen, etwa in der mythenumrankten Gründungsgeschichte der Stadt Rom. Doch irgendwie scheint bei vielen unserer Zeitgenossen vor allem das Märchen vom „verdammten Rotkäppchen“ nachhaltigen Eindruck vom Wolf als beinahe schon dämonenartiger Bösewicht vermittelt zu haben.

Der Schweizer Filmemacher Thomas Horat bei der Arbeit

Der Filmemacher jedoch musste sich mit seinem fertigen Werk selbst erst anfreunden, wie er im Presseheft zum Film anmerkt: „Ja, ich habe mich mit dem Film angefreundet. Am Anfang musste ich noch mit mir ringen; er ist konventioneller geworden, als ich es mir vorgestellt habe, doch soll er ja auch viele Informationen transportieren.“ Und so kommt „Die Rückkehr der Wölfe“, trotz toller Bilder und kreativer Einspielungen wie einem kurzen Animationsfilm, stellenweise tatsächlich ein wenig dröge daher. Ebenso fehlt durch die bereits angesprochene Einseitigkeit in den Positionen der Interviewten ein wenig der dramaturgische Pep, der dem Dokumentarfilm vielleicht noch ein wenig mehr Würze verliehen hätte. Nichtsdestotrotz gelingt dem Schweizer Filmemacher am Ende ein sehenswertes und interessantes Plädoyer für ein großartiges Tier. Anstelle von dessen Verteufelung sollten wir Schutz und Toleranz setzen, wie in vielen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens auch. So kommt auch Thomas Horat selbst zu dem Fazit, dass sein Film viel weniger nur versucht, etwas über den Charakter des Wolfes auszusagen, sondern vor allem uns Menschen mit unserem ambivalenten Verhalten einen Spiegel vorzuhalten: „Im Film geht es schlussendlich mehr um den Menschen als um den Wolf.“ Doch trotz der mitunter faszinierenden filmischen Einblicke in das natürliche Leben der titelgebenden Tiere hätte ich mir am Ende ein wenig mehr Wolf als Mensch gewünscht.

Ein einsamer Wolf auf Wanderschaft in der Lausitz

Länge: 90 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: Die Rückkehr der Wölfe
CH 2019
Regie, Drehbuch, Idee: Thomas Horat
Kamera: Luzius Wespe, Lukas Gut
Schnitt: Guido Henseler
Musik: Artra Trio, C. Gibbs
Mitwirkende: Ueli Metz, Lieni Schneller, David Gerke, Reinhard Schnidrig, Stephan Kaasche, Karsten Nitsch, Michaela Walchhofer, Franz Holleis, Kurt Kotrschal, Gudrun Pflüger, Elena Tsingarska, Ivan Beliov, Sabrina Nowak, Robert Myslajek, Johnnie und Bert Hyde, Polly Carlson-Voiles, Steve Voiles, L. David Mech, Dr. Shannon Barber Meyer
Verleih: mythenfilm

Copyright 2020 by Philipp Ludwig

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2020 mythenfilm

 

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