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Horror für Halloween (XVIII): Miss Zombie – Die stumme Dienerin

05 Okt

Miss Zombie

Von Andreas Eckenfels

Horrordrama // Pflegehinweise: Füttern Sie immer Früchte und Gemüse. Aber stellen Sie niemals Fleisch zur Verfügung. Denn ansonsten könnte es tödlich für Sie enden. Sollte es versuchen, Sie körperlich anzugreifen, zögern Sie nicht, es mit der beigelegten Waffe zu erschießen!

Nur für ein paar Tage soll die wohlhabende Familie Teramoto für einen Freund des Vaters (Tôru Tezuka) einen weiblichen Zombie (Ayaka Komatsu) bei sich aufnehmen. Die Lieferung der großen Holzkiste fällt in der Wohngegend natürlich auf und macht die Nachbarschaft nervös. Doch Herr Teramoto – ein angesehener Arzt – versichert: Es sei ein Zombie der „1. Stufe“, damit fast menschlich und völlig ungefährlich – sofern er kein Fleisch bekomme. Zur Not hätte er ja noch die Pistole. Fortan arbeitet Sara, wie der Zombie vor seiner Wandlung zur Untoten hieß, als billige Arbeitskraft für die Teramotos.

Von Frau Teramoto (Makoto Togashi) erhält die stumme Sara Kleidung und nach getaner Arbeit ihre Essensration. Nachdem der Zombie tagsüber auf den Knien den Steinboden vor dem Haus schrubbt, verbringt er die Nächte in einem Lagerraum. Auf dem abendlichen Weg dorthin wird Sara von gelangweilten Jugendlichen immer wieder malträtiert. Obwohl sie mit Steinen beworfen wird und auch mal ein Schraubenzieher in ihrer Schulter landet, wehrt sie sich nicht. Sie schlurft einfach weiter in ihr Quartier.

Ein Zombie wird vergewaltigt

Ähnlich verhält es sich, als Sara im Lagerraum von zwei Bauarbeitern vergewaltigt wird, die bei der Familie angestellt sind. Stumm erträgt sie die Pein. Auch Herr Teramoto wird sich später an der Untoten vergehen. Alles ändert sich, als der kleine Sohn (Riku Ohnishi) der Familie bei einem Unfall stirbt. Verzweifelt bittet Frau Teramoto den Zombie, den Jungen mit einem Biss ins Leben zurückzuholen.

Von Miike bis Scorsese

Obwohl der japanische Regisseur und Schauspieler Sabu, der mit bürgerlichen Namen Hiroyuki Tanaka heißt, schon seit Mitte der 1990er-Jahre aktiv ist, habe ich einen ersten Film von ihm erst auf der Berlinale 2017 gesehen. Mit der Geschichte des taiwanesischen Profikillers „Mr. Long“, der in einer japanischen Kleinstadt untertaucht und dort mit schmackhaften Köstlichkeiten die Bewohner glücklich macht, war Sabu im Wettbewerb vertreten. Seine frühen Werke „Postman Blues“ (1997) und „Unlucky Monkey – Des Wahnsinns fette Beute“ (1998) liegen aber immerhin als DVDs schon länger in meinem Regal – zu meiner Schande noch ungesehen. Seinen Künstlernamen übernahm Tanaka von der Figur, die er in seinem ersten Film, der Komödie „Sorobanzuku“ (1986), spielte. Auch in Takashi Miikes Kultfilm „Ichi the Killer“ (2001) war Tanak in einer Nebenrolle dabei, ebenso in einer kleinen Rolle als Samurai in Martin Scorseses Glaubensdrama „Silence“ (2016).

Empathie mit dem Monster

Die Geschichte von „Miss Zombie“ hätte mit kleinen Drehbuchänderungen auch ohne Horroranteil als Familiendrama bestens funktioniert – der Zombie als Hauptfigur erweitert sie um einige Facetten. Sabu erzählt das Horrordrama aus der Perspektive von Zombie Sara, da ist es verständlich, dass er zur Darstellung ihrer tristen Lebenswelt poetische Schwarz-Weiß-Bilder wählt. Nur im Finale wechselt das Geschehen kurz zu Farbe. Sara spricht zwar kein Wort, dennoch gelingt es Sabu, ihre Gedanken greifbar zu machen. In ihrem Nachtquartier findet sie ein Foto einer schwangeren Frau, dabei streicht sie sich selbst über den Bauch, den eine große Narbe ziert. Huscht hier eine Erinnerung an ihre Vergangenheit als Mensch durch ihren Kopf? In Rückblenden sehen wir, wie Sara mit ihrem Mann in einem Auto sitzt, dass von einer wilden Zombiehorde umzingelt ist. Wurde sie durch diesen Angriff zur Untoten? Da Sara sogar den Lagerraum mit Blumen schmückt und ihre Wunden fleißig mit Nadel und Faden flickt, fragt man sich bald zwangsläufig, wie viel Mensch doch noch in diesem Zombie der „1. Stufe“ steckt.

Der Zombie – zum Fürchten oder bemitleidenswert?

Wenn es nach der Familie, den Bauarbeitern oder den Jugendlichen geht, ist Sara allerdings schlicht ein Objekt, dem man Befehle erteilt, stupide Arbeiten gibt, ohne Konsequenzen ärgern und sexuell ausbeuten kann. Das sind teils schmerzhafte Bilder, die das Publikum serviert bekommt. Durch die persönlichen Einblicke und die Bilder der Unterdrückung und Ausbeutung, die Sara als Dienerin wortlos erträgt, empfindet das Publikum eine immer stärker werdende Empathie für das vermeintliche Monster. Gleichzeitig erhält das emotionale Horrordrama so auch einen gesellschaftskritischen Anstrich.

Nicht alle Zombies sind so friedlich …

Als Sara den Sohn ins Leben zurückholt, ändern sich jedoch die Verhältnisse und ihre Rolle: Der Junge sieht nun sie als Mutter an – plötzlich hat auch Sara Macht über die Familie, agiert fortan selbstbestimmter und wird langsam wieder zum Menschen.

Zombie mit Persönlichkeit

Sabu ist mit „Miss Zombie“ eine kleine Rarität gelungen: Im Gegensatz zu anderen klassischen Monsterfiguren, seien es etwa Vampire oder Werwölfe, ist es bei den ausdruckslos starrenden Zombies unüblich, dass sie Emotionen zeigen – außer wenn sie Fressen wittern. Wenn man an Bub aus „Zombie 2 – Das letzte Kapitel“ (1985) denkt, gibt es immer mal wieder charismatische Zombiefiguren mit Persönlichkeit in der Horrorfilmgeschichte. Aber es kommt selten vor, dass alles aus ihrer Sicht erzählt wird und das Publikum mit einem Zombie wie Sara voll und ganz mitfiebert. Ein wenig erinnert „Miss Zombie“ an „Maggie“ (2015) mit Arnold Schwarzenegger, der mit einer ähnlichen melancholischen Grundstimmung und einer ruhigen Erzählweise die umgekehrte Geschichte von der Zombifizierung eines Mädchens erzählt, bei der aber die Vater-Tochter-Beziehung und das Loslassen eines geliebten Menschen viel stärker im Fokus steht. Sabus „Miss Zombie“ geht inhaltlich den umgekehrten Weg, ist dem Schwarzenegger-Werk natürlich auch stilistisch weit überlegen und wesentlich schonungsloser erzählt.

… wie Sara

Horrorfans, die dem anspruchsvollen Asiakino nicht abgeneigt sind und auch auf überbordende Gewaltausbrüche verzichten können, sei „Miss Zombie“ wärmstens empfohlen. Ich freue mich jedenfalls über diese Entdeckung, bin bereit in Sabus Œuvre einzutauchen und zu sehen, was ich sonst noch von ihm bislang verpasst habe. Die mit einem Booklet von David Renske und einem Videovorwort von Prof. Dr. Marcus Stiglegger bestückte und auf 1.000 Exemplare limitierte 2-Disc Special Edition des Horrordramas kann im Übrigen im Online-Shop des Labels Wicked Vision Distribution GmbH direkt geordert werden.

Veröffentlichung: 13. April 2020 als 2-Disc Limited Special Edition (Blu-ray & DVD, limitiert auf 1.000 Stück)

Länge: 85 Min. (Blu-ray), 81 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Japanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Miss Zombie
JAP 2013
Regie: Sabu
Drehbuch: Sabu
Besetzung: Makoto Togashi, Riku Ohnishi, Ayaka Komatsu, Tôru Tezuka, Tarô Suruga, Tateto Serizawa
Zusatzmaterial: 16-seitiges Booklet mit einem Essay von David Renske, Einführung von Prof. Dr. Marcus Stiglegger, Originaltrailer, deutscher Trailer, Wendecover
Label/Vertrieb: Neue Donau Film e. K. / Wicked Vision Distribution GmbH

Copyright 2020 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Wicked Vision Distribution GmbH

 

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