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Horror für Halloween (XXIV): Das Grauen auf Black Torment – Hammer als großes Vorbild

10 Okt

The Black Torment

Von Andreas Eckenfels

Horrordrama // Ende des 18. Jahrhunderts: Nach dreimonatiger Abstinenz kehrt Sir Richard Fordyke (John Turner) mit seiner zweiten Ehefrau Elizabeth (Heather Sears) auf den Familienlandsitz zurück. Befremdlich für den Adligen: Nicht nur von Dorfschmied Black John (Francis De Wolff), auch von den restlichen Bediensteten schlägt ihm Missgunst entgegen. Richards Vater (Joseph Tomelty), der nach einem Schlaganfall auf einen Rollstuhl angewiesen ist und sich nur per Zeichensprache unterhalten kann, sowie seine ehemalige Schwägerin Diane (Ann Lynn), deren Schwester Anne vor fünf Jahren Selbstmord beging, heißen das frisch vermählte Brautpaar hingegen herzlich willkommen. Hausverwalter Seymour (Peter Arne) klärt Richard darüber auf, warum die Leute ihm so ablehnend gegenüberstehen: Die Hirtentochter Lucy (Edina Ronay) wurde vor zwei Tagen im Wald von einem Fremden misshandelt und vergewaltigt – bevor sie starb rief sie noch Richards Namen. Nun denkt die Bevölkerung, dass Richard der Täter war, obwohl er in der Mordnacht mehrere hundert Meilen entfernt in London weilte.

Richard und Elizabeth treffen auf dem Landsitz der Fordykes ein

Richard will nicht, dass Elizabeth von dieser Geschichte erfährt – seine Gemahlin hat sich schnell in ihrem neuen Zuhause eingelebt. Doch lange kann er es nicht mehr geheim halten. Des Nachts erscheint immer wieder eine geisterhafte Frau in Weiß, die seiner ersten Gattin Anne ähnlich sieht. Als weitere Morde und mysteriöse Dinge rund um das Anwesen vorfallen, treiben die unerklärlichen Geschehnisse Richard langsam in den Wahnsinn.

Beste Gothic-Horror-Atmosphäre

Als Anfang der 1960er-Jahre die Hammer Studios mit ihren Gothic-Horror-Geschichten Erfolge feierten, stieg 1964 nicht nur Amicus mit „Die Todeskarten des Dr. Schreck“ in die Produktion von Horrorfilmen ein, auch Compton Films servierte im selben Jahr mit „Das Grauen auf Black Torment“ ein eigenes Schauerstück. Für das kleine britische Produktionsstudio, das unter anderem auch „Ekel“ (1965) sowie „Wenn Kattelbach kommt…“ (1966) von dem damals noch unbekannten Roman Polanski finanzierte und Alain Resnais’ „Letztes Jahr in Marienbad“ (1961) in die britischen Kinos brachte, war das Werk allerdings der einzige Ausflug ins Horrorgenre. Ich konnte zwar keine Zahlen finden, aber angeblich floppte der Film an den Kinokassen und auch die zeitgenössischen Kritiker sollen alles andere als begeistert gewesen sein.

Richard (l.) erfährt von Seymour, warum die Leute schlecht auf ihn zu sprechen sind

An mangelnder Qualität kann dies allerdings nicht gelegen haben: In seiner Inszenierung orientiert sich Regisseur Robert Hartford-Davis an den großen Hammer-Vorbildern – er fährt alles auf, was ein atmosphärischer Gothic-Horrorfilm haben muss: Ein historisches Setting, prächtige Kostüme, ein altes Anwesen, sinistre Gestalten, mörderische Hände und ein mysteriöses Treiben – eigentlich fehlen nur die wabernden Nebelschwaden. Auch einige der Darsteller sammelten bereits zuvor Erfahrung bei Hammer-Produktionen: Heather Sears spielte die weibliche Hauptrolle in „Das Rätsel der unheimlichen Maske“ (1962), Francis De Wolff war unter anderem als Dr. Mortimer in „Der Hund von Baskerville“ (1959) dabei und Raymond Huntley trat in „Die Rache der Pharaonen“ (1959) auf. Die restliche Besetzung besteht ebenfalls aus soliden Handwerkern, die ihre Rollen ordentlich ausfüllen. Zu nennen sei hier außer Hauptdarsteller John Turner auch Schauspielveteran Joseph Tomelty, bekannt aus John Hustons „Moby Dick“ (1956) und „Die letzte Nacht der Titanic“ (1958), der hier als im Rollstuhl sitzender Vater in seiner letzten Kinorolle zu sehen ist. Tomelty war übrigens der Schwiegervater von Sänger Sting, der in erster Ehe mit dessen Tochter Frances verheiratet war.

Mehr Mystery als Grusel

Für heutige Zuschauerinnen und Zuschauer ist die Auflösung leicht zu durchschauen, damals hat der finale Twist sicher durchaus überrascht. Der deutsche Verleih nahm diesen zum Anlass, um dem Film nach dem Prolog eine eigene Texttafel hinzuzufügen, die auch als Werbemittel diente, um das Publikum in die Kinos zu locken. Darin ist zu lesen: Die Produzenten haben eine strenge Regel aufgestellt und werden dieselbe erzwingen, gemäß welcher gar niemand das gar bedrohliche und dramatische Ende darf preisgeben. Sie haben auch verordnet, dass jedwede Person, so diese das Ende preisgibt, von der „Schwarzen Plage“ wird erfasst werden. Diese deutsche Titelsequenz ist im Bonusmaterial zu finden. Dazu sorgt ebenfalls der deutsche Filmtitel für Verwirrung: Warum lautet dieser „Das Grauen auf Black Torment“, wenn die ganze Geschichte doch den Landsitz Fordyke zum Schauplatz hat? Der Originaltitel „The Black Torment“ bedeutet im Deutschen „Die schwarze Qual“ oder „Die schwarze Plage“, die deutsche Titelschöpfung ist insofern sehr unsauber geraten. Dies erscheint umso kurioser, als im Titelvorspann ja eine korrekte Übersetzung als „Schwarze Plage“ vorgenommen wurde. Auch die damalige Synchronfassung kann sich nicht so wirklich entscheiden, ob sich das Ehepaar gegenseitig siezt oder duzt. Das wechselt je nach Laune. Das Ganze ist aber weniger störend als amüsant.

Mysteriöse Dinge gehen in dem alten Gemäuer vor

Ebenso weckt der Prolog ein paar falsche Erwartungen: Darin beobachten wir, wie Lucy schwer atmend durch den nächtlichen Wald rennt, schließlich von dem Fremden eingeholt wird, die schon erwähnten mörderischen Hände nähern sich ihrem Hals und ein lauter Schrei ertönt, bevor die Titeltafeln eingeblendet werden. So rasant geht es im weiteren Verlauf nicht weiter. Das Drehbuch der Brüder Derek und Donald Ford, welches sich offensichtlich auch an ein paar Motiven aus Alfred Hitchcocks „Rebecca“ (1940) beziehungsweise aus dessen gleichnamiger Romanvorlage von Daphne Du Maurier bedient, ist weniger ein Horrorreißer, wie der Beginn suggeriert, sondern mehr ein langsam sich aufbauender, gut konstruierter Mystery-Thriller mit ein paar Gruselelementen. Das Grauen entpuppt sich somit eher als ein laues Lüftchen. Wenn die Frau in Weiß auf einem Pferd dem verschreckten Richard durch die Wälder hinterherreitet und ihm immer wieder „Mörder! Mörder!“ hinterherruft, sorgt dies aber dennoch für ein klein wenig Gänsehaut.

Richard wird um den Schlaf gebracht

„Das Grauen auf Black Torment“ fehlt ein wenig die Eigenständigkeit, um sich von den überlegenen Produktionen aus den Hammer Studios abzuheben. Dennoch ist Regisseur Robert Hartford-Davis ein hübsch altmodisches und vor allem stimmungsvolles Werk gelungen.

Erst Horror, dann Korbstühle

Während Compton Films danach wie erwähnt keine Horrorfilme mehr drehte – und sich Ende der 1960er-Jahre auflöste –, wanderte Mitgründer Tony Tenser zu den Tigon British Film Productions ab und blieb dort dem Genre weiterhin treu: Als Produzent verantwortete er unter anderem „Im Banne des Dr. Monserrat“ (1967) mit Boris Karloff, „Der Hexenjäger“ (1968) mit Vincent Price und „Das Blutbiest“ (1968) mit Peter Cushing. Bei Pete Walkers „Frightmare“ (1974) war Tenser letztmals als Produzent tätig. Er verabschiedete sich anschließend aus dem Filmgeschäft und gründete ein Unternehmen in Lancashire, das Korbstühle herstellte.

Die Bediensteten vergnügen sich im Heu

Auch Regisseur Robert Hartford-Davis zeigte sich weiter horroraffin, arbeitete in „Die Bestie mit dem Skalpell“ (1968) ebenfalls mit Peter Cushing zusammen und drehte unter anderem 1972 den Blaxploitation-Kracher „Visum in die Hölle“ mit Jim Brown und Michael Landau.

Exklusives Bonusmaterial

„Das Grauen auf Black Torment“ erschien hierzulande erstmals 2008 auf DVD innerhalb der Reihe „Der phantastische Film“ von E-M-S. Nun präsentiert die Wicked Vision Distribution GmbH den Film im Mediabook innerhalb ihrer „Collector’s Series“ als deutsche HD-Premiere, abgetastet vom 35mm-Negativ. Für das exklusive Bonusmaterial ließ man sich nicht lumpen, holte Dr. Rolf Giesen und Dr. Gerd Naumann für einen gemeinsamen Audiokommentar vor das Mikro und konnte Filmwissenschaftler Prof. Dr. Marcus Stiglegger für eine Videoeinführung in das „Gothic Cinema“ gewinnen. Außerdem gibt es eigenproduzierte Interviews mit den Darstellern Annette Whiteley und Roger Croucher, die schöne Anekdoten vom Dreh erzählen. Die drei auf jeweils 333 Exemplare limitierten Covervarianten des Mediabooks können im Übrigen im Online-Shop von Wicked Vision direkt geordert werden.

Die Filme der „Collector’s Series“ der Wicked-Vision Distribution GmbH haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt.

Veröffentlichung: 31. März 2020 als Limited 2-Disc Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, drei Covermotive à 333 Exemplare), 18. September 2008 als DVD

Länge: 86 Min. (Blu-ray), 82 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Black Torment
GB 1964
Regie: Robert Hartford-Davis
Drehbuch: Derek Ford, Donald Ford
Besetzung: Heather Sears, John Turner, Ann Lynn, Peter Arne, Norman Bird, Raymond Huntley, Francis De Wolff, Annette Whiteley, Joseph Tomelty, Edina Ronay, Roger Croucher
Zusatzmaterial Mediabook: Audiokommentar mit Filmhistoriker Dr. Rolf Giesen und Dr. Gerd Naumann, Featurette: „Gothic Cinema: Eine Einführung von Filmwissenschaftler Prof. Dr. Marcus Stiglegger“, Featurette: „Return to Black Torment: Ein Interview mit Annette Whiteley und Roger Crouchet“, deutscher Kino-Vorspann, deutscher Kinotrailer, Bildergalerie, 24-seitiges Booklet mit einem Text von Dr. Rolf Giesen (deutsch/englisch)
Zusatzmaterial DVD: Bildergalerie, deutscher Kinotrailer, englische Titelsequenz, 8-seitiges Booklet, Schuber
Label/Vertrieb 2020: Wicked Vision Distribution GmbH
Label/Vertrieb 2008: E-M-S

Copyright 2020 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos & 3er-Packshot: © 2020 Wicked Vision Distribution GmbH

 

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