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Horror für Halloween (XXIX): The Beach House – Am Strand hört dich niemand schreien! Der Horror des Klimawandels

14 Okt

The Beach House

Kinostart: 22. Oktober 2020

Von Lucas Gröning

Horror // Ein Strandhaus dürfte für viele von uns als sehr idyllischer Ort verstanden werden. Es ist wohl eine romantische Fantasie, in einem solchen Anwesen einige schöne Tage zu verbringen. Das Meer direkt vor der Tür, wunderschöne Dünen rundherum und der weiche Sand an den Füßen – eine wundervolle Vorstellung. Mit der Idealisierung eines solchen Szenarios dürfte es allerdings vorbei sein, wenn man sich einmal Jeffrey A. Browns Langfilmdebüt „The Beach House – Am Strand hört dich niemand schreien!“ ansieht, welcher in Kürze den Weg in die Lichtspielhäuser findet. Der Film behandelt die Geschichte eines jungen Paares, welches einige Urlaubstage in einem solchen Paradies verbringen möchte, sich jedoch mit unheimlichen Ereignissen konfrontiert sieht. Brown bedient sich dabei einiger Elemente, die man so auch in anderen Werken des Genres bereits oft gesehen hat. Auch stellen die hier bearbeiteten Themen in vielerlei Hinsicht Reverenzen an absolute Klassiker aus dem Segment des Unheimlichen dar. „The Beach House“ ist jedoch auch mehr als die Kombination häufig verarbeiteter Versatzstücke, stellt der Film die hier aufgeworfenen Tropen doch in den Kontext einer modernen Gesellschaft der aktuellen Zeit und verschafft sich durch diese Aktualität eine nicht zu unterschätzende Relevanz. Was genau damit gemeint ist, will ich im folgenden Text erläutern.

Eine altbekannte Idylle

Das erwähnte junge Paar, bestehend aus Emily (Liana Liberato) und Randall (Noah Le Gros), will seinen Traumurlaub in einem Strandhaus an einem nicht näher definierten Ort verbringen. Sie kommen also ins Haus, zeigen sich verliebt und verbringen direkt einige Stunden im Bett miteinander. Bei den folgenden Gesprächen zeichnen sich bereits Differenzen zwischen beiden hinsichtlich der gemeinsamen Zukunftsplanung ab. Während bei dem beruflich recht erfolglosen Randall der Traum von einem klassischen Eheleben vorzuherrschen scheint, will sich die Chemiestudentin Emily zunächst auf ihre Karriere konzentrieren. Ein klassisch-bürgerliches Leben schreckt sie ab und dementsprechend manifestiert sich ein Wunsch nach Emanzipation bereits in diesen ersten Szenen.

Emily und Randall wollen eine romantische Zeit im Strandhaus verbringen

Nach einiger Zeit geht Emily hinunter ins Wohnzimmer und in die Küche. Sie stellt fest, dass sich in der Spüle dreckiges Geschirr befindet, zugleich findet sie einen vollgepackten Kühlschrank vor. Es stellt sich heraus, dass das Ferienhaus bereits von einem älteren Ehepaar bewohnt wird, bei dem es sich um Freunde der Eltern Randalls handelt. Das Ehepaar, bestehend aus Mitch (Jake Weber) und Jane (Maryann Nagel), erweist sich als äußerst freundlich und nach anfänglichem Unbehagen verbingen die vier einen angenehmen Abend zusammen. Lediglich dieser wunderschön anzusehende, dennoch enorm unheimliche Nebel zwischen den sich unweit des Strandes befindlichen Bäumen stört die abendliche Idylle und soll sich in der Folge als der Anfang einer Reihe von Gefahren für die neu formierte Gemeinschaft herausstellen.

Der idyllische Ort entpuppt sich bald als äußerst gefährlich, denn …

An der Inszenierung dieser Einführung fällt zunächst die Darstellung des Strandhauses als Ort der Idylle enorm auf. Eben jene vorher benannten Dünen, das Wasser des Meeres und die sich leicht mit dem Wind bewegenden Gräser werden von den ersten Einstellungen auf Film gebannt. Auch das zunächst unheimliche erste Aufeinandertreffen zwischen den Paaren sowie das vorherige Streitgespräch zwischen Emily und Randall werden alsbald negiert. Spätestens das gemeinsame Rauchen von Marihuana sorgt für eine Festsetzung des Hauses als sicheren Ort der Eintracht. Die hier zur Schau gestellte Etablierung eines idyllischen Ortes ist dabei ein bewährtes Kennzeichen zahlreicher Klassiker des Horrorgenres. Beispiele seien an dieser Stelle John Carpenters Werke „Halloween – Die Nacht des Grauens“ (1978) und „Die Fürsten der Dunkelheit“ (1987) sowie Wes Cravens „Nightmare – Mörderische Träume“ (1984). Aber auch in Hybriden, die sich dem Horrorgenre in gewisser Weise annähern, findet diese Etablierung eines scheinbar unschuldigen Ortes statt – beispielsweise in David Lynchs Serie „Twin Peaks“ (1990–2017). Die Folge dieser Einführungen sind dann zumeist Brechungen mit dem bis dato Gesehenen. So fungieren Michael Myers und Freddy Krueger als Agenten zur Demaskierung einer durch und durch bürgerlichen, festgefahrenen und nur scheinbar unschuldigen Gesellschaft, genauso wie der Mord an Laura Palmer die Schattenseiten des idyllischen Ortes Twin Peaks zum Vorschein bringt.

… gefährliche, schwer definierbare Wesen stellen sich den Menschen entgegen

Interessanterweise steuert auch „The Beach House“ sehr lange auf eine generelle Kritik am bürgerlichen Leben und der damit verbundenen Ideologie einer fertigen und idyllischen Welt zu. Trotz der scheinbaren Harmonie zwischen den beiden Paaren schimmert das unterschiedliche Denken der Generationen und der damit verbundene Konservatismus der Älteren entgegen dem Progressivismus der Jüngeren immer wieder mal durch. So lehnt Mitch das Rauchen von Marihuana anfangs ab und auch hinsichtlich Randalls beruflicher Unsicherheit offenbart sein Blick zum Teil Verständnislosigkeit. Jedoch folgen auf jedes Anbahnen eines Konflikts stets das Auflösen in Wohlgefallen und gegenseitiges Verständnis zum Wohle der Hamonie. Was hier gezeigt wird, ist eine vollkommen apolitische Gemeinschaft, welche für den Erhalt der Eintracht jeden Funken eines Konflikts im Keim erstickt. Symptomatisch dafür ist das ständig zur Schau getragene Lächeln von Mitch. Auch wenn diesem stets etwas Gruseliges, Unangenehmes und Künstliches anhaftet, so scheint von Janes Ehegatten nie eine wirkliche Gefahr auszugehen. Seine Erscheinung transportiert jederzeit auch ein Gefühl der Wärme und einen rundum positiven Blick auf das Leben und andere Menschen. Nicht umsonst wiederholt er mehrmals im Film den Satz „Everything is fine“, auch wenn wir ihm das als Rezipienten eines Unterhaltungsfilms im Horrorsegment nicht glauben können. Eine Kritik am bürgerlichen, unpolitisch anmutenden Leben schwingt also stets mit, sie wird jedoch nicht durch einen der Protagonisten, einen humanoiden Mörder oder Ähnliches vorgenommen.

Was ist mit dem Wasser?

Eine entscheidende Rolle spielt das Wasser. Mehrmals signalisieren die Protagonisten durch ihre Gestik, dass sich das den Leitungen entnommene Wasser seltsam anzufühlen scheint. Es wirkt fast greifbar und seine Konsistenz weist eher etwas Weiches und Schleimartiges auf. Dementsprechend findet eine Veränderung der gegebenen Lebensumstände der Menschen statt. Irgendetwas da draußen scheint anders als bisher zu laufen, was sich auch später in dem deutlich an John Carpenters „The Fog – Nebel des Grauens“ (1980) angelehnten Nebel manifestiert. Bei Carpenter jedoch diente der Nebel dazu, die gutbürgerliche Ideologie der Kleinstadt aufzudecken und die unmenschlichen Verbrechen hinter deren Wohlstand offenzulegen. In „The Beach House“ jedoch gibt es keine Verbrechen im sauberen Mikrokosmos des gutbürgerlichen Lebens. Vielmehr ist es das Unpolitische als Resultat eines auf Konsens und Einheit ausgelegten Zusammenseins, was hier kritisiert wird. Mit anderen Worten: Alles soll genauso weitergehen, Hauptsache wir streiten uns nicht. Das ist eine fatale Ideologie, denn sie zerstört den Prozess der Auseinandersetzung und somit auch den Raum für tiefgreifende politische Veränderungen.

Dass ausgerechnet die Natur zur größten Gefahr der Figuren avanciert, ist dabei kein Zufall, denn auch in aktuellen politischen Diskussionen hisichtlich der klimatischen Veränderungen unseres Planeten erleben wir diese Ausrichtung auf Konsens bis hin zum Negieren irgendeiner Diskussion. Entweder werden eben jene Veränderungen zugunsten des Lebens in einer bunten, perfekten Fantasiewelt geleugnet oder es findet das Versprechen zum Handeln statt, ohne dass den Versprechen reale politische Handlungen folgen. Bei letzterem Szenario, dem wohl verbreitetsten, sehen wir dabei durchgängig das Erkennen einer Ernstlage und ein immer wieder reproduziertes Beschwichtigen der beteiligten politischen Kräfte. Damit einher geht das Suggerieren von Einigkeit, nur um eine Diskussion um die Veränderungen unserer Lebensweise gar nicht erst aufkommen zu lassen. Die tiefgreifenden Veränderungen im Zuge der Klimakatastrophe werden damit allerdings trotzdem nicht aufgehalten, vielmehr bietet diese Handlungslosigkeit das Potenzial zur Rückeroberung des besetzten Raumes durch die Natur. Dies ist die Kernbotschaft von Jeffrey A. Browns Film und es spricht auch für sein Werk, dass er einen durch zahlreiche Ferienhäuser zum Urlaubsparadies pervertierten Strand als Schauplatz seiner Geschichte aussucht. Diese Bestimmung verstärkt nochmals den Eindruck eines im Wachstumsrausch immer mehr für sich beanspruchenden Menschengeschlechts, welches keine Rücksicht mehr auf die natürlich gegebenen Lebensumstände nimmt.

Phasenweise wundervoll

„The Beach House“ kann somit als kluger Debattenbeitrag zur aktuellen Kommunikationskultur hinsichtlich real existierender politischer Fragen betrachtet werden. Aber auch filmisch hat Jeffrey A. Browns Werk einiges zu bieten. Phasenweise finden sich wundervolle, symbolisch enorm aufgeladene Aufnahmen, in denen die Regie eine hohe Kompetenz hinsichtlich der Kamerarbeit und gegen Ende vor allem im Spiel mit der Farbpalette aufzeigt. In diesen Szenen ist „The Beach House“ enorm stark, jedoch sind diese Momente leider zu selten. Gerade im ersten Drittel lässt der Film sehr lange auf den ersten wirklich beeindruckenden Shot warten, wirklich schön wird er erst mit dem Ausklang des ersten gemeinsamen Abends der Protagonisten. Dann allerdings entfaltet sich der Horror in all seiner Pracht und sorgt für ein ästhetisch ansprechendes Erlebnis.

Kann Emily der Gefahr entrinnen?

Außer dem künstlerisch wenig hervorstechenden ersten Drittel hat der Film ein paar weitere Schwächen, nämlich das mit etlichen unglaubwürdigen Dialogen angereicherte Drehbuch und die teils dürftigen Darstellerleistungen – eine Kritik, von welcher jedoch der fantastische Jake Weber ausgenommen sein soll, der mit dem liebenswürdigen und zugleich unheimlichen Ehemann Mitch einen vielschichtigen, ambivalenten und dadurch faszinierenden Charakter geschaffen hat. Abgesehen von jenen Kritikpunkten erwartet die Kinozuschauer jedoch ein intelligenter Horrorfilm, welcher sich klassischer Genremotive bedient, sie für die Bearbeitung eines spezifischen, aktuellen politischen Themas umkodiert und den Rezipienten in Verwandtschaft zu Ari Asters „Midsommar“ (2019) vor allem den Horror des helllichten Tages präsentiert. Den in diesem Text genannten Filmen kann Jeffrey A. Browns Debüt, vor allem auf künstlerischer Ebene, nicht das Wasser reichen. Sehenswert, vor allem aufgrund des Themas, ist „The Beach House“ aber in jedem Fall.

Länge: 88 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Beach House
USA 2019
Regie: Jeffrey A. Brown
Drehbuch: Jeffrey A. Brown
Besetzung: Liana Liberato, Noah Le Gros, Jake Weber, Maryann Nagel, Michael Brumfield, Matt Maisto, Steven Corkin, Dan Zakarija, Veronica Fellman
Verleih: Koch Films

Copyright 2020 by Lucas Gröning

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2020 Koch Films

 

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