RSS

Horror für Halloween (XLIII) / Dario Argento (VI): Rosso – Die Farbe des Todes: Giallo Freudianico

26 Okt

Profondo Rosso

Von Tonio Klein

Horrorthriller // Was für ein herrlich perverser Beginn: ein Kindergesang (mit einer etwas seltsam aus dem eingängigen Duktus fallenden, in Halbtönen absteigenden Melodie am Ende); dazu als Schatten ein Messer, das in einen Körper fährt. Dann fällt das blutige Messer auf den Boden; Kinderschuhe und -strümpfe nähern sich; ein Kind hat also alles gesehen. Im Anschluss folgt erst einmal der Rest der Credits, aber die Kindermelodie wird uns den ganzen Film über begleiten. Sowie Kinderzeichnungen – sie zeigen ein Kind, das einen Erwachsenen mit dem Messer abgestochen hat und fröhlich-triumphierend grinst.

Wobei begleitet uns dies? Bei einer geheimnisvollen Mordserie, in die der englische Musiker Marcus (David Hemmings) und die italienische Journalistin Gianna (Daria Nicolodi) hineingezogen werden. Das ist manchmal etwas verwirrend – so arbeitet Regisseur Dario Argento fast immer ohne Informationsvorsprünge. In seiner Mischung aus expressiver Farbdramaturgie, teilweise brutaler Effekthascherei und verstörendem Psychothriller mit Gothic-Elementen hat es aber etwas Faszinierendes. So sind die Morde nicht nur blutig und teils sadistisch, sie reflektieren eben auch das schockierende Kindheitserlebnis, welches uns erst am Schluss offenbart wird.

Geheimnis hinter der Fasade

In der zweiten Hälfte wird nicht nur eine Art verwunschenes Horrorhaus eingeführt, diese Gothic-Reverenz dient auch einer psychologischen Metapher: Das Böse muss erst unter der Oberfläche hervorgeholt werden; aus der Vergangenheit auch, und zu diesem Zweck kann hier schon einmal der Putz der alten Fassaden bröckeln und schließlich freigelegt werden, was auch unter der metaphorischen Fassade verborgen war.

Puppen: Was geschieht wirklich mit Baby Gianna?

All das ist teilweise höchst spannend und visuell aufregend, mit dem stellenweise dissonanten, klangexperimentellen (Jazz-)Rock von Goblin auch reichlich beunruhigend. Argento geht über reine Filmreverenzen hinaus. Zwar erinnert die Auflösung an klassisches freudianisches Kino mit dem typischen Kindheitstrauma; motivisch und stilistisch vermag man ein Stück „Marnie“ (1964) zu erkennen. Das vielfach verwendete Bild von beschädigten Kinderpuppen wiederum mag auf „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ (1962) zurückzuführen sein, ebenfalls ein Psychothriller mit dem Motiv, dass ein lange zurückliegendes Erlebnis entschlüsselt werden muss. Und „Psycho“ (1960) mit einem Toten im verborgenen Raum und einer höchst lebendigen Mutter geistert sowieso durch diesen Streifen. Aber Argento kopiert diese Dinge nicht nur, sondern schafft ein höchst eigenwilliges und dennoch schlüssiges freudianisches Angstkino. In seiner Neigung, aus eklektizistischer Übertreibung etwas Eigenes zu schaffen, hat Argento etwas von Brian De Palma – dass in einer Szene die blutige Gewalt ausgerechnet am und im Mund des Opfers ausgeführt wird, hat mich kurz an De Palmas „Sisters – Die Schwestern des Bösen“ (1972) erinnert. Ein manchmal etwas heftiger und roher, aber auf jeden Fall interessanter Film.

Schnitzeljagd zum eigenen Sehen

Sein klassisches Motiv, dass wir vorschnellen Erklärungen nicht trauen dürfen, hat Argento am Ende konsequent ausgeführt; und wieder einmal wird uns vor Augen geführt, dass wir nur etwas genauer hätten aufpassen müssen – etwas, das auch über „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ gesagt werden kann. Es gibt bei Argento fast immer die entscheidende Szene, in der wir etwas gesehen zu haben meinen oder übersehen haben, dito die Hauptfigur. Ein kleines Detail nur, das nicht stimmt oder fehlt, das aber von entscheudender Bedeutung ist. Hier ist das nicht anders, und ein zweites Sehen lohnt sich. Die Hinweise sind nicht nur optisch alle da! Zudem redet Marcus’ stark alkoholisierter Freund Carlo von der Relativität der Wahrheit und dem trügerischen Schein, zu glauben, etwas doch genau gesehen zu haben. Er spricht damit zu Marcus wie auch zu uns, und zwar, während der erste Mord gerade geschieht! Wenig später wird der entscheidende Seh-Irrtum stattfinden. Zudem wird der genannte Dialog im Finale wichtig werden, in dem wir ein entscheidendes Detail längst wieder vergessen haben. Wenn Marcus dies zu spät wieder einfällt, wird auch uns der Spiegel der Unaufmerksamkeit vorgehalten.

Die Fassade bröckelt

Argento nutzt Hitchcock nicht nur für Filmzitate, zu denen sich noch „Eine Dame verschwindet“ (1938) bei einem Schriftzug auf beschlagener Scheibe gesellt. Er ist auch ein ähnlich genialer Manipulator und Ablenker. Was er wie der Altmeister mit reichlich abstrusen Geschichten erkauft. Telepathie, so heißt es am Anfang, sei auch unter Schmetterlingen, Termiten und Zebras weit verbreitet – also bitte! Immerhin bleiben Hinweise auf das Übernatürliche hier brav Bausteine einer Mystery-Geschichte, was ich angesichts des narrativ haarsträubenden Okkultquarks „Suspiria“ (1977) für vorteilhaft halte. Sehr eigenständig ist „Rosso – Farbe des Todes“ gleichwohl. Während die konventionelle Detektivgeschichte mit Hinweis um Hinweis der Identität des Mörders näherkommt, wird Hobbydetektiv Marcus mit Hinweis um Hinweis tiefer in das hineingezogen, was er gleichzeitig freilegt. Es scheint, dass hinter jedem gelüfteten Geheimnis ein neues steckt und dass Marcus und wir dem Kern zwar näherkommen, aber dieser nur bedingt mit der Aufklärung der Täteridentität zu tun hat.

Ein Psycho-, aber auch logischer Fund im verborgenen Raum?

Argentos Kino ist immer auch Kino über das Sehen selbst. Der verbotene Blick bei dem zurückliegenden Mord, der Blick hinter die Fassade, der genaue Blick des Zuschauers, die Großaufnahmen von Augen; er setzt das auf verschiedenen Ebenen um. Und diese Augen blicken oft direkt in das, was Angst macht – kurz vor Schluss wähnen wir einen bereits arg geschundenen Menschen noch nicht ganz tot und sehen seine Augen offen, bevor ihm etwas wirklich Ekelhaftes passiert, das wir zusammen mit ihm kommen sehen. Das ist also ein effizientes Kino der Angst. Und der Angstlust, denn es ist hier vor allem eine nicht immer ganz rationale Neugier, die zu gefährlichen Situationen führt. Das Zusammenspiel zwischen Marcus und Gianna illustriert dies sehr schön. Sie sind beide ab und an ein wenig überheblich. David Hemmings gibt mal wieder den selbstgefälligen Macho, Daria Nicolodi eine zumindest am Anfang hemmungslose Fotojournalistin, die mit völlig ungerührtem auftrumpfendem Aktivismus am ersten Tatort auftaucht. In ihrer Mischung aus emanzipiert und in die eigene Schönheit selbstverliebt ist sie auf jeden Fall eine Steigerung gegenüber der schwachen Frauenrolle im Argento-Film „Die neunschwänzige Katze“ (1971). Und wie sich die beiden zusammenraufen, führt zu ein paar herrlichen Dialogen wie demjenigen über die Frage, ob das „elefantendicke Fell“ einer Journalistin im Widerspruch zu der Tatsache stehe, dass Gianna, wie sie betont, eine wunderschöne zarte Haut hat. Da sind zwei Querköpfe einander im Grunde ähnlich, da können sich die Hände beim Wettstreit im Armdrücken berühren, da glauben wir aber auch dieser frischen, unkonventionellen Kabbelromanze und merken sehr bald: Die sind nicht so hartgesotten, wie es scheint, die können durchaus Empfindungen hegen – aber auch Verantwortung übernehmen?

Großmeister des Giallo – ohne Sex, aber was für Mütter!

Ihrer beider Hobbydetektivspiel ist nicht nur dem sozialen Impuls geschuldet, dass irgendjemand ja die Arbeit machen müsse, die zu leisten eine – wie im Genre gewohnt wenig präsente – Polizei offenbar nicht in der Lage ist. Es dient eben auch einer unsäglichen Lust des Schauens, des Wühlens im Verborgenen, so wie ein Kind garantiert eine Kiste aufmachen wird, wenn wir ihm sagen, dass es in einem Raum ALLES tun dürfe, außer eben diese eine Kiste aufzumachen. Wieder einmal Neugier und Angstlust. Und was in der Büchse der Pandora steckt, ist … auf jeden Fall deep red. „Giallo“ heißt nicht rot, sondern gelb, ist aber auch eine Bezeichnung für den italienischen expressiven Thriller, der in den 1970er-Jahren seine Blütezeit hatte, benannt nach dem gelben Einband der Groschenromane, die als literarisches Vorbild gelten. Argento bedient das Genre hervorragend und ergänzt es um eine interessante psychologische Komponente, ohne es zu verwässern und vollständig einer beruhigenden Rationalität zuzuführen. Also hervorragender Giallo Freudianico. Wobei sich Argento von Kollegen wie zum Beispiel Sergio Martino in einem unterscheidet: Sex gibt’s nicht. Du liebe Zeit, wie sind all die Halb- und Ganznackedeis und die sehr demonstrativ und plakativ zur Schau gestellten weiblichen Reize in manchem Giallo zum Fremdschämen! Da lässt sich direkt aufatmen, dass Argento das alles nicht nötig hat. Oder damit nichts anfangen kann, denn beim späteren Argento ist man immer etwas peinlich berührt, wenn er die Brüste der Tochter Asia präsentiert. So ganz wohl scheint er sich bei Erotik nicht zu fühlen. Dann schon lieber ganz ohne, jedenfalls ohne vordergründige. Sex findet nämlich durchaus statt, in einer Ellipse. Da geht Gianna mit Marcus ins Bett, wohlgemerkt nicht umgekehrt, was auch etwas über das nur vermeintlich schwächere Geschlecht sagen mag. Dito das Armdrücken, was quasi als Zigarette danach das körperliche Spiel fortsetzt.

Tiefrote Auflösung à la „Marnie“

Etwas überzogen-obsessiv ist der Meister dann aber wieder einmal bei Frauen, die Mütter sind. Da hatte er offenbar einen Riesenberg an Kindheitserinnerungen an Internatsmatronen abzuarbeiten und zeigt uns ein wahrhaft scheußliches und in einer Szene geradezu mumienhaft geschminktes Exemplar. Der Weg zur (ursprünglich gar nicht so heißenden) „Mütter-Trilogie“, in der die Damen endgültig bei furchterregender Hexerei angekommen sind, war bereitet, „Suspiria“ konnte kommen. Aber auch in anderen Filmen kam Argento von diesen Figuren nicht los, wie zum Beispiel Piper Laurie in „Trauma“ (1993) zeigen darf. Mamma Mia!

Als Referenz-Veröffentlichung sei die 2016 vom englischen Label Arrow Video in den Handel gebrachte 3-Disc Limited Edition genannt. Die FSK hat die deutschen Cut-Fassungen ab 16 Jahren freigegeben – die roten FSK-18-Logos auf den Covern täuschen etwas, sind womöglich Bonusmaterial mit 18er-Freigabe geschuldet.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Dario Argento haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit David Hemmings unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 22. September 2017 als Blu-ray und DVD, 13. November 2015 als Blu-ray und DVD, 25. September 2012 als Blu-ray und DVD, 20. Februar 2005 als 3-Disc Ultimate Collector’s Edition DVD (2 DVDs & CD, limitiert auf 3.000 Exemplare)

Länge: 127 (Blu-ray), 126 Min. (Blu-ray, gekürzte Fassung), 127 Min. (DVD), 121 Min. (DVD, gekürzte Fassung)
Altersfreigabe: FSK 16 (Ultimate Collector’s Edition: ungeprüft)
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Profondo Rosso
Internationaler Titel: Deep Red
IT 1975
Regie: Dario Argento
Drehbuch: Dario Argento, Bernardino Zapponi
Besetzung: David Hemmings, Daria Nicolodi, Gabriele Lavia, Macha Méril, Eros Pagni, Giuliana Calandra, Piero Mazzinghi, Glauco Mauri, Clara Calamai, , Aldo Bon
Zusatzmaterial Ultimate Collector’s Edition: Dokumenation: „Il museo degli orriori di Dario Argento“ von Luigi Cozzi (106 Min.), exklusives Interview mit Dario Argento (120 Min.), Goblin: „Profondo Rosso Motion Picture Soundtrack“ auf CD (28 Tracks, 72 Min.), 20-seitiges Booklet
Label 2017: Centurio Entertainment
Vertrieb 2017: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2015: New Vision Films
Label/Vertrieb 2012: Ascot Elite Home Entertainment

Copyright 2020 by Tonio Klein

Szenenfotos & Packshot unten links: © 2012 Ascot Elite Home Entertainment,
Packshot unten rechts: © 2017 Centurio Entertainment

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: