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Horror für Halloween (XLV): Der Schrecken der Medusa – Schon wieder out of print!

28 Okt

The Medusa Touch

Von Volker Schönenberger

SF-Horrorthriller // Eine Wohnung in London: An der Wand hängen ein Druck von Edvard Munchs „Der Schrei“ sowie ein Relief von Caravaggios „Das Haupt der Medusa“. Der Schriftsteller John Morlar (Richard Burton) sitzt vor dem Fernseher, als ein Gast durch die geöffnete Tür eintritt, den er offenbar erwartet hat. Morlar schaut sich gerade die Berichterstattung über die Mondmission „Achilles 6“ an, die im Scheitern begriffen ist. Das Raumschiff hat den Kontakt zur Bodenstation verloren, die Astronauten werden im All sterben, wenn sie nicht schon tot sind. Der oder die Eingetretene greift sich eine schwere Napoleon-Statuette vom Schreibtisch und schlägt zu – wieder und wieder, bis das Blut auf den Fernseher spritzt.

Das Mordopfer atmet noch

Weil ein Nachbar die geöffnete Tür bemerkt und den Portier gerufen hat, wird die Bluttat schnell entdeckt. Der französische Austausch-Kriminalpolizist Kommissar Brunel (Lino Ventura) und der englische Sergeant Duff (Michael Byrne) untersuchen den Tatort, während Morlars Leichnam noch im Zimmer liegt. Doch von wegen Leichnam: Plötzlich bemerken die beiden Beamten, dass das Opfer atmet. Morlar kommt auf die Intensivstation, gleichwohl hält der behandelnde Arzt Dr. Johnson (Gordon Jackson, „Die Profis“) eine vollständige Genesung aufgrund der Schwere der Kopfverletzungen für ausgeschlossen. Das EEG allerdings zeigt auffällig aktive Hirntätigkeit, die nicht nachlässt.

Wozu ist John Morlar fähig?

In Morlars Aufzeichnungen stößt Brunel auf den Namen Dr. Zonfeld (Lee Remick), die Psychiaterin des Schriftstellers. Sie berichtet dem Kommissar, weshalb Morlar sie aufsuchte: Ich habe eine Veranlagung für Katastrophen. Er sei von der Wahnvorstellung besessen gewesen, mit Gedankenkraft Unheil über andere Menschen bringen zu können. Dies habe bereits in seiner Kindheit begonnen – mit einem verhassten Kindermädchen, dem er die Masern gewünscht habe; es sei am Folgetag daran verstorben.

Die Leiden des John Morlar

Die Psychiaterin erzählt dem Ermittler, was Morlar ihr berichtet hat, dies wiederum bekommen wir in Rückblenden zu sehen. Von Anfang an ahnen wir (ohne sicher sein zu können): An Morlars düsterer Selbstwahrnehmung ist etwas dran. Richard Burtons Charakterkopf und sein markant stechender Blick machen ihn zur perfekten Verkörperung des innerlich zerrissenen Schriftstellers mit dunkler Gabe. Morlar ist alles andere als ein Menschenfreund, dennoch leidet er an seiner Misanthropie. Ich habe es herbeigeführt. Ich habe es herbeigeführt! So redet er beschwörend auf seine Psychiaterin ein, die nicht glauben kann, was sie da hört. Was bin ich? Wieso bringt mein Wille den Tod? Burtons Charisma bestimmt all seine Szenen, Lee Remick dient ihm hier und dort eher als Stichwortgeberin, die von ihr verkörperte Psychiaterin gewinnt im Verlauf der Handlung aber doch an Profil. Lino Ventura gibt gewohnt souverän den etwas knorrigen Kriminalisten, dessen Weltbild nach und nach von seinen Ermittlungen ins Wanken gebracht wird.

Die Westfassade und Windscale

Von Anbeginn beherrscht dräuendes Unheil die Szenerie. Schon die Katastrophe im Weltraum läuft nicht zufällig im Fernsehen. Und kurz vor Beginn der Haupthandlung hat ein verheerender Flugzeugabsturz mitten in London Hunderte von Menschen getötet. Wiederholt erfahren wir von Protesten gegen die berüchtigten Atomanlagen von Windscale. Auch ein Satz in Morlars Tagebuch wird in anderer Hinsicht noch Bedeutung erlangen: Die machen sich Sorgen wegen der Risse in der Westfassade. Das Wort Telekinese findet sich dort ebenfalls – die Fähigkeit, mit der Kraft der Gedanken Gegenstände zu bewegen. Dieser Spannungsbogen funktioniert hervorragend – bis zum bitteren Showdown.

Angst vor ungezügelter Technik

Eine tragisch endende Weltraum-Mission, ein Flugzeug-Absturz, der Verweis auf den Nuklearkomplex von Windscale und die Proteste dagegen – „Der Schrecken der Medusa“ spielt mit den Folgen ungebändigten technischen Fortschritts und der weitverbreiteten Angst davor, die Ende der 1970er-Jahre mit der Anti-Atomkraft-Bewegung Fahrt aufnahm. Hinzu kommen im Film subtile Hinweise auf das Misstrauen gegen die Obrigkeit, sei es eine kirchliche oder die staatliche. Nicht umsonst erwähnt der Kommissar Brunel vorgesetzte Assistant Commissioner (Harry Andrews) im Gespräch einmal die Watergate-Affäre.

Medusa – die Gorgone mit dem Schlangenhaupt

Medusa mit dem Schlangenhaupt war die einzige Sterbliche der drei Gorgonen aus der griechischen Mythologie. Sie wurde von Perseus geköpft. Wer ihr in die Augen blickte, wurde zu Stein, und dies ist wohl als Analogie zu John Morlars Gabe zu verstehen. Er verfügt in gewisser Weise wohl über „The Medusa Touch“, so der Originaltitel, der auch an „Midas Touch“ erinnert, die Fähigkeit des sagenhaften König Midas, alles, was er berührt, in Gold zu verwandeln – Fluch und Segen zugleich, doch letzten Endes mehr Fluch. Für den deutschsprachigen Raum wurde daraus etwas holprig „Der Schrecken der Medusa“ gemacht, auch der pluralisierte Titel „Die Schrecken der Medusa“ findet sich.

Dr. Zonfeld und Kommissar Brunel trauen ihren Augen nicht

Zu den bekanntesten Filmen von Regisseur Jack Gold zählen „Der Fall Lucona“ (1993) „Schlacht in den Wolken“ (1976) und – natürlich – „Der kleine Lord“ (1980), zu Weihnachten immer wieder gern genommen. Seine 1978er-Regiearbeit „Der Schrecken der Medusa“ vereint einige Genres, und das, ohne sich zu verheben: Zu bemerken sind Elemente des Horrorfilms, Psychothrillers, Dramas, Krimis und Katastrophenfilms sowie der Science-Fiction. All diese Zutaten vermengen sich zu einem jederzeit stimmigen Ganzen. Die zu Beginn gesponnenen Fäden laufen jedenfalls schlüssig zusammen.

Auch das Mediabook ist vergriffen

Ich erinnere mich noch daran, wie mich der Film bei meiner ersten Sichtung in seinen Bann gezogen hat – das muss Anfang der 1980er-Jahre gewesen sein. Seitdem habe ich ihn mindestens ein weiteres Mal im Fernsehen geschaut. Die bisherigen DVD-Auflagen sind im Handel allesamt schon seit einiger Zeit vergriffen, da wurde es höchste Zeit für eine wertige Neu-Edition, die Koch Films Anfang 2020 dann auch veröffentlicht hat. Das Mediabook mit Blu-ray und DVD ist allerdings auch schon wieder nicht mehr lieferbar und wird auf dem Sammlermarkt nur zu hohen Preisen angeboten. „Der Schrecken der Medusa“ ist bei nicht allzu vielen Filmfans präsent, wird aber bei vielen, die ihn im Blick haben, sehr geschätzt. Zu Recht.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lee Remick haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Richard Burton und Lino Ventura unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 30. Januar 2020 als 2-Disc Limited Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), 21. November 2007, 30. November 2006 und 1. August 2004 als DVD

Länge: 109 Min. (Blu-ray), 105 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Medusa Touch
GB/F 1978
Regie: Jack Gold
Drehbuch: John Briley, nach einem Roman von Peter Van Greenaway
Besetzung: Richard Burton, Lino Ventura, Lee Remick, Harry Andrews, Alan Badel, Marie-Christine Barrault, Jeremy Brett, Gordon Jackson, Michael Byrne, Derek Jacobi, Robert Lang, Robert Flemyng, Norman Bird, Jennifer Jayne, Michael Hordern
Zusatzmaterial Mediabook: Audiokommentar von Regisseur Jack Gold und den Filmhistorikern Kim Newman und Stephen Jones, Featurette „Destroying the Abbey“ (18 Min.), Super-8-Fassung (18 Min.), Bildergalerie mit seltenem Werbematerial und Fotos vom Set, Trailer, 16-seitiges Booklet von Oliver Nöding
Label/Vertrieb 2020: Koch Films
Label/Vertrieb 2006/2006: Concorde Video
Label/Vertrieb 2004: Warner Home Video

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & oberer Packshot: © 2020 Koch Films,
DVD-Packshots: © Concorde Video / Warner Home Video

 

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