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Horror für Halloween (XLVI): The Last Man on Earth – Vincent Price ist Legende

29 Okt

The Last Man on Earth

Von Volker Schönenberger

SF-Horror // Über einer menschenleer wirkenden Stadt erhebt sich die Sonne. Es herrscht Totenstille, kein lebendes Wesen ist zu sehen. Überall liegen Leichen herum. In einer Wohnung klingelt ein Wecker. Another day to live through, better get started. Ein weiterer Tag, den es zu überleben gilt. Ich sollte aufstehen. Dr. Robert Morgan (Vincent Price) erhebt sich für sein seit drei Jahren immer gleiches Tagwerk. Er verlässt sein verbarrikadiertes Haus, prüft noch den an der Tür hängenden Knoblauch.

Tagsüber hat Dr. Morgan freie Bahn

1965 hatte eine weltweite Seuche die Menschheit dahingerafft. Doch die Toten erhoben sich als Vampire aus ihren Gräbern. Es dürstet sie nach Morgans Blut. Bei Tageslicht müssen sie sich im Dunkeln verbergen, vor Knoblauch und Spiegeln schrecken sie zurück. Systematisch durchkämmt der Überlebende tagsüber die Stadt, um die Kreaturen aufzuspüren und zu vernichten, nimmt sich Block für Block, Viertel für Viertel vor. Zu diesem Zweck fertigt er spitze Pfähle an, um sie den Vampiren ins Herz zu treiben. Ihre Körper fährt er zu einer riesigen Grube, die die Regierung seinerzeit ausgehoben hatte, wirft sie hinein und verbrennt sie. Stets muss er darauf bedacht sein, rechtzeitig wieder daheim zu sein, um vor den Vampiren in Sicherheit zu sein, die ihn ebenso jagen wie er sie.

Vergeblicher Wettlauf gegen die Zeit

In Rückblenden erfahren wir von der Zeit als die Pandemie sich auf dem Erdball ausbreitete. Morgan war damit beschäftigt, den Erreger zu erforschen. Mit seiner Ehefrau Virginia (Emma Danieli) hatte er eine gemeinsame Tochter, Kathy (Christi Courtland), die bald erkrankte. Der Wettlauf mit der Zeit war für die Wissenschaftler nicht zu gewinnen. Weshalb Dr. Morgan gegen das vampirische Virus immun ist, äußert er irgendwann als Theorie.

Der Wissenschaftler ist zum Vampirjäger geworden

Wenn sich Morgan im Dunkeln der langsam schlurfenden Vampire erwehrt, erkennt der erfahrene Horrorfilm-Gucker sofort: Von diesem Szenario hat sich ein paar Jahre später ein gewisser George A. Romero zu seinem wegweisenden Zombieschocker „Die Nacht der lebenden Toten“ („Night of the Living Dead“, 1968) inspirieren lassen. Der Regisseur hat daraus auch nie ein Hehl gemacht, so etwa in einem Interview mit dem Entertainment-Portal „CinemaBlend“ im Jahr 2008. Die Kreaturen, hüben Vampire, drüben Zombies, entfalten die gleiche bedrohliche Atmosphäre, wenngleich Romero zu dem Zeitpunkt den apokalyptischen Aspekt noch außen vor ließ, weil er seinen Film auf ein Gebiet rund um ein belagertes Haus begrenzte (die Endzeit folgte bei ihm erst 1978 mit „Zombie“). Romero äußerte, die Idee der Romanvorlage entnommen zu haben, aber er wird auch die Verfilmung mit Price gekannt haben, als er sich an den Dreh von „Die Nacht der lebenden Toten“ machte.

Der Leichtsinn des Dr. Morgan

Im Roman sind die Vampire im Übrigen viel beweglicher. Bei diesen Szenen in „The Last Man on Earth“ bin ich auch bei meinen einzigen Kritikpunkten: Zwar wird recht schnell deutlich, dass Morgan den Vampiren körperlich überlegen ist – sie wirken sehr geschwächt, sind ja immerhin von den Toten auferstanden und leiden an Nahrungsmangel; dennoch wirkt die Art und Weise, wie er sich gegen sie zur Wehr setzt und vor ihnen in seinem Haus verbarrikadiert, leichtsinnig und nicht glaubhaft, erst recht nicht angesichts dessen, dass er dieses Leben seit drei Jahren führt. Offenbar kommen sie zielgerichtet des Nachts zu seinem Haus, um ihn hervorzulocken oder dort einzudringen, versuchen permanent, die behelfsmäßige Verbarrikadierung mit ein paar Brettern zu zerstören. Kaum anzunehmen, dass ihnen das in all der Zeit nicht gelungen sein kann. Morgan wiederum läuft in einer Szene, in der er allzu sorglos draußen Zeit vertrödelt hat und sogar eingedöst ist, viel zu siegessicher in eine Schar von Vampiren hinein. Das mag damit erklärt sein, dass er sich für stark genug hält, sie abzuwehren und mit ihnen fertig zu werden, es bleibt dennoch ein zu großes Risiko, das nicht recht zu Morgans Überlebenskampf passt. Hier wurde die Logik ein wenig zugunsten einer stimmungsvollen Atmosphäre vernachlässigt. Vielleicht zu Recht, denn diese Szenen sind wunderbar gruselig anzuschauen, aber das hätte man wohl auch anders hinbekommen.

Seine Opfer wirft er in eine Grube …

Ein paar die Einsamkeit zerstörenden Filmfehlern zum Trotz wirkt die Einsamkeit des Tages ganz so, wie sie wirken soll – wunderbar endzeitlich. Dass man das gut hinbekommen kann, haben ja auch andere Filme bewiesen, etwa der neuseeländische „The Quiet Earth – Das letzte Experiment“ (1985). Auch das menschenleere London zu Beginn von Danny Boyles „28 Days Later“ (2002) muss hier unbedingt erwähnt werden. „The Last Man on Earth“ hat hier ebenfalls starke Passagen zu bieten.

Erst nach der Jahrtausendwende deutsch synchronisiert

Einiges erfahren wir zu Beginn mit Morgans aus dem Off ertönenden Gedanken, denn Gesprächspartner hat er zu diesem Zeitpunkt ja nicht. Vincent Prices markante Stimme eignet sich dafür vorzüglich, und würde ich bei englischsprachigen Filmen nicht ohnehin die Original-Tonspur bevorzugen, täte ich das bei Vincent-Price-Filmen auf jeden Fall. „The Last Man on Earth“ hat es in Deutschland nie ins Kino geschafft, weshalb der Film erst 2008 für eine geplante DVD-Veröffentlichung synchronisiert wurde. 2017 erfolgte eine zweite Synchronisation mit neuen Sprechern. Für beide Sprecher der Hauptfigur – 2008 Hans Bayer, 2017 Martin Schäfer – war es die bislang einzige Vincent-Price-Synchronisation. Dem Vernehmen nach genießt die erste deutsche Tonfassung des Films keinen allzu guten Ruf, was mir in diesem Fall herzlich gleichgültig ist.

… und verbrennt sie

1954 veröffentlichte der Schriftsteller Richard Matheson (1926–2013) seinen Debütroman „Ich bin Legende“ („I Am Legend“), hierzulande auch unter dem Titel „Ich, der letzte Mensch“ erschienen. Die Rechte an der Verfilmung seines Zweitlings „Die seltsame Geschichte des Mr. C.“ (1956 „The Shrinking Man“) verkaufte er unter der Prämisse, selbst das Drehbuch zu schreiben. Der Erfolg der Adaption „Die unglaubliche Geschichte des Mr. C“ (1957) von Jack Arnold ermöglichte es ihm, sich in Hollywood als Drehbuchautor zu etablieren.

Von Price über Heston zu Smith und Dacascos

Am Skript dieser ersten „I Am Legend“-Verfilmung „The Last Man on Earth“ (1964) schrieb er mit. 1971 entstand mit „Der Omega-Mann“ mit Charlton Heston in der Hauptrolle die zweite Kino-Umsetzung des Romans. 2007 übernahm Will Smith in der dritten Adaption „I Am Legend“ die Hauptrolle. Die Mockbuster-Spezialisten von The Asylum nutzten die Gelegenheit, im selben Jahr mit „I Am Omega“ kurzerhand ein Rip-off zu produzieren, das immerhin mit Mark Dacascos („John Wick – Kapitel 3“, „Pakt der Wölfe“) als Hauptdarsteller aufwartet.

Eines Tages trifft er auf …

Ursprünglich sollte Mathesons Roman erstmals in England von Hammer Films fürs Kino umgesetzt werden. Dazu kam es nicht, den Grund verrät das Booklet des „The Last Man on Earth“-Mediabooks: Die britischen Zensoren lehnten das Skript wegen zu bildlicher Gewaltdarstellung ab. So gelangten die Filmrechte in die USA zur kleinen Produktionsfirma Associated Producers Inc., die man aufgrund ihres Kürzels API schnell mal mit Samuel Z. Arkoffs und James H. Nicholsons American International Pictures (AIP) verwechseln mag, für die Roger Corman als Produzent und Regisseur tätig war. API jedenfalls tat sich mit den Italienern von Produzioni La Regina zusammen – auch kein wirklich namhaftes Studio. Gedreht wurde in den Randbezirken von Rom, das somit für Los Angeles herhielt, wobei ich im Film keine Erwähnung von Los Angeles bemerkt habe (ich mag sie übersehen oder überhört haben). Die Regie übernahm zum einen ein gewisser Ubaldo Ragona, dem im Filmgeschäft keine große Karriere beschieden war; zum anderen zeichnete auch der US-Regisseur Sidney Salkow für die Regie verantwortlich. Dessen Laufbahn auf dem Regiestuhl für Kino und Fernsehproduktionen dauerte zwar immerhin 30 Jahre, ein Begriff war er mir allerdings ebenso wenig. Wie die Zusammenarbeit von Ragona und Salkow aussah, ob der Amerikaner überhaupt an die italienischen Sets kam und weshalb zwei Regisseure genannt sind, konnte ich nicht ermitteln. Am Ende hielt der Name Sidney Salkow womöglich nur her, um internationales Flair zu suggerieren. Wer Näheres weiß, möge mich gern per Kommentar aufklären.

Das beste Finale hat …

Welche der drei Umsetzungen man bevorzugt, mag Geschmackssache sein. Ich halte „The Last Man on Earth“ für die beste, was daran liegen mag, dass ich Vincent Price gegenüber Charlton Heston vorziehe, denn „Der Omega-Mann“ hat ebenfalls große Qualität. Die Adaption mit Will Smith kommt modernen Sehgewohnheiten logischerweise mehr entgegen und wartet in den Szenen im menschenleeren New York City mit toller Endzeit-Atmosphäre auf, driftet dann aber in Mainstream-Horror-Gefilde ab und mündet in ein religiös verbrämtes Finale, das mir zuwider ist. Das alternative Ende des Director’s Cuts – auch alternative Kinofassung genannt – führt die Geschichte zu einem konsequenten Abschluss, ist die bessere Wahl und letztlich sogar besser als die Finals der anderen Filme.

Mediabook von Ostalgica

Nach einigen eher lieblosen deutschen Veröffentlichungen von „The Last Man on Earth“ hat sich 2017 das kleine Label Ostalgica des Films angenommen und ihn in anständiger Qualität auf Blu-ray in ein Mediabook gepackt und auch gleich die Farbfassung sowie die italienische Schnittfassung hinzugefügt, beide für Komplettisten sicher interessant. Bezüglich der Unterschiede zwischen der herkömmlichen und der italienischen Fassung verweise ich auf den Schnittbericht. Im Bonusmaterial auf der Blu-ray sowie einer DVD finden sich feine Extras, darunter eine zwölfminütige Analyse des Films (nur Audio) sowie der fürs Fernsehen produzierte 24-minütige Kurzfilm „The Christmas Carol“ von 1949 nach Charles Dickens, bei der Vincent Price als Erzähler/Vorleser auftritt. Obendrein auf der DVD: Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ in ungekürzter Originalfassung. Von dem Zombiefilm-Klassiker gibt es zwar keine Beschaffungsprobleme, dennoch ein schönes Gimmick. Komplettiert wird das Ostalgica-Mediabook von einer CD mit der kompletten Filmmusik von „The Last Man on Earth“.

… Ruth Collins

Autor Richard Matheson war von „The Last Man on Earth“ nicht besonders angetan, wie er 2004 in einem Interview mit William P. Simmons offenbarte: I was disappointed in The Last Man on Earth, even though they more or less followed my story. I think Vincent Price, whom I love in every one of his pictures that I wrote, was miscast. I also felt the direction was kind of poor. Er sei enttäuscht gewesen, obwohl der Film mehr oder weniger seiner Story folgt. Er empfinde Vincent Price als Fehlbesetzung, auch wenn er ihn in jedem anderen Film liebe, zu dem er das Drehbuch beigesteuert habe. Auch die Regie halte er für armselig. Ein hartes Urteil aus berufenem Munde, dem ich mich aber überhaupt nicht anschließen kann. Für mich gehört „The Last Man on Earth“ zu den Highlights des Endzeit-Horrors im klassischen Kino.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Vincent Price haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 7. April 2017 als 3-Disc Edition Mediabook (Blu-ray, Bonus-DVD & Soundtrack-CD, limitiert auf 1.000 Exemplare), 29. Juli 2011 als Blu-ray, 21. August 2015 und 9. Mai 2008 als DVD, 14. August 2009 als DVD (kolorierte Fassung)

Länge: 89 Min. (Blu-ray, italienische Fassung), 87 Min. (Blu-ray), 83 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Last Man on Earth
IT/USA 1964
Regie: Ubaldo Ragona, Sidney Salkow
Drehbuch: Ubaldo Ragona, Sidney Salkow, Richard Matheson, William F. Leicester, nach Mathesons Roman „I Am Legend“
Besetzung: Vincent Price, Franca Bettoia, Emma Danieli, Giacomo Rossi Stuart, Umberto Raho, Christi Courtland, Antonio Corevi, Ettoe Ribotta
Zusatzmaterial Mediabook: Audiokommentar (zur Schwarz-Weiß-Fassung, englisch), Interview mit Synchronsprecher Martin Schäfer, auf Bonus-DVD: US-Trailer, 2 US-TV-Spots, alternatives Ende der US-TV-Fassung (55 Sek.), italienischer Trailer, Audio-Film-Analyse (12 Min., englisch), Bildergalerie, „A Christmas Carol“ (24 Min., 1949), Vincent-Price-Trailer, Ostalgica-Trailer, Bonusfilm „Night of the Living Dead“ (92 Min., englisch)
Label 2017: Ostalgica
Vertrieb 2017: Media Target Distribution GmbH
Label/Vertrieb 2015: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2011: Savoy Film / Intergroove
Label/Vertrieb 2009 & 2008: Sunfilm Entertainment (später: Tiberius Film)

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Packshots: © diverse (siehe Label)

 

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