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Monos – Zwischen Himmel und Hölle: Die Guerilla-Äffchen aus Kolumbien

03 Nov

Monos

Von Volker Schönenberger

Abenteuerdrama // Sie kämpfen für die „Organisation“, die ihnen als ihre „Familie“ bezeichnet wird: Acht jugendliche Guerillakämpfer werden in einer abgelegenen kolumbianischen Bergregion für den Kampfeinsatz ausgebildet. Zu ihren Aufgaben gehört nicht nur die Bewachung der US-Geisel Doctora Sara Watson (Julianne Nicholson), sie sollen auch auf die Milchkuh „Shakira“ (sic!) aufpassen, welche die Organisation von Dörflern als Leihgabe erhalten hat.

Guerilla-Nachwuchs in den Bergen

Die Organisation nennt ihren Nachwuchs „Monos“, sie selbst rufen einander bei ihren schillernden Kampfnamen: Lobo (Julián Giraldo) ist ihr Anführer, die anderen heißen Patagrande (Moises Arias), Rambo (Sofia Buenaventura), Leidi (Karen Quintero), Sueca (Laura Castrillón), Pitufo (Deiby Rueda), Perro (Paul Cubides) und Bum Bum (Sneider Castro). Die Entbehrungen im Hochland bereiten ihnen keine Probleme, das Dasein als Guerillakämpfer bietet ihnen offenbar eine zwar raue, aber willkommene Abwechslung ihres bisherigen Lebens. Doch schnell laufen die Ereignisse aus dem Ruder.

Vom Sundance zur Berlinale

Gelegentlich kommt aus einer uns völlig unvertrauten Filmregion ein Werk, das mit unseren Sehgewohnheiten bricht und trotz erkennbarer Vorbilder in ganz eigenen Bildern eine ganz eigene Geschichte erzählt. Der mit europäischen Fördermitteln entstandene „Monos – Zwischen Himmel und Hölle“ ist so ein Fall. Seine Weltpremiere feierte der Film des in Brasilien geborenen Alejandro Landes im Januar 2019 beim Sundance Film Festival, wo er mit dem Spezialpreis der Jury „World Cinema Dramatic“ prämiert wurde. Die bedeutendsten Filmpreise räumte er auf seiner ausgiebigen Festivaltour zwar nicht ab, wohl aber immer wieder die eine oder andere Trophäe. Ausdruck dessen, dass er offenbar allerorten sehr gut aufgenommen wurde. Auch auf der 2019er-Berlinale machte „Monos – Zwischen Himmel und Hölle“ Station.

Der Bote (vo.) treibt seine Monos an

Liest man im Netz etwas quer, um sich der Rezeption des Films zu nähern, fällt die Nennung diverser großer Vorbilder auf, beginnend schon beim Teasertext des Labels DCM, das das Werk löblicherweise hierzulande auf Blu-ray und DVD veröffentlicht hat: ein kolumbianischer „Herr der Fliegen“, der den Wahnsinn eines Werner Herzog mit der technischen Perfektion eines James Cameron verschmilzt – das sind Messlatten, die ein Film beim Publikum erst einmal nehmen muss. Auch Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ wird zum Vergleich herangezogen, andere erinnert die visuelle Kraft an Terrence Malick – in der Tat nicht ganz von der Hand zu weisen, schaut man auf die opulenten Landschaftsaufnahmen und die damit einhergehend bisweilen meditative Stimmung von Malicks „Der schmale Grat“ und „The New World“ (2005). Die Bilder haben etwas Rauschhaftes, gar Surreales, sodass in ein paar Einstellungen tatsächlich „Apocalypse Now“ hervorblitzt – was nicht bedeutet, dass wir es mit einem delirienden Kriegs-Inferno zu tun haben, also nicht falsch verstehen!

Zwischen Himmel und Hölle – das passt

Ausnahmsweise erscheint diesmal sogar der deutsche Titelzusatz sinnvoll. „Zwischen Himmel und Hölle“ spielt auf die Diskrepanz zwischen dem fast unbeschwerten Aufenthalt im Hochland und dem Trip durch die Tiefen des kolumbianischen Dschungels an, auf den sich die Monos nach einiger Zeit begeben. Ein Trip ins „Herz der Finsternis“, hätte ich in Anspielung auf Joseph Conrads Roman fast geschrieben (hoppla, jetzt habe ich es ja geschrieben). Den hat Regisseur Landes, der auch das Drehbuch mitschrieb, sicher gelesen, ebenso natürlich William Goldings „Herr der Fliegen“, in welchem einige Kinder und Jugendliche plötzlich ohne jeglichen Einfluss von Erwachsenen auf sich allein gestellt sind. Das ist hier phasenweise der Fall, nachdem sie zuvor enormem – und nicht gerade förderlichem – Einfluss von Erwachsenen ausgesetzt waren. Sie nennen sie Monos, was auf Spanisch „Affen“ bedeutet, aber auch für „allein“ stehen kann.

Zwischen Himmel …

Diese Jugendlichen wollen Erwachsene sein und übersehen dabei, dass man ihnen die Gelegenheit genommen hat, Kinder zu sein. Das kann man als Coming of Age bezeichnen, was aber etwas unpräzise ist, weil sie nicht erwachsen werden, sondern ins Erwachsensein hineingeworfen worden sind. Ein Bote (Wilson Salazar) der Organisation überbringt ihnen ihre Aufträge und trainiert sie – schindet sie, um genau zu sein. Gruppendynamik und das Ausscheren daraus spielen dabei eine große Rolle, ebenso die Entstehung und Zerstörung von Hackordnungen. Untermalt wird dies so passend wie sparsam vom Score der englischen Komponistin Mica Levi.

Mit Laien gedreht

Von den Darstellerinnen und Darstellern der Monos hat lediglich Moises Arias nennenswerte Schauspielerfahrung, und das immerhin international: In seiner Filmografie finden sich immerhin eine Nebenrolle in „Ender’s Game – Das große Spiel“ (2013) und eine Dauerrolle in der Fernsehserie „Hannah Montana“ (2006–2011). Dass mit einer solchen Laien-Besetzung derart großartiges Schauspiel herauskommt, passiert gelegentlich mal, aber nicht allzu häufig. Zum Teil mag das an den aufs Notwendige reduzierten Dialogen liegen, phasenweise wird kaum geredet. Sie alle spielen instinktiv und dies kommt dem Zweck zugute, die Monos nach und nach auf ihre Instinkte zu reduzieren. Es gibt ihnen auch niemand einen moralischen Kompass, der ihnen den Weg zu einem zivilisierten Dasein weisen würde. Was nicht heißt, dass wir hier Zeugen eines Verwilderungsprozesses werden. Diese jungen Leute sind viel zu deplatziert, um sich irgendwo verorten zu lassen, nicht einmal als Wilde.

… und Hölle

Beeindruckend auch, wie virtuos Regisseur Alejandro Landes mit Perspektivwechseln arbeitet. Eine Hauptfigur kristallisiert sich da nicht heraus, eine kurze Sequenz erleben wir das Geschehen gar aus dem Blickwinkel der Geisel. Als Kenner der innenpolitischen Konflikte Kolumbiens kann man „Monos – Zwischen Himmel und Hölle“ als Kommentar zur Auseinandersetzung zwischen der Regierung des Landes und der linksgerichteten revolutionären Guerillabewegung FARC interpretieren. Aber wer kennt sich in unseren Breitengeraden schon damit aus? Ich jedenfalls nicht, und dennoch hinterließ das Werk bei mir tiefen Eindruck. Es ist eben kein Politthriller, sondern ein Abenteuerdrama um junge Menschen, die sich vielleicht noch etwas vom Leben erhoffen und dabei nicht merken, dass es nur um ihr Überleben geht. Landes mag als Aufhänger einen kolumbianischen Konflikt gewählt haben, weil der Film dort entstand – übrigens „on location“ gedreht –, die Mechanismen der Manipulation junger Menschen sind aber universell.

Wer ist gut, wer ist böse?

Die Grenzen zwischen gut und böse verwischen, wie das zweifellos bei diversen lateinamerikanischen Konflikten der Vergangenheit und Gegenwart geschehen ist und geschieht. Der Regisseur verzichtet auch auf eine Bewertung oder gar Verurteilung einer Seite, weder in puncto Regierung und Guerillas noch bezüglich im Konflikt befindlicher Monos.

Nächtliche Schwimmtour

In der letzten Sequenz des Films finden wir uns in einem Militärhubschrauber der Regierung wieder, und die Besatzung fordert während des Flugs über Funk Anweisungen an, wie sie mit einer aufgegriffenen Person verfahren soll. Implizit deutet das an, dass sogar die Möglichkeit besteht, den Befehl zu erhalten, diesen Menschen einfach über Bord zu werfen. Im Dschungel hört dich niemand schreien. Bei der kolumbianischen Regierung haben sich die Filmemacher mit „Monos – Zwischen Himmel und Hölle“ sicher nicht beliebt gemacht. Umso mehr bei Filminteressierten, die ein Werk zu würdigen wissen, das mehrere Genres wie Abenteuer, Jugenddrama und Kriegsfilm zu einem außergewöhnlichen Hybrid vermengt und die Möglichkeit bietet, über den Tellerrand hinwegzuschauen. Herausragend! In Kolumbien ein veritabler Erfolg, sind mir leider keine internationalen Einspielergebnisse bekannt. In Deutschland ist „Monos – Zwischen Himmel und Hölle“ im Juni 2020 regulär im Kino angelaufen, hat aber zweifellos allein schon aufgrund der Corona-Krise nur ein kleines Publikum gefunden. Vielleicht ändert sich das im Heimkino, verdient hat es das Werk. Einziger Wermutstropfen der deutschen Blu-ray und DVD ist der völlige Verzicht auf Bonusmaterial. Speziell ein Making-of wäre hier interessant gewesen, auch ein Interview mit dem Regisseur und Autor Alejandro Landes hätte sicher zusätzliche Erkenntnisse gebracht. Welche kolumbianischen Filme könnt Ihr empfehlen?

Patagrande will mehr

Veröffentlichung: 9. Oktober 2020 als Blu-ray und DVD

Länge: 103 Min. (Blu-ray), 99 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Spanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Monos
KOL/ARG/NL/D/SWE/URU/USA/CH/DK/F 2019
Regie: Alejandro Landes
Drehbuch: Alejandro Landes, Alexis Dos Santos
Besetzung: Sofia Buenaventura, Julián Giraldo, Karen Quintero, Laura Castrillón, Deiby Rueda, Paul Cubides, Sneider Castro, Moises Arias, Julianne Nicholson, Wilson Salazar, Jorge Román, Valeria Diana Solomonoff
Zusatzmaterial: deutscher Trailer, Trailershow, Wendecover
Label: DCM
Vertrieb: Leonine

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 DCM

 
 

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15 Antworten zu “Monos – Zwischen Himmel und Hölle: Die Guerilla-Äffchen aus Kolumbien

  1. Klaus

    2020/11/29 at 14:15

    Mir fiel zu diesem Thema nur „La Estrategia del Caracol“ ein (Die Strategie der Schnecke)

     
  2. Leon Lösch

    2020/11/29 at 00:41

    Ich kenne leider keine kolumbianische Filme, würde mit Monos aber gerne den Anfang machen, da ich so viel spannendes über den Film gehört habe.

     
  3. Björn Kramer

    2020/11/28 at 15:53

    jungle!

     
  4. Marco Winnig

    2020/11/28 at 13:36

    Ich kenne nur

    Maria voll der Gnade.

    Der ist gut.

     
  5. Marco

    2020/11/28 at 13:10

    „Der Schamane und die Schlange“, obwohl „nur“ Co-Produktion mit Venezuela und Argentinien.

     
  6. Gabor

    2020/11/28 at 12:00

    Das verborgene Gesicht ist ein sehr guter Thriller

     
  7. Fabi

    2020/11/28 at 02:27

    Kenne noch nicht so viel aus diesem Filmland, aber „Der Schamane und die Schlange“ ist toll.

     
  8. Michael Behr

    2020/11/27 at 17:03

    Mir war zwar nicht bewusst, dass es sich bei „Jungle“ um eine kolumbianische Co-Produktion gehandelt hat, aber der war in der Tat ganz okay. Eine richtiggehende Empfehlung dafür mag ich aber nicht unbedingt aussprechen. Ansonsten muss ich auch passen.

     
  9. Rico Lemberger

    2020/11/27 at 14:56

    Mir fällt da spontan nur Out of the Dark ein.

     
  10. Samara

    2020/11/27 at 13:47

    Ohje, ich muss mich den anderen anschließen, da ich leider auch keinen anderen Film kenne.
    Ich bin gespannt darauf inwieweit andere diesbezüglich Empfehlungen schreiben können.

     
  11. Frank Warnking

    2020/11/27 at 10:20

    Jungle 🙂

     
  12. Jens

    2020/11/27 at 10:10

    Da kenne ich tatsächlich keinen einzigen 😦

     
  13. Eva

    2020/11/27 at 10:06

    Birds of Passage – absolut empfehlenswert

     
  14. Jens Albers

    2020/11/27 at 09:59

    Ich musste erstmal googeln, ob es einen Film gibt aus dem Land, den ich kennen würde… Die ernüchternde Erkenntnis ist, ich kennen nicht einen. Somit kann ich leider keinen empfehlen, obwohl ich die Möglichkeit hätte, bei Netflix den ein oder anderen kennenzulernen 😅

     
    • V. Beautifulmountain

      2020/11/27 at 10:10

      Mir geht es da auch nicht anders, deshalb ist die Frage ja umso sinnvoller. Ich rechne auch damit, dass viele antworten, leider keine zu kennen.

       

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